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Predigt von Abt Jeronim Marin an Christi Himmelfahrt 2025

Es war uns Einsiedler Benediktinern eine grosse Ehre, dass dem feierlichen Pontifikalamt an Christi Himmelfahrt, am 29. Mai 2025, ein ehemaliger Student unserer Theologischen Hausschule vorgestanden ist: Abt Jeronim Marin OSB, Vorsteher des kroatischen Klosters Cokovac und Abtpräses der Slawischen Benediktinerkongregation. Er hielt im Gottesdienst folgende Predigt:

Wir haben in der ersten Lesung gehört, wie eine Wolke Christus dem Blick seiner Jünger entzieht. Jenen Menschen, von einer Frau geboren, den menschliche Augen sehen, Ohren hören und Hände berühren konnten, werden sie nun nicht mehr bei sich haben. Seine Menschheit, die er mit uns geteilt hat, verschwindet nun hinter der Wolke göttlicher Herrlichkeit.

Diese Szene aus dem Leben Jesu hat mich an meine Diplomarbeit erinnert, mit der ich vor genau zwanzig Jahren hier in Einsiedeln mein Theologiestudium abgeschlossen habe. Die Arbeit trug den Titel „Die Verborgenheit Gottes“. Es war ein Thema, das einerseits meinen Verstand faszinierte, andererseits aber eine echte seelische Mühe für einen jungen Mönch bedeutete, der sich nach der Nähe des Herrn sehnte.

Heute, da ich mit anderen Augen auf das Leben blicke, muss ich beinahe widerwillig eingestehen, dass ich nicht mehr den Eindruck habe, Gott sei mir so verborgen.
Als ich darüber nachdachte, was sich in den letzten zwanzig Jahren in dieser Erfahrung verändert hat, kam mir ganz spontan eine Erinnerung von Mark Twain in den Sinn, die er irgendwo über seinen Vater niedergeschrieben hat: „Als ich vierzehn war, war mein Vater so unerträglich, dass ich kaum in seiner Nähe sein konnte. Aber als ich einundzwanzig war, war ich erstaunt, wie viel er in diesen sieben Jahren dazugelernt hatte.“

So sehr es mir auch sympathisch erscheint zu glauben, dass sich Gott in den letzten zwanzig Jahren verändert hat – vielleicht sogar als Frucht meiner Gebete –, musste ich mich doch der Wahrheit beugen: Nicht Gott hat sich verändert, sondern ich.

Ich habe meine Diplomarbeit nicht mehr gefunden und erinnere mich auch nicht genau, was ich darin geschrieben habe. Aber ich erinnere mich noch gut daran, dass das Ganze im Grunde Ausdruck einer kleinen Enttäuschung über Gott war – über einen Gott, der mir irgendwie zu unentschlossen gegenüber dem Bösen erschien, zu geduldig mit menschlicher Schwäche. Es war letztlich der Versuch eines jungen Mönchs, sich selbst zu erklären, warum ihm auch nach drei Jahren im Kloster Gott nicht festzuhalten gelang und warum er ihm ständig aus den Händen zu entgleiten schien.

Und dann nach dem Studium kam die Schule des Lebens – die Schule des Herrn, die jeder Jünger Christi durchlaufen muss:

Auf dem Weg der Demut, den man in dieser Schule durch das Lernen vom Herrn und von den Menschen, von den Enttäuschungen und Erfolgen geht, wird man nach und nach empfindsamer für kleine Zeichen, offener für das Andere, bereiter, die eigenen Pläne loszulassen, mutiger, das Leben mit dem Herzen zu leben und die Welt nicht nur mit dem Verstand zu erfassen. Und dann geschieht es, dass Gott auf einmal näher ist – gerade auch dort, wo er scheinbar abwesend ist. Es ist ein Paradox: Der Mensch gewinnt die Gewissheit, dass der Herr bei ihm ist, nur, indem er sich Gott anvertraut – gerade in jenen Momenten, in denen Gott abwesend scheint.

Der Gedanke – dass der Herr auf andere Weise, verborgen und doch wirksam und wirklich unter uns gegenwärtig ist –  gehört zu den zentralen Aussagen des heutigen Hochfestes Christi Himmelfahrt. Sowohl die biblischen Texte als auch die liturgischen Gebete bezeugen es eindeutig:

Zwar entzieht die Wolke Jesus dem Blick seiner Jünger, doch er lässt sie nicht allein.

„Mit anderen Worten“, schreibt Papst Benedikt XVI., „brachte seine Himmelfahrt nicht seine vorübergehende Abwesenheit von der Welt mit sich, sondern leitete vielmehr die neue, endgültige und unzerstörbare Form seiner Gegenwart ein.“

Diese neue Gegenwart gründet in der königlichen Macht Gottes, an der Jesus durch seine Erhöhung teilhat. Und wir wissen, wie diese königliche Macht aussieht, denn Jesus hat sie uns durch sein Leben offenbart: Es ist die Macht der barmherzigen Liebe – die sucht, was verloren ist, die dem Sünder vergibt und ihm die neue Chance schenkt, die das geknickte Rohr nicht zerbricht.

Diese Kraft von oben, durch die Jesus weiterhin unter seinen Jüngern gegenwärtig ist, ist eben dies: eine himmlische Kraft, von oben – nicht eine irdische, die meist nur zwingt, versklavt, das Kleine und Geringe abweist, das Schwache vergisst und die Langsamen und Machtlosen zurücklässt.

„Herr, wirst du in dieser Zeit das Reich für Israel wiederherstellen?“ – so fragen die Jünger Jesus unmittelbar vor seiner Rückkehr zum Vater. Selbst nach seinem Tod und seiner Auferstehung sowie nach einem „Nachunterricht“ von vierzig Tagen hoffen sie noch immer auf irdische Lösungen. Doch Jesu Reich ist ein himmlisches Reich – es ist nicht von dieser Welt. Weil wir wie die Jünger oft auf sichtbare, sofortige Antworten hoffen, überkommt uns leicht das Gefühl, von Gott verlassen, vergessen oder gar aufgegeben zu sein. Dann meinen wir sogar, das sei die Aufgabe der Kirche: die Abwesenheit Christi zu kompensieren. Unsere Aufgabe ist es jedoch nicht, ihn zu ersetzen, sondern Christus gegenwärtig zu machen – ihm Raum zu geben, in uns und durch uns da zu sein: verborgen in unserer begrenzten Menschlichkeit, aber dennoch wirklich und wirksam – in einer Welt, die so sehr nach Hoffnung, Nähe, Versöhnung und Vergebung verlangt.

Was nimmt dir den Blick des Herzens auf Jesus?

– die düsteren Prognosen über deine Krankheit?
– die dunkle Wolke aus Schuld und Sünde?
– der dichte Nebel der Gedanken, Sorgen, Versuchungen?
– die dunkle Nacht des Zweifels: ob du überhaupt auf dem richtigen Weg bist, mit dem richtigen Menschen?

Als Jesus beim Letzten Abendmahl davon sprach, dass er zum Vater zurückkehren werde, waren die Jünger tief verwirrt und traurig. Wie groß muss erst ihr Schmerz gewesen sein, als ihnen die Dunkelheit des Grabes den Blick auf ihn nahm? Und nun – so haben wir im Evangelium gehört – obwohl er sie verlässt, freuen sie sich. Die Frage der beiden Männer: „Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ lässt sie ahnen: Wir verlieren ihn nicht. Er bleibt weiterhin bei uns – aber auf eine neue, andere Weise.  

Darum lasst uns, trotz allen unbeantworteten Fragen, nicht mit leerem Blick in die Ferne starren: Er ist da – auf unserem Weg, vielleicht anders als wir es erwarten oder ersehnen, aber er ist da. Glauben wir ihm.
 

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