«Man halte sich an das Wort der Schrift: ‘Jedem wurde so viel zugeteilt, wie er nötig hatte’» (Benediktsregel 34, 1)
Im Kapitel 34 der Benediktsregel geht es um die Zuteilung des Notwendigen: Jeder soll so viel erhalten, wie er benötigt. Mir scheint, in diesem Vers kommt ein grundsätzlicher Aspekt zum Ausdruck, der für den heiligen Benedikt von grosser Wichtigkeit ist und überall in der Regel Beachtung findet: die Einzigartigkeit eines jeden Menschen und die daraus resultierende Notwendigkeit, sie zu achten. Wir Menschen sind unterschiedlich: Die einen benötigen grössere Portionen bei den Mahlzeiten, andere sind von ihrer Funktion her auf bestimmte Hilfsmittel angewiesen, jemand benötigt Unterstützung bei der Ausübung seiner Aufgaben, während andere lieber selbständig arbeiten. Diese Unterschiede gilt es gemäss dem heiligen Benedikt zu respektieren. Wer etwas von den Oberen erbittet, das niemand sonst im Kloster hat, sollte sich das allerdings gut überlegen, denn der Mönchsvater hält fest: «Wer weniger braucht, danke Gott und sei nicht traurig. Wer mehr braucht, werde demütig wegen seiner Schwäche und nicht überheblich» (RB 34,3f.). Er erwartet also eine gewisse charakterliche Reife von seinen Mitbrüdern, die gewährleistet, dass Forderungen erst genau geprüft werden können, bevor man sie stellt. Man muss ausschliessen können, dass der Wunsch nach einem Extra der eigenen Eitelkeit entspringt, bevor man eine derartige Bitte vorbringt. Benedikt will keine Egoisten, die sich einfach nehmen, was sie kriegen können, aber ebenso wenig will er Konformisten, die sich alle auf dieselbe Zuteilung einigen. Denn das würde der von Gott gegebenen Einzigartigkeit eines jeden nicht gerecht.
Benedikt zieht hier die Konsequenzen aus der Tatsache, dass Gott selbst jeden einzelnen Menschen als gleichwertig und liebenswert erachtet. Im Alltag fällt es jedoch oft sehr schwer, zu unterscheiden, ob ein Wunsch der eigenen Eitelkeit entspringt oder gerechtfertigt ist. Das Leben ist daher gespickt mit Ungerechtigkeiten. Aber gerade wenn mir Unrecht geschieht, tröstet mich der Gedanke, dass Gott uns alle – also auch mich - bedingungslos liebt, regelmässig darüber hinweg.
Zur Autorin: Verena, Jg. 1967, ist selbständigerwerbend, Mutter dreier erwachsener Kinder und Oblatin des Klosters.
