„Verhärtet eure Herzen nicht. Hört auf die Stimme des Herrn!“
Dieser Aufruf ist das Erste, was wir Mönche jedes Jahr zu Beginn der Fastenzeit zu hören bekommen, wenn wir uns am frühen Morgen des Aschermittwoch zum ersten gemeinsamen Gebet versammeln. „Verhärtet eure Herzen nicht. Hört auf die Stimme des Herrn!“
Dieser Aufruf ist dringend, denn der Mensch hat schon am Anfang seiner Geschichte sein Herz Gott gegenüber verhärtet – mit verheerenden Folgen für ihn selbst wie auch für seine Mit- und Umwelt, ja für die ganze von Gott geschaffene Welt. Diese Herzenshärte ist der eigentliche und tiefste Grund für alle harte Gewalt, die die Menschheitsgeschichte von Anfang an begleitet – wovon gerade auch unsere Tage beredtes Zeugnis geben; durchaus beunruhigend, ja beängstigend, bisweilen empörend, obwohl es uns eigentlich ganz vertraut sein müsste.
„Verhärtet eure Herzen nicht. Hört auf die Stimme des Herrn!“ – Dieser Aufruf ist ein Zitat aus Psalm 95. Von diesem will der heilige Benedikt in seiner Regel, dass er im Kloster jeden Morgen oder doch sehr, sehr oft als erstes gebetet wird. Der Aufruf, das Herz gegenüber Gott nicht zu verhärten, ist täglich nötig – und dies nicht nur in der Fas-tenzeit. Im Psalm 95 heisst es nach unserer Übersetzung wörtlich: „Würdet ihr doch heute auf seine (Gottes) Stimme hören! Verhärtet euer Herz nicht wie in Meriba; wie in der Wüste am Tag von Massa“.
Was damit gemeint ist, wissen Sie nun spätestens, nachdem Sie die Lesung aus dem Buch Exodus gehört haben. Massa und Meriba: Sie wurden zum Inbegriff der Herzenshärte. Diese Herzenshärte zeigt sich in einem tiefen Misstrauen gegenüber Gott. Man traut Gott nicht. Man kann angesichts der Wüste nicht glauben, dass Gott es gut meint mit dem Menschen. Man hat Hunger und Durst; jemandem entreisst der Tod einen geliebten Menschen; jemand anderer ist mit einer schweren Krankheitsdiagnose konfrontiert; wieder ein anderer hat seinen Job verloren und weiss nicht, wie er die vielen Rechnungen bezahlen soll. Wie soll Gott es da gut meinen mit uns Menschen?
Solch ungläubiges Misstrauen drückte sich in der gehörten Lesung in der Form des Murrens aus: „Das Volk murrte gegen Mose“, haben wir gehört. Das ist beängstigend: Im Murren zeigt sich Bereitschaft zu Gewalt: „Es fehlt nur wenig und sie steinigen mich“, klagt Mose. Und Murren ist Ausdruck von Blindheit: Man sehnt sich zurück nach einem vermeintlichen Paradies: Das Volk möchte am liebsten nach Ägypten zurück, wo es genug zu essen und zu trinken gab; der Trauernde will den geliebten Menschen zurück, der Kranke die Gesundheit und der Arbeitslose seinen Job. Sie alle sehnen sich nach einem vermeintlichen Paradies zurück – und sehen nicht, dass Gott inmitten der Wüste da ist! Ob sich jemand in einem Paradies oder in einer Wüste wähnt: Dies scheint nicht zuletzt vom Zustand des eigenen Herzens abhängig zu sein!
Dass Gott inmitten der Wüste da ist: Dafür steht der Fels, aus dem Gott Wasser sprudeln lässt. Seit frühester Zeit wird dieser Fels gedeutet als ein Bild für Christus. Schon im Neuen Testament lässt sich das nachlesen: In seinem ersten Brief an die in Korinth lebenden Christen nimmt der Apostel Paulus Bezug auf die gehörte Stelle im Buch Exo-dus und schreibt: „Sie tranken aus dem geistgeschenkten Felsen, der mit ihnen zog. Und dieser Fels war Christus.“ Darum ist es natürlich kein Zufall, dass uns heute nach der Lesung aus dem Buch Exodus die Begegnung Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen aus dem vierten Kapitel des Johannesevangeliums verkündet worden ist, worin Jesus von Wasser spricht, das er selbst gibt und das jeglichen Durst zu löschen vermag.
Mir scheint, dass diese Begegnung Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen uns nicht zuletzt zeigt, wie Gott sich angesichts der menschlichen Herzenshärte verhält; wie er dieser begegnet; ja, wie er gegen sie vorgeht. Gott lässt hier den Menschen seine ganze Macht spüren und fährt mit einem Arsenal göttlicher Waffen auf, um die Herzenshärte des Menschen in mehreren Angriffswellen zu brechen.
Erster Angriff: Er – Gott – lässt sich herab, den Menschen anzusprechen, ja zeigt sich regelrecht als Bittsteller: „Frau, gibt mir zu trinken; Mensch, gib mir zu trinken“ – sagt, wer selbst Quelle lebendigen Wassers ist. Da muss es einem schon weich ums Herz werden!
Der zweite Angriff setzt die Sehnsucht des Menschen frei: „Wenn du wüsstest, wer dich bittet! Wenn du wüsstest, dass ich dir lebendiges Wasser geben kann.“ Die Herzensmauer bröckelt schon, so dass es aus dem Menschen ruft: „Herr, gib mir dieses Wasser!“
Der dritte Angriff geht gegen die Sünde in direkter Konfrontation: „Fünf Männer hast du gehabt und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“ Aber das Wasser der Gnade hat das Herz schon längst umspült, die Mauer ist eingebrochen. Der Mensch braucht nicht mehr zu leugnen und darf ins Licht der vergebenden Wahrheit treten.
So sieht Gottes Kampf gegen die Herzenshärte des Menschen aus. Die Waffen: Demütige Liebe oder liebende Demut – wie Sie wollen! Jedenfalls gänzlich andere Waffen und eine gänzlich andere Weise des Kampfes als jene, von denen wir aktuell täglich in den Zeitungen lesen oder in den Nachrichten hören können.
Es steht uns aber nicht zu, über die inneren Beweggründe politischer Führer – und damit über ihre Herzen zu richten. Das ist allein Gottes Sache! Wir wollen vielmehr auf uns selbst acht geben und den Aufruf ernst nehmen: „Verhärte dein Herz nicht. Hör auf die Stimme des Herrn;“ Christus will auch dir lebendiges Wasser geben. Lass dich von Ihm zum Leben besiegen!
Amen.
