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Predigt und Ansprache im Rahmen des "Alteinsiedlertages" 2026

Am Samstag, 27. Juni fand nach 15 Jahren wieder ein sogenannter "Alteinsiedlertag" statt, der über 1000 ehemalige Schülerinnen und Schüler der Stiftsschule Einsiedeln zusammenführte. Neben dem feierlichen Pontifikalamt um 9.30 Uhr, dem Abt Urban als Hauptzelebrant vorstand, ermöglichte auf dem Gelände der Stiftsschule ein grosses Festzelt wertvolle Begegnungen und gute Unterhaltung. Vor dem gemeinamen Mittagessen wurden verschiedene Reden gehalten. Stellvertretend für die gehaltvollen Wortmeldungen wird an dieser Stelle - im Anschluss an die Predigt von Abt Urban - die Ansprache von Dominik Landwehr (Kulturwissenschaftler und Autor) der Lektüre empfohlen. Der nächste "Alteinsiedlertag" wird im Jahre 2036 stattfinden, wenn das Kloster Einsiedeln im Rahmen eines grossen Jubiläumsjahres seiner Gründung vor 1100 Jahren gedenken wird.

Predigt von Abt Urban Federer

Alteinsiedlerinnen und Alteinsiedler können nerven! Da kann ich einem Gast erklären, wie wichtig das Gotteslob für uns Mönche ist – um dann von einem Ehemaligen hören zu müssen: Also unter P. Roman tönte das früher viel schöner! Da spreche ich über die Begabungen meiner Mitbrüder und wo ich die alle einsetzen kann – um dann hören zu müssen: Als ich hier zur Schule ging, waren es viel mehr Patres! Ich kann mich bewegen, wie ich will: Ehemalige unserer Schule korrigieren mich, und sei es nur mit einer Anekdote von früher, mit einer Verklärung von Situationen, die ich nicht so toll finde, oder mit einer berechtigten Kritik zu früheren Zeiten. – Und das ist gut so, sagt der heilige Benedikt. Dem Abt legt die Benediktsregel nahe, gut zuzuhören, wenn ein Fremder eine Kritik anbringt. Wörtlich heisst es in der Regel: 

«Sollte [jemand] in Demut und Liebe eine begründete Kritik äussern oder auf etwas aufmerksam machen, so erwäge der Abt klug, ob ihn der Herr nicht vielleicht gerade deshalb geschickt hat» (RB 61,4). 

Liebe Festgemeinschaft, «prudenter» – «klug» abwägen, rät der heilige Benedikt. Das sollte die Haltung von uns allen sein, die wir einmal an dieser Schule waren oder es immer noch sind. Nicht nur um Wissen geht es an unserer Stiftsschule, sondern auch um die Klugheit: im Zusammenleben, im Unterscheiden von dem, was uns nützt, oder uns schadet. Im heutigen Evangeliums-Abschnitt treffen wir auf einen klugen Menschen. Er weiss: Er ist Römer und dazu noch Hauptmann, er gehört also zur Besatzungsmacht. Er ist damit im jüdischen Volk nicht nur unbeliebt, sondern darf Jesus nach damaligen Gewohnheiten eigentlich gar nicht bitten, ihm zu helfen. Aber er tut es trotzdem und tritt so mit Jesus über alle Grenzen hinweg in eine Beziehung. Dafür bringt er seine Alltagserfahrung aus dem Militär mit: Wenn ich etwas befehle, sagt er, dann führen das die Soldaten aus. Darum bittet der Hauptmann Jesus nicht, wie ein Wun-derheiler zu ihm nach Hause zu kommen und irgendwelche Beschwörungen für seinen kranken Diener vorzunehmen. Er bittet nur um ein Wort – und er vertraut darauf, dass das Wort Jesu Autorität hat und darum auf jeden Fall sein Ziel erreichen kann. 

Diese Klugheit des römischen Hauptmanns ahmen wir heute – und in jeder Messe – nach. Bevor wir mit Gott eins werden (lateinisch: communio, Kommunion), beten wir gemeinsam mit den Worten des Hauptmanns: «Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.» Das im Evangelium verwendete griechische Wort «hikanós» – «würdig», oder verneint dann eben «unwürdig», heisst nicht, dass wir uns klein machen müssen. Mit diesem «Unwürdig» anerkennt der Hauptmann – und damit auch wir –, dass es über ihm noch etwas gibt: Jesus, den er «Kyrios» nennt: Herr und Gott. Kyrios war einst die Anrede für den Kaiser, die die ersten Christinnen und Christen für Jesus über-nommen haben und die wir heute schon im «Kyrie» der Krönungsmesse gehört haben. Wenn wir sagen: «Ich bin nicht würdig», trauen auch wir Jesus zu: Wenn Du es sagst, dann ist es so, denn Dein Wort ist göttliches Wort: «Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.» Darin besteht die christliche Würde: Gott kommt zu mir! Gott schenkt sich uns! Und sein Wort bewirkt, was es meint. 

Meine Lieben, Klugheit lernen an der Stiftsschule hat also auch damit zu tun, dass wir lernen, unsere Würde zu entdecken: unsere Würde als Gottes geliebten Töchter und Söhne. Wenn jemand an unserer Schule erfuhr, keine Würde zu haben, oder diese Würde mit Füssen getreten wurde, tut mir das leid. Es muss unser aller Ziel sein, dass junge Menschen lernen, dass ihre Würde nicht davon abhängt, ob sie den Bildern ähnlich werden, die in Tiktok oder Instagram auf sie niederprasseln. Ihre Würde hängt auch nicht von Noten ab, die oft nur eine Momentaufnahme sind. Für unsere Würde müssen wir uns im Glauben nicht abrackern, sondern dürfen sie uns schenken lassen: von Gott. Diese freimachende Botschaft gibt uns auch die Lesung aus dem Brief an die Gemeinde in Galatien mit, wo der heilige Paulus auf Maria zu sprechen kommt. Christus, heisst es da, wurde «geboren von einer Frau […], damit wir die Kindschaft erlangen.» Gerade Maria zeigt uns in Einsiedeln, wie der Weg der Freiheit und der Würde aussehen kann: Sie zeigt uns ihren Sohn und erinnert uns an unsere eigene Gotteskindschaft. Als Kinder Gottes sind wir eingeladen, keine Sklaven mehr zu sein, Sklaven unseres Egoismus, Sklaven unserer Selbstgefälligkeit, unserer Verantwortungslosigkeit, unserer Faulheit, unserer Süchte und Lebenslügen und unseres Perfektionismus. Maria hat in aller Freiheit ‚Ja‘ gesagt zu ihrer Berufung und ihre Antwort dann als Verantwortung bis unter das Kreuz gelebt.

Verantwortung und Würde: das können wir noch im Alter lernen. Wir können immer lernen, unsere Würde der Gotteskindschaft zu entdecken, denn auch im Scheitern – und im Kreuz haben wir das Scheitern im Mittelpunkt unserer Religion – dürfen wir als Gottes Kinder darauf vertrauen: Wir können nicht tiefer fallen als in die Hände Gottes. Wenn wir also in diesem Gottesdienst die Hände zu einem Thron übereinanderlegen, um Gott in der Kommunion zu emp-fangen, so geben wir uns vertrauensvoll in die Hände Gottes, der uns unsere Würde zuspricht. 

Als Ehemalige unserer Schule dürfen und sollen wir uns in dieser Würde unterstützten. Wir dürfen über Generationen weg aufeinander zugehen und das Gemeinsame erkennen, was diese Schule uns mitgegeben hat: Wissen, Klugheit, menschliche Würde. Ehemalige unserer Schule vernetzen sich darum nicht nur; das können wir auch zu Hause mit unseren Smartphones tun. Vielmehr pflegen wir klug Beziehungen, denn der Mensch wird in echten Beziehungen wirklich Mensch. Und ja: Kritik, wenn sie in Liebe und Demut gegeben wird, gehört auch zum klugen Knüpfen von Beziehungen. Nur so kann um uns herum Friede wachsen, Friede, den diese Welt so braucht. Gehen wir also aufeinander zu und geben wir uns darum für einmal schon an dieser Stelle des Gottesdienstes das Zeichen des Friedens. «Gebt einander ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung.» Amen.

Ansprache von Dominik Landwehr

Wenn ich mich heute hier umsehe, dann komme ich mir vor wie ein Botschafter aus einer fernen Zeit: Anfangs 70er Jahre, mitten im Kalten Krieg, das Zweite Vatikanische Konzil hatte das Klosterleben umgekrempelt, Kutten waren abgeschafft. Wir schliefen im ersten Jahr in einem Saal mit 31 Betten. Schule war 6 Tage die Woche. Geduscht wurde einmal pro Woche im Keller und der Präfekt bediente den Haupthahn.

Es setzte hin und wieder eine Ohrfeige ab. Unterhaltung war rar. Monotonie bestimmte den Alltag. Internet in weiter Ferne. Dafür gab es Kassettenrecorder. Alkohol war vor allem in den oberen Klassen wichtig.

Wir mussten zweimal in der Woche morgens um 6.30 einen Gottesdienst in der Studentenkapelle besuchen. Für die meisten von uns eine Pflichtübung. Sehr beliebt waren die Messen von Pater Walter, der jeweils eine Stille Messe feierte, was uns sehr entgegenkam. Anders waren die Messen von Pater Rupert: Er machte eine Mini-Liturgie und in der gewonnenen Zeit schaffte er es eine Mini-Predigt zu halten und Gedanken zu äussern, die uns beeindruckten und in den Tag begleiteten. Man munkelte, er würde sogar Sanskrit verstehen. Dieser Mann taugte sogar als Vorbild.

Tempora mutantur…. Die Gesellschaft hat sich in diesen rund 50 Jahren fundamental geändert. Nicht alles kam überraschend, das gilt gerade für die technologische Entwicklung: Pater Ambros baute in seinem Elektronikkurs mit uns digitale Schaltungen. Dass diese Bausteine einmal unser Leben umkrempeln würden, ahnten wir nicht und dass die Mauer von Berlin einfach einmal eingerissen würde, konnten wir uns genau so wenig vorstellen. Der Kalte Krieg war fest in unseren Köpfen und der Kampf gegen den Kommunismus war vielen Lehrern ein Herzensanliegen. 

Vielleicht ist das auch eine Lehre für die Zukunft: Wir können uns die Zukunft nicht vorstellen, vorwegnehmen. Kann man sich trotzdem darauf vorbereiten? Ja, wenn man weiss, dass es keine Gewissheiten geben kann. Das Undenkbare kann eintreten.

Die Welt von damals schien einfach. Die Welt von heute ist es nicht mehr. Komplexität heisst das Schlagwort für eine Welt, in der alles mit allem zusammenhängt. Whatsapp, Email und Streaming sorgen dafür, dass es uns keine Sekunde mehr langweilig ist. 

Unsere Medien damals waren das katholische Vaterland und die ebenso katholische Wochenzeitung Sonntag. Und Heute: Tausende von News-Kanäle, Social Media 24h pro Tag. Fakten, Hintergründe, Meinungen, Falsches und Wahres. Ein wildes Durcheinander.

Entsprechend die Anforderungen an die Bildung. Da kann jeder mitreden. Naturwissenschaften und Informatik braucht es angeblich ganz dringend. Unternehmerische Kompetenzen… Wenn jeder alles besser weiss, dann reden wir in der Sozialwissenschaft von Jedermanns-Kompetenz. Von Sozialkompetenz spricht keiner.
Was können wir dem entgegenhalten: Humanistische Bildung als Rezept für die Zukunft? Machen wir es uns damit nicht zu einfach? – Vielleicht lohnt es sich zu erinnern, welche Werte denn damit gemeint sind: Für mich ist es weit mehr als das Studium der alten Sprachen und Pflege von Musik und Kunst. Dazu gehören auch Respekt vor der Menschenwürde, vor der Schöpfung, vor der Freiheit des Denkens. Sapere Aude! Und die Bereitschaft in der Gemeinschaft Verantwortung zu übernehmen.

Trotzdem bleibt das meiste ungewiss. Scio me nihil scire – ich weiss dass ich nicht weiss. Dieser Satz wird dem antiken Philosophen Sokrates zugeschrieben. Ich verstehe ihn nicht als Universal-Entschuldigung für das Nicht-Wissen-Können sondern als Eingeständnis der menschlichen Beschränktheit – nicht als bequeme Ausrede, sondern als Einladung zum Lernen. Wissenschaftliches Denken heisst, Hypothesen hinterfragen und falszifieren oder verifzieren. Das Eingeständnis des Nicht-Wissens scheint mir viel schwieriger als das Herausposaunen einer Meinung. 

Ich könnte jetzt eine Liste mit Anforderungen an die Bildung der Zukunft machen. Zum Glück reicht die Zeit nicht dafür. Es wäre darin die Rede von kulturellen, wissenschaftlichen, technologischen und politischen Herausforderungen. Wir kennen sie alle, die Medien sind voll davon.

Gäbe es nicht Mittel, den Bildungsprozess zu beschleunigen, zu vereinfachen, zu verkürzen – gerade im Zeitalter von KI. So neu ist sie vielleicht gar nicht: Ich habe in den 1970er Jahren die ersten wissenschaftlichen Taschenrechner erlebt. Aber sie haben mein mathematisches Denken nicht verändert. In den 1990er Jahren den Siegeszug des Internet. Natürlich ist das Recherchieren heute einfacher. Aber die richtigen Fragen muss ich auch heute stellen. Soll ich KI meine Arbeiten schreiben lassen? – Was ist denn das Ziel: Ein Papier abzugeben oder einen Erkenntnisprozess zu durchleben?

KI ist auch das Thema der Enzyklika «Magna Humanitas» von Papst Leo XIV. Ich zitiere:

«Bildungsprozesse ..erfordern eine Zeit der Reifung, eine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit jenseits des äußeren Scheins und ein geduldiges Voranschreiten. Wie Platon schrieb, werden die tiefgründigsten und wichtigsten Dinge erst nach viel Zeit und Mühe erlernt, indem man sich mit anderen austauscht und Konzepte und Erfahrungen wie Feuersteine aneinander „reibt“, bis der Funke des Verständnisses in uns entflammt.» Lernen ist mit Mühe, mit Arbeit, mit Reibung verbunden.
Zum Forschen, Nachdenken und Ausprobieren gehört noch etwas Andres: Die Leere. Die Pause. Innehalten.

Genau das habe ich aus meiner Zeit in der Klosterschule mitgenommen. Die Monotonie des damaligen Lebens hatte ihre Vorteile. Ich wünsche den Schülerinnen und Schülern von heute manchmal die Fähigkeit, Langeweile auszuhalten. 

Direkt und indirekt haben wir damals am Alltag des Klosters teilgenommen. Und das ist auch heute so. Dafür muss ich nicht einer Religionsgemeinschaft angehören, sondern kann das mit der gleichen Neugier und Ergriffenheit tun, mit dem ich den Mönchen in ihren orangenen Kleidern in einem buddhistischen Kloster zuhöre. Damals hat keiner den Begriff der Spiritualität benutzt. 

Vielleicht liegt hier die Chance eines Ortes wie Einsiedeln. Tempora mutantur et nos mutamur in illis. Alles fliesst. Und doch gibt es Konstanten, die gleichbleiben.
Es macht mir Freude zu sehen, dass das Salve Regina heute genau so gesungen wird wie vor 50 Jahren. Die Chancen stehen hoch, dass das auch in den nächsten 50 Jahren noch so sein wird. Welche Sprachen werden dann hier gesprochen werden?

Ich habe meine Rede unter das Motto eines Hölderlin Fragments gestellt. Es stammt aus dem Gedicht Lebenslauf und ich möchte mit dem letzten Vers dieses Gedichts schliessen

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
Dass er, kräftig genährt, danken für Alles lern’,
Und verstehe die Freiheit,
Aufzubrechen, wohin er will.
 

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