«Licht des Lebens, Flamme unserer Hoffnung – voll Vertrauen gehen wir mit dir.»
Diese Worte aus der Heilig-Jahr-Hymne 2025 lässt uns beim gemeinsamen Singen Pilgerinnen und Pilger der Hoffnung sein. Hat Sie das heilige Jahr zu einem hoffnungsvolleren Menschen gemacht? Oder kamen Sie beim Singen gar nicht zu solchen Gedanken, sondern versuchten stattdessen mühsam, diese Hymne mitzusingen? Die meisten von uns dürften sie am 17. Mai an der nationalen Wallfahrt nach Einsiedeln ein erstes und letztes Mal gesungen haben. Warum eigentlich? Diese Frage stellte ich letzthin in einer Gruppe von Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern, nachdem diese Hymne in anderen Sprachen zu einem Hit geworden ist. Die lapidare Antwort: Im Deutschsprachigen Raum übernehmen wir halt einfach ungern, was von Rom kommt. Wir haben unsere eigenen Traditionen.
Wir Menschen in der Deutschschweiz sind dabei ja ein eigenes Völkchen, was unser Unabhängigkeitsgefühl angeht. Das hat uns ja auch viele Vorteile gebracht. Für Leute aus Einsiedeln ist der Hauptort Schwyz weit weg – «ännet de Mythe» –, Bern viel zu weit weg, und Brüssel ein Beispiel dafür, was wir nicht sein wollen. Und Rom? Was kann von dort schon Gutes kommen. Gerade die Hoffnung kommt allerdings eigentlich immer von aussen. Viel zu fest verstricken wir Menschen uns in unseren Alltag, in unser Gefühl, nicht geliebt zu werden, in unsere Einsamkeit und unser Ungenügen, als dass wir uns an den eigenen Haaren aus dem Meer der Hoffnungslosigkeit herausziehen könnten. Auch wenn sie manchmal ärgerlich ist unsere Kirche, auch wenn ein Papst nicht das sagt, was wir gerne hören möchten: Den Dienst an der Einheit, den die Kirche von Rom wahrnimmt, braucht es gerade heute in einer Welt, wo sich unversöhnliche Blöcke gegenüberstehen, wo sich Menschen nicht mehr zuhören wollen, wo mit Waffen in Windeseile aufgerüstet wird und sich nur gerade Papst Leo öffentlich zu sagen wagt: «Als Erstes müssen wir unser Herz entwaffnen, denn wenn in uns kein Frieden ist, werden wir auch keinen Frieden stiften.» Sogar im Tod kann die Kirche eine Botschaft der Hoffnung mitgeben. Können Sie sich an das seltsame Bild erinnern, als bei der Beerdigung von Papst Franziskus die Präsidenten Trump uns Selenski auf zwei Stühlen im Petersdom sassen und miteinander sprachen? Der Krieg ist bis heute nicht beendet. Aber die Kirche konnte einen Raum auftun, damit zwei Menschen vernünftig miteinander sprechen können, was sicher besser war als das vorausgehende Gespräch der beiden im Oval Office in Washington. Wir können uns über einen Papst, über die Kurie in Rom oder über Dokumente von Rom ärgern. Dennoch müssten wir das Amt des Papstes gerade in der heutigen Zeit erfinden, würde dies noch nicht existieren, und zwar nicht nur als Stimme der katholischen Kirche, sondern allgemein als christliche Stimme in einer in sich gespaltenen Welt.
Wir haben ja nicht einfach nur ein Problem mit dem, was von Rom kommt, sondern auch mit dem heiligen Paulus, der in der heutigen Lesung sagt: «Ihr Frauen, ordnet euch den Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt.» Eine unselbstständige Unterordnung von Frauen unter Männer will bei uns heute wohl niemand mehr. Aber hören wir bei aller Ablehnung noch die Worte der Hoffnung aus diesem Brief an die Gemeinde in Klossä? Sollten wir nicht doch alle eher eine Unterordnung suchen, eine Unterordnung in Liebe, die weiss, was das Gegenüber braucht und was uns weiterbringt, als das Sich-über-andere-Stellen, das im Moment überall um sich greift? Nicht «Switzerland first» sollte unser erster Gedanke sein, sondern das christliche «you first».
Die wahre Familie Jesu Christi sind wir, wenn wir Gottes Willen tun. Hoffnung entsteht in der Glaubensfamilie der Kirche. So kommt der heilige Paulus in seinem Dienst an der Einheit von aussen, wenn er in seinem Brief an die Gemeinde in Kolóssä sagt, wer sich Christin und Christ nennt, muss die Kraft des Glaubens an Christi Tod und Auferstehung im eigenen Leben durchscheinen lassen. Wer an Christus glaubt, hat also eine Hoffnung, die trägt und die wir teilen können. Wer sich von Gott geliebt weiss, der und dem ruft der heilige Paulus eben zu: «Bekleidet euch […] mit innigem Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt einander und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat! Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Vor allem bekleidet euch mit der Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist!»
Meine Lieben, wir müssen nicht in erster Linie die Hymne zum Heiligen Jahr gut singen können. Aber wir können uns von Rom inspirieren lassen, über unseren Tellerrand hinauszuschauen. Ich bin dankbar, dass uns Papst Franziskus mit diesem Heiligen Jahr zeigen wollte, wie wir «entmutigten Menschen, die mit Skepsis und Pessimismus in die Zukunft blicken, so als ob ihnen nichts Glück bereiten könnte» begegnen können: nämlich als Familie Jesu Christi, der nichts fremd ist: die Zweifel, der Pessimismus und die Angst. Wir sind aber auch eine Familie, die in Jesus Christus ihre Hoffnung hat und die wir teilen können. Wir sind eine Familie, die sich wegen dieser Hoffnung immer wieder in Geduld, im Gegenseitig-Ertragen, in der Vergebung und in der Liebe begegnen kann, weil auch Gott uns vergibt und uns liebt.
Schliessen wir darum dieses Jahr nicht einfach ab, als sei nicht gewesen. Setzten wir lieber einen Anfang, um diesen Pilgerweg der Hoffnung auch wirklich zu gehen. Werden wir, was wir feiern: zu Pilgerinnen und Pilger der Hoffnung.
