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Im Laufe seiner bald 1100jährigen Geschichte hat unser Kloster immer wieder Heilige hervorgebracht: von den ersten drei Äbten, die im 10. Jahrhundert lebten und wirkten, bis hin zu Bruder Meinrad Eugster (1848-1925), dessen Seligsprechungsprozess aktuell läuft. Ein Gemälde aus dem 17. Jahrhundert zeigt den Stammbaum der heiligen Mönche von Einsiedeln, die jedes Jahr am 3. August am «Gedenktag aller heiligen Mönche von Einsiedeln» gemeinsam gefeiert werden. Die bekannten und unbekannten Heiligen unseres Klosters werden unter der Rubrik «Einsiedler Heilige» am Tag ihres Heimgangs jeweils vorgestellt und sollen uns so motivieren, unseren eigenen Weg in der Nachfolge Jesu zu gehen.

Bruder Laurentius Strobel (+8.6.1678)

Heiligmässig nennt man Menschen, die zwar nicht offiziell heiliggesprochen wurden, deren Lebens- und Glaubenszeugnis aber ihre Zeitgenossen und Nachfahren so beeindruckte wie jene von Heiligen und Seligen. Auf eine ganz spezielle Art und Weise trifft dies auf Bruder Laurentius Strobel zu. Seinen Mitbrüdern galt er nämlich als «lebendiger Märtyrer». Wie kann man aber schon zu Lebzeiten Märtyrer heissen, wofür man eigentlich um des Glaubens willen einen gewaltsamen Tod erleiden muss?

Bruder Laurentius stammte aus Ifälten in Österreich. Wann er geboren wurde, ist nicht überliefert. Am 30. Mai 1669 legte er die Profess in Einsiedeln ab. Er war Sattler und wurde 1671 in die dem Kloster Einsiedeln gehörende vorarlbergische Propstei St. Gerold geschickt. Alle anderen Informationen, die über ihn bekannt sind, drehen sich um seine Krankheit. Denn er litt an einer Krebserkrankung, die sich vom Hals über sein ganzes Gesicht ausbreitete, ihn furchtbar entstellte und ihm das Reden fast unmöglich machte. Aufgrund des abstossenden Geruches, der dem Kranken anhaftete, sonderte man ihn von der Gemeinschaft ab und liess ihn vier oder fünf Jahre allein im Badehaus des Klosters leben. Dort verbrachte er seine Zeit im Gebet und stellte Kerzen her. Da seine Mitbrüder ihn nur selten aufsuchten, hatte er praktisch keine sozialen Kontakte; nur ein Bursche des Klosters musste ihn mit Nahrung und dem Nötigsten versorgen. Aus eigenem Antrieb versuchte ein Einsiedler Bruder Laurentius zu heilen, indem er ihm die von Krebs befallenen Partien von Mund und Nase amputierte. Dies zeigte zunächst auch Wirkung, belastete aber letztlich das Herz zu stark, so dass Bruder Laurentius am 8. Juni 1678 starb.

Bruder Laurentius wurde also nicht von Feinden seines Glaubens getötet, sondern starb im Kampf gegen den Krebs. Dennoch erhofften seine Mitbrüder für ihn den Siegeskranz der Märtyrer. Sein jahrelanges Dulden und Leiden erschien ihnen als ein wahres Zeugnis (was Martyrium wörtlich heisst) für Christus. Es ist auch nicht weit hergeholt, bei einem solchen Kranken, «verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut» (Jes 53,3) an den leidenden Christus zu denken. In diesem einfachen Mönch scheint die Solidarität Christi mit allen von Krankheit gequälten und in der Not allein gelassenen Menschen auf. So zeigt er, dass man nicht immer Grosses leisten muss, um Zeugnis für Christus abzulegen. Selbst vom tapferen Umgang des Bruder Laurentius mit seinem Schicksal ist wenig überliefert, schon weil ja seine Mitbrüder mangels Kontakt mit ihm, davon nicht viel mitbekamen. Manchmal aber ist das Leid eines Menschen und sein Leben damit, schon so aussagekräftig, dass Hoffnung aufleuchtet auf den Sieg über all das Schlimme.

Zum Autor: Fr. Meinrad Maria Hötzel OSB ist Mönch des Klosters Einsiedeln und Diakon. Als Historiker interessiert er sich insbesondere für die Einsiedler Klostergeschichte und stöbert leidenschaftlich gern in unserem Archiv, um dort immer wieder Interessantes, Erbauliches und Kurioses zu finden. 
 

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