Liebe Schwestern und Brüder in Christus
Wenn Sie ein Unternehmen wie ein Restaurant führen: Wie machen Sie am besten auf Ihr Lokal aufmerksam? Sie bieten zum Beispiel eine Happy Hour an! Bei der Happy Hour handelt es sich um ein tolles Angebot zu einer bestimmten Zeit, zu einem möglichst günstigen Preis. So locken Sie Menschen an, die Ihr Restaurant noch nicht kennen und die bei Ihnen eine gute Zeit verbringen, für möglichst wenig Geld.
Eine Happy Hour – eine glückliche Stunde. Muss das nicht auch die Kirche anbieten mit ihrer «Frohen Botschaft», das heisst doch «Evangelium» auf Deutsch: eine frohe, unbesorgte Stunde, in der sich Menschen befreit fühlen? Zumindest versuchen wir das am Fest der Engelweihe. Die Heilige Schrift meint zum christlichen Leben: Zur Freude sind wir berufen, die Freude im Heiligen Geist sollen wir suchen. Die zügellose Ausgelassenheit hingegen sollen wir lassen, denn diese Art von Freude ist nicht nachhaltig, sondern hinterlässt bloss einen Kater (vgl. Joh 15,1 + Eph 5,18). In diesem Sinne feiern wir jetzt eine Happy Hour, weil dieser Gottesdienst ein zusätzliches Angebot ist und weil er nichts kostet – was Sie nicht daran hindern soll, frei-willig einen schönen Beitrag in den Kollektenkorb zu legen, da wir keine Kirchensteuern erhalten. Dieser Gottesdienst ist von da her mehr als eine verbilligte Happy Hour. Er ist gratis. Das Wort «gratis» heisst übersetzt «umsonst». «Gratis» steckt im lateinischen Wort «Gratia», zu Deutsch: «Gnade». Die Gnade ist Gottes Leben, das wir ohne Vorbedingungen – umsonst – und unverdient von Gott erhalten. «Gratia plena» – «voll der Gnade», sagt der Engel zu Maria. Wenn wir heute die Weihe unserer Gnadenkapelle feiern, feiern wir eine Happy Hour: Wir erhalten umsonst die Gnade Gottes, seine Freude, die Liebe Gottes, der nicht rechnet und knausrig ist, sondern der schenkt und der uns Anteil an seiner Freude gibt.
Meine Lieben, an Engelweihe geht es nicht um Engel, sondern um Christus, der uns an diesem Ort der Gnadenkapelle zu einem Leben in der Gnade einlädt. In der Engelweihlegende spielen die Engel nur eine Nebenrolle. Aber die Engel, diese frohen Wesen, die bei uns etwa am Vorhang um das Hochaltarbild herum purzeln, sind bei uns Menschen beliebt. Als Boten der Freude zieren sie nicht nur die Christbäume an Weihnachten, sondern tummeln sich in vielen Haushalten von der Küche bis ins Bad. Ausgerechnet in den heutigen Lesungen kommen die Engel aber nicht vor. Im Buch Tobit sehnen sich zwei Menschen nach Heilung: der blinde Tobit und die vom Unglück verfolgte Sara. Ihnen beiden bietet Gott seine Hilfe an, in der Gestalt des Engels Rafael. Rafael heisst übersetzt «Gott heilt». Und weil beide, Tobit und Sara, in ihrer Seele geheilt werden, stimmt Tobit einen Lobgesang auf Gott an. Aus diesem Lobgesang haben wir heute die Lesung gehört. Darum spricht Tobit, der am Ende wieder sehen kann, von Gott als Licht, von der Freude an diesem Gott und von der Liebe. Die heutige Lesung ist also eine Antwort auf die Heilung, die Menschen durch einen Engel Gottes erfahren haben – der Engel selbst ist dabei der Bote für die Gnade, zu der Gott uns beruft.
Im Evangelium wird mitten in dieser leidenschaftlichen Szene, die so gar nichts mit einem sanftmütigen Jesus zu tun hat, über die Jünger Jesu gesagt: «Seine Jünger erinnerten sich, dass geschrieben steht: Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren.» Der Evangelist zitiert hier Psalm 69. Wer von Gott ergriffen ist, hat es im Leben, so Psalm 69, nicht einfacher. Wegen des Eifers für Gott müssen Gläubige sogar Anfeindung erfahren. Womit der gläubige Mensch aber rechnen darf, ist mit der Stärkung durch den Engel Gottes. Christus selbst geht seinen Leidensweg in der Nacht auf den Karfreitag mit den Worten: «Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.» Genau von diesem Moment im Garten Getsemani heisst es im Lukasevangelium: «Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn.» (Lk 22, 42f.)
Engel treten also im Umfeld der heutigen Lesungen heilend und stärkend auf. Und sie sind Boten der Freude, der Gnade. Wenn wir heute die Happy Hour der Gnadenkapelle feiern, dann feiern wir, dass Gott umsonst gibt, den Menschen, die ihn suchen: Leben in Fülle, Freude im Heiligen Geist. Engel nehmen dabei dem Menschen die Verantwortung nicht ab, indem sie etwa alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Vielmehr machen sie uns wieder sehend für die Beziehung mit Gott, für seine Liebe zu uns Menschen. Oder sie künden uns, dass Gott uns beisteht in unserem Leiden, in Schicksalsschlägen, die sich in unserem Leben ereignen. Ein Engel steht für Gottes Gegenwart, für den Glauben daran, dass sein Ja zu uns immer gilt, dass Ostern die letzte Antwort auf unser Suchen und Fragen ist, nicht der Karfreitag. Darum heisst es am Ende des heutigen Evangeliums: «Als er von den Toten auferweckt war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte.»
Ja, wir feiern eine Happy Hour – einen zusätzlichen Gottesdienst, der uns einlädt, froh zu sein im Heiligen Geist. Wenn wir dann am Schluss dieses Gottesdienstes zur Gnadenkapelle gehen und der Schwarzen Madonna ins Gesicht schauen, dann erinnern wir uns darum, dass der Engel nicht nur zu Maria gesagt hat: «Gratia plena.» Auch uns lädt er ein mit der Frohen Botschaft: Du bist berufen, ganz in der Gnade – in der Freude Gottes – zu sein. Amen.
