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Predigt von P. Meinrad Hötzel am Ostersonntag 2026

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Da schaut wer,
- schaut lange,
die Menschheit
schaut –
schaut immer wieder
betroffen.
Das Grab steht offen
und leer
Wo ist Er?

Ja, wo ist er? In diese Frage aus einem Gedicht der Dichternonne aus dem Kloster Fahr, Sr. Hedwig Silja Walter, können wir wohl auch heutzutage einstimmen. Denn wir feiern zwar Ostern, jubeln, dass die Botschaft, dass Jesus Christus von den Toten auferstanden ist, um die Welt geht, seit Maria von Magdala sie ausgerichtet hat. Aber was sagt uns das heute in unserem Leben? Wo ist er da? Können wir uns angesichts der Kriege, Krisen und Spannungen in der Welt, unserer Gesellschaft und der Kirche nicht eher fühlen wie Maria von Magdala bevor sie dem Auferstandenen begegnet ist? Sie steht am Grab Jesu und am Grab der Gewissheiten, die sie durch ihr Leben als seine Jüngerin aufgebaut hatte. Nicht nur hat Maria von Magdala einen geliebten Menschen verloren, auch scheinen nun all die Hoffnung und all der Glaube wieder zerstört, die sie geschöpft hatte, nachdem Jesus sie aus ihrem Leid befreit hatte, Hoffnung für sich, für ihr Volk, für die Welt. Auch wir stehen in unserem Leben ganz persönlich und auch als Gesellschaft als ganze, in der jetzigen Weltlage ganz besonders, vor zerstörten, begrabenen Hoffnungen, vor zerbrochenen Gewissheiten und Sicherheiten.

Aus der Lähmung und Erschöpfung des Schocks über Jesu gewaltsamen Tod hat die Trauer Maria zu seinem Grab geführt, um immerhin in der Erinnerung und der Nähe zu seinem Leichnam ein wenig Halt zu finden. Und dann findet sie das Grab leer. Noch nicht einmal in der Trauer ist ihr Sicherheit vergönnt. Sie holt Hilfe. Aber das bringt gar nichts. Petrus und Johannes untersuchen alles, Johannes findet zu einer Ahnung von Glauben, aber sie verstehen die Situation nicht, sagen die ganze Zeit kein einziges Wort und gehen wieder. Maria steht danach wieder genauso verlassen und verzweifelt da wie vorher.

Frage des Menschen,
der Schöpfung,
von Stern und Getier:
Sehen sich an:
- Wo dann,
wenn nicht hier?
Fragen sich all die Zeiten
daher:
Wer ist der?

So fährt Sr. Hedwig mit ihrem Gedicht fort. Fragen hat unsere Zeit, haben wir Menschen heute ja auch viele. Aber ist es wirklich die nach Jesus Christus? Können wir für die vielen Fragen unserer Zeit nach Frieden, Aussöhnung der Polarisierungen, Gerechtigkeit für Diskriminierte, Verfolgte, Unterdrückte, Bewältigung von Überforderung, Einsamkeit Antworten bei Jesus Christus finden? 

Eine ganz wichtige Rückfrage stellt hier Jesus an Maria von Magdala: Wen suchst du? Suchst du einen Leichnam, um dich in der Trauer und dem Leid um vergangene gute Zeiten einzurichten? Oder suchst du den Lebendigen, den Du in deinem Leben als Jüngerin kennengelernt hast? 

Den aufmerksamen Leserinnen und Lesern des Johannesevangeliums kommt diese Frage bekannt vor. Ganz am Anfang seines öffentlichen Wirkens hatte Jesus die Frage «Was sucht ihr?» den ersten Jüngern von Johannes dem Täufer gestellt, die ihm gefolgt waren, und sie dann aufgefordert «Kommt und seht!». Diese Frage rahmt also die gesamte im Johannesevangelium erzählte Geschichte davon, was die Jüngerinnen und Jünger gesehen und erlebt haben, als sie ihm folgten. Und sie haben ihn als die menschgewordene Liebe Gottes erlebt, der Frieden verkündet, Versöhnung schafft, Gerechtigkeit bringt, uns Menschen dient und beisteht in all unseren Leiden. Kann Maria diesen Jesus auch jetzt am Grab, können auch wir ihn heut suchen und finden?

Er steht in der Leere.
Die ist sein Gewand.
Das Nicht-da
sein Kleid.
Da steht er darin
überall
über die Welt hin.

Der vom Tod auferstand,
ist da,
wo du bist,
wo ich bin.
Der Christos,
der Kyrios, Gott.
Und er spricht:
Fürchtet euch nicht –
Ich lebe!

Als sich Maria gerade in ihrem Gefühl der Verlassenheit und Gottferne ansprechen lässt, erkennt sie ihn. Leicht ist das für sie nicht. Sie muss sich zweimal umwenden, einmal um die Frage des Gärtners «Wen suchst du?» zu hören. Und dann nochmals innerlich, um ihren eigenen Namen aus dem Mund Jesu zu hören. Aus der Erfahrung des Unterwegsseins mit ihm wird ihr klar, dass er sie nicht einfach herausholt aus ihrem Leid und aller Todverfallenheit, sondern dass er dorthin zu ihr kommt und ihr dort Leben schenkt. Aber das fordert von ihr Mut. All die Hoffnung, Perspektive, Zuversicht, all der Glaube, die Jesus Christus geben kann, können nicht bestehen bleiben, wenn sie an menschlichen Vorstellungen von ihm hängen. Diese darf Maria nicht festhalten, muss sie loslassen, um sich das Vertrauen in Jesus Christus schenken zu lassen, das selbst vom Tod nicht erschüttert werden muss, weil er den Tod besiegt hat. Dann kann sie die Botschaft des Lebens, dass Jesus Christus auferstanden ist und lebt, auch zu anderen bringen.

Vielleicht können auch wir heute ähnlichen Mut fassen. Den Mut, in den Sorgen und Ängsten unserer Zeit weder in Ungeduld noch in Resignation zu verfallen. Denn, wenn sich die eigenen Vorstellungen vom eigenen Leben, von der Welt, vom Glauben in den Herausforderungen der Zeit als nicht haltbar erwiesen haben, wie gross ist die Versuchung, schnell nach neuen Heilsbotschaften und Glaubenssätzen zu suchen, sei es bei Versprechungen des Geldes oder der Technologie, in Ideologien oder Nationalismus oder ganz anderswo? Oder die Versuchung, skeptisch und zynisch jegliches Vertrauen und jeden Glauben an einen grösseren Sinn aufzugeben?
Der Mut, wie Maria von Magdala ihn uns zeigt, kann uns zu dem Auferstehungsglauben führen, von dem der hl. Apostel Paulus im Kolosserbrief schreibt, danach zu streben und darauf den Sinn zu richten, was oben ist. Das bedeutet nicht in Weltflucht alles Schöne und Wertvolle des Lebens und der Schöpfung zu verschmähen.

Vielmehr sich von Dunkelheit, Leid, Unzulänglichkeiten, Schwierigkeiten nicht den Blick auf das Leben verstellen lassen. Denn eben, gerade in der Leere, im Gefühl des Niemand-ist-für-mich-da können wir den suchen, der alles Leben in sich hat, weil er zum Leben auferstanden ist: Jesus Christus. Und vielleicht können wir uns so öffnen für den leisen Anruf, der stets erklingt, vertrauter mit ihm werden und so selbst unseren Namen hören, wie Maria von Magdala, und uns umwenden zum Leben. Amen. Halleluja!
 

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