Grosse Ereignisse werfen immer ihre Schatten, bzw. ihre ersten Lichtstrahlen voraus. Das Geschehen um die Auferweckung des Lazarus dient allein der Verherrlichung Gottes, wie wir zu Anfang des Evangeliums heute hörten; Jesu Auferstehung bleibt ein einmaliges Ereignis.
Bedenken wir: Lazarus wurde von Jesus in ein Leben zurückgerufen, das wiederum mit dem Tode enden wird – Jesus hingegen war nach seiner Auferstehung von Gott verherrlicht und hatte das Ewige Leben. Es gilt: wer an ihn glaubt und Jesus nachfolgt, der wird nicht endgültig sterben, sondern auferstehen zum Ewigen Leben in der Herrlichkeit Gottes. Das ist kurz zusammengefasst die Frohbotschaft des heutigen Sonntags – und diese Worte hören wir bekanntlich bei jeder Beisetzung, wenn wir von Verstorbenen Abschied nehmen.
Liebe Gemeinde! Leben und Tod haben in der Heiligen Schrift eine weitaus grössere Bedeutung als im menschlichen Sprachgebrauch – Leben bedeutet da nicht nur Bewegung der Körperteile, den Blutkreislauf, den Stoffwechsel oder die Funktion des Gehirns. Leben im biblischen Sinn bedeutet da immer in einer lebendigen Beziehung zu Gott stehen und zu tun, was er uns gesagt hat – mit ganzem Herzen an Gott glauben. Tod, das bedeutet im Gegensatz dazu: all meine Beziehungen zu Gott sind eingeschlafen – ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Wir kennen vielleicht einen ähnlichen Zustand, wenn jemand über einen anderen sagt: der ist für mich gestorben, mit dem will ich nichts mehr zu tun haben.
Selbstverständlich ist derjenige dann nicht tot, aber die Beziehungen sind wie abgestorben. – Fragen wir uns: ist solch ein Leben denn überhaupt noch lebenswert; ist das menschenwürdig, so ganz ohne Liebe, ohne Freundschaft zu leben, ohne von andern angenommen zu sein?
Meine Lieben, Lazarus war zwar gestorben, aber für Jesus ist niemand tot, weil er niemand vergessen kann und will – so kommt er auch zum toten Lazarus – er hat Mitleid mit seinem Freund; das Leben seines Freundes ist ihm wichtig. Und gerade in der dunkelsten Stunde im Leben des Lazarus offenbart sich an ihm Gottes Herrlichkeit. Ich meine, das ist eine echte Frohbotschaft für uns alle: gerade, wenn es um uns dunkel wird, wenn Leid und Sterben uns umfangen – wenn wir nicht mehr weiterwissen – gerade da ist Gott bei uns! In dieser Situation – da stellt Jesus seiner Freundin Martha, der Schwester des verstorbenen Lazarus eine entscheidende Frage – und diese Frage gilt auch uns: GLAUBST DU DAS? – GLAUBEN SIE DAS – die Hörer des Evangeliums?
Vor 240 Jahren hat ein amerikanischer Politiker diese Frage folgendermassen beantwortet – Benjamin Franklin 1706 bis 1790, der auch bei der Unabhängigkeitserklärung mitwirkte. Er war in seiner Jugend Buchdrucker und hatte mit 60 Jahren bereits seine Grabsteininschrift verfasst. Er war damals zu Tode erkrankt, erreichte dann aber doch noch ein Alter von 84 Jahren.
Die Grabinschrift lautete: Hier liegt der Leib Benjamin Franklins, eines Buchdruckers. Er gleicht dem Deckel eines alten Buches, die Seiten des Buches sind unlesbar geworden und die goldenen Buchstaben sind verblasst. Doch der Verstorbene glaubt, sein Lebenswerk ist nicht verloren. Es wird neu erscheinen in einer neuen, schöneren Buchausgabe – durchgesehen und verbessert vom wirklichen Verfasser seines Lebensbuches.
Liebe Schwestern und Brüder, ich konnte Ihnen heute leider nicht erklären, wie Jesus den Lazarus auferweckt hat und wie dieser in Binden eingewickelte Lazarus aus dem Grab heraus auf Jesus zugegangen ist – aber eines können wir wohl alle sagen, nachdem wir das heutige Evangelium gehört haben: Die Begegnung mit Jesus bringt Licht und Leben – dem Lazarus damals und uns heute. Wer sich von Gott etwas sagen lässt, wer ihm im Sakrament im Wort und Brot gläubig begegnet – für den beginnt das neue, hoffnungsvolle Leben in Gott.
