Liebe Brüder und Schwestern, kennen Sie Menschen, die keinen Frieden wollen? So wie wir glücklich und in Frieden leben wollen, wollen das auch andere. Vor etwas mehr als einem Monat war ich in Russland. Glauben Sie mir: Auch dort wollen die Menschen Frieden. Wenn aber alle dasselbe wollen: Warum ist es denn nicht so, wie es alle wollen? Weil es nicht so einfach ist. Wir Menschen wollen meist das Gute, wir möchten zufrieden sein. Doch zeigt uns die Realität: für das friedliche Zusammenleben reicht das nicht.
«Du hast die selige Jungfrau Maria, die uns Christus geboren hat, vor aller Sünde bewahrt.» So beginnt das heutige Tagesgebet, das ich zu Beginn für uns alle gesungen habe. «Von aller Sünde bewahrt» verweist auf das Geheimnis des anderen grossen Marienfestes vom 8. Dezember: Maria stand vom Beginn ihrer Zeugung an im Leben Gottes und nicht in der Sünde, die uns Menschen beherrscht. Die alttestamentliche Geschichte von Adam und Eva spricht davon, was unter Sünde gemeint ist. Es ist Adam und Eva peinlich, dass sie zuerst von der Frucht genommen haben, die ihnen verboten war, und dann ertappt werden. Und sie beginnen zu lügen, denn eigentlich müssten sie Verantwortung übernehmen. Stattdessen schieben sie die Schuld herum: die Frau war es, die Schlange ist schuld, aber nicht ich! Das ist der Mensch, der nicht sich selbst ist, der eher von sich davonrennt – und nicht sich selbst sein, kostet viel Energie. Sünde meint also die Abwesenheit des Willens Gottes in unserem Leben – Gott hat ja in dieser Geschichte keine Chance, denn der Mensch versteckt sich vor ihm. Der Mensch, der sich in der Sünde einschliesst, kann nicht das Gegenüber Gottes sein und kann sich nicht von Gott lieben lassen. Sünde geht also tiefer als unser Tun: Sünde trennt uns vom Leben Gottes. Maria aber ist offen für Gott, wenn der Engel Gabriel ihr sagt: «Der Herr ist mit Dir.» Maria lässt sich von Gott lieben und kann so ganz sich selbst sein.
Am Beispiel der Gottesmutter Maria zeigt uns das heutige Fest, wie der Mensch gedacht ist: In der Beziehung mit Gott dürfen wir zum Menschen werden, wie Gott uns gedacht hat. «Sünde» hingegen beschreibt unsere Realität, die eben auch davon geprägt ist, dass wir eifersüchtig auf andere schauen, zufrieden sein wollen, ohne uns für andere einsetzen zu müssen, dass wir nur uns Wohlgesinnten etwas gönnen und dass Vergebung sehr schwierig ist. «Du hast die selige Jungfrau Maria, die uns Christus geboren hat, vor aller Sünde bewahrt und sie mit Leib und Seele zur Herrlichkeit des Himmels erhoben.» Nicht nur vom Lebensbeginn spricht das heutige Tagesgebet, sondern auch von der Vollendung der Gottesmutter Maria. Mit Leib und Seele, mit allem, was uns ausmacht, sind auch wir dafür bestimmt, in Gott zu einzugehen. Dieses Fest meint also uns, sagt uns doch der heilige Paulus in der Lesung: «Erster ist Christus; dann folgen, wenn Christus kommt, alle, die zu ihm gehören.» Das ist eine Vision vom Leben, die unseren Alltag prägen kann, wenn wir uns mit Leib und Seele davon durchdringen lassen. Haben wir überhaupt eine Vision vom Leben, wie sie bei uns auf dem Hochaltarbild gemalt und so in der Blickrichtung von uns allen ist? Oder kreisen wir ängstlich um uns selbst in der Angst, etwas von dem zu verlieren, was wir uns erarbeitet haben? Das heutige Tagesgebet fährt fort: «Gib, dass wir auf dieses Zeichen der Hoffnung und des Trostes schauen und auf dem Weg bleiben, der hinführt zu deiner Herrlichkeit.» Maria ist ein Zeichen der Hoffnung und des Trostes für uns, damit wir auf dem Weg nicht stehenbleiben, uns in der Sünde nicht einrichten, sondern eben den Weg zu Gottes Herrlichkeit gehen. Maria ist ein Zeichen für uns, das uns sagt: Es ist möglich zu dem zu werden, was der Mensch sein kann: Frei von der Abhängigkeit von der Sünde. Und Maria lebt diese Freiheit eben nicht für sich selbst. In ihrem berühmten Magnificat ruft sie im heutigen Evangelium aus: «Der Mächtige zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben.» Friede und Freiheit darf der von Gott geliebte Menschen nie für sich allein in Anspruch nehmen. Friede ist in den Worten Marias gepaart mit Gerechtigkeit für andere Menschen und mit der Wahrheit, dass sich Gott in Jesus Christus aller erbarmt, die sich für ihn öffnen: «Er denkt an sein Erbarmen, das er verheissen hat.»
Meine Lieben, warum ist die Welt nicht friedlicher, wenn alle Frieden wollen? Sind wird dafür als Menschen nicht einfach zu egoistisch? Gestehen wir uns ein, dass Friede mehr von uns fordert, als zufrieden sein zu wollen? Papst Leo XIV. bringt in seinen Friedensbemühungen diese drei Begrifft zusammen, die uns das heutige Fest mitgibt: Friede, Gerechtigkeit und Wahrheit. Wörtlich sagt der Papst zum Frieden: «Frieden ist mehr als die blosse Abwesenheit von Krieg und Konflikten. Aus christlicher Sicht ist Friede ein Geschenk des Auferstandenen. Der Friede entsteht im Herzen und aus dem Herzen heraus, indem man Stolz und Forderungen zurückstellt und die Worte abwägt, denn man kann auch mit Worten verletzen und töten, nicht nur mit Waffen.» Und weiter: «Voraussetzung für Frieden ist Gerechtigkeit.» Und drittens sagt Papst Leo: «Friedliche Beziehungen sind ohne Wahrheit nicht möglich. Wo Worte zweideutige und ambivalente Bedeutungen annehmen und die virtuelle Welt mit ihrer veränderten Wahrnehmung der Realität unkontrolliert die Oberhand gewinnt, ist es schwierig, authentische Beziehungen aufzubauen, weil die objektiven und realen Voraussetzungen der Kommunikation verloren gehen.»
«Gib, dass wir auf dieses Zeichen der Hoffnung und des Trostes schauen und auf dem Weg bleiben, der hinführt zu deiner Herrlichkeit.» Als Menschen, die an Christus glauben, dürfen wir selbst zu einem Zeichen werden, das zu Christus führt, der für uns die Wahrheit ist. Dazu fordert uns dieser Kirchenraum auf. Während auf der Kartusche über dem Stiftschor die Worte aus Psalm 85 stehen: «iustitia et pax osculatae sunt» – «Gerechtigkeit und Friede küssen sich», steht dort drüber gegen die Beichtkirche hin: «misericordia et veritas obviaverunt sibi» – «Barmherzigkeit und Wahrheit begegnen sich». Und wer noch nicht überzeugt ist, dass es für unser Leben neben der Liebe und dem Frieden auch die Gerechtigkeit und die Wahrheit braucht, kann auf die vier Frauengestalten schauen, die in den vier Ecken der Weihnachtskuppel als Tugenden gemalt sind. Sie sagen uns: Wer sich wie Maria von Gott lieben lässt (Barmherzigkeit: Nord-Westen), kann den Weg von Gerechtigkeit (Süd-Westen), Wahrheit (Nord-Osten) und darum den Weg des Friedens (Süd-Osten) gehen. Und gerade diese Frau des Frie-dens soll uns begleiten: Wir sehen sie, wie sie ein Schwert in die Scheide steckt und damit dem Hass und der Gewalt eine Absage erteilt. Amen.
