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Predigt von Abt Urban Federer am Rosenkranzsonntag 2025

«Wer zu viel Ballast mit sich trägt, verliert die Leichtigkeit des Lebens.» Dieser Spruch, liebe Brüder und Schwestern im Herrn, stammt nicht etwa von mir, sondern vom WhatsApp-Profil unseres Jubilars P. Niklaus. Zusammen mit guten Bildern versteht er es, jeden Morgen Menschen aufzurichten mit Sprüchen, die ihn offenbar selbst beeindrucken. Da hatte es der Engel Gabriel bei Maria nicht so einfach. Seine Botschaft – «der Herr ist mit dir» –, lässt diese zuerst einmal erschrecken. Erst die Zusage, der Heilige Geist werde sie erfüllen, macht seine Botschaft zu einer, die aufrichtet. Nein, Maria muss, so das Evangelium, nicht allein einen solchen Ballast tragen. Sie glaubt und vertraut auf den Geist Gottes: Für Gott ist nichts unmöglich. 

Liebe Mitbrüder P. Rafael und P. Niklaus, vor 50 Jahren habt Ihr Euer Ja zu Eurer Gottsuche im Kloster Einsiedeln gegeben. Es war ein grosser Schritt: Er hatte Konsequenzen für ein ganzes Leben. An der Profess selbst wart Ihr Euch dessen wohl nicht bewusst. Damals herrschte die Freude des Augenblicks vor. Seitdem ist viel geschehen, es hat sich auch Ballast angehäuft: 50 Jahre gefülltes Leben. Und jetzt steht Ihr wieder vor dem Altar und erneuerte Euer Ja. Was braucht Ihr, damit Ihr etwas von der Leichtigkeit verspürt, mit der Ihr damals die Profess ablegtet? Denn wir haben es gehört: Wir Menschen müssen immer wieder Ballast ab-werfen, um die Leichtigkeit des Lebens nicht zu verlieren. 

Bei den Aposteln bekommt man in der Lesung den Eindruck, dass sie nicht gut darin waren, Ballast abzuwerfen. Zwar machten sie nach dem Karfreitag die Ostererfahrung. Dazu kommen sie im heutigen Abschnitt aus der Apostelgeschichte vom Ölberg zurück, auf dem sie erfahren durften, dass Jesus zum himmlischen Vater zurückkehrte. Doch wirken sie müde, der Schrecken der Festnahme und des Leidenswegs Jesu steckt ihnen noch immer in den Knochen, besonders auch die Hinrichtung ihres Meisters. Ganz mechanisch gehen sie nach Jerusalem, ziehen sich zurück und bewegen sich zunächst nicht mehr. 

Das liebe Mitchristen kann die Erfahrung vieler Menschen sein, die schon viel erlebt haben und nicht mehr die jüngsten sind. Die Lust auf Bewegung und auf bewegt werden ist gering. Das Leben haben sie gesehen, vielen Versprechungen glauben sie nicht mehr. Dazu kommt, dass es dort zwickt, und da etwas nicht mehr funktioniert. Die Gesundheit, die Ernährung, das Gestalten der eigenen vier Wände, um darin wohl zu sein, kann so viel Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, dass anderes an Bedeutung verliert. Und wenn man ein solchem Menschen sagt, ob er noch etwas von der Freude des Anfangs verspürt, bekommt man ein müdes Lächeln. Das Sich-Einrichten, ohne noch viel vom Leben zu erwarten, ist ein Ballast, der dem Leben die Leichtigkeit nimmt. 

Da sind mir die heutigen Jubilare ein Vorbild. P. Rafael hat sich alles andere als eingerichtet. Für viele Menschen ist er gleichsam das soziale Gesicht des Klosters. Wo er auftaucht, fühlen viele Menschen wieder etwas wie Leichtigkeit in ihrem Leben. Ähnlich P. Niklaus. Obwohl es bei ihm da und dort im Körper zwickt, bleibt er ganz Seelsorger. Wenn er mir aus dem Vorarlbergischen schreibt, geht es immer um die nächste Beerdigung, um den nächsten Festgottesdienst. Danke liebe Mitbrüder, dass Ihr für die Menschen weiterhin ein Gesicht der Botschaft Jesus Christi seid, dass bei diesen Menschen die Botschaft ankommen kann, die an Maria ergeht: Der Herr ist mit dir. 

Der Kirche und damit Jesus Christus ein Gesicht zu geben, ist aber noch nicht der Kern unserer Berufung als Mönche. Alle Getauften haben die Aufgabe, die Botschaft «Der Herr ist mit dir» in die Welt zu bringen. Die Profess gibt uns Mönchen eine andere Aufgabe mit: die Gottsuche im Gebet, in der Gemeinschaft, in der Stille und in der Lesung. Bewegen lassen sich die Apostel ausgerechnet in dem Raum, in dem sie sich von aussen her zurückziehen und gleichsam einschliessen. Dort treffen sie auf die Gemeinschaft von Betenden, auf Frauen und Männer, die sich um Maria versammelt haben, wie wir heute. Sie halten dort auch in Stille aus und hören auf die Schrift. Und sie erwarten den Heiligen Geist Gottes.

Meine Lieben, bewegen lassen können wir uns an jedem Ort und in jedem Alter. Dafür braucht es die Hoffnung, dass die Welt nicht einfach den Bach runtergeht. Es braucht die Hoffnung, dass wir nicht tiefer fallen können als in die Hände Gottes. Danke liebe P. Rafael und P. Niklaus, dass Ihr betende Menschen seid und so diesen Raum der Hoffnung immer wieder ermöglicht. Danke, dass Ihr immer wieder in der Gemeinschaft der Kirche Eure Hoffnung feiert. Denn Hoffnung muss geteilt werden. Und danke, dass Ihr Eure Goldene Profess mit uns zusammen feiert. Ihr teilt so mit uns die Erfahrung, dass wir den Ballast unseres Lebens nicht allein tragen müssen und im Vertrauen auf den Geist Gottes immer auch Ballast abwerfen können, denn: «Wer zu viel Ballast mit sich trägt, verliert die Leichtigkeit des Lebens.»

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