«Nimm mich auf, Herr, nach deinem Wort, und ich werde leben; lass mich in meiner Hoffnung nicht scheitern.» (Benediktsregel 58,21)
So betet der Mönch bei seiner Aufnahme ins Kloster, wobei diese Bitte anschliessend von der ganzen Gemeinschaft wiederholt wird. Bei einer Oblation geschieht das ebenso, auch bei Professjubiläen. Also ein sehr bedeutender Satz der Ordensregel!
Am 6. Januar 2026 endet das Heilige Jahr, das Papst Franziskus unter das Motto «Pilger der Hoffnung» gestellt hat. Pilger sind ständig unterwegs, haben keine feste Bleibe und müssen sich jeden Tag auf unbekannte und neue Situationen einlassen, um schlussendlich an ihr Ziel zu kommen. Dieses erreichen sie nur durch viele Zeichen der Nächstenliebe von Menschen, denen sie unterwegs begegnen.
Eigentlich sind wir doch alle nur Pilger. Wir kommen auf diese Welt und dürfen eine gewisse Zeit wachsen und werden. Was wir schaffen, erreichen wir grösstenteils nicht aus eigener Kraft.
Zur Geburt eines unserer Kinder habe ich (sinngemäss) folgenden Satz geschenkt bekommen: «Jedes Neugeborene ist ein Zeichen dafür, dass Gott seine Hoffnung in die Menschheit noch nicht aufgegeben hat.» In diesen vorweihnachtlichen Tagen sind wir dazu eingeladen, genau dies zu bedenken. Die Menschwerdung Gottes ist ein Zeichen dafür, dass Gott uns niemals aufgibt. Er ist der Immanuel, der «Gott mit uns», der alles mit uns durchsteht, auch die dunkelsten Zeiten.
Wir befinden uns am Ende eines Jahres, an dem viele Menschen dankend zurückblicken und sich auch darüber Gedanken machen, was sie nicht ins neue Jahr mitnehmen möchten. Es ist die Zeit der guten Vorsätze, immer verbunden mit viel Hoffnung. Der deutsche Autor Erich Kästner meinte einst dazu:
«Ein Mensch, der Ideale hat,
der hüte sich, sie zu erreichen.
Sonst wird er eines Tags anstatt
sich selber andern Menschen gleichen.»
Selbst wenn ich in diesem Leben alles erreiche, was ich mir wünsche, bleibt eine Sehnsucht, die hier auf Erden nie gestillt werden kann. Diese wenigen Worte sind eine Mahnung, dass ich es gar nicht erst versuchen soll.
Unser sehr geschätzter Stadtpfarrer hat bei der Taufe unserer Tochter gesagt, dass Gott mit jedem Menschen eine wunderbare Geschichte beginnen möchte. Er hat für uns alle einen einzigartigen guten Plan. Wir müssen uns also nicht ständig mit anderen messen und vergleichen; unsere Lebensaufgabe wäre eine ganz andere. Wir können im Hören auf Gott – und indem wir mit ihm in Verbindung bleiben – langsam in diesen guten Plan hineinwachsen. Wir sind in den Augen Gottes kostbar und einzigartig, obwohl wir längst nicht perfekt sind.
Vielleicht sollte ich, wie es der heilige Benedikt vorschlägt, anstatt gute Vorsätze zu fassen, eher guter Hoffnung sein und diese meine Hoffnung Gott anvertrauen (RB 4,41). Auf seinen Wegen werde ich langsam zu jenem Menschen, der bereit ist, in die Ewigkeit hineingeboren zu werden. Dazu gehört auch der Umgang mit schwierigen Situationen, mit unangenehmen Mitmenschen und mit meinen vielen eigenen Unzulänglichkeiten. Ich bitte darum, weitherziger zu werden, um meine Mitwelt immer mehr mit den liebenden Augen Gottes zu sehen zu können. Ich glaube und hoffe, ich werde dadurch bereichert – auf eine andere Weise als ursprünglich gedacht, aber bestimmt auf eine spannende.
Zur Autorin: Cäcilia, Jg 1959, ist pensioniert, Mutter, Grossmutter und Oblatin des Klosters Einsiedeln seit 2010.
