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Pater Gregor Jäggi

«Ich bin Wissenschaftler.» -- Dieser Satz war P. Gregors Antwort auf die Frage nach seinem Beruf bei der Anmeldung in der Universitätsklinik Zürich im vergangenen Oktober, wo ihn infolge des inzwischen diagnostizierten Hirntumors ein operativer Eingriff erwartete.

«Ich bin Wissenschaftler.» -- Vielleicht trug der sachliche, nüchterne, objektiv-distanzierte Blick des Wissenschaftlers P. Gregor selbst auf seine eigene Erkrankung nicht unwesentlich dazu bei, diese in ruhiger und geduldiger Gelassenheit anzunehmen und zu ertragen. Seine Haltung hat Eindruck gemacht. Und vielleicht hilft sie in unserer Trauer um P. Gregor.

«Ich bin Wissenschaftler.» -- Mit dem Blick des Wissenschaftlers schaut P. Gregor auch auf sein Leben zurück. Am 16. April 1954 – es war Karfreitag – als erstes von vier Kindern des Ehepaares Franz-Josef und Gertrud Jäggi-Heim in Gerlafingen SO geboren, wurde er am darauffolgenden Weissen Sonntag in Kriegstetten SO von Pfarrer Anton Hänggi, dem späteren Bischof von Basel, auf den Namen Peter getauft. Es folgten drei weitere Geschwister: Stefan Josef (1957), Margarita Maria (1958) und Urs (1960).

Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie bezeichnet P. Gregor rückblickend als «angespannt» und führt dies auf den Umstand zurück, dass beide Elternteile trotz Eignung und Neigung keine Berufslehre machen durften. Der Vater nicht, weil er als zweiter Sohn Bauer zu werden habe; die Mutter nicht, weil Mädchen sowieso heiraten und dann für Haushalt und Kinder zuständig sein würden. Zudem sei der Arbeitgeber des Vaters nicht für besonders gute Löhne bekannt gewesen. Dass Peter dann nach Kindergarten und Primarschule, die er in Gerlafingen besuchte, an die Kantonsschule in Solothurn kommen sollte, war unter diesen Voraussetzungen nicht selbstverständlich. Dass es dazu kam, war entscheidend einem Onkel zu verdanken, der Bezirkslehrer und zugleich auch Peters Taufpate war. Dieser legte den Gedanken nahe, Peter solle die Kantiprüfung machen, der dieser sich als einziger seiner Klasse dann auch stellte und ohne die sonst übliche Vorbereitung durch den Lehrer bestand. So kam Peter im Frühjahr 1967 nach Solothurn an die Kantonsschule. «Es waren strenge, aber gute Jahre», schreibt er, mit einem langen und mühsamen Schulweg, den es viermal täglich mit dem Fahrrad zu bewältigen galt.

In einer Hinsicht jedoch war Peter in Solothurn ein Aussenseiter: Er war praktizierender Katholik. Die ganze Familie war aktiv in der Pfarrei tätig. Nach der Erstkommunion wurde Peter unter die Ministranten aufgenommen und versah diesen Dienst neun Jahre lang, zuletzt als Oberministrant. 1966 empfing er durch Bischof Franziskus von Streng das Sakrament der Firmung – und nun, ein Jahr später, findet Peter sich in Solothurn «unter religiös mehr oder weniger distanzierten oder abständigen Mitschülern» wieder. Die dadurch gegebene Aussenseiterrolle blieb ihm in tiefer Erinnerung.

1974 bestand er die Matura. Mit dem entsprechenden Zeugnis in der Tasche zog er im gleichen Jahr nach Fribourg, wo er das Studium der Geschichte und Geographie in Angriff nahm. Eine Stelle als Hilfsassistent während fünf Jahren brachte ihn erstmals mit Archivarbeit in Berührung. Dass Peter offenbar zur vollsten Zufriedenheit seiner Professoren arbeitete und studierte, zeigte sich spätestens während eines freien Studienjahres in Paris ab Herbst 1981. Dort wurde er nämlich von seinem ehemaligen Pfarrer und nunmehrigen Basler Bischof Anton Hänggi auf Empfehlung seiner Fribourger Professoren zum Archivar des Bistums Basel ausersehen. Das hatte zur Folge, dass Peter nach erfolgreicher Lizentiatsprüfung in Fribourg 1982 nach Rom ging und sich dort an der Scuola di Paleografia während zweier Jahre intensiv auf die Archivarstätigkeit vorbereitete. Auf das «sehr erfolgreiche Bestehen der strengen Prüfung» war er bis zuletzt stolz.

Der praktizierende Katholik war als solcher längst kein Aussenseiter mehr. Schon für die Zeit in Fribourg bezeichnet es P. Gregor rückblickend als Glück, im Salesianum wohnen zu dürfen, einem Haus, das ursprünglich für Theologiestudenten an der Uni Fribourg und angehende Priester erbaut wurde. Dort konnte Peter gute Beziehungen zu anderen Studenten aufbauen. Während seines Studienjahres in Paris betätigte sich Peter in der katholischen internationalen Studentengemeinde, bei der er am Ende als einer der «Chefs de route» die grosse Wallfahrt nach Chartres mitorganisiert hat. Regelmässig besuchte er auch die Vesper und die Abendmesse in St-Gervais. In Rom schliesslich wohnte Peter als Gast im Campo Santo Teutonico. Das Ambiente des Vatikan bezeichnet er als «einzigartig». P. Gregor schreibt: «Die Mitbewohner, zum Teil Priester, zum Teil Studenten, bildeten eine schöne Gemeinschaft. Beeindruckend war die Erlesenheit der Gäste, Kardinäle und Bischöfe. Kardinal (Josef) Ratzinger stand jeden Donnerstag der Gemeinschaftsmesse vor.»

Im Herbst 1984 trat Peter sein Amt an der bischöflichen Kurie in Solothurn an. Während fünf Jahren lernte er so die «Institution Bistum» kennen. Die Arbeit gefiel ihm gut, sie hinderte ihn aber daran, für seine Doktorarbeit über die Basler Bistumsgeschichte zu forschen. Deshalb entschied er sich 1989, die Stelle aufzugeben und sich ganz auf die Forschung zu konzentrieren.

Peter ist eben ein Wissenschaftler. Und: Er ist praktizierender Katholik. Schon seit seinem Studienjahr in Paris beschäftigte ihn der Gedanke, «religiös einen neuen Weg einzuschlagen», wie er es nennt. Ernst machen mit dem christlichen Glauben, der für Peter in der «Nüchternheit des Blickes und einer Schärfe der Kritik am menschlichen Leben besteht, die unerträglich wären, wenn nicht wirklich der Glaube an den Gott des Lebens trägt und hält.»

Der neue religiöse Weg führte Peter ins Kloster Einsiedeln – und zwar am 4. Oktober 1990. Hier wurde ihm während der Zeit seiner Kandidatur und des Noviziats Gelegenheit zur Abfassung seiner Dissertation gegeben. Im Juni 1992 erlangte er schliesslich das Doktorat, nota bene als Novize des Klosters, was durchaus nicht üblich ist. Am 4. Oktober desselben Jahres legte Peter die Einfache Profess ab und erhielt den Namen Gregor. Frater Gregor studierte ein weiteres Jahr an der hauseigenen Theologischen Schule, um dann in den folgenden Jahren in Rom seine Studien weiterzuführen: Zunächst in St. Anselmo bis zum Baccalaureat, danach an der Universität Gregoriana mit Abschluss eines weiteren Lizentiates im Jahr 1997. Zwischenzeitlich empfing er die heiligen Weihen durch den Einsiedler Mitbruder und damaligen Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg Amedée Grab: An Epiphanie 1996 die Diakonats- und am Fest Peter und Paul desselben Jahres die Priesterweihe.

Wenn man einen P. Gregor hat, braucht man kein Wikipedia. Das Wissen des Wissenschaftlers P. Gregor war beeindruckend. Davon zeugen auch seine diversen Publikationen. Und viele innerhalb und ausserhalb des Klosters wollten vieles von ihm wissen. P. Gregor hat immer geholfen. Aber seine Hilfe war nie billig, man musste dann schon selbst an die eigentliche Arbeit: Stellte man ihm eine Frage, musste man damit rechnen, noch am gleichen Tag einen ganzen Stapel an Büchern vor seiner Zimmertür zu finden inklusive Markern an sämtlichen Stellen, die den Fragenden näher an eine mögliche Antwort führten.

Als Lehrer an der hauseigenen Theologischen Schule und später auch noch an der Theologischen Hochschule in Chur konnte er sein Wissen und seine Auseinandersetzung mit diversen Themen gezielt vermitteln. Seine Vorlesungen waren anspruchsvoll, aber auch spannend, vor allem, wenn es uns Studenten gelang, ihn durch kluge Fragen vom Vorlesen seines Skripts abzulenken, so dass er frei sprechen musste, wofür er allerdings aus dem Vollen schöpfen konnte.

Aber – wir wissen es! – P. Gregor war nicht nur Wissenschaftler, sondern auch praktizierender Katholik. Als Mönch und Priester nun erst recht. Verhältnismässig früh in seinem klösterlichen Leben – 1998 – wurde er zum Novizenmeister berufen. Also dazu, neueintretende Mönche auf ihrem Weg bis zur Feierlichen Profess zu begleiten und ihnen zu helfen, suchende Menschen zu werden, die sich – so formuliert es P. Gregor – nicht schnell vereinnahmen und täuschen lassen, sondern kritische Menschen sind, vor allem auch sich selbst gegenüber; die diese Suche aber wagen im gläubigen Vertrauen auf den auferstandenen Herrn. Auch in diesem Sinne war P. Gregor ein gesuchter und gefragter Ratgeber – über den Fraterstock hinaus für Mitbrüder im Kloster, aber auch für immer zahlreichere Menschen ausserhalb, die ihn auf Aushilfen in anderen Klöstern und in Pfarreien oder im Beichtstuhl kennenlernten. Über Jahre war sein Rat auch im Consilium, dem äbtlichen Rat, gefragt und während neun Jahren auch als Subprior.

In den letzten zwei, drei Jahren machten sich gesundheitliche Schwierigkeiten bemerkbar. Konzentrations- und Sehschwierigkeiten, Schlaflosigkeit, kleinere Aussetzer. Seit vergangenem Oktober kennen wir die Ursache, die den Eintritt in die Uniklinik Zürich notwendig machten. -- «Ich bin Wissenschaftler», war P. Gregors Antwort auf die Frage nach seinem Beruf. Am Empfang der Uniklinik wollte man es aber noch etwas genauer wissen und man fragte näherhin nach seiner Tätigkeit. P. Gregors Antwort: «Bis eben war ich Archivar. Aber das geht nun nicht mehr.»

Ja, P. Gregor war seit 2012 Archivar unseres Klosters. Über den Archivar schrieb P. Gregor einmal, er sei mit der Überlieferung von Lebensäusserungen in Vielfalt betraut. Diese gelte es zu kritisieren und zu bewerten. Das zu Überliefernde müsse geschieden werden von dem, was der Vernichtung anheimfällt. Dem Überlieferten gäbe der Archivar seine gute Form, die Absicherung und die würdige Lebensdauer – nie aber den endgültigen Sinn. Die Beurteilung der Überlieferung sei der offenen, nie abgeschlossenen und fragmentarischen Diskussion anheim gestellt. -- Das ist Wissenschaft. Und hier spricht der Wissenschaftler.

Der Christ aber – so der praktizierende Katholik, Mönch und Priester weiter – der Christ unterlege dem Leben in aller Unvollkommenheit die Zumutung der Endgültigkeit […], trotz des Zweifels, der Gebrochenheit, der Resignation, des Scheiterns, des Nichtverstehens […]. Das könne man wagen im gläubigen Vertrauen auf den auferstandenen Herrn.

Sicher trug der sachliche, nüchterne, objektiv-distanzierte Blick des Wissenschaftlers P. Gregor selbst auf seine eigene Erkrankung nicht unwesentlich dazu bei, diese in ruhiger und geduldiger Gelassenheit anzunehmen und zu ertragen. Aber auch sein Glaube dürfte ihm geholfen haben. Dieser liess ihn weiterblicken als blosse Wissenschaft es kann, hin zur Erkenntnis des Retters Jesu Christi, der sich alles, auch den Tod unterwirft. Am vergangenen Mittwoch, in der frühen Nacht, übergab P. Gregor sein Leben endgültig diesem Herrn und Retter. Möge dieses, sein Vertrauen uns Trost und Hoffnung sein – für P. Gregor, aber auch für uns selbst.

28. Juli 2025 | P. Daniel Emmenegger

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