„Bekommen die Mönche etwas Neues, geben sie das Alte immer gleich ab; es wird in der Kleiderkammer für die Armen aufbewahrt. Für einen Mönch genügen zwei Tuniken und zwei Kukullen; so kann er zur Nacht und zum Waschen die Kleider wechseln. Was darüber hinausgeht, ist überflüssig und muss entfernt werden. Ebenso gibt man die Socken und alles Abgetragene ab, wenn man Neues bekommt.“ (RB 55, 9-12)
Die Benediktsregel, ein Werk von zeitloser Weisheit, bietet auch heute, fernab klösterlicher Mauern, wertvolle Impulse für unser tägliches Leben. Betrachten wir Kapitel 55, Verse 9 bis 12, das sich mit der Kleidung der Mönche befasst, so erkennen wir schnell, dass es hier um weit mehr geht als nur um Stoff und Schnitt. Es ist eine Einladung zur Genügsamkeit, zur Demut und zur Achtsamkeit im Umgang mit materiellen Gütern – Tugenden, die in unserer konsumorientierten Welt oft zu kurz kommen.
Der Kern dieser Verse liegt in der Anweisung, keine überflüssigen Dinge zu besitzen, sondern sich mit dem Notwendigen zu begnügen. Für uns im Alltag bedeutet das nicht, dass wir in Sack und Asche gehen sollen. Vielmehr fordert es uns auf, unsere Konsumgewohnheiten kritisch zu hinterfragen. Brauchen wir wirklich das neueste Smartphone, das x-te Paar Schuhe oder die ständig wechselnde Trendkleidung? Oder lenken uns diese Dinge nicht vielmehr von dem ab, was wirklich zählt: von Beziehungen, von Erfahrungen, von unserer inneren Ruhe? Die Regel ermutigt uns, bewusste Entscheidungen zu treffen, Dinge zu erwerben, die nachhaltig sind, die einen wirklichen Nutzen haben und die uns nicht in eine Spirale des immer-mehr-Brauchens ziehen. Es geht darum, uns von der Last des Überflusses zu befreien, um mehr Raum für das Wesentliche zu schaffen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Demut im Umgang mit unserem Besitz. Die Regel betont, dass es nicht darum geht, sich durch Kleidung oder Besitztümer hervorzutun. Im Gegenteil, sie fordert die Mönche dazu auf, sich unauffällig zu kleiden, nicht um aufzufallen, sondern um sich in die Gemeinschaft einzufügen. Im übertragenen Sinne bedeutet dies für unser Alltagsleben, dass unser Wert nicht von dem abhängt, was wir besitzen oder zur Schau stellen. Echte Wertschätzung erfahren wir durch unseren Charakter, unsere Handlungen und unsere Menschlichkeit. Es ist eine Befreiung von der ständigen Notwendigkeit, äusseren Erwartungen gerecht zu werden oder mit anderen zu konkurrieren. Wir dürfen uns darauf besinnen, wer wir sind, anstatt uns durch Statussymbole zu definieren.
Schliesslich beinhaltet die Benediktsregel in diesen Versen auch eine Aufforderung zur Achtsamkeit im Umgang mit den uns anvertrauten Dingen. Kleidung, die abgetragen ist, soll ersetzt werden, nicht aus Eitelkeit, sondern aus praktischen Gründen. Dies lässt sich auf alle unsere Besitztümer übertragen: Wir sind aufgefordert, gut auf unsere Dinge zu achten, sie zu pflegen und wertzuschätzen, anstatt sie gedankenlos zu verschleissen und ständig Neues zu kaufen. Es ist eine Haltung der Verantwortung gegenüber den Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, und eine Ablehnung der Wegwerfmentalität. Indem wir unsere Dinge bewusst nutzen und pflegen, entwickeln wir eine tiefere Wertschätzung und tragen gleichzeitig zu einem nachhaltigeren Lebensstil bei.
Joel, Jg. 1993, ist verheiratet, Lokführer und Oblate des Klosters Einsiedeln.
