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Predigt von P. Cyrill Bürgi am Stephanstag 2025

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn,        

Religiös-politische Motive haben den Krieg in Gaza provoziert. Religiös-politische Motive haben ihn ausgelöst. Religiöse-politische Reaktionen werden sichtbar in vielen Attentaten und Tätlichkeiten rund um den Globus. Ermordete Politiker und Aktivisten werden hochstilisiert zu Märtyrern. Religion wird verzweckt zu politischen Interessen. Damit wir Religion degradiert zum Mittel einer bestimmten Weltsicht. Sie wird zu einer Funktion innerhalb der Welt und dient der eigenen Lebenseinstellung. Es geht nicht mehr um den Rückbezug auf etwas oder jemanden, der mich überteigt. Wenn ich Religion gebrauche für meine Einstellungen – egal welcher Art –, dann nehme ich ihr den Verweischarakter auf den Absoluten.

Das hat das jüdische Volk im 6. Jahrhundert vor Christi Geburt im babylonischen Exil (597–536 v. Chr.) schmerzhaft gelernt. Bei den heidnischen Völkern in der Fremde haben sie beobachtet, dass sich die verschiedenen Götter sehr funktional für eigene Zwecke einspannen lassen.

Dadurch ist ihr Glaube an den einen Gott, der jenseits jedes Zugriffs und jeder Vorstellung ist, noch wirkungsvoller gefestigt worden. Der absolute Gott entzieht sich unserer Verfügung. Wir können ihn weder auf ein Bild reduzieren noch ihn mit einem Namen dingfest machen. Letztlich ist der Glaube an einen, bildlosen, unsagbaren Gott eine Kritik an der herrschen­den Gesellschaft.

Wir brauchen einen absoluten Bezugspunkt ausserhalb von uns, einer, der uns übersteigt, sonst bleiben wir in unserem eigenen Chaos stecken. Wir bleiben Ego-verhaftet, auch wenn das Ego ein Staat, eine Nation, ein Wirtschaftssystem etc. sein mag. Der Mensch, die Gesellschaft wird darin ein Sklave seiner selbst und unterwirft sich einem innerweltlichen Nutzungs­denken, das ihn entwertet. Ohne Bezugspunkt ausserhalb dieser Welt ist der Einzelne nur noch so viel wert, wie er für diese Welt brauchbar ist. Wer nicht nützlich ist, vielleicht sogar stört, den darf man abtun, abschieben oder negieren.

Die Würde des Menschen liegt aber ausserhalb unserer Reich­weite verankert in dem einen Gott, der in Liebe an jeden einzelnen denkt. Sich dem unergründlichen Gott vertrauensvoll aus­zu­setzen, gibt die innere Widerstandskraft, um nicht im Strudel des Funktionalen unterzugehen.

Wenn wir als Weltgemeinschaft unser menschliches Potenzial entfalten wollen, bauchen wir einen archimedischen Fixpunkt ausserhalb dieser Welt, um sie aus ihren festgefahrenen Angeln zu heben.

In seinem Sterben offenbart Stephanus seinen Bezugspunkt: «Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen» (Apg 7,56). Dieser jenseitige Bezugs­punkt ermöglichte es ihm, über sich hinaus zu wachsen und seinen Mördern zu verzeihen: «Herr, rechne ihnen, diese Sünde nicht an» (Apg 7,60)!

In der Weihnachtsgeschichte nach Matthäus leuchtet der absolute Bezugspunkt buchstäblich als Stern am Himmel über dem Kind in der Krippe auf (vgl. Mt 2,9). Die römischen Kaiser und Könige haben sich auf ihren Geldmünzen gern mit einem Stern über dem Haupt prägen lassen. Mit dem Stern über dem Kind in Bethlehem macht Matthäus deutlich, wo die absolute Verankerung liegt.

Wir dürfen nicht meinen, wenn der absolut jenseitige Gott nun in einem kleinen diesseitigen Kind fassbar wird, wenn der Absolute sich in Zeit und Ort und Charakter redimensioniert, dass der ausserweltliche Bezugspunkt verloren geht. Wohl kommt Gott ganz nahe, aber seine Ohnmacht in der Krippe bis hin ans Kreuz wirft mehr Fragen auf, als sie lösen. In seiner Hingabe bleibt uns seine Erhabenheit immer noch entzogen.

Gottes Hingabe bis zum Äussersten setzt sich bis heute in der Kirche und in den Sakramenten fort. Der Allmächtige liefert sich uns im eucharistischen Brot aus. Er will im Gegenüber, im Ehepartner, in jedem Geringsten der Menschen erkannt werden. Wir glauben, dass Christus selbst im Sakrament gegenwärtig ist, doch der Verweischarakter bleibt. Das Zeichen ist verankert in dem Absoluten.

Vielleicht will das Märtyrerfest nach dem emotional auf­geladenen Weihnachtsfest genau diesen Verweischarakter hervorstreichen. Unsere Feste sollen offen sein für den Himmel. Unsere Beziehungen in Kloster und Pfarreien, in Ehe, Familie und unter Freunden benötigen den absoluten Bezugs­punkt ausserhalb ihrer selbst, um Bestand zu haben.

Unsere diesseitige Welt lebt aus dem jenseitigen Bezugspunkt, sonst verkommt sie und degradiert sich selbst zum Mittel in den Händen jener, die das Weltgeschehen glauben steuern zu können. Wir müssen zum Himmel emporblicken, um Bestand zu haben. Wir müssen um SEINES Namens willen leben, um gerettet zu werden.

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