Lieber Abt Urban, liebe Mitglieder der Klostergemeinschaft, liebe Schwestern und Brüder, ich freue mich sehr, heute das Weihefest der Einsiedler Gnadenkapelle, die „Engelweihe“, mit Ihnen feiern zu können. Unser gemeinsamer christlicher Glaube wird von Ihnen als Benediktinern in Einsiedeln seit Jahrhunderten auf überzeugende Weise gelebt und bezeugt. Gleichzeitig hat die Abtei für lange Zeit ihre Unabhängigkeit von äußerer Einflussnahme verteidigt. Die Ergebnisse der historischen Forschung lassen erahnen, wie abenteuerlich diese Zeiten gewesen sein müssen, und welche Umstände zur Entstehung und zur Nutzung der Engelweih-Legende geführt haben. Wie bekannt, gipfelt die Legende schließlich in den Worten, die ein Engel an den Bischof von Konstanz richtet, kurz bevor dieser die Salvatorkapelle des Klosters weihen will. Der Engel sagt zu ihm: „Bruder, halte ein! Die Kapelle ist bereits von Gott geweiht.“ Im Kern soll das wohl hießen: „Lass gut sein, hier hat Gott gehandelt. Er hat seinen Vorrang vor allem menschlichen Tun gezeigt, und dadurch einen heiligen Raum geschaffen“. Was das konkret in Bezug auf die Kapelle und das Kloster bedeutet hat, das ist von verschiedenen Protagonisten unterschiedlich verstanden worden, aber eins ist allen Glaubenden klar: Wo Gott eingreift, braucht der Mensch auf nichts mehr zuzugreifen; er kann sich vielmehr von Gott ergreifen lassen. Dabei kommt es zu „ergreifenden Momenten“, zu Augenblicken seligen Aufatmens. Die Räume, in denen das geschieht, können Kraftorte werden und bleiben.
Stellen wir uns vor, heute würde ein Engel zu uns kommen und sagen: Bruder, Schwester, halt ein! Auch in Deinem Leben möchte Gott Raum einnehmen. Aber es gibt Dinge, die können ihm seinem Platz streitig machen. Welche Dinge könnten das sein?
Der Mensch ist ein instabiles Wesen. „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, Gott“ schreibt Augustinus: ein Wort, das Papst Leo XIV nicht selten wiederholt. Aber bei dem Versuch Festigkeit zu erlangen, füllen wir unser Herz gelegentlich mit Dingen an, die uns weg führen von Gott, Dinge, die uns nicht gut tun. Drei Dinge scheinen besonders „wirksam“ zu sein, um Gott aus den unseren inneren Räumen zu verdrängen: Zum einen der Anspruch, man kenne eine „Zauberformel“ oder eine magische Praxis, mit der man die dunklen Mächte der Welt vertreiben kann; also ein geheimes Sonderwissen jenseits der hergebrachten Vernunft. Sodann hat großen Zulauf der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Kultur gegenüber anderen. Und schließlich das weit verbreitete Gefühl, der Himmel auf Erden bestünde in Reichtum, im Besitz von schönen Dingen oder von nahestehenden Menschen.
Solche Haltungen bringen es nicht selten fertig, Gottes Platz in uns einzunehmen. Aber es gibt Hoffnung! Denn der vorhin erwähnte Engel fragt nicht nur nach den Dingen, die unseren Innenraum „besetzen“, sondern zeigt uns auch, wie Gott seinen Platz wieder einnehmen kann. Der gute Engel sagt uns heute: Schau doch einmal in das Evangelium nach Johannes, und lies die Geschichte von der Begegnung zwischen Jesus und der Frau aus Samaria. Die wichtigsten Sätze aus der Mitte dieser Geschichte haben wir soeben als Evangelium gehört. Dort sagt Jesus zu der Frau:
„Die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden...“. Die Frau scheint ablenken zu wollen und antwortet: „Ich weiß, dass der Messias kommt, der Christus heißt. Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden. Da sagte Jesus zu ihr: Ich bin es, der mit dir spricht“.
Die Geschichte von der Samariterin, die wir bei anderen Gelegenheiten vollständig hören, gibt uns Heilmittel an die Hand gegen allzu aufdringliche Kräfte, die unseren inneren Raum besetzen wollen. Die Geschichte beginnt so: Die Samariterin will an einem Brunnen Wasser schöpfen, trifft dort Jesus an, und es folgt ein Gespräch über das Wasser. Er verspricht ihr: „Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben“ (Joh 4, 14). Sofort reagiert die Frau und sagt: „Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierherkommen muss, um Wasser zu schöpfen.“ Wir verstehen: ein voller Wasserkrug, der niemals leer wird: das gibt es nur im Märchen, wo Zauberkräfte walten. Aber Jesus lenkt das Gespräch sofort wieder zurück zur nüchternen Wirklichkeit. Am Ende der Geschichte aber hat die Frau verstanden: es ist nicht ein Zauberkrug, es sind die Worte Jesu, die ihr ständig frisches Wasser schenken. Aus ihnen schöpft sie - ohne alle Zauberei - wahre neue Energie, und diese Worte gehen niemals aus. Ein Christ bedarf keiner Zauberformel, um die dunklen Mächte zu vertreiben, es reicht das Wort Gottes!
Auch aus dem zweiten Irrglauben, der sie innerlich besetzt hält, führt Jesus die Samariterin im Gespräch dann heraus: ER zeigt ihr, wie sie die fruchtlose Konfrontation der Samariter mit den Juden beenden kann. Mit ihren Volksgenossen hatte sie gedacht, dass Gott nur angetroffen und angebetet werden im Tempel der Samariter. Aber Jesus zeigt ihr: Gott steht über den Kulturen. Um Gott zu begegnen, braucht man nicht unbedingt einen physischen Ort. Gott ist Vater aller Menschen, und wenn man ihn „im Geist und in der Wahrheit“ anbetet, dann hat keine Kultur exklusive Ansprüche auf ihn. Wer Gott zum Vater hat, für den sind alle Menschen Schwestern und Brüder.
Und schließlich befreit Jesus die Frau von einem letzten Irrglauben: Die Erde sei ein trostloser Ort. Sie erhoffte sich die Ankunft des Messias für die Zukunft, von der Gegenwart aber erwartete sie sich nicht viel. Deshalb klammerte sie sich an einen Ersatz: an den Besitz von immer wechselnden Menschen. Andere Leute, die ihre Gegenwart als trostlos empfinden, ketten sich an schöne Dinge und vergöttern ihren Reichtum. Der Besitz von Menschen und Dingen kann mindestens zeitweise den Eindruck vermitteln, man sei eigentlich schon im Himmel. Aber wer so lebt, dem verschließt sich der Himmel.
Dann schenkt Jesus der Samariterin am Brunnen aber einen echten „himmlischen Moment“. Mit dieser Begegnung bricht die Ewigkeit schon für sie an. Er sagt: Die Stunde „ist schon da“, ist „jetzt“, da die wahren Beter den Vater „richtig“ anbeten. Und dann enthüllt er ihr, dass er der verheißene Messias ist: „Ich bin es, der mit dir spricht“. Wenn Jesus sagt „ich bin es“, dann bedeutet das: in ihm wird Gott selbst gegenwärtig, denn im brennenden Dornbusch hat er seinen Namen genannt: „ich bin, der ich bin“. In der Begegnung zwischen Jesus und der Samariterin berühren sich Himmel und Erde. Ort des Geschehens ist ein Brunnen. Der war im Orient traditionsgemäß der Ort, wo sich die Frauen trafen; nicht nur um Wasser zu holen, sondern auch, um sich auszutauschen. Wenn man als Mann dorthin ging, dann war das oft, um eine Frau zu finden oder um sie zu werben. Und ähnliches vollzieht sich im übertragenen Sinn dann in dem Gespräch zwischen Jesus und der Frau. Er wirbt um sie wie ein Bräutigam! Nicht die Steine eines Kultgebäudes haben diese Begegnung ermöglicht, sondern die Gegenwart Jesu beim Anbruch der messianischen Zeit.
Die Frau war zum Brunnen gekommen, um ihren leiblichen Durst löschen, aber im Gespräch mit Jesus merkte sie: es gibt einen leeren Raum in mir, den nur Gott füllen, einen Durst, den nur Gott stillen kann. Dazu hat Papst Leo vor einigen Tagen in seiner Mittwochs-Katechese gesagt: „Dieser Durst entfernt uns nicht von Gott, sondern vereint uns mit ihm. Wenn wir den Mut haben, ihn anzuerkennen, können wir entdecken, dass selbst unsere Zerbrechlichkeit eine Brücke zum Himmel ist. Gerade im Bitten – nicht im Besitzen – öffnet sich ein Weg zur Freiheit, weil wir aufhören, so zu tun, als wären wir uns selbst genug.
Liebe Schwestern und Brüder, geben wir Gott Raum in uns! Wir können es tun in der Gnadenkapelle von Einsiedeln, und Gott wird den Raum füllen! Amen.
