„Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!“ Kommt uns, liebe Schwestern und Brüder, dieser Text aus dem heutigen Evangelium nicht bekannt vor? Tatsächlich, er ist doch Teil einer jeden Eucharistiefeier, Teil des Sanctus, unmittelbar bevor die auf den Altar getragenen Gaben von Brot und Wein gewandelt werden in Leib und Blut Christi, Christus also mitten unter uns gegenwärtig wird. „Hosanna in der Höhe“ – der Ruf, mit dem Christus einst in Jerusalem begrüsst wurde, ertönt auch bei seinem Einzug in unsere eigene Mitte.
„Hosanna“ sangen damals aber lediglich die, die Christus tatsächlich als solchen erkannt haben, die in Jesus von Nazareth ihren Erlöser sahen: seine Jünger, jene also, die ihm nachfolgten. Viele aber in Jerusalem zogen nicht vor ihm her, begrüssten ihn nicht und sangen kein „Hosanna!“. Sie erkannten ihn nicht, wie schon viele Jahre zuvor nicht, als er als kleines Kind unter die Menschen gekommen war. Herodes sei über die Ankündigung seiner Geburt durch die fremden, heidnischen Weisen aus dem Morgenland erschrocken – und mit ihm ganz Jerusalem. Nun, da nicht mehr nur die Kunde von ihm, sondern er selbst in die Stadt einzieht, erbebt diese, ja wird sie erschüttert, und man fragt sich: „Wer ist dieser?“, obwohl doch die Zeichen inzwischen längst deutlich genug sind.
In Jerusalem wird sich in den kommenden Tagen kein plötzlicher Stimmungsumschwung vollziehen, wie man häufig predigen hört. Es ist nicht so, dass nun alle Christus zujubeln und nur wenig später lautstark seine Kreuzigung fordern würden. Wir haben zwischen Palmsonntag und Karfreitag keinen Bruch, sondern vielmehr eine Kontinuität, eine klare Linie, die auf das vorherbestimmte Ziel zuläuft. Dabei begegnet uns überall dieselbe Szene: Dass Menschen nicht hören, obwohl sie Ohren haben, und nicht erkennen, obwohl sie doch sehen.
Eine Umkehrung haben wir aber durchaus – allerdings nicht bei den Leuten, sondern bei Jesus selbst, und zwar eine radikale und in vielerlei Hinsicht: So ist er etwa kein König, der auf einem edlen Pferd daherreitet, sondern auf einem Esel, dem Reittier der Armen. Umkehren wird er auch die Bedeutung des Gartens, jenes Ortes, an dem sich die ersten Menschen von Gott abgewandt hatten, nicht auf ihn hören, sondern eigene Wege gehen wollten, weil sie meinten, diese seien besser und sie kämen zu kurz, wenn sie ihm folgen würden. Schon wieder wird auch in diesen Tagen der Garten zum Ort des Verrats werden, in Getsemani. Christus aber kehrt auch dieses Symbol des Ungehorsams, der Enttäuschung und des Verrats um, indem er den Garten als Ort der Auferstehung wählt, mit der er zeigt: Der neue Bund wird von dem, der ihn versprochen hat, gehalten – nicht wie der alte, der von den Menschen immer wieder gebrochen wurde, auch nicht einer, der mit fremdem Blut von Opfertieren besiegelt wird, sondern mit eigenem Blut, sodass man sich schon zwei Mal überlegt, ob man ihn auch wirklich schliessen will.
Und wir? Haben wir, die wir „Hosanna“ rufen, vorhin und in jeder Eucharistiefeier, Christus auch wirklich erkannt – ihn und seine Botschaft der radikalen Umkehrung der Dinge: Dass er sich als Gott klein macht und wie ein Sklave wird, dass er – das Leben selbst – für uns stirbt? Dass die Reichen leer ausgehen, die Armen aber gesättigt werden, dass die Weinenden lachen werden? Dass er kein Reich errichtet, in dem es das Höchste ist, bedient zu werden – sondern ein Reich, in dem die Letzten von Gott besonders geliebt werden, jene also, die von so vielen, vielleicht auch von uns, geringgeschätzt werden? Und dass wir nicht nur die lieben sollen, die uns Gutes tun? Denn Christus – auch dies eine starke Botschaft der Umkehr – Christus stirbt selbst für die, die ihn nicht erkannten, ihn gar verrieten – er stirbt für alle Menschen und gibt ihnen so die Möglichkeit, das Heil zu erlangen, nicht nur den Frommen, quasi als Belohnung für ihr gottgefälliges Leben. Sein Reich reicht von Meer zu Meer, niemand ist ausgeschlossen. Denn – so schreibt es Paulus – „er will, dass alle Menschen gerettet werden. [Er], der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle (1 Tim 2,5f.).“ Amen.
