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Predigt von Abt Urban Federer am Weihnachtstag 2025

Wenn am 24. Dezember um 17 Uhr der Coop Supermarkt an der Bahnhofbrücke in Zürich schliesst – viele kennen diesen Ort als altes Globus-Provisorium beim Hauptbahnhof –, wenn also an Weihnachten auch dieses Geschäft dicht macht, beginnt für nicht wenige Menschen eine schwierige Zeit. Für Obdachlose ist das ein Ort, an dem normalerweise das Leben pulsiert. An Heiligabend wird für sie dieses Gebäude zum Zeichen dafür, dass sie nicht dazugehören. Niemand wartet auf sie. Niemand spendet ihnen Wärme. Niemand feiert mit ihnen ein Fest.

Diesen doch eher düstere Gedanken, liebe Schwestern und Brüder, wählte ich als Einstieg für meine Weihnachtspredigt, nachdem mir ein Seelsorger aus der Innenstadt von Zürich erzählt hatte, dass die Stunden zwischen Ladenschliessung und Weihnachtsgottesdienst für ihn immer die schwierigsten an Weihnachten sind. Schon oft hätte er sich Weihnachten weggewünscht, um nicht Menschen begegnen zu müssen, die an Heiligabend kurz vor dem Abgrund stünden. Ihr Hilferuf: Vergesst uns nicht!

Vergesst uns nicht. Dafür müssten wir eigentlich nicht Weihnachten wegwünschen. Vielmehr antwortet Weihnachten auf die Sehnsucht von uns Menschen. «Vergiss uns nicht», riefen auch die Menschen vor mehr als 2'500 Jahren, als die Hauptstadt des jüdischen Glaubens, Jerusalem, in Trümmer lag. Der Prophet Jesaja verkündet ihr in der heutigen Lesung: Gott hat die Stadt nicht vergessen. Er lässt der verlassenen und verängstigten Bevölkerung zurufen: «Brecht in Jubel aus, jauchzt zusammen, ihr Trümmer Jerusalems! Denn der Herr hat sein Volk getröstet, er hat Jerusalem erlöst.» 

Weihnachten ist eine Antwort auf den Schrei des Menschen, der allein nicht weiterkommt. So sagt das heutige Evangelium zur Geburt Jesus Christ: «Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.» Weihnachten leuchtet im Dunkel unserer Nacht. Nehmen wir es auf und lassen es leuchten? Dafür braucht es Menschen, die das göttliche Licht wahrnehmen und auch die Dunkelheit kennen, in der dieses Licht leuchten kann. Der Prophet Jesaja spricht in der heutigen Lesung von solchen Menschen. Er nennt sie Wächter: «Horch, deine Wächter erheben die Stimme, sie beginnen alle zu jubeln. Denn sie sehen mit eigenen Augen, wie der Herr nach Zion zurückkehrt.»

«Vergesst uns nicht.» Gott kann dort bei den Menschen einkehren, wo es Wächterinnen und Wächter gibt, die offen für Gott und für den Menschen sind. So mühsam das für den Seelsorger ist, den ich am Anfang meiner Gedanken erwähnt habe, an Heiligabend Menschen aufzufangen, die kurz vor dem Abgrund stehen: Dieses Wächteramt braucht die Kirche. Wenn die Kirche an Heiligabend selbst nur Bäume schmückt und keine Zeit mehr hat, Gott zu den Menschen zu bringen, ist Weihnachten keine Antwort auf den Ruf der Menschen: Vergesst uns nicht. Wenn Kirche nur aus bezahlten Funktionären besteht, die nach Ladenschluss nicht mehr anzutreffen sind, werden Menschen schwer das Licht Christi finden, das in ihrer Finsternis leuchtet. In seinem Wächterdienst rief darum der verstorbene Papst Franziskus wie einst der Prophet Jesaja: «Brechen wir auf, gehen wir hinaus, um allen das Leben Jesu Christi anzubieten! […] Mir ist dabei eine ‘verbeulte’ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Strassen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist. […] Wenn uns etwas in heilige Sorge versetzen und unser Gewissen beunruhigen soll, dann ist es die Tatsache, dass so viele unserer Brüder und Schwestern ohne die Kraft, das Licht und den Trost der Freundschaft mit Jesus Christus leben, ohne eine Glaubensgemeinschaft, die sie aufnimmt, ohne einen Horizont von Sinn und Leben.»

Vergesst uns nicht! Als ich anfangs Dezember als Teil der Schweizer Bischofskonferenz ins Lötschental fuhr, um mit den Menschen von Blatten und aus der Umgebung Gottesdienst zu feiern, war mir das zuerst nicht recht. Warum sollten wir nun auch noch dieses Katastrophengebiet besuchen? Bald habe ich aber gemerkt, wie glücklich diese Menschen waren, mit den Bischöfen zusammen zu feiern. Beim anschliessenden Apéro fragte ich die Leute, was sie jetzt bräuchten. Ihre Antwort: Vergesst uns nicht! Denn die Anteilnahme und die Solidarität waren gross, wofür sie sehr dankbar sind, doch jetzt sind die Kameras nicht mehr auf Blatten gerichtet. Und nun feiern sie Weihnachten in Nachbargemeinden. Hat dieses Fest nicht schon auf sonderbare Weise eine Antwort gegeben auf den Schrei: Vergesst uns nicht? In der ganzen Schweiz wurde der gestaute See bekannt, der sich oberhalb des Bergsturzes gebildet hat. Ein Mann aus Blatten, der eigentlich eine Krippe für eine Ausstellung in Visp herstellen wollte, dann aber sein ganzes Hab und Gut verlor, sah eines Tages, wie in diesem See ein Stern auftauchte. Der Mann zog an dem Stern – und fischte eine ganze Weihnachtskrippe heraus! Er restaurierte sie und konnte sie in für die Ausstellung in Visp abliefern, für die er ja vor der Katastrophe eine Krippe herstellen wollte. Weihnachten ist dort, wo Menschen sonst vergessen gingen!

Vergesst uns nicht! Weihnachten ist Gottes Antwort auf diesen Schrei der Menschen. Er ist dafür Mensch, einer von uns geworden. Dazu sagte Papst Leo gestern in seiner Predigt an Heiligabend treffend: «Während der Mensch Gott werden will, um über seine Mitmenschen zu herrschen, will Gott Mensch werden, um uns von jeder Knechtschaft zu befreien. Genügt uns diese Liebe, um unsere Geschichte zu verändern?» Wir feiern Weihnachten, denn wir wollen antworten auf den Schrei so vieler Menschen: Vergesst uns nicht! Amen. 
 

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