Mozart in Einsiedeln
In unserem Kloster beherbergen wir einen besonderen Schatz: Ein Notenblatt, von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) persönlich geschrieben. Vor 60 Jahren wurde dieses in unserem Musikarchiv neu wiederentdeckt.
Wolfgang Amadeus Mozart kam in seinem kurzen Leben leider nie nach Einsiedeln. Wie kommt es denn, dass das Kloster Einsiedeln ein autographes Skizzenblatt sein Eigen nennt?
Im Jahre 1856, hundert Jahre nach Mozarts Geburt in Augsburg, kam der damalige Einsiedler Stiftsbibliothekar, P. Gall Morel, auf einer Deutschland-Reise auch nach Augsburg. Er war ein leidenschaftlicher Autographen-Jäger und Sammler von alten Drucken und Handschriften. Auf der Suche nach kostbaren Schätzen kam er auch in das Geschäft des Augsburger Antiquitätenhändlers Fidel Butsch und konnte dort neben zwei autographen Briefen von Goethe und Schiller auch ein autographes Skizzenblatt von Mozart für das Kloster Einsiedeln erwerben. Ob man sich im Kloster damals noch nicht bewusst war, welch wertvollen Schatz P. Gall ins Kloster gebracht hatte oder ob die späteren Bibliothekare den Schatz zu wenig sorgfältig aufbewahrten, lässt sich nicht mehr feststellen. Jedenfalls galt das Mozart Autograph zu Beginn des 20. Jahrhunderts als verschollen.
Vor 60 Jahren, im Jahre 1964, entdeckte P. Kanisius Zünd, der damalige Musikbibliothekar, den verloren geglaubten Schatz und teilte den Fund dem bekannten Schweizer Mozartforscher Ernst Hess mit. Dieser veröffentlichte die kleine Sensation im Mozart-Jahrbuch 1964 unter dem Titel: «Ein neu entdecktes Skizzenblatt Mozarts». Seither ist das Einsiedler Skizzenblatt auch im Köchelverzeichnis registriert.
Im Jahre 1998 gab die Internationale Stiftung Mozarteum in Salzburg einen Band mit allen heute bekannten Skizzen Mozarts heraus. Unter den achtundneunzig dort publizierten Skizzen trägt unser Einsiedler Skizzenblatt die Nummer 17. Das Blatt datiert aus der ersten Hälfte des Jahres 1778 und entstand während Mozarts drittem Aufenthalt in Paris.
Am 23. März 1778 kam der 22-jährige Mozart mit seiner Mutter Anna Maria Mozart in Paris an, nachdem er seine Stellung in Salzburg gekündigt hatte und in München, Augsburg und Mannheim vergeblich versucht hatte, eine Anstellung zu finden. In Paris erhielt er von Joseph Legros, dem Leiter des Concert spirituel, den Auftrag, eine grosse Sinfonie zu schreiben. Am 12. Juni hatte er sie bereits fertig komponiert und spielte sie zwei Bekannten am Klavier vor. In einem Brief schreibt er: «Sie hat allen beeden überaus wohl gefallen. Ich bin auch sehr wohl damit zufrieden.» An Fronleichnam, 18. Juni 1778, fand die erfolgreiche Uraufführung statt, nachdem die vorausgegangenen Proben mehr als unbefriedigend waren. «Sie können sich nicht vorstellen, wie sie die Sinfonie 2 Mal nach einander herunter gehudelt und herunter gekratzt haben.» Auch Joseph Legros war des Lobes voll für die neue Sinfonie. Allerdings gefiel ihm der zweite Satz nicht und er bat Mozart, einen anderen zu schreiben. Was Mozart dann auch tat. Er musste in diesen Tagen einen weit grösseren Schicksalsschlag erleben. Am 3. Juli starb seine Mutter Anna Maria mit 58 Jahren an einer plötzlichen Krankheit. Sie wurde auf dem Friedhof von Saint-Eustache begraben. Mit dem nachkomponierten zweiten langsamen Satz wurde die Sinfonie, die später den Beinamen «Pariser Sinfonie» erhielt, am 15. August 1778 wiederholt.
Die Pariser Sinfonie KV 297 ist die einzige Sinfonie Mozarts, die zwei langsame Sätze enthält, einen im 6/8-Takt und einen im 3/4-Takt. Der Musikwissenschaft ist es bis heute nicht gelungen, eindeutig zu klären, welcher der beiden Sätze früher entstanden ist. Die erste gedruckte Version erschien 1779 in Paris mit dem 3/4-Satz. Im Jahre 1800 wurde dann erstmals die bis heute gebräuchliche Fassung mit dem 6/8-Satz veröffentlicht. Der 3/4-Satz geriet in Vergessenheit. Die meisten Einspielungen der Sinfonie enthalten den 6/8-Satz. Aber es gibt auch einige wenige Aufnahmen mit beiden langsamen Sätzen.
Zurück zum Einsiedler Skizzenblatt. Es ist 18 cm hoch und 20 cm breit und enthält auf der Vorderseite auf sechs Zeilen eine einstimmige Verlaufskizze des 3/4-Satzes. Nach einer leeren Zeile folgen auf vier Zeilen zwei Märsche in D in einstimmiger Notation. Auf der Rückseite befinden sich auf neun Zeilen ein Partiturausschnitt zum Finale der Pariser Sinfonie und je ein Fremdeintrag von Fidel Butsch und P. Gall Morel. Was macht den besonderen Wert dieses Schatzes aus? Während das Autograph der gesamten Sinfonie mit dem 6/8-Satz überliefert ist, scheint unser Einsiedler Skizzenblatt das einzige bis heute bekannte Teilautograph des vermutlich nachkomponierten 3/4-Satzes zu sein. Wäre es deshalb nicht angebracht, in Zukunft vom Einsiedler Andante der Pariser Sinfonie von Wolfgang Amadeus Mozart zu sprechen?
P. Lukas Helg
Der genannte Mozart-Autograph und weitere Schätze sind im Rahmen von Führungen in unserem Musikarchiv zu bestaunen. Weitere Infos und Anmeldung unter: Exquisit-Führung Musikbibliothek
