«Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.» Diese Geschichte erzählt man sich schon sein rund 2'500 Jahren und nicht viel weniger lang die Geschichte vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Und dann die ganzen anderen Lesungen! Warum nicht einmal etwas Lebensnahes, Modernes?! Diese Frage beschäftigen Menschen im Westen schon länger. Vor allem in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts begangen sie, biblische Texte umzuschreiben oder überhaupt ganz aktuell zu dichten. Und natürlich haben sie keine Kriege und Gräueltaten in diese Texte aufgenommen, nicht wie in der heutigen Lesung aus dem Buch Exodus, wo wir in den Jubel darüber einstimmen, wie die Ägypter im Meer vertrunken sind.
Diese Modernisierungen haben sich nicht durchgesetzt: Zu nahe kamen den Menschen im Gottesdienst die eigenen Erfahrungen, es fehlte die Distanz des eigenen Lebens zu dem, was wir glauben. Und zu verschieden sind wir Menschen, als dass diese neuen Texte alle ansprechen konnten. Auch macht das Fehlen von Gewalt und Krieg in den Texten uns Menschen nicht besser. Leider sind diese ja auch heute noch eine Realität. Und so lesen wir heute noch uralte Texte, an denen wir unser Leben spiegeln. «Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.» Diese Texte erzählen vom Vertrauen von Tausenden von Jahren, dass Gott im Anfang allen Seins dabei ist, sie erzählen vom Glauben von Generationen von Menschen, dass Gott mit seinem Volk schon immer als Retter unterwegs war und sie aus der Sklaverei Ägyptens befreit hat, und sie erzählen von der Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Auch uns heute wird in diesem Texten zugemutet, dass Jesus Christus lebt, dass er vom Tod auferstanden ist.
Es geht bei diesen alten Texten also nicht nur um längst vergangene Zeiten. Es geht um uns, es geht um das Hier und Jetzt. «Dies ist die Nacht» hat P. Philipp im Osterlob verschiedene Male gesungen. «Dies ist die Nacht, die die Söhne und Töchter Israels aus Ägypten befreit und auf trockenem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt hat.» Gott rettet heute, in dieser Nacht, wenn wir mit offenen Ohren und offenen Herzen dazu bereit sind. Gott sei Dank glauben wir heute nicht mehr wie frühere Menschen, dass für unsere Rettung andere Menschen sterben müssen. Vielmehr glauben wir in dieser Nacht, dass Gott, der Vater, den Gewaltlosen, Jesus Christus, der unschuldig gekreuzigt wurde, vom Tode erweckt und uns allen so den Zugang zum Leben Gottes geöffnet hat. Es geht in dieser Nacht um uns, wenn Paulus uns in der Lesung zuruft: «Begreift euch als Menschen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus.» Wir wollen keine Sünde mehr: kein Ausgeschlossensein vom Leben Gottes. Nein: Als Brüder und Schwestern Jesu Christi sind wir alle zu Gottes geliebten Töchter und Söhne geworden. Durch unsere Taufe sind wir zum Leben in diesem Jesus Christus berufen. Diese Würde kann uns niemand nehmen, kein Krieg und keine Despoten, denen es nur um Macht und nicht um den Menschen geht.
Österliche Hoffnung sieht heute anders aus als die Vernichtung der Ägypter im Roten Meer. Wir erzählen uns die Osterbotschaft für heute, damit Menschen heute Erlösung erfahren: Befreiung von Sinnlosigkeit und kollektivem Burnout. Wir sind, wie der andere P. Philipp gestern am Karfreitag gesagt hat, nicht für das Leiden, nicht für den Masochismus erschaffen, sondern für das Leben und die Liebe! Und so rufen Maria Magdalena und die andere Maria nicht nur vor 2'000 Jahren den Aposteln die Botschaft von der Auferstehung ihres Herrn und Meisters Jesus Christus zu. Diese ersten Zeuginnen von Ostern rufen das auch uns zu. Und sie haben Nachfolgerinnen gefunden, die den Osterglauben ebenfalls heute, in dieser Nacht bezeugen! Drei junge Frauen lassen sich durch die Sakramente der Taufe, der Firmung und der Kommunion ganz in dieses neue Leben in Christus hineinnehmen: Alina Maria Hildegard Jung, Catherine Cäcilia Bischof und Joya Maria Schmid; zwei davon sind unsere Schülerinnen. Sie zeigen uns heute, dass sie für die Sünde tot sein wollen, aber offen für das Leben in Jesus Christus. Wie die Frauen damals rufen diese jungen Frauen durch ihre Aufnahme in die Kirche uns heute zu: «Er geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen.» Galiläa, das ist unser Zuhause, unser Alltag. Treffen wir dort auf den österlichen Christus, auf unsere Hoffnung! Halleluja!
