Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Das heutige Evangelium zeigt uns ein Bild, das vielen Menschen in unserer modernen Gesellschaft fremd geworden ist. Jesus erzählt das Gleichnis vom Sämann. Er spricht von Samen, die ausgestreut werden, keimen, wachsen und schliesslich Frucht bringen. Unsere zunehmende Entfremdung von der Natur lässt solche Bilder verblassen. Viele wissen heute nicht mehr, was wann und wie wächst. Erdbeeren im Winter, Tomaten im Frühling – fast jedes Lebensmittel ist rund um die Uhr verfügbar. Wer weiss heute noch, was «saisonal» wirklich bedeutet? Fleisch liegt schön portioniert im Kühlfach, Milch steht abgefüllt im Regal, frisches Brot duftet uns entgegen. Der Bezug zur Herkunft und zur Arbeit hinter unseren Lebensmitteln geht immer mehr verloren. Ein bestimmter Aspekt dieses Gleichnisses verdient deshalb unsere besondere Aufmerksamkeit. Er wird von Jesus nicht direkt ausgesprochen, schwingt aber unüberhörbar zwischen den Zeilen mit: die Zeit.
Alles, was im Leben wirklich kostbar ist – sei es materieller oder geistiger Natur –, braucht Zeit. Viel Zeit. Das Wesentliche im Leben lässt sich nicht kaufen, nicht erzwingen und nicht kontrollieren. Wahre Liebe, tiefe Freundschaften oder echte Kreativität sind reine Geschenke. Sie wachsen und gedeihen nur dann, wenn wir ihnen Raum geben und Zeit schenken. Die Menschen, die Jesus damals zuhörten, verstanden diese Dynamik sofort. Sie lebten mit und von der Natur. Sie wussten, dass es guten Boden, Regen und Sonne braucht, damit die Saat aufgeht. Sie kannten die Pflege, die der Acker fordert. Und vor allem wussten sie eines: Wachstum braucht Geduld. Jesus spricht im Gleichnis von verschiedenen Böden.
Das erste Bild – der felsige Boden. Fällt der Samen darauf, keimt er vielleicht kurz auf, stirbt aber schnell wieder ab. Die Saat findet keinen Halt, keine Nährstoffe, keinen Schutz. Spiegeln wir dieses Bild in unsere Zeit. Es gleicht dem Leben vieler Menschen heute: Sie eilen wie Getriebene durch den Alltag, ohne es selbst noch zu merken. Sie funktionieren nur noch. Schnell hierhin, schnell dorthin, hastig dies erledigen, hastig das. Tiefgang bleibt dabei auf der Strecke. Wer so lebt, verliert die Beziehung zur Natur, zu sich selbst, zu den Mitmenschen und zu Gott. Das Leben wird oberflächlich. Ohne tiefe Wurzeln wirft uns jeder Lebenssturm um. Am Ende bleiben oft nur innerer Fels, Leere und Sinnlosigkeit. Manchmal schlägt eine anfängliche Begeisterung auch schnell in Desinteresse um, weil der Erfolg ausbleibt. Wir sind es gewohnt, dass alles sofort und per Knopfdruck verfügbar ist. Aber Glaube und inneres Reifen funktionieren nicht auf Knopfdruck. Auch Liebe und Freundschaft nicht. Sie brauchen Treue, Ausdauer, das tägliche Dranbleiben – und wieder: Zeit.
Das zweite Bild – der von Dornen überwucherte Boden. Hier erstickt das Leben, weil es zu eng wird. Auch darin finden sich viele von uns wieder. Wir wollen oft alles auf einmal. Doch plötzlich bleibt uns vor lauter Überforderung der Atem weg. Die Dornen unserer Tage sind das selbstauferlegte Alltagsprogramm, die übervolle Agenda, die ständige Erreichbarkeit, die unsere Seele überflutet, und die rastlose Angst, etwas zu verpassen. Der gute Wille und die besten Absichten mögen da sein. Aber die Reizüberflutung trübt den Geist. Wir verlieren die Fähigkeit, uns sinnvoll zu entscheiden und den Fokus auf das Wesentliche zu richten.
Der felsige Boden – das bedeutet kein Tiefgang, keine Verwurzelung, kein fester Stand. Der Geist irrt orientierungslos umher. Der dornige Boden – das bedeutet kein Platz, Enge, Atemnot. Die Seele erstickt. Unsere Gesellschaft ist oft nur auf ein Ziel fokussiert. Dabei verlieren wir die Wegstrecke aus den Augen, die nun einmal Zeit fordert. Wenn der erschöpfte Mensch und unser rastloses Wirtschaftssystem gesunden sollen, müssen wir umdenken: Wir müssen uns selbst und anderen wieder Zeit zugestehen. Wir müssen den Dingen, die werden sollen, Zeit lassen. Kurz: Wir dürfen wieder lernen, Geduld zu haben.
Ein afrikanisches Sprichwort bringt es auf den Punkt: „Wir sind zu schnell gegangen. Jetzt müssen wir warten, bis unsere Seelen nachkommen.“ Der japanische evangelische Theologe Kosuke Koyama (+2009) prägte dazu in den 1980er Jahren einen bemerkenswerten Gedanken. Er schrieb: „Da Jesus zu Fuss ging, bewegt sich die Liebe Gottes im menschlichen Schritttempo – also etwa fünf Kilometer pro Stunde.“ Gottes Liebe eilt nicht. Wenn wir die Geschichte des Universums betrachten, die Entwicklung unserer Galaxie und unseres Sonnensystems, sowie die Entstehung unserer Erde, dann spüren wir: Gottes Zeitrechnung ist wahrlich eine andere. Im zweiten Petrusbrief heisst es dazu: „Dass ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag“ (2 Petr 3,8).
Der Sämann im Evangelium schaut beim Säen nicht schon auf das Endergebnis. Er verweilt im Moment des Aussäens. Danach wartet er ab, in tiefem Vertrauen, dass das Wachsen von alleine geschieht. Alles hat seine Zeit: das Keimen und Wachsen, dann das Aufblühen, schliesslich das Reifen Frucht. Geduld bedeutet Zeit, und Zeit braucht Geduld. Dabei ist biblische Geduld nichts Passives. Das griechische Wort dafür meint ein aktives, standhaftes Bleiben. Ein Aushalten, auch unter einer Last. Ja, das Leben kann eine Last sein. Es gibt viel Belastendes im Alltag und im Zusammenleben von Menschen.
Und doch staune ich täglich über viele Wunder! Ich staune über das perfekte Zusammenspiel von Makrokosmos und Mikrokosmos, über das alltägliche Funktionieren unseres Körpers, über die unendliche Vielfalt der Schöpfung. Ich sehe die Bienen, Hummeln und Schmetterlinge an den Blumen vor meinem Fenster. Ich beobachte die Wolken, die am blauen Himmel vorbeiziehen. Ich spüre die Morgensonne in mein Zimmer leuchten, höre die Vögel singen, trinke klares Wasser aus dem Hahn und blicke nachts in das funkelnde Sternenheer. Nichts davon ist selbstverständlich. Dieses tägliche Staunen erfüllt mich mit froher Dankbarkeit. Trotz manch felsiger oder dorniger Böden dieser Welt: Es keimt, es wächst, es blüht und es trägt Frucht! Das Wunder des Lebens umgibt uns überall. Ich nehme mir die Zeit, es zu sehen. Und ich entdecke in all diesen Wundern die kreative Hand Gottes. Ich erahne in diesen Wundern täglichen Lebens Gottes Weisheit und Liebe. Deshalb will ich mir die Zeit nehmen, es zu sehen. Denn darin liegt das Potential einer heilsamen Transformation unserer Herzen. Im Übrigen: Auch die Schöpfung ist Wort Gottes! So schrieb der heilige Zisterziensermönch Bernhard von Clairvaux im Jahre 1125 an einen Gelehrten und Theologiedozenten: „Glaube mir, ich habe es erfahren, du wirst ein Mehreres in den Wäldern finden als in den Büchern; Bäume und Steine werden dich lehren, was kein Lehrmeister dir zu hören gibt.“
Ich nehme mir Zeit, Gottes Wort zu hören und zu sehen in seiner wunderbaren Schöpfung. Amen.
