Liebe Schwestern und Brüder in Christus
Wir feiern einen Dank-Gottesdienst, umgeben von benediktinisch barocker Herrlichkeit – und dazu den «Poverello», den kleinen Armen, den heiligen Franz von Assisi. Kann das gut gehen? Wenigstens habe ich mir bescheiden vorgenommen, diese beiden Pole katholischen Ordenslebens zusammenzubringen. Zwei Haltungen möchte ich in dieser Spannung zwischen diesem Kirchenraum und franziskanischer Spiritualität herausschälen, Haltungen, die ich uns allen gerne mitgebe für unser Glaubensleben im Alltag.
1211 erhielt Franziskus von Benediktinern die kleine Kirche Santa Maria degli Angeli, die er mit eigenen Händen wiederaufbaute und dann «Portiuncula» («kleines Flecken») nannte. Diese Kirche ist nicht nur der Ursprung des Franziskanerordens, sondern auch der Sterbeort des Heiligen. Die Benediktiner besassen die Kirche weiterhin, denn Franziskus wollte nichts im Privatbesitz haben. Er aber hat auf diesem benediktinischen Besitz das umgesetzt, was er in San Damiano von Gott vernommen hatte: «Franziskus, bau meine Kirche wieder auf!» Zuerst baute Franziskus das Gebäude selbst, dann baute er immer mehr an einer erneuerten Kirche: Die Neuentdeckung des Evangeliums führte zu einer ganz neuen Form des kirchlichen Gemeinschaftslebens.
Die erste Haltung, die wir hier vernehmen dürfen, ist: Kirche bauen wir zusammen. So ist es auch in Einsiedeln. Es braucht uns alle: die Wohltäterinnen und Wohltäter, die Mitarbeitenden, die für das Gebäude da sind, und jene, die den Ort nutzen und zu dem machen, dass hier Menschen Schönheit, Friede und Vertrauen erfahren dürfen. Wie die Portiuncula-Kapelle heute in einer grossen Wallfahrtskirche steht, steht unsere Gnadenkapelle in dieser Barockkirche. Und weil diese ursprüngliche Kapelle des heiligen Meinrad heute eine Marienkapelle ist und ihr Weihefest «Engelweihe» heisst, ist auch sie eine Kapelle der «Santa Maria degli Angeli». Unsere Gnadenkapelle, von der Johann Wolfang von Goethe begeistert schreibt, sie sei «etwas Neues, von mir noch nie Gesehenes», diese Kapelle ruft uns zu: Urban, Benediktiner von Einsiedeln, Du Pilgerin und Pilger, die Du hierhergekommen bist: Bau meine Kirche wieder auf. Macht das gemeinsam, mit all Euren Charismen, die hier zusammenkommen. Kommentiere nicht zuerst, was andere alles ändern müssten. Beginne Du mit Deinen Charismen!
Auch die Jünger Jesu mussten lernen, das Reich Gottes aufzubauen, und nicht den Menschen etwas vorzuspielen. Was die Jünger bei ihrer Rückkehr mit so viel Freude und geheimem Stolz berichten, sind in Wirklichkeit keine Missionserfolge. Sie haben Dämonen ausgetrieben, obwohl sie (nach Lukas 10,9) den Auftrag hatten, Kranke zu heilen und die Ankunft des Reiches Gottes zu predigen. Jesus freut sich im heutigen Evangelium nicht an den Erfolgen seiner Jünger, sondern eben am aufbrechenden Gottesreich, das auch das Böse besiegen kann: «Ich sah den Satan wie einen Blitz aus dem Himmel fallen. Freut euch nicht darüber, dass euch die Geister gehorchen, sondern freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind!»
Wie sonst kann ich diesen Kirchenraum mit dem heiligen Franziskus in Verbindung bringen? In seiner Christusnachfolge! Diese zweite Haltung, die ich hier beleuchte, zeigte sich nicht nur in seinen Stigmata, in seinen Wundmalen, die Ausdruck waren seiner Bitte, Anteil haben zu dürfen an den Leiden Christi. Er wollte allen Menschen die Möglichkeit geben, Christus konkret nachzufolgen. Darum feierte er am 25. Dezember 1223 Weihnachten in Greccio in einem Stall.
Die erste Weihnachtskrippe! Aufstellen liess er eine Krippe mit Stroh, Tieren, Ochsen und Esel und mit Menschen allen Alters. Die Weihnachtsszene dominiert auch diese Kirche. Ich stehe hier unter der Weihnachtkuppel. Was bei Franziskus anders war: Die Hauptdarsteller waren nicht anwesend. Niemand hatte Maria gespielt, die hier uns ihren Sohn zeigt, um ihm nachzufolgen. Beim Poverello ist das unsere Aufgabe: Christus in die Welt zu bringen und Menschen die Möglichkeit zu geben, wie Christus zu leben, zu denken und zu handeln. Und kein Baby musste als Jesus-Kind hinhalten. Ihn liess der Heilige in jener Weihnachtsnacht durch die Eucharistie in seiner Kirche gegenwärtig werden. Darum feiern wir sie auch heute in erwartender und freudiger Stimmung, in der Haltung der Christus-Nachfolge.
Die Benediktinerkirche Einsiedeln und die Botschaft des heiligen Franziskus: Sie beide laden uns ein, Jesus Christus nachzufolgen und aus unserer eigenen Gottesbeziehung heraus seine Kirche aufzubauen. Mir persönlich gefällt dabei am Überfluss dieser Kirche und an der Haltung des armen Franziskus ihre Sicht auf die Welt, die von Hoffnung geprägt ist. Für Franziskus ist die ganze Schöpfung Gottes gute Gabe. Das unterschied ihn vom dualistischen Weltbild der damaligen Katharer. Und wie dieser Kirchenraum Freude verbreiten möchte, so predigte Franziskus so gut, dass er «Troubadour Gottes» genannt wurde, und das in einer Zeit voller Kriege und Spannungen. Diesen hoffnungsvollen Blick auf die Gegenwart erkenne ich auch in der heutigen Lesung aus dem Buch Baruch. Der Prophet verkündet selbst in der Verbannung des Volkes Israel das Heil: «Hab Vertrauen, mein Volk, du trägst den Namen Israel. Ihr wurdet verkauft an die Völker, doch nicht zur Vernichtung. Zeigt nun zehnfachen Eifer, umzukehren und ihn zu suchen!»
Zwei Haltungen habe ich versucht, im Gespräch zwischen Klosterkirche und Franziskus herauszuschälen: die Christusnachfolge – und vertrauend und hoffnungsvoll zusammen Kirche bauen. Sie sind auch die Grundlage des ökumenischen Glaubensbekenntnisses, das vor 1700 Jahren in Nizäa formuliert wurde und heute noch das Fundament des Glaubens unserer verschiedenen Konfessionen ist. Da dieses Credo aber von der Sprache hier nicht ganz einfach zu verstehen ist, singen wir es nun einfach in Lateinisch. Wenn wir es einigermassen schön singen, werden wir Troubadoure Gottes, die betend und vertrauend von unserer Hoffnung singen. Amen.
