Liebe Schwester und Brüder in Christus,
«du musst dein Leben ändern!» So muss die gerade gehörte Aufforderung Jesu bei dem jungen Mann angekommen sein und sie hat ihn überfordert, deswegen ging er traurig weg. Kennen wir dieses Gefühl der Überforderung nicht auch? Sind wir heute nicht stets mit der Aufforderung konfrontiert, unser Leben zu ändern: klimabewusster leben, sich gesünder ernähren, mehr Sport machen, besser darauf achten, wen man mit der eigenen Wortwahl, womöglich ausgrenzt oder verletzt, die eigene Mediennutzung reflektieren, seine Zeit effektiver nutzen, die eigenen Fähigkeiten und Potentiale ausschöpfen, Achtsamkeit und Ausgeglichenheit trainieren? Ich jedenfalls fühle mich leicht erschlagen von all den Ansprüchen der Selbstoptimierung, die heutzutage auf einen einprasseln. Da möchte ich manchmal auch am liebsten traurig davongehen.
Der heilige Meinrad ist nicht traurig davongegangen. Wenn man sich seine Heiligenvita so anschaut, dann scheint er all den Forderungen der Selbstoptimierung seiner Zeit nachgekommen zu sein. Er wuchs auf der Klosterinsel Reichenau auf, wo er ausgebildet wurde, und folgte schliesslich dem Rat, dort Mönch zu werden. Schliesslich galten in seiner Zeit die Ordensleute als die wahren Christen, denn eigentlich, so die verbreitete Meinung, ein wirklich evangeliumsgemässes Leben könne man nur im Kloster führen. Aber in den Klöstern selbst hatte man den Eindruck, dass sich auch hier schon viel zu viel Nachlässigkeit, Halbherzigkeit und Kompromisse eingeschlichen hatten: die wahren Mönche, das waren die Einsiedler, die ihr ganzes Leben in der Askese des Fastens, Wachens und Betens verbrachten. Und so folgte Meinrad auch diesem Ideal seiner Zeit und wurde Einsiedler, erst auf dem Etzel und dann in noch konsequenterer Ablösung von der Welt hier im finsteren Wald. Er rang mit all den Versuchungen und Dämonen in sich und besiegte sie, wurde zu einem spirituellen Vorbild und einem gesuchten Ratgeber. Aber auch das war noch nicht genug. Selbst das wenige Lebensnotwendige, das er besass, gab er freigiebig her, aber nicht an die Armen, sondern an jene, die gekommen waren, um ihn zu ermorden, was er schon ahnte. So folgte er Jesus tatsächlich konsequent nach und gab mit all seinem Besitz auch sein Leben hin, weil das Essen, Kleidung und alles, was er ihnen bot, den Ansprüchen seiner Mörder nicht genügte, sondern sie ihm das Leben nahmen.
Wenn wir also jetzt auf den heiligen Meinrad schauen, der hier neben mir steht, blicken wir dann auf das mahnende Bild eines Menschen, der sich von den Ansprüchen der Selbstoptimierung sowie Hingabe und Verfügbarkeit für die anderen letztlich kaputt machen liess? Die Heiligenverehrung hatte und hat ja durchaus die Gefahr, in den Darstellungen von Heiligen Ideale und moralische Perfektion vor Augen zu stellen, die unerreichbar sind und so nur zu Frustration und Überforderung führen, wenn wir versuchen, ihnen nachzueifern.
Wenn ich auf den heiligen Meinrad hier neben mir schaue, dann erscheint er zunächst einmal als eine ehrwürdige Silberbüste. Schön und kostbar, aber doch, so glänzend und poliert, meiner eigenen, längst nicht perfekten Wirklichkeit doch ziemlich fremd.
Aber es handelt sich hierbei ja gar nicht einfach um eine Skulptur, welche die Erhabenheit des beeindruckenden Lebens des heiligen Meinrad und seinen Anspruch wiederspeigelt. Es handelt sich in erster Linie um ein Reliquiar, in dem der Schädel des heiligen Meinrad aufbewahrt wird. So eine Reliquie zu präsentieren, soll nicht einfach Überreste eines verstorbenen Menschen zur Schau stellen, sondern im Glauben an die leibliche Auferstehung ihn selbst unter uns lebendig werden lassen. So sind es nicht nur wir, die ihn und sein Leben anblicken, sondern er schaut auch uns an, so wie Jesus im Evangelium den jungen Mann ansah und lieb gewann.
In der Lesung aus dem Ersten Johannesbrief haben wir gehört «Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben.» Dass wir einen Toten wie einen Lebenden unter uns nehmen können, geht also nur, wenn wir ihn als Liebenden verstehen. Paul Stillhardt, der Metallbildhauer, der dieses Reliquiar geschaffen hat, sagte über sein Werk: «Ich glaube, dass ich ein Antlitz schuf, das Liebe ausstrahlt und in den Augen den unbeirrbaren Glauben an eine bessere Welt bekundet. Es ist die Welt der alles umfassenden Liebe.» Das Reliquiar möchte also in diese Welt der Liebe einladen, wo wir dem heiligen Meinrad begegnen können.
Der heilige Meinrad führte sein Leben immer grösserer Hingabe von allem, was sein Leben prägte, nicht aus einem Drang der Selbstoptimierung und der Weltablehnung, sondern aus dem Drang der Liebe. Die Liebe drängte ihn dazu, sich zunächst immer mehr auf den zu konzentrieren, der ihm Liebe schenkte, nämlich Gott. So weit, dass er dann zu seinen Mördern, als er ihnen Kleider, Speise und Trank und alles, was er besass, schenkte, sagen konnte: «Ich möchte euch aus Liebe zu ihm weitergeben, was er mir an Segen geschenkt hat.» Alles weiterzugeben, was er von Gott empfangen hatte, hiess für ihn dann auch Christus in dem Sinne nachzufolgen, wie es der Erste Johannesbrief formuliert: «Daran haben wir die Liebe erkannt, dass er sein Leben für uns hingegeben hat. So müssen auch wir für die Brüder das Leben hingeben.»
Der heilige Meinrad zeigt so durch sein Leben, dass auf das ewige Leben hin zu leben, in die ewige Gemeinschaft mit Gott hineinzutreten, nicht bedeutet, die Gebote Gottes als unser Leben einschränkende und die Welt für uns ärmer machende Ansprüche zu leben – so hatte es wohl der junge Mann verstanden und deswegen hätte das Aufgeben seines Besitzes für ihn völlige Selbstaufgabe und Entleerung seines Lebens bedeutet. Stattdessen spürt der heilige Meinrad bei jedem Schritt des Loslassens in seinem Leben den liebenden Blick Gottes auf sich, mit dem Jesus auch den jungen Mann angesehen hatte. So empfing er in allem Hingeben und Loslassen tatsächlich einen immer grösseren Schatz, nämlich den Schatz, die Welt umfasst und durchwirkt von der überfliessenden Liebe Gottes zu erkennen, die ihm an jedem neuen, immer ärmlicher und einsamer werdenden Ort seines Lebens Glück und Segen schenkte.
Paul Stillhardt hat dieses Reliquiar mit realistischem menschlichem Antlitz geschaffen, um uns zu helfen, dem heiligen Meinrad hier als lebendigem Gegenüber zu begegnen, der uns davon erzählt, wie er von Gottes Liebe angeschaut und so Christus immer ähnlicher wurde. Im ersten Entwurf hatte Stillhardt aber an ein Reliquiar gedacht, das nur in abstrakten und groben Zügen ein menschliches Antlitz abbildet, so dass jede und jeder seine eigene Vorstellung vom Gesicht des heiligen Meinrad darin finden, ja vielleicht sogar sich selbst darin erkennen könne. Dann können wir vielleicht auch den Blick Jesu auf uns sehen, spüren wie er uns liebgewinnt und erkennen, dass diese Liebe unser Leben verwandelt. Amen.
