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In der Kolumne «Meine Benediktsregel» teilen verschiedene Autorinnen und Autoren, die mit unserem Kloster verbunden sind, in kurzen Texten ihre Gedanken darüber, wie sie die Benediktsregel als Inspiration für ihr Leben ausserhalb von Klostermauern zu nutzen versuchen.

Die Weisung des heiligen Benedikt, den Tod täglich vor Augen zu halten (RB 4,47)

„Den unberechenbaren Tod täglich vor Augen haben“ (RB 4,47)

Auf den ersten Blick wirkt dieser Aufruf des heiligen Benedikt hart oder sogar bedrückend. Warum sollte man sich im Alltag an den Tod erinnern? Doch der heilige Benedikt meint damit keine düstere Grübelei. Vielmehr lädt er zu einer Haltung ein, die unser Leben klärt und vertieft. Wer sich bewusst macht, dass das Leben begrenzt ist, erkennt deutlicher, was wirklich wichtig ist.

Im hektischen Alltag geraten wir leicht in einen Strudel aus Verpflichtungen, Terminen und Erwartungen. Wir verschieben Dinge: ein klärendes Gespräch, eine Versöhnung, einen Besuch bei einem Menschen, der uns braucht. Die Erinnerung an die eigene Endlichkeit stellt uns eine stille Frage: Wenn heute mein letzter Tag wäre – was wäre mir wirklich wichtig? Oft zeigt sich dann, dass Beziehungen, Liebe, Versöhnung und Sinn mehr zählen als Erfolg, Besitz oder äussere Anerkennung.

„Den Tod vor Augen haben“ kann deshalb eine Schule der Achtsamkeit sein. Es hilft, bewusster zu leben, dankbarer für den gegenwärtigen Moment zu sein und das Leben nicht selbstverständlich zu nehmen. Wer seine Zeit als Geschenk versteht, wird sie eher für das einsetzen, was trägt: für Güte, für Aufmerksamkeit gegenüber anderen Menschen und für das, was dem eigenen Leben Tiefe gibt.

Gleichzeitig erinnert dieser Satz daran, dass unser Leben nicht vollständig in unserer Hand liegt. Diese Einsicht kann auch entlasten. Wir müssen nicht alles kontrollieren oder perfekt machen. Wir dürfen vertrauen, dass unser Leben in einem grösseren Zusammenhang steht.

So kann dieser kurze Satz aus der Benediktsregel auch für Menschen ausserhalb des Klosters zu einem inneren Kompass werden. Nicht als Drohung, sondern als Einladung: Lebe heute bewusst. Sage das Gute, das gesagt werden muss. Tue das Gute, das getan werden kann. Und verliere nicht aus dem Blick, dass jeder Tag kostbar ist.

Joel, Jg. 1993, ist verheiratet, Lokführer und Oblate des Klosters Einsiedeln.

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