«Wenn der Abt lehrt, halte er sich immer an das Beispiel der Apostel, der sagt: „Tadle, ermutige, weise streng zurecht.“ Das bedeutet für ihn: Er lasse sich vom Gespür für den rechten Augenblick leiten und verbinde Strenge mit gutem Zureden. Er zeige den entschlossenen Ernst des Meisters und die liebe Güte des Vaters.
Härter tadeln muss er solche, die keine Zucht kennen und keine Ruhe geben; zum Fortschritt im Guten ermutige er alle, die gehorsam, willig und geduldig sind; streng zurechtweisen und bestrafen soll er jene, die nachlässig und widerspenstig sind.» (RB 2, 23-25)
„Er mache keinen Unterschied der Person.“ Mit diesen nüchternen Worten beschreibt der heilige Benedikt, was gute Autorität auszeichnet. Nicht Herkunft, Einfluss oder Sympathie dürfen entscheiden – sondern das Leben und die Haltung eines Menschen.
Wo immer wir Verantwortung tragen – im Beruf, in der Familie, in der Gemeinde oder in einem Ehrenamt – entsteht ein Gefälle. Wir beurteilen, entscheiden, fördern oder korrigieren. Gerade hier fordert Benedikt eine innere Klarheit: Autorität braucht ein Herz, das jeden Menschen in seiner Würde sieht. Und sie braucht Gerechtigkeit, die sich nicht von persönlichen Vorlieben leiten lässt.
Unsere Zeit misst oft nach Leistung, Status und Auftreten. Wer überzeugt, gewinnt. Wer leise ist, gerät leicht ins Abseits. Benedikt setzt einen anderen Massstab: Vor Gott zählt nicht der Rang, sondern das ehrliche Bemühen um ein gutes Leben.
Autorität mit Herz und Gerechtigkeit heisst deshalb: die Würde aller achten, fair urteilen, auch wenn es schwerfällt, und Nähe zulassen, ohne parteiisch zu werden.
Wir alle haben solche „Autoritätsmomente“ im Alltag. Die Frage ist aber: Handle ich nach Sympathie – oder vielmehr nach einem gerechten Mass? Benedikts Impuls bleibt auf alle Fälle aktuell: Liebe ohne Unterschied, entscheide mit klarem Mass. So bleibt das Herz warm – und die Gerechtigkeit klar.
Joel, Jg. 1993, ist verheiratet, Lokführer und Oblate des Klosters Einsiedeln.
