«Die sechste Stufe der Demut: Der Mönch ist zufrieden mit dem Allergeringsten und Letzten und hält sich bei allem, was ihm aufgetragen wird, für einen schlechten und unwürdigen Arbeiter.» (RB 7,49)
Über diesen Text hat meine Kollegin Marlies vor kurzem schon einmal nachgedacht. Als ältere Frau, die sich ihr Leben lang mit der Erziehung von Kindern beschäftigt hat, muss ich unbedingt nochmal darauf zurückkommen. Ich habe da grosse Fragezeichen. Es gibt wohl Stellen in der Ordensregel, die uns Menschen nicht guttun. Über Jahrhunderte hinweg hat man den einfachen Menschen eingeredet, sie müssten sich gering achten und bereit sein zu dienen. Ganz besonders gern hat man das mit den Frauen gemacht. Dazu habe ich meine eigene Meinung: Einem Gott, der verlangt, dass ich mich vor anderen Menschen kleinmache, könnte ich nicht glauben, dass er mich liebt. Kein Mensch hat das Recht, sich auf diese Weise über andere zu erheben – auch ein Abt nicht.
Wenn ich mich hingegen vor Gott verneige, dann nur deshalb, weil er unendlich viel grösser ist als ich und ich an seine Liebe und Barmherzigkeit glaube, und niemals deshalb, weil es mir kirchliche Autoritäten befehlen.
Bestätigung finde ich in einem Interview mit Abt Ludwig Wenzl (41-jährig), dem neuen Abt aus dem Stift Melk an der Donau, der auf die Frage «Sie hören jeden Tag Auszüge aus Ihrer Ordensregel. Welche Relevanz hat diese Regel heute noch in Ihrem Klosterleben?» folgende Antwort gegeben hat: «Wir hören die Ordensregel dreimal im Jahr komplett durch. Vieles darin bewährt sich und manches ist komplett veraltet oder überholt, wie etwa die Prügelstrafe, nach der der Abt Mönche züchtigen durfte. Das ist verwerflich. Ich kann so eine Gewalt nicht mehr befürworten. Sätze wie diese sind Gott sei Dank weit weg von unserer heutigen gemeinsamen Lebensrealität.»
Von einem Menschen zu verlangen, dass er sich schlecht und unwürdig fühlt, ist geistiger Missbrauch. Zu behaupten, das sei Gottes Wille, ist sogar geistlicher Missbrauch. Ein Kloster, wie auch jede andere Gemeinschaft zu leiten, bedeutet, dass man jedem anvertrauten Menschen das für ihn Möglichste zutraut, ihn stärkt und bestätigt, damit seine Charismen, die Gott in ihm angelegt hat, zum Blühen kommen. Damit ist doch auch der ganzen Gemeinschaft gedient. Die Benediktsregel soll dabei eine wichtige und lebendige Rolle spielen, aber nicht, indem sie wortwörtlich angewandt, sondern klug und menschenfreundlich «verheutigt» wird (Aggiornamento!). Nur so kann sich folgender Satz bewahrheiten: «In einer Tradition stehen, heisst, mehr werden, als man von sich aus sein kann.» (Fulbert Steffensky)
Natürlich besteht immer die Gefahr, dass wir stolz und überheblich werden könnten. Aber da korrigiert uns meist das Leben, oder wir nehmen uns zu Herzen, was der Theologe, Psychotherapeut und Autor Eugen Drewermann mal sinngemäss in einem Interview äusserte:
«Wir Menschen sollten immer mit 2 Zetteln in den Hosentaschen unterwegs sein. Wenn uns jemand kleinzumachen versucht, sollten wir den Zettel lesen, auf dem steht: Du bist Ebenbild Gottes, und die heilige Geistkraft Gottes wohnt in dir. Wenn unser Ego uns zu sehr aufbläht, kommt der andere Zettel zum Einsatz, auf dem steht: Von der Erde bist du genommen und zur Erde wirst du zurückkehren.»
Beide Zettel sind wichtig.
Zur Autorin: Cäcilia, Jg 1959, ist pensioniert, Mutter, Grossmutter und Oblatin des Klosters Einsiedeln seit 2010
