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Predigt von P. Mauritius Honegger am Pfingstsonntag 2026

Liebe Mitchristen 

Neun Tage lang haben wir intensiv um die Gaben des Heiligen Geistes gebetet. Heute erinnern wir uns an sein Herabkommen auf die Apostel am ersten Pfingstfest der Kirchengeschichte. Den Heiligen Geist zu beschreiben ist schwierig, denn er ist unsichtbar und nicht richtig fassbar. Am ehesten kann man ihn an seinen Wirkungen erkennen. Über drei dieser Wirkungen möchte ich in der heutigen Predigt ein wenig nachdenken. 

1. Trost: Der Heilige Geist wird Tröster genannt. Für den heiligen Ignatius von Loyola ist der Trost die entscheidende Wirkung des göttlichen Geistes. Gerade auch in Entscheidungsprozessen, bei der Unterscheidung der Geister, wie er sie nennt, empfiehlt er darauf zu achten, ob wir Trost empfinden, wenn wir über die verschiedenen Alternativen nachdenken, die zur Auswahl stehen. 

Mit dem Trost hängt die Freude eng zusammen. Die Freude des Heiligen Geistes ist keine oberflächliche Freude, die das Leid der Welt und die Probleme des eigenen Lebens ausblendet. Die Freude des Heiligen Geistes ist eine Freude, die aus dem Trost kommt: Auch wenn wir Schweres durchmachen, auch wenn wir Verletzungen erleiden, der Heilige Geist tröstet und heilt. Er relativiert das Leid, weil es zeitlich beschränkt bleibt und in Anbetracht der Ewigkeit Gottes unbedeutend wird. Die Freude des Heiligen Geistes ist eine Freude aus dem Ostersieg: Nicht am Kreuz vorbei, sondern durch Leiden und Kreuz hindurch hat Jesus den Tod besiegt. 

An diesem Pfingstfest sind wir deshalb ganz besonders eingeladen, unsere Verletzungen und Wunden dem wärmenden Licht, der heilenden Liebe des Heiligen Geistes hinzuhalten. Öffnen wir unser Herz für seinen Trost. 

Die zweite Wirkung: Kreativität: Der Heilige Geist wird Schöpfergeist genannt: Der Heilige Geist ist Quelle der Kreativität. Er schenkt Inspiration und Schaffenskraft. Schon in der Bibel heisst es: «Ihr werdet sie an ihren Früchten erkennen». Das menschliche Leben ist dazu berufen, fruchtbar zu sein. Und Fruchtbarkeit gibt es auf mehreren Ebenen: Die Fruchtbarkeit einer Familie, in der das Leben von Vater und Mutter an die Kinder weitergegeben wird. Es gibt aber auch eine geistliche Fruchtbarkeit. Und der heilige Paulus spricht davon in seinem Brief an die Galater: «Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Bescheidenheit und Selbstbeherrschung». 

Der Heilige Geist schenkt Künstlerinnen Inspiration. Der Heilige Geist gibt den Dichtern die richtigen Worte ein. Er hilft uns aber auch zu einem guten Wort im Kleinen, zu einer Ermutigung im Alltag, zu neuer Motivation nach Rückschlägen und Enttäuschungen. Der Heilige Geist ist es, der unser Leben fruchtbar macht, der uns alle in schöpferische, kreative und inspirierende Persönlichkeiten verwandeln will. 
3. Einheit: «Alle sollen eins sein»: So lauten die Worte Jesu aus dem Johannesevangelium. Auch die Einheit ist eine Wirkung des Heiligen Geistes. Und Jesus wünscht sich Einheit für seine Jünger. 

Normalerweise denken wir heute eher von der Pluralität her: Vielfalt gilt als Bereicherung. Und verschiedene Meinung sind auch durchaus wichtig im demokratischen Entscheidungsprozess. Aber Positionen, die unversöhnlich bleiben, die miteinander nicht mehr sprechen wollen, führen zur Spaltung der Gemeinschaft, treiben einen Keil durch die Menschen. 

Verschiedene Faktoren fördern die Einheit einer Gemeinschaft: Gesprächskultur, Respekt, Beziehungspflege. Darüber hinaus hat in der katholischen Kirche der Papst eine wichtige Aufgabe für die Wahrung und Förderung der Einheit. Das Petrusamt ist eine Gabe des Heiligen Geistes an die Kirche, das aber eigentlich der ganzen Menschheit zugutekommt. 

Eine Autorität, die über den nationalen Interessen steht, ist in der heutigen, krisengeschüttelten Zeit notwendiger denn je. Der Papst, der heute über praktisch keine politische oder militärische Macht mehr verfügt, erreicht dennoch – oder gerade deswegen – eine enorme Wirkung mit seinen Initiativen für den Frieden, für die Bewahrung der Schöpfung, für die Unterstützung von armen, notleidendenden Menschen, von Flüchtlingen und anderen besonders verletzlichen Personen. 

Auch reformierte Theologen getrauen sich heute wieder, den Papst zu zitieren. Anglikaner und Armenier sind bereit, über die Anerkennung des Bischofs von Rom zu diskutieren. Es sind kleine Schritte auf das Ziel der Einheit hin, von der Jesus im Evangelium spricht. Der Heilige Geist wirkt oft unauffällig, aber er wirkt. 

«Sie sollen in der Einheit vollendet sein», sagt Jesus weiter. Die Einheit, die der Heilige Geist bewirkt, betrifft nicht nur die Kirche als weltweite Glaubensgemeinschaft. Einheit betrifft auch jeden Menschen persönlich: Einheit bedeutet die Integration unseres ganzen Lebens, die verschiedenen, ja manchmal sogar widersprüchlichen Aspekte unserer Persönlichkeit, unserer Biografie, unserer Beziehungen, unserer Lebensabschnitte. 

In der Einheit vollendet sein. Einheit bedeutet Versöhnung mit sich selbst und mit anderen. Einheit erfordert Liebe und Vergebungsbereitschaft. Beten wir für Papst Leo, dass sein Amt der Einheit der Kirche und der ganzen Menschheit dient. Bemühen wir uns aber auch selber um die Einheit unseres Gewissens und die Geradheit unserer Person. Bemühen wir uns um die Einheit unserer Familien und Gemeinschaften, um die Überwindung von Spaltungen und die Integration von Randständigen und Aussenseitern. 

Tröster – Quelle der Inspiration – Förderer der Einheit. Das sind drei Art und Weisen, wie der Heilige Geist wirkt. Beten wir weiterhin um das Wirken des Heiligen Geistes, für uns selber, für Papst Leo und für die ganze Kirche. Amen.  
 

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