Liebe Brüder und Schwestern im Glauben!
Im Fokus des heutigen Evangeliums steht die Frage nach dem Nächsten. Der Nächste war im Alten Testament und somit zur Zeit Jesu derjenige, der zum Volk Israel gehört und den Glauben an den einen Gott, JHWH, teilt. Diese Mentalität, dass das eigene Volk, bzw. der eigene Stamm und die Familie als die Nächsten galten, war bei den israelitischen Nachbarvölker dieselbe. Der Unterschied lag darin, dass zu einem Israeliten der Glaube an den EINEN GOTT zwingend dazugehörte. Jemand, der nicht in eine jüdische Familie hineingeboren wurde, würde nie zu den Israeliten dazugehören können.
Das Revolutionäre im gehörten Gleichnis liegt darin, dass unser Herr Jesus Christus – selbst in einer jüdischen Familie geboren und aufgewachsen, selbst Teil des israelitischen Volkes – in jedem Menschen, unabhängig seiner Volkszugehörigkeit, unabhängig seiner Religionsgemeinschaft, seinen Nächsten sieht und für diesen das Gebot der Nächstenliebe gilt. Die Samariter wurden von den Juden verachtet, sie gehörten nicht dazu. Man ging sich aus dem Weg. Ausgerechnet der Samariter wird nun von Jesus als Vorbild hingestellt, der das Gebot der Nächstenliebe verstanden hat: Derjenige, der mir gerade jetzt am nächsten ist, unabhängig von seiner Volkszugehörigkeit oder Religionsgemeinschaft, ist mein Nächster, dem das Gebot der Nächstenliebe gilt.
Eine solche Sichtweise hat sich bis heute noch lange nicht durchgesetzt. Vor einiger Zeit machte der US-Amerikanische Vizepräsident Vance dies deutlich. Und machen wir uns nichts vor, es steht wohl für viele Christen. Er sprach nämlich von einer Rangordnung der Liebe, die auf den heiligen Augustinus zurückgeht (ordo amoris). Sie besagt, dass die Näherstehenden natürlicherweise mehr geliebt werden als die Fernstehenden. Das ist für jeden von uns nachvollziehbar. Natürlicherweise ist die Mutterliebe zu ihren Kindern in der Regel unüberbietbar an Kraft und Einsatz. Sodann, normalerweise, die Liebe zur eigenen Familie, zum Ehemann oder zur Lebenspartnerin, ganz sicher aber zu Herzensfreunden und Seelenverwandten. Für den US-Amerikanische Vizepräsidenten Vance, einem gläubigen Christen, einem Katholiken, gilt diese besagte Rangordnung: Liebe zuerst gegenüber der eigenen Familie, dann den Nachbarn, den Mitbürgern, der eigenen Nation und erst später allen Anderen.
Der heilige Augustinus hat recht. Es gibt rein menschlich gesehen eine solche Rangordnung, sie ist schlicht natürlich. Papst Leo XIV. widersprach dem US-Amerikanischen Vizepräsidenten jedoch und antwortete, es gebe in Wirklichkeit keine Rangordnung der Liebe. Wie konnte er das sagen? Weil er unseren Herrn Jesus Christus im Blick hat! Die Liebe, wie sie unser Herr Jesus Christus gepredigt und gelebt hat, die Liebe Gottes also, kennt keine Abstufung. Es ist immer die eine und dieselbe Liebe, die allen gleich gilt. Keine Frage, die Nachfolge Jesu muss täglich geübt werden. Und unzählige Frauen und Männer sind durch dieses tägliche Üben, stets mit Blick auf Jesus, über sich selbst hinausgewachsen. Ich denke spontan an den Franziskaner Maximilian Kolbe, der im KZ sein Leben für einen Familienvater hingab. Und hunderte Jahre zuvor machte es ihm sein Ordensvater, der heilige Franziskus von Assisi, vor: Als er einem Aussätzigen begegnete, überwand er seine Abneigung, stieg von seinem Pferd herunter und umarmte den Ausgegrenzten, der ihm in diesem Moment der Nächste war.
Die Nachfolge Christi ist wahrlich eine Herausforderung. Was, wenn dieser, mein Nächster, mir unsympathisch ist, mich früher tief verletzt oder mich ungerecht behandelt hat. Jesus verurteilt uns nicht, wenn wir in solch menschlichen Denkmustern hängen. Aber es ist ihm ernst: Wir, die wir auf seinen Namen getauft sind, sollen es anders machen! Das kann heissen, dass ich mutig über meinen Schatten springen muss: „Zu allen sagte er (Jesus): Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Lk 9,23). Für Gott gibt es keine Näher- oder Fernstehende! Alle sind IHM gleich, in ihrer Verschiedenheit gleichwertig.
Vom heiligen Augustinus stammt der Vielen bekannte Spruch: „Unruhig ist mein Herz, bis es ruht in Dir.“ Nur in Gott finden wir Ruhe, nur in IHM den Frieden und die Kraft wahrer gereifter Liebe, die uns für den Nächsten öffnet, wer auch immer dieser Nächste sein mag. Die Liebe zum Nächsten, wie sie Jesus sieht und lebt, ist nur möglich, wenn die Liebe in ihrer Dreiheit gesehen und gelebt wird. Erst dann können wir wirklich von Liebe sprechen: Liebe Gott von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst (vgl. Lk 10,27). Ohne Gott ist wahre Liebe nicht möglich! Aus einem Leben in IHM, durch die lebendige Beziehung mit IHM, werden wir erst fähig, das Wesen der Liebe zu erkennen und zu leben. Und kein Mensch vermag seinen Nächsten wahrhaft zu lieben, wenn er sich selbst nicht anzunehmen vermag. Nächstenliebe ist dann oft nur vordergründig eine solche, dahinter aber steckt vielmehr eine psychologisch erklärbare Kompensation.
Es ist möglich, so zu lieben, wie es Jesus uns vorgelebt hat. Es ist unser Auftrag, wenn wir uns Christen nennen, das wahre Lieben zu üben. Es wird uns nicht aus eigener Kraft gelingen, denn die menschliche Natur ist hierfür aus verschiedenen Gründen zu schwach. Der Apostel Paulus schreibt im Brief an die Kirche in Galatien: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Was ich nun im Fleische lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20). Das ist der springende Punkt! Jesus Christus muss in unseren Herzen Herr und Meister werden. In dem Masse, in welchem ER in uns wächst, wächst unsere Fähigkeit zu einer Liebe, wie sie Gott meint, die uns über uns selbst hinauswachsen lässt, die auf der menschlichen Natur aufbaut und diese doch zu übersteigen beginnt. „Er muss wachsen, ich aber geringer werden“ (Joh 3,30), spricht Johannes der Täufer mit Blick auf Jesus. Und wir kennen es gut, das Gebet des heiligen Bruder Klaus: „Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir.“
Nur so können wir die Worte, die wir in der ersten Lesung vernommen haben, ergreifen: „Denn dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten“ (Dtn 30, 11-14).
Erst jetzt können wir mit dem Üben beginnen. Nur in Verbindung mit dem himmlischen Vater, durch eine lebendige Beziehung mit Jesus Christus, seinem Sohne, in täglicher Freundschaft mit der Heiligen Geistkraft werden wir über uns hinauswachsen können und in jedem Menschen den Nächsten erkennen. Amen.
