„Die Rangordnung im Kloster halte man so ein, wie sie sich aus dem Zeitpunkt des Eintritts oder aufgrund verdienstvoller Lebensführung ergibt und wie sie der Abt festlegt. Der Abt bringe jedoch die ihm anvertraute Herde nicht in Verwirrung. Er treffe keine ungerechte Verfügung, als könnte er seine Macht willkürlich gebrauchen, sondern er bedenke immer, dass er über all seine Entscheidungen und all sein Tun Gott Rechenschaft geben muss. Entsprechend der Rangordnung also, die er festlegt oder die ihnen von selber zukommt, sollen die Brüder zum Friedenskuss und zur Kommunion gehen, einen Psalm vortragen und im Chor stehen. Nirgendwo darf das Lebensalter für die Rangordnung den Ausschlag geben oder sie von vornherein bestimmen, haben doch Samuel und Daniel, obgleich noch jung, Gericht über die Ältesten gehalten. Ausser denen also, die der Abt, wie gesagt, nach reiflicher Überlegung, voranstellt oder aus bestimmten Gründen zurücksetzt, sollen alle Übrigen den Platz einnehmen, der ihrem Eintritt entspricht." (RB 63,1-7)
Die Benediktsregel, ein jahrhundertealtes Fundament monastischen Lebens, enthält Einsichten, die weit über Klostermauern hinausreichen. Besonders Kapitel 63 über die Rangordnung wirkt zwar in unserer hierarchiekritischen Zeit veraltet, bietet aber doch überraschende Impulse für das Zusammenleben, wenn man es als flexible Richtschnur statt als starres System versteht.
Benedikt geht es nicht um Macht oder Unterdrückung, sondern um eine Ordnung, die Harmonie und Zielorientierung ermöglicht. Eine klare Struktur soll niemanden kleinhalten, sondern Reibungsverluste vermeiden und den Blick auf das Gemeinsame richten – im Kloster die Suche nach Gott, im Alltag etwa das Gelingen eines Projekts, das Funktionieren einer Familie oder das Erreichen gemeinsamer Ziele.
Oft entstehen Spannungen durch unklare Zuständigkeiten oder Konkurrenz. Benedikts Ansatz zeigt, dass eindeutige Rollen und Verantwortlichkeiten Frieden schaffen können. Es geht nicht um blinden Gehorsam, sondern um Sicherheit und Vertrauen: Jeder weiss, woran er ist und worauf er sich verlassen kann. So entsteht Raum für Konzentration auf die eigentliche Aufgabe statt für permanente Positionskämpfe.
Auch ausserhalb des Klosters kann eine bewusste Rollenklärung hilfreich sein – im Beruf ebenso wie in Familie oder Freundeskreis. Ordnung bedeutet hier nicht Über- oder Unterordnung, sondern Verlässlichkeit. Wer seine Rolle akzeptiert, auch wenn sie nicht den eigenen Wünschen entspricht, trägt zu einem entspannten Miteinander bei.
Zentral ist zudem Benedikts Gedanke der Demut: Der Ranghöchste soll demütig dienen. Führung ist keine Machtposition, sondern eine Verantwortung für das Wohl der Gemeinschaft. Wertschätzung jedes Beitrags, unabhängig von Rang oder Titel, ist dafür unerlässlich.
In einer Leistungsgesellschaft, die Status oft überbetont, erinnert uns Benedikt daran, dass Stärke darin liegt, sich in eine grössere Ordnung einzufügen und dem Ganzen zu dienen. Nicht der Ehrgeiz, sondern die Bereitschaft, den eigenen Platz sinnvoll auszufüllen, fördert Gemeinschaft und Frieden.
So lädt Kapitel 63 dazu ein, unsere Vorstellungen von Hierarchie zu überdenken: Wann stiftet Ordnung Sinn und Halt – und wann engt sie ein? Benedikts Regel ermutigt, Strukturen zu gestalten, die sowohl Klarheit als auch gegenseitige Achtung fördern und damit ein harmonisches Zusammenleben ermöglichen.
Joel, Jg. 1993, ist verheiratet, Lokführer und Oblate des Klosters Einsiedeln.
