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In der Kolumne «Meine Benediktsregel» teilen verschiedene Autorinnen und Autoren, die mit unserem Kloster verbunden sind, in kurzen Texten ihre Gedanken darüber, wie sie die Benediktsregel als Inspiration für ihr Leben ausserhalb von Klostermauern zu nutzen versuchen.

«Der Abt darf nur lehren oder bestimmen, was der Weisung des Herrn entspricht.» (RB 2,4)

"Deshalb darf der Abt nur lehren oder bestimmen und befehlen, was der Weisung des Herrn entspricht. Sein Befehl und seine Lehre sollen wie Sauerteig göttlicher Heilsgerechtigkeit die Herzen seiner Jünger durchdringen." (Benediktsregel 2, 4-5)

Die Benediktsregel ist unter anderem eine Anleitung für Führungspersonen. Wenn ich mir allerdings die heutigen politischen Leaders und jene, die politische Führung anstreben, so anschaue, dann kann ich bei vielen von ihnen nichts davon finden, was Benedikt empfiehlt. Er schreibt beispielsweise: «Er (der Abt) mache alles Gute und Heilige mehr durch sein Leben als durch sein Reden sichtbar» (RB 2, 12) oder: «Der Abt bevorzuge im Kloster keinen wegen seines Ansehens» (RB 2, 16). Weiter heisst es: «Der Abt soll also alle in gleicher Weise lieben, ein und dieselbe Ordnung lasse er für alle gelten – wie es jeder verdient.» (RB 2, 22) Aber auch: «Er lasse sich vom Gespür für den rechten Augenblick leiten und verbinde Strenge mit gutem Zureden. Er zeige den entschlossenen Ernst des Meisters und die liebevolle Güte des Vaters» (RB 24).

So verstanden, sehe ich Macht als an sich etwas Gutes. Gute Führungspersonen sind keine Machtmenschen. Sie verstehen sich nicht als Halbgötter, sondern richten sich nach ewig gültigen Werten, die in den Herzen der Menschen tief verankert sind. Sie sind Vorbilder und verlangen von ihren Anvertrauten nicht mehr, als sie selber zu geben bereit sind. Sie verhalten sich gerecht, das heisst, dass sie auch mal streng sein müssen, wenn es die Situation erfordert. Missstände sollten möglichst früh beseitigt werden. Sie fühlen sich für alle Menschen verantwortlich. Das höchste Ziel muss das Wohlergehen aller Menschen sein. Ich glaube, wenn wir Menschen unsere Führungskräfte mehr nach den Kriterien des heiligen Benedikt auswählen würden, hätten wir eine andere Welt als jene, die wir heute haben.

Und wenn ich mir die Sache so überlege: Wäre die Benediktsregel nicht auch sehr geeignet als Erziehungsratgeber? Wenn wir unseren Kindern gegenüber gerecht sein wollen, müssen wir erkennen, dass jedes Kind einmalig ist und wir für seine Erziehung jede Menge Zeit, Liebe, Fürsorge und Geduld aufbringen sollten. Gerechtigkeit bedeutet nicht, dass alle dasselbe bekommen, sondern dass jede und jeder das bekommt, was er oder sie braucht.

Für alle, die irgendeine Verantwortung tragen für ihre Mitmenschen, gilt also: MMM – Man muss Menschen mögen.

Zur Autorin: Cäcilia, Jg. 1959, ist pensioniert, Mutter, Grossmutter und Oblatin des Klosters Einsiedeln seit 2010.

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