Heiliger Benedikt

Unsere Gemeinschaft lebt im Kloster Einsiedeln nach der Regel des heiligen Benedikt und besteht ununterbrochen seit dem Jahr 934. Sie umfasst heute ca. 50 Mitbrüder zwischen 25 und 90 Jahren.

Wer aber war dieser Benedikt? Oder besser: Wer ist Benedikt? Denn „Benedikt“ ist nicht einfach vergangen. Er ist vielmehr Gegenwart – überall da, wo Augen offen sind, offen für Jesus Christus. Denn dann ist man – wie man auf Deutsch sagt – gesegnet. Im Lateinischen heisst das „benedictus“. Der Name „Benedikt“ bedeutet also „Gesegneter“.

Ja, auch der heilige Benedikt war wahrhaft gesegnet. Ihm sind die Augen geöffnet worden, so dass er Jesus Christus begegnen und ihn erkennen konnte. Daran hängt ja letztlich alles: Dass wir Christus erkennen, egal ob wir heute leben, oder ob wir vor 1500 Jahren gelebt haben, wie der heilige Benedikt. Zu allen Zeiten gibt es Menschen, die Christus begegnen. Darunter aber auch viele, die ihn nicht erkennen. Bei Benedikt war das zum Glück nicht so: Er hat Christus erkannt. Das Licht Christi hat ihm die Augen geöffnet und begonnen, in ihm zu leuchten. Wo dieses Licht aufscheint, kann es unmöglich verborgen bleiben. Auch bei Benedikt nicht. Er wurde bekannt, viele baten ihn, dass er ihnen helfe, Christus zu begegnen und ihn zu erkennen. Benedikt tat es. Er bildete Lebensgemeinschaften, in welchen jeder Einzelne sein Leben ganz nach Christus ausrichten konnte. Das waren die ersten Benediktinerklöster. Benedikt leitete sie durch seine Predigt, mehr aber noch durch sein Lebensbeispiel. Zuletzt hinterliess er seinen Mönchen eine schriftliche Regel, nach der auch heute noch die Benediktinerklöster ihr Leben ausrichten. Inhalt dieser Regel ist das Evangelium, nur einfach für das tägliche Leben in der Gemeinschaft ausgelegt. Sie will alle, die sie befolgen, zu Christus führen. Damit bleibt sie trotz ihres Alters jung und aktuell – so wie das Evangelium immer jung und aktuell ist, denn Christus ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit.

Nebst der Regel ist uns von diesem Benedikt auch eine Art Biographie überliefert. Allerdings handelt es sich nicht um eine Biographie im modernen Sinn, die genau beschreibt, wann und wo er geboren wurde, welches seine Familie war, wann er welche Schulen besuchte und was er sonst noch alles im Leben bis zu seinem Tod getan hat. Nein, die Biographie Benedikts will tiefer gehen. Deshalb bezeichnen wir sie auch nicht als „Biographie“, sondern ganz klassisch als „Vita“. Vita heisst einfach „Leben“, meint hier aber ganz besonders das Leben in Christus. Eine Vita will darstellen, was im Leben eines Menschen geschieht, wenn er Christus in sich wohnen lässt.

So erzählt uns die Vita Benedikts an einer Stelle von einem Abendessen im Kloster. Es war dunkel und elektrisches Licht gab es noch nicht. Einige Brüder wurden dazu bestimmt, den Essenden mit einer Kerze zu leuchten. Sie waren im wahrsten Sinne des Wortes Lichtträger. Nun war da aber ein Bruder, der von etwas vornehmerer Herkunft war. Während er mit der Kerze so dastand, begann er den Bruder, dem er leuchtete, zu verachten: „Wer ist denn dieser da? Und wer bin ich? Ich habe es doch nicht nötig, diesem da die Kerze hinzuhalten!“ Im Herzen dieses Bruders tobte also ein Kampf. Da war kein Friede und keine Ruhe. Eine unglaubliche Spannung zeigt sich uns: Nach aussen ist der Bruder ein Lichtträger, aber tief drinnen in seinem Herzen ist es dunkel und finster. An dieser Stelle tritt nun Benedikt, der Träger des Lichtes Christi, auf den Plan. Dank dieses Lichtes erkennt er die Dunkelheit im Herzen seines Bruders. Unverzüglich fordert er ihn auf, sein Herz mit dem Zeichen des Kreuzes zu bezeichnen, auf dass seine Finsternis gekreuzigt und das Licht des Auferstandenen neu hineinleuchten kann. Die Kerze sollte er einem anderen Bruder abgeben und sich während der restlichen Mahlzeit ruhig hinsetzen. Freilich verstanden die anderen Brüder die Handlung Benedikts nicht. Erst nachdem ihnen der Bruder erzählt hatte, was sich in seinem Herzen abspielte, wurde ihnen klar, dass Benedikt tief in das Innere seines Bruders blicken und erkennen konnte, welch unmöglicher Spannung dieser ausgeliefert war. Indem er die Situation des Bruders nicht im Dunkeln liess, sondern offen ansprach, trug er dazu bei, dass in dessen Herzen wieder Licht und Ruhe einkehren konnte.

Benedikt war (und ist!) also ein Mensch, der in seinem Leben Christus begegnet ist und in dem in der Folge das Licht Christi aufzustrahlen begann. Im Falle Benedikts so hell, dass es auch in die Herzen seiner Brüder zu leuchten vermochte.

Und wer sind die Benediktiner? Es sind Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als in ihrem Leben Christus zu begegnen, auf dass auch in ihnen sein Licht aufstrahle. Dafür schliessen sie sich einer Lebensgemeinschaft an, welche die Erfahrungen und Weisungen des heiligen Benedikt seit Jahrhunderten beherzigt und im täglichen Leben neu umzusetzen versucht.