Liebe Schwestern und Brüder,
Als ich begann, mir zu dieser Predigt Gedanken zu machen und im Gebet zu meditieren, kam mir eine Geschichte meiner Jugendzeit in den Sinn.
Mein Gesanglehrer sagte mir: «Je höher du singen willst, desto tiefer musst Du in dich gehen». Es ging darum sich zu entspannen, sich in seinem Grund zu verankern, um einen hohen Ton zu singen, wie wenn es eine tiefe Note wäre. Er sprach von der Luftsäule, bei der beide Extreme aufeinander angewiesen sind. Vielleicht ist es klarer mit einem anderen Bild: Je höher wir ein Turm bauen wollen, desto robuster und stabiler muss das Fundament gebaut werden. Das Eine geht nicht ohne das Andere.
Mit der Spiritualität ist es nicht anders. Je spiritueller wir sein wollen, desto mehr muss diese Spiritualität inkarniert sein.
Was hat das mit dem heutigen Fest der Himmelfahrt Christi zu tun? Ohne den Abstieg Gottes, gibt es auch keine Auffahrt. Paulus schreibt in seinem Brief an die Epheser: «Was aber bedeutet ‘er ist hinaufgestiegen’ anderes, als dass er auch in die Tiefen der Erde hinabgestiegen ist? Er, der hinabgestiegen ist, ist derselbe, der auch hinaufgestiegen ist über alle Himmel hinaus, um das All zu erfüllen» (Eph 4, 9-10). Der bekannte Philipper-Hymnus sagt das Gleiche mit anderen Worten: «Christus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäusserte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht» (Phil 2, 5-9).
Das Leben Jesu weist darauf hin, dass Spiritualität keine Flucht vor der Welt, vor der Wirklichkeit oder vor dem Alltag ist. Sie ist kein Mittel, um unseren Problemen zu entkommen. Im Gegenteil: Es geht in der Spiritualität um eine Verwandlung unseres Alltags.
Wahre Spiritualität zeigt sich nicht durch unsere theologischen Kenntnisse, so schön sie auch sein mögen. Sie weist sich nicht durch einen frommen Wortschatz oder durch religiöse Körperhaltungen aus. Spiritualität misst sich auch nicht an der Anzahl der Messen, die wir besuchen, oder an den Rosenkränzen, die wir beten. Ein falsches Verständnis dieser wertvollen Mittel kann uns sogar von Gott entfernen.
Spiritualität hat mit dem „Spiritus“, mit dem Heiligen Geist zu tun. Sie ist eine Gabe Gottes und unsere eigene Fähigkeit, in der Gegenwart Gottes zu leben. Spiritualität besteht darin, dass das Leben und die Liebe Gottes unsere Gedanken, Worte und Taten durchdringen. Der Geist kann sich ohne die Materie nicht manifestieren. Deshalb existiert wahre Spiritualität nur in, mit und durch die Materie.
Deshalb fährt Christus nicht auf, weil es ihm gelungen wäre, der menschlichen Existenz zu entfliehen, oder seinen Leib zu verlassen, um wieder reiner Geist zu werden. Im Gegenteil, er nimmt sein verwandeltes Fleisch, mit seinen Wunden, mit seinem ganzen Menschsein mit hinein in das Geheimnis Gottes. Er ist nicht aufgefahren, um unsere Welt zu verlassen, sondern um sie auf eine andere Weise zu bewohnen. So ist die Himmelfahrt kein Abschied, keine Abwesenheit, sondern eine neue und eine andere Art, gegenwärtig zu sein. «Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt» sagte Jesus im heutigen Evangelium.
Paradoxerweise ist der Himmel das, was Gott überall gegenwärtig macht. Indem Christus in den Himmel auffährt, verlässt er das „Hier oder Dort“, um „alles in Allem“ zu sein (1 Kor 15,28). So ist der Himmel, theologisch gesehen, kein Ort, sondern die Qualität einer Beziehung. Er ist die unsichtbare Dimension, die unsere gesamte irdische Realität trägt und durchdringt.
Liebe Schwestern und Brüder,
Mit Christus in den Himmel aufzufahren bedeutet eigentlich, den Himmel in jede Faser unseres Alltags herabzuholen. Die Himmelfahrt ist keine Flucht aus der Realität, sondern die Vollendung einer totalen Menschwerdung. Je tiefer wir unser Menschsein bewohnen, desto fähiger werden wir für die Göttlichkeit.
Deshalb wagten Heilige und Weise, wie Thérèse von Lisieux, zu sagen: «Eine Stecknadel aus Liebe aufzuheben, kann eine Seele bekehren.» Oder Teresa von Avila, die ihren Schwestern sagte: «Wisst, dass der Herr auch zwischen den Kochtöpfen wandelt.» Für Bruder Lorenz von der Auferstehung unterschied sich die Zeit der Arbeit nicht von der Zeit des Gebets. Und für Madeleine Delbrêl war das Gehen auf der Strasse oder das Entgegennehmen eines Telefonats ein Akt der Anbetung, wenn es «in Ihm / in Gott» geschieht.
Maurice Zundel, Priester und Mystiker, fasst es wunderbar zusammen: « Das Sakrale ist nirgendwo anders als im Profanen zu finden, wenn es mit Liebe gelebt wird. ».
So ist die Himmelfahrt, nichts anderes als der Eintritt der «menschlichen Materie» in die göttliche Gegenwart. AMEN.
