Der selige Thietland gehört zu den ersten drei Äbten der Benediktinerabtei Einsiedeln, die seit altersher als Heilige verehrt werden. Da sich seine Verehrung jedoch nicht über unser Kloster hinaus verbreitet hat, besitzt er wie sein Vorgänger Abt Eberhard und sein Nachfolger Abt Gregor nicht das Attribut «heilig», sondern wird als «selig» bezeichnet. Dass die ersten drei Äbte des Klosters Einsiedeln im Ruf der Heiligkeit standen, verdeutlicht die grosse spirituelle Dynamik, welche das im Jahr 934 gegründete Gotteshaus auszeichnete. Das junge, regeltreue und abgeschiedene Kloster besass eine grosse religiöse Ausstrahlung und zog Männer mit hohen monastischen Idealen in den «Finsteren Wald» zur Meinradszelle. Einer von Ihnen war der Alemanne Thietland, der 958 zum Abt der jungen Mönchsgemeinschaft bestimmt worden ist.
Vom seligen Thietland ist wenig Handfestes überliefert. Es heisst, er sei vor seinem Klostereintritt, der in den klösterlichen Annalen für das Jahr 945 verzeichnet ist, Kanoniker (Chorherr) am Grossmünster in Zürich gewesen, dem er als Dekan sogar vorgestanden sei. Doch eine letzte Sicherheit darüber existiert nicht. Er gilt als theologisch gebildet, wird ihm doch in der Überlieferung unseres Klosters eine Erklärung zu den Briefen des Apostels Paulus zugeschrieben. Es scheint, dass Abt Thietland nicht bis zu seinem Tod Vorsteher des Klosters im Finsteren Wald geblieben ist, sondern dass er schon vorher als Abt zurückgetreten sei, um die Verantwortung für die junge Gemeinschaft dem seligen Gregor zu übertragen. Thietland starb an einem 28. Mai, womöglich im Jahr 964.
Während seiner kurzen Amtszeit als Abt hat sich der selige Thietland weder als Bauherr noch als starke Persönlichkeit über die Klostermauern hinaus einen Namen gemacht. Doch das Andenken als jemand, der seinen Glauben und seine monastische Berufung auf authentische und vorbildliche Weise lebte, blieb in den nachfolgenden Jahrhunderten lebendig – vielleicht deshalb, weil er eine Weisung der Benediktsregel gut umsetzen konnte: «Der Abt mache alles Gute und Heilige mehr durch sein Leben als durch sein Reden sichtbar» (RB 2,12).
Der selige Thietland ermutigt uns, unsere tiefste Berufung nicht so sehr im Tun, als vielmehr im Sein zu sehen. Die Liebe, die Hingabe und die Treue machen keinen Lärm und hinterlassen in den Geschichtsbüchern oft keine Spuren. Aber in den Augen Gottes sind sie kostbar und behalten ihren Wert für die Ewigkeit.
Seliger Thietland, bitte für uns!
Zum Autor: P. Philipp Steiner OSB ist Mönch des Klosters Einsiedeln und hier für den Wallfahrtsbetrieb und die Klosterkirche verantwortlich. Seit seiner Kindheit üben die Heiligen eine grosse Faszination auf ihn aus.
