„Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus; denn er wird sagen: «Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.» Allen erweise man die angemessene Ehre, besonders den Brüdern im Glauben und den Pilgern.“ (RB 53,1-2)
Gastfreundschaft, so lehrt uns der heilige Benedikt im 53. Kapitel seiner Regel, ist weit mehr als eine oberflächliche Höflichkeit; sie ist eine tiefgreifende spirituelle Übung, eine konkrete Verwirklichung christlicher Nächstenliebe. "Nehmt einander an, wie auch Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre" (Römerbrief 15,7). Diese Aufforderung des Apostels Paulus spiegelt sich in Benedikts Weisung wider, jeden Gast aufzunehmen, als wäre es Christus selbst. Diese Haltung der Ehrfurcht und des Respekts soll dein gesamtes Verhalten gegenüber jedem Menschen prägen, der deinen Weg kreuzt. Es geht nicht allein darum, materielle Bedürfnisse wie Unterkunft und Nahrung zu stillen, sondern vielmehr darum, dem anderen mit einem offenen und empfangsbereiten Herzen zu begegnen, seine individuellen Bedürfnisse und Sorgen wahrzunehmen und ihm bedingungslose Wertschätzung entgegenzubringen. "Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn dadurch haben einige unwissentlich Engel beherbergt" (Hebräerbrief 13,2). Dieses Zitat erinnert dich daran, dass in jeder Begegnung eine göttliche Dimension verborgen sein kann.
Im Alltag ausserhalb der Klostermauern entfaltet sich diese benediktinische Weisheit in vielfältigen Formen. Es bedeutet, deine Aufmerksamkeit bewusst auf die Menschen in deinem direkten Umfeld zu richten. Das kann die spontane Einladung des neuen Nachbarn zu einer Tasse Kaffee sein, das geduldige Zuhören für die Sorgen eines Freundes oder die praktische Unterstützung für jemanden in Not. Gastfreundschaft äussert sich in kleinen, oft unscheinbaren Gesten der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, im grosszügigen Teilen deiner Zeit, deiner Fähigkeiten und deiner materiellen Ressourcen, ohne dabei eine sofortige oder gar materielle Gegenleistung zu erwarten. "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (Matthäusevangelium 25,40). Diese Worte Jesu verdeutlichen, dass jede Tat der Nächstenliebe direkt Christus gilt.
Denke stets daran, dass jeder Mensch seine ganz eigene, oft komplexe Geschichte und seine individuellen Herausforderungen mit sich trägt. Indem du gastfreundlich bist, schaffst du einen geschützten Raum der Annahme und des Vertrauens, in dem sich der andere wirklich willkommen und wertgeschätzt fühlt. Es geht darum, die unsichtbaren Mauern abzubauen, die Menschen voneinander trennen, Vorurteile zu überwinden sowie die tiefe Gemeinsamkeit im Menschsein zu erkennen und zu würdigen. So wird dein alltägliches Leben, inspiriert von der zeitlosen Weisheit des heiligen Benedikt, zu einem lebendigen Ort der authentischen Begegnung und des tiefen Mitgefühls, wo du in jedem einzelnen Gast, sei er dir nah oder fremd, die einzigartige Möglichkeit erkennst, dem Göttlichen in dieser Welt zu begegnen. "Seid untereinander herzlich in der Bruderliebe, einer übertreffe den andern in der Ehrerbietung" (Römerbrief 12,10). Diese Ermahnung fordert dich auf, in der Gastfreundschaft nicht nur eine Pflicht, sondern eine Quelle der Freude und gegenseitigen Bereicherung zu sehen.
Joel, Jg. 1993, ist verheiratet, Lokführer und Oblate des Klosters Einsiedeln.
