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Predigt von P. Justinus Pagnamenta am Ersten Fastensonntag 2026

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Der heutige erste Fastensonntag führt uns an zwei Schauplätze: in den Garten der Schöpfung und in die Wüste, in der Jesus vom Teufel versucht wird.

Im Garten war der Mensch ganz geborgen in der Güte seines Schöpfers. Alles stand ihm zur Verfügung, denn der Herr hatte «aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen lassen, begehrenswert anzusehen und köstlich zu essen» (Gen 2,9).

Alles war dem Menschen als Gabe anvertraut, und der Herr gab ihm nur ein einziges Gebot: «Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen; doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du gewiss sterben» (Gen 2,16–17). Ein einziges «Nein» – doch alles andere ist ein grenzenloses «Ja». Nur ein einziger Baum ist dem Menschen vorenthalten; alles Übrige ist ihm als freies Geschenk gegeben, ganz ohne Gegenleistung.

In Wahrheit war das erste Gebot Gottes kein Verbot und keine Verweigerung von etwas Gutem, sondern eine Warnung oder eine grundlegende Einsicht: Der Mensch, der nach dem Bild Gottes erschaffen wurde, kann nicht selbst Gott werden; getrennt von seinem Schöpfer kann der Mensch nicht leben.

Und doch – angesichts dieser einzigen Grenze – gerät das menschliche Herz ins Wanken. Anstatt die Fülle des Geschenkten zu schätzen, lässt es sich ausgerechnet von dem anziehen, was vermeintlich fehlt. Der Schlange gelingt es, im ersten Menschen einen quälenden Zweifel zu säen: «Meint Gott es wirklich gut? Will er meine Grösse und mein Glück einschränken? Behält er vielleicht gerade das für sich, was ich mir selbst nehmen könnte?»

Dies ist die eigentliche diabolische Versuchung: der Gedanke, wenn Gott nicht gibt, muss ich es mir eben selbst nehmen; ich muss mein Glück erzwingen und mir erkämpfen, was mir scheinbar vorenthalten wird. Genau dieser Bruch – der Übergang von der Logik der Gabe zur Logik der Macht und des Besitzes – vergiftet die Beziehungen: die Beziehung zu Gott und die Beziehungen unter uns Menschen. Die Folgen sind dramatisch: Die Gottebenbildlichkeit des Menschen wird verdunkelt, und das Paradies, in dem alles reines Geschenk war, verwandelt sich in ein unwegsames Land, in dem der Mensch sein Brot mühsam verdienen muss.

Jesus, der Sohn Gottes, tritt freiwillig in diese von der Sünde verletzte Welt ein. Noch bevor er sein öffentliches Wirken beginnt, wird er vom Geist in die Wüste geführt. Diese Wüste ist weit mehr als ein geografischer Ort: Sie erinnert an das lange Umherwandern Israels auf dem Weg ins verheissene Land und ist zugleich ein Sinnbild für unsere eigene irdische Pilgerreise hin zur himmlischen Heimat.

In dieser Wüste wird Jesus in seiner Treue zum Willen des Vaters geprüft. 

Der Versucher drängt ihn dazu, seine Stellung als Sohn Gottes zum eigenen Vorteil zu missbrauchen, und stellt ihm schliesslich sogar die Herrschaft über alle Reiche der Welt in Aussicht. Eine verführerische Verlockung. Doch Jesus gibt nicht nach. Er missbraucht seine Autorität als Sohn Gottes nicht. Er nutzt seine Macht nicht für egoistische Zwecke, sondern stellt sie ganz in den Dienst des Willens des Vaters.

«Wenn du Gottes Sohn bist …» – mit diesen Worten beginnt die Versuchung in der Wüste. Zugleich sind sie die Vorboten der letzten und tiefsten Versuchung, die den Sinn seines ganzen irdischen Lebens zunichte gemacht hätte: «Wenn du Gottes Sohn bist, steig herab vom Kreuz!» (Mt 27,40). Doch Jesus bleibt treu – auch in dieser letzten Prüfung.

Jesus hat nicht nur die Logik der Macht und des Besitzes zurückgewiesen, sondern die Logik der Gabe in eine neue, tiefere Dimension geführt. Diese erschöpft sich nicht im dankbaren Empfangen dessen, was der Vater schenkt. Sie mündet in die radikale Selbsthingabe, in das vollkommene Geschenk seines eigenen Lebens.
Jesus lädt uns ein, ihm auf diesem Weg zu folgen. Die Logik der Gabe und der Selbsthingabe ist der Weg, der uns zur Auferstehung führt und unsere Gottebenbildlichkeit wiederherstellt. Die Fastenzeit ist eine besonders gute Zeit, diese Logik der Gabe neu zu entdecken.

Jesus lehrt uns, ein «Nein» zu sprechen: Nein zu den Illusionen, die uns Unabhängigkeit und Macht versprechen, uns aber schliesslich in die Einsamkeit und in den Tod führen. Und er lehrt uns, ein «Ja» zu sprechen: Ja zum Willen des Vaters. Denn nur Er macht uns wirklich frei und fähig, selbst ein Geschenk für andere Menschen zu werden.

Liebe Schwestern und Brüder!

Lassen wir uns in diesen vierzig Tagen vom Geist führen – hinein in unsere inneren Wüsten. Gerade dort will Christus uns begegnen. Vertrauen wir uns ihm an, dann bleibt diese Fastenzeit nicht bloss eine liturgische Zeit im Kirchenjahr, sondern wird zu einem wertvollen inneren Weg: ein Weg aus der Wüste zurück in den Garten, von der Angst zum Vertrauen, von der Sucht nach Macht und Besitz zur Freiheit der Hingabe.

Amen.
 

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