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Predigt von P. Thomas Fässler an Heiligabend 2025

Viel war los in jenen Tagen in Bethlehem. Allerlei Bekannte, aber auch viele Fremde waren in den Gassen zu sehen, die aus allen Ecken des Landes in ihre Heimatstadt geströmt waren, um sich in die Steuerliste des Kaisers einzutragen. Wer kein Bett bei Verwandten oder Bekannten fand, suchte in einer der Herbergen Unterschlupf. Bald waren diese zum Bersten voll, genauso wie die Wirtshäuser, in denen es vor allem abends und nachts laut zu und her ging. Da wurde gesungen, getanzt, gegessen, getrunken. Auch Neuigkeiten wurden ausgetauscht – und nicht zuletzt tüchtig über die römische Besatzungsmacht geschimpft. Schliesslich mussten sie sich nun auch noch registrieren lassen, mit Namen und Vermögensstand – nicht für harmlose Statistiken, sondern als Grundlage für neue Steuern, die ins ferne Rom fliessen sollten. «Wann kommt endlich der verheissene Messias, der diese Römer am Kragen packt und aus unserem Land wirft?», fragten viele. «Schon viel zu lange warten wir auf ihn.» «Hier in Bethlehem soll er doch geboren werden», sagten andere. «So sei es in den alten Büchern geschrieben, wissen die Gescheiten, die Schriftgelehrten.» Ja, die Schriftgelehrten und Hohepriester meinten sehr gut zu wissen, wie Gott ist, wo er zu finden ist – und auch, wer richtig glaubt, und wer nicht.

Lange war es laut im Städtchen. Und als es endlich still wurde, waren die Leute so müde, ja so erschöpft, dass sie sofort einschliefen. Von dem, was derweil draussen in der stil-len Nacht geschah, draussen in einer Krippe in einem verlassenen Stall, bekamen sie nichts mit. Nicht im Lärm, und auch nicht in der leeren Stille.

Auch draussen, auf dem Feld, lagerten Hirten. Vielleicht hätten auch sie gerne getanzt und getrunken. Aber sie gehörten nicht dazu. Die Leute achteten sie nicht – im Gegenteil: Man sah auf sie herab, wollte nichts mit ihnen zu tun haben. Still sassen sie nun da, jeder von ihnen allein bei seiner Herde, um auf die Tiere aufzupassen. Still mussten sie sein, um jedes Rascheln, jeden Schritt zu hören – ob von einem Dieb oder von einem wilden Tier. Denn nur wenn sie wachsam waren, bekamen sie alles mit. In dieser Nacht aber war es bislang sehr still. Einzig das Knacken eines Holzscheites im Feuer war ab und an zu hören. Stundenlang schauten sie in die Flammen und dachten in der Stille der Nacht nach – über ihr Leben, über den Tod, darüber, was noch kommen würde. Vielleicht würden sie einmal im Kampf sterben, zerrrissen von einem Wolf oder gestürzt an einem Abhang. «Ach, wie schön wäre es doch, einfach in Frieden leben zu können. Und welch ein Glück wäre es, den Messias zu erleben und an ihm zu lernen, wie befreiend es ist, Geltungssucht abzulegen, Eitelkeit, Eifersucht und das gegenseitige Verurteilen!» Und plötzlich sahen sie bei sich einen Engel, der sprach: «Heute ist Euch der Retter geboren, Christus, der Herr!» Und sie gingen hin und fanden alles so, wie ihnen gesagt worden war: Sie fanden den Messias, als kleines Kind, in Windeln gewickelt, in eine Krippe gelegt.

Nahe am Geschehen zu sein, ist keine Garantie dafür, dass man es auch wahrnimmt. Wer von uns, liebe Schwestern und Brüder, nimmt inmitten von Projekten und Terminen, Sitzungen und Deadlines, ja sogar dem Freizeitstress wahr, wie still in letzter Zeit eine Kollegin am Arbeitsplatz geworden ist, was ein Mitbruder gerade beschäftigt, worüber sich die eigenen Eltern Sorgen machen? Wir gehen das Treppenhaus rauf und runter, mal im Schuss, mal langsam. Haben wir uns dabei schon einmal überlegt, wie oft denn eigentlich der alte Nachbar im zweiten Stock Besuch erhält?


Nahe am Geschehen zu sein, ist keine Garantie, aber auch keine Voraussetzung dafür, um es wahrnehmen zu können. Neben den Hirten gab es nämlich auch noch eine zweite Gruppe von Menschen, die das stille Wunder draussen im verlassenen Stall bemerkt hat: Fremde, weit entfernt. Auch sie gehörten nicht dazu, waren «kei Hiesigi», sprachen nicht einmal dieselbe Sprache. Aber auch sie hatten ihre Sinne geschärft und nahmen wahr, was anderen in nächster Nähe verborgen blieb. In aller Ruhe beobachteten sie die Zeichen und schauten geduldig hinaus in den stillen Himmel, hinauf zu den alten Sternen. Darüber, was sie sahen, sannen sie in ihrer Gelehrtenstube nach. Auch sie waren gescheit – und zwar so sehr, dass ihnen klar war, dass sie im Grunde genommen nichts wussten. Deshalb waren sie offen für das Neue, ja rechneten mit dem Überraschenden. So sahen sie wirklich hin und erkannten: Da ist was Grosses passiert, da draussen in der Stille. Ja, es gibt Menschen, die lassen sich bewegen, von dem, was andere auch weit weg entfernt erleben und von dem sie in den Nachrichten hören.

Gott ist nahe, in jedem Menschen, der uns begegnet. In jedem, der uns braucht. Bethlehem ist überall. Um es zu bemerken, braucht man allerdings wache Sinne, die bewusst geschärft werden, etwa in Momenten der Ruhe, fernab von jeder gesuchten oder aufgedrängten Zerstreuung. Man braucht ein Herz, das sieht, um den schon lange Ersehnten auch direkt neben mir zu erkennen. Amen.

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