Ecce homo (1882)
Ja! Ich weiss, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr’ ich mich.
Licht wird Alles, was ich fasse,
Kohle Alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich.
Liebe Brüder und Schwestern!
Dieses Gedicht wurde vom späten Friedrich Nietzsche geschrieben. Der Poet und Philosoph, Sohn eines lutherischen Pfarrers, hat es unternommen, wie so viele vor und nach ihm, das menschliche Leben zu ergründen und zu verstehen. Ergänzende Abschnitte aus zwei weiteren Gedichten der gleichen Periode des Dichters zeigen, wie verwirrend vielfältig, ja gegensätzlich das Leben sein kann.
Aus dem Gedicht Vereinsamt (1884):
…
Flieg, Vogel, schnarr
dein Lied im Wüstenvogel-Ton! -
Versteck, du Narr,
dein blutend Herz in Eis und Hohn!
…
Die Krähen schrein
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
bald wird es schnein,
weh dem, der keine Heimat hat!
Schließlich aus dem Gedicht Mitternachtslied (1882 / 1885):
…
»Ich schlief, ich schlief—,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht:—
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh—,
Lust—tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit—,
—will tiefe, tiefe Ewigkeit!«
Da werden drei unterschiedliche Aspekte der menschlichen Erfahrung zur Sprache gebracht: der kleine, gar klein gehaltene Mensch will flammengleich emporlodern und enge Grenzen sprengen. Dann wiederum fällt er in den Abgrund bodenloser Einsamkeit – und, wieder anders, steht er unter dem Bann der Lust, welche Ewigkeit, tiefe, tiefe Ewigkeit will.
Extreme Erfahrungen des neuzeitlichen Menschen prägen, übrigens, auch das Lebensgefühl des Menschen des Alten Testaments. Auf die gleiche Frage, was der Mensch denn sei, geben zwei Psalmen völlig gegensätzliche Antworten. Psalm 8 (cf. Ps 8, 5f) meint, Gott habe den Menschen nur wenig unter die Engel gestellt und mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, während Psalm 144 (cf. Ps 144, 3f) dem entgegenhält, der Mensch gleiche einem Windhauch, einem vorüberziehenden Schatten.
Den drei Gedichten Nietzsches ist eines gemeinsam: sie reichen hinein in das gefühlte Unendliche: Grenzen wollen gesprengt werden, der dunkle Abgrund der Einsamkeit reißt seinen Schlund auf und die Sehnsucht, Zeit anzuhalten, ja, Zeit in Ewigkeit übergehen zu lassen, wird unabweisbar.
Nietzsche hatte sich zum Zeitpunkt der Abfassung der drei Gedichte vom Christentum radikal losgesagt, weil er ihm vorwirft, ein negatives und erniedrigendes Bild vom Menschen zu schaffen und ihn zu binden im Bigotten, Kleinlichen, Schwächlichen und Banalen.
Doch stimmt diese Kritik grundsätzlich?
Das erste Gedicht – ich hatte beim Vortragen seine Überschrift absichtlich unterschlagen – trägt den Titel „Ecce homo“. Dieser ist entlehnt (vgl. Joh 19.5): Die Worte sind Pontius Pilatus zugeschrieben und beziehen sich auf die Person Jesu, der am Karfreitag mit Dornen gekrönt und in einen purpurroten Mantel gehüllt zum Verhör erscheint – „seht da, der Mensch“!
Verbinden sich in diesem Menschen nicht genau die Erfahrungen, die Nietzsche in Worte fasst: das Grenzen Sprengende, das Durchleben tiefster Einsamkeit und das Hineinreichen ins Ewige? Da offenbart sich Gott doch in seiner dem Menschen vollkommen zugewandten Seite. Nietzsche will das Christliche zugunsten seines eigenen groß gezeichneten Bildes vom Menschen überwinden. Das Christliche hingegen will nicht, umgekehrt, den Menschen überwinden, sondern ihn aufheben und einbetten in ein Entgrenzendes, Erlösendes und Erfüllendes.
Da greift Ostern. Der leidende und verspottete Christus an der Geißelsäule ist nicht das Ende. Er kommt von Gott und wird von ihm nach seinem Tod am Kreuz auferweckt. Es zeigt sich: Gott hat das letzte Wort, das ein Wort des Lebens ist. Dieses Wort gilt auch für uns, die wir durch die Taufe mit Christus verbunden sind – und wohl für alle suchenden Menschen guten Willens, die ernsthaft nach ihrem Gewissen leben.
Es fällt auf, dass in den drei erwähnten Gedichten Nietzsches nirgendwo von einem Miteinander, nirgendwo von Beziehung die Rede ist. Ganz Anderes berichtet uns das heute verkündigte Evangelium von den Jüngern von Emmaus: Zu zweit sind sie auf dem Weg, nicht allein. Im Gespräch und in der gemeinsamen Trauer, im Teilen, tut sich eine neue Möglichkeit auf: der auferstandene Herr erscheint und geht mit ihnen. Zuerst unerkannt, dann offenbar geworden in der für ihn bezeichnenden Geste des Brotbrechens. Da geschieht Beziehung, in der Beziehung wird neues Erkennen geschenkt und die Blindheit des Herzens geheilt.
Sehr berührend ist der ergänzende Blick auf ein frühes Gedicht Nietzsches. Es trägt den Titel „Dem unbekannten Gott“ (1864) und zeigt den Dichter noch auf der Stufe verweilend, wie sie der Predigt des Paulus auf dem Areopag in Athen entspricht (Apg 17,22-31). Auch dieser Titel ist also entlehnt und im Neuen Testament verankert. Das Gedicht bezieht sich ausdrücklich auf die Frage nach Gott, der hier nun, in zähem Ringen, als ein Du, als ein Gegenüber erfahren wird. Ist nicht auch ein hartnäckiges Ringen Ausdruck einer besonders intensiven Beziehung? Das Gedicht lautet folgendermaßen:
Noch einmal Blicke vorwärts sende,
heb ich vereinsamt meine Hände
zu Dir empor, zu dem ich fliehe,
dem ich in tiefster Herzenstiefe
Altäre feierlich geweiht,
dass allezeit
mich Deine Stimme wieder riefe.
Darauf erglüht tiefeingeschrieben
das Wort: Dem unbekannten Gotte.
Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte
auch bis zur Stunde bin geblieben:
Sein bin ich - und ich fühl die Schlingen,
die mich im Kampf darniederziehn
und, mag ich fliehn,
mich doch zu seinem Dienste zwingen.
Ich will Dich kennen, Unbekannter,
Du tief in meine Seele Greifender,
mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender,
Du Unfassbarer, mir Verwandter!
Ich will Dich kennen, selbst Dir dienen.
Ein Letztes. In Italien nennt man den Ostermontag Lunedì dell’Angelo – Montag des Engels. Es ist der Engel, der in den Evangelien des Markus, des Matthäus und des Lukas den Frauen sagt, dass der Herr auferstanden sei, dass er nicht mehr im Grab gesucht werden möge. Eine wichtige Kunde auch für uns! Wir sollen den Herrn nicht in den modrigen Gräbern unserer Lebensgeschichte suchen. Nicht die Vergangenheit ist unser Halt, Halt ist Jesus Christus, der uns aufbrechen lässt, uns mitnimmt, ja, wie ein guter und treuer Hirt uns bisweilen trägt als ein verirrtes Schaf. Er ist unser wahres Leben, jetzt und in Ewigkeit. Amen.
