Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Das heutige Evangelium lud mich in den letzten Tagen der Vorbereitung ein, die Gestalt des Johannes des Täufers näher zu betrachten und auf mich wirken zu lassen, dies in Verbindung zum Weltgeschehen. Ein spannender Typ. Er fällt unweigerlich auf, so wie er sich kleidet, so wie er sich ernährt, so wie er spricht. Heute würde man wohl sagen, er gehöre zu einer alternativen Szene. In seinen Worten wird Kraft spürbar, die aufweckt, die eine heilige Unruhe auslöst und das eigene Leben, Denken, Reden und Tun gewissen Fragen aussetzt.
Johannes der Täufer ist selbstbewusst. Das zeigt sein Auftreten. Er hat eine gewinnende Ausstrahlung. Deshalb zieht er viele Männer und Frauen an, die ihn aufzusuchen und ihm zuzuhören. Seine Worte sind knapp und deutlich. Viele Menschen lassen sich von ihm taufen. Es ist eine Busstaufe, ein symbolischer Akt, der eine Zeitenwende markiert, die Bereitschaft zur Umkehr, die Bereitschaft zum Umdenken, die Bereitschaft, das eigene Leben neu auszurichten. Den Leib in Wasser einzutauchen ist ein Ritual, dass sinnhaft eine persönliche Zeitenwende ausdrückt: mit Gott neu anfangen, IHN von ganzem Herzen lieben, mit der ganzen Seele, sprich, mit jeder Faser des Seins, mit allen Gedanken auf IHN ausgerichtet sein, mit aller Kraft auf IHN hören und SEINEN Weisungen folgen und in der Liebe wachsen und reifen (vgl. Dtn 6,5; Mk 12,13; Mt 22,37; Lk 10,27). Das alte Leben wird abgewaschen und man erwacht zum neuen Leben, das Gott geweiht ist.
Johannes könnte sich geschmeichelt fühlen, dass ihm so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Und die Frage einiger Leute, ob er der lang ersehnte Messias, der Retter sei (vgl. Lk 3,15), könnte ihn versuchen, das selbst zu glauben und davon zu profitieren. Es wäre menschlich. Es gibt genug solcher Beispiele in der Menschheitsgeschichte. Bei Johannes dem Täufer aber geschieht das nicht. Er ist wirklich stark, in sich ruhend. Er steht über dieser Versuchung. Denn er weiss, es dreht sich nicht um ihn. So muss er nicht seine Grösse, die in ihm ist, zelebrieren, alles an sich reissen und die Menschen manipulativ von sich anhängig machen wollen. Er weiss, dass derjenige der nach ihm kommt und seit Ewigkeit vor ihm war, grösser ist als er selbst. Das zeugt von Demut! Er ist der Wegbereiter Christi, aber nicht mehr. Er bleibt dieser Sendung treu. Das zeugt von innerer Grösse und wahrer Stärke. Er ist authentisch und seine Autorität ist deshalb natürlich. Die Menschen spüren das. Deshalb wollen sie ihn sehen und hören ihn gerne.
Johannes der Täufer wirkt da wie ein grosser Widerspruch zur heutigen Weltlage, zu den sogenannten Grössen auf der aktuellen politischen Weltbühne. Da sind nicht wenige unter ihnen, die sich grossartig fühlen, mächtig glauben und sich unaufhörlich selbst feiern. Machtspielchen da, Manipulationsversuche dort, Worte, die die Wahrheit verdrehen, der ständige Versuch, zum eigenen Vorteil Einfluss und Kontrolle durchzusetzen – manchmal unter dem Deckmantel schöner Worte, wie Gerechtigkeit, Freiheit, Wohlstand und Frieden. Wer Macht zwanghaft zelebrieren muss, zeigt auf, dass es sich um eine Scheingrösse handelt, die schnell zusammenbricht, sobald das System nicht mehr hält.
Wenn ich einige sogenannte Machthaber dieser Welt beobachte, sehe ich keine Männer vor mir, sondern grosse Buben, die in ihren frühkindlichen Traumata steckengeblieben sind und ihre politische Bühne (es können auch andere Bühnen sein) dazu nutzen, ihre Verletzungen auszuleben, es nun endlich den Anderen zeigen zu wollen und sich selbst beweisen zu können. Anstatt ihre eigenen Baustellen wahrzunehmen und anzugehen, ihre eigenen Verletzungen, ihre verschobene Denkweise und ihre diffusen Ängste aufzudecken, projizieren sie unreflektiert all das auf das Äussere und leben nun grossartig-grössenwahnsinnig ihre Macht aus. «Grosse Buben». Ganz und gar nicht harmlos. Denn inzwischen spielen sich die Kriegsszenen nicht mehr im Sandkasten ab und jene halten kein Spielzeug in ihren Händen. Das sind doch keine gestandenen Männer, wie Johannes der Täufer es mit Sicherheit war! Johannes der Täufer, ein Mann der Demut und voller Kraft; wahre Grösse in ihm. Er steht seinen Mann, ganz natürlich. Er muss nicht den starken Mann spielen. Ganz im Gegensatz zu König Herodes, der zur Zeit des Johannes des Täufers ein ebenso trauriges Schauspiel bot.
Es geht nicht darum, auf andere zu zeigen und zu verurteilen. Es geht darum, zu durchschauen, was in der Welt wirklich abgeht und dabei gut bei sich zu bleiben, den nicht aus den Augen zu verlieren, von dem Johannes der Täufer in aller Deutlichkeit sagt: «Seht, das Lamm Gottes!» Johannes der Täufer ist uns ein kostbares Beispiel: Wir dürfen bei uns bleiben und unsere eigene Grösse entdecken, die uns geschenkt ist und darin liegt, dass Gott uns liebt, dass Gott selbst uns aufrichtet und zur Freiheit beruft, die in der Liebe gründet und wahren Frieden ermöglicht. Wir dürfen unsere eigene Grösse anerkennen, die darin liegt, dass Gott uns in seinen Dienst gerufen hat und uns befähigt, diesen Dienst zu erfüllen. Wir müssen nicht kleinlich denken, weder von uns noch von anderen. Wir müssen uns nicht kleinreden und kleinmachen, auch nicht die Anderen. Wir sind gross, weil Gott uns beim Namen ruft! (vgl. Jes 43,1). Weil all das, was Gott geschaffen hat, schlicht und einfach grossartig ist. Aber der, der vor uns war von Ewigkeit her, der ist und auf ewig sein wird, er ist grösser als wir: Jesus Christus!
Dies zu erkennen, macht uns frei. Die Wahrheit macht frei! (vgl. Joh 8,32).
Wenn wir demütig sind, sind wir bereit für das wirklich Grosse! Hier erinnere ich mich an eine Aussage des damaligen Schweizer Bundespräsidenten Moritz Leuenberger, als der Durchstich des Gotthard-Basis-Tunnels gefeiert wurde. Er wandte sich an die Arbeiterschaft und an das Volk und endete seine Rede mit denselben Worten, die er zu Beginn sprach: “Grosses haben wir gewagt – gemeinsam. Grosses haben wir geschaffen – gemeinsam. Weil wir wissen: Der Berg ist gross. Wir sind klein” (15.10.2010).
Der Grössenwahn einiger irdischer Machthaber bedroht, unterdrückt und zerstört das Leben. Er lässt die anderen Menschen klein werden und hält sie klein. Gottes Grösse macht uns nicht klein. Im Gegenteil, sie richtet uns auf und entlässt uns in die Freiheit. Die Erzählung im Buch Exodus, des Auszugs der Israeliten aus Ägypten, die Entlassung aus der Sklaverei, ist der biblische Klassiker, der uns an das befreiende Wirken Gottes erinnert. In Jesus Christus, dem Lamm Gottes, in seiner Ganzhingabe bis zum Kreuz und in seiner Auferstehung, erhält dieses befreiende Wirken Gottes eine neue Botschaft, einen tieferen Sinn: Freiheit, gegründet in der Liebe, Freiheit, dem Frieden dienend, Freiheit, jegliches Leben achtend, Freiheit, selbst an der Schwelle des Todes.
Jesus hat der Ehebrecherin nicht gesagt, sie solle noch eine Stunde am Boden liegen bleiben, sich schämen und sich demütigen. Er hat sie aufgerichtet und in die Freiheit entlassen. Jesus hat der gekrümmten Frau nicht gesagt, sie solle noch weitere Monate gekrümmt herumlaufen, weil es ihre Demut fördere. Er hat sie aufgerichtet und die Freiheit entlassen.
«Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt! Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war (…) Dieser ist der Sohn Gottes!» (Joh 1, 29.30.34). Amen.
