Stele «Freudenreiche Geheimnisse»
«Jesus, den du o Jungfrau vom Heiligen Geist empfangen hast»
Die Einsamkeit der Auserwählten
Maria sagt Ja zum Geheimnis, das in ihr geschieht. Das lateinische Wort für Ja – «fiat» - bedeutet «Es geschehe!» Gott fragt Maria mit grosser Achtung und Feinfühligkeit um ihre Zustimmung. Ohne wirklich zu wissen, was das für sie bedeuten wird, sagt sie mit grossem Vertrauen und Demut zu: «Ich bin die Dienerin des Herrn!»
Ohne eigenes Zutun – das meint Jungfrau – wird der Wunsch Gottes in ihr fassbar. Das ist ein Geheimnis, das in jedem Betrachter sich je neu vollzieht: Gottes Wunsch vollzieht sich in mir, je tiefer ich mein «FIAT – Es geschehe» gebe und lebe.
Dieses Fiat hat Maria zunächst in die Einsamkeit geführt. Mit wem konnte sie dieses Geschehen denn teilen? Alle würden sie doch auslachen! Und Josef? Er würde sie verstossen…
Erst mit Elisabeth, ihrer Cousine, konnte sie das Geheimnis teilen, weil sie es ebenso an sich erfahren hat.
Die Wirklichkeiten des Glaubens kann man nur mit jenen teilen, die ebenfalls davon erfasst sind. Das Geheimnis lässt sich auch hier kaum sagen, aber besingen. Das Lob Gottes ist wohl die beste Ausdrucksweise für das Erfahrene.
Deswegen überliefert uns das Lukasevangelium das Magnifikat (Lk 1,46-55), den Lobgesang Mariens beim Besuch ihrer Cousine.
DU SIEHST AUS WIE FORTGEGANGEN, MEINE MUTTER
Du siehst aus wie fortgegangen,
meine Mutter.
Von den langen
gewaltigen Adlerflügeln des Geistes
in die Wüste getragen.
Ich kann nicht sagen,
wie fremd du schaust, wie gross,
über das Kind im Schoss
hinaus, grenzenlos
weit.
Einsamer bist du als alle Frauen,
meine Mutter,
kein Mensch, kein Mann
um dich, der verstehen kann,
wer du bist:
Geschöpf, zu seinem alleinigen Anschauen
gemacht,
vom Gott aller Welten und Wesen.
Dich anschauen will er,
an dir sein tiefstes Geheimnis ablesen:
dein Kind werden aus dir.
Und doch bist du da,
meine Mutter,
und uns immer nah
im Gebet,
du kehrst immer zurück,
um uns zu zeigen,
wie sich auch uns im Schweigen
unter Gottes Blick
sein Geheimnis auftut:
wie Gott in uns Mensch wird, und vom Tod
aufersteht.
Amen.
Silja Walter
Alternative Rosenkranzgesätzchen zur persönlichen Betrachtung:
- Jesus, der in mir geschieht.
- Jesus, der in mir wächst.
- Jesus, der sanft mein Ja erbittet.
- Jesus, der in mir jubelt.
- Jesus, der in mir geboren werden will.
- Jesus, der mich erwählt hat.
- Jesus, der auf meine Schwäche schaut
