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Predigt von P. Pirmin Meyer am 20. Sonntag im Jahreskreis 2026

Eine kanaanäische Frau kommt zu Jesus. Sie schreit um Hilfe für ihre Tochter. Und Jesus? Zuerst schweigt er. Dann sagt er, er sei nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Und schließlich fällt sogar ein hartes Urteil: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen.“ 
Das ist keine leichte Kost! Denn das klingt nicht nach dem Jesus, den wir  uns wünschen. Einen lieben Jesus: immer offen, gütig, zugewandt. Hier begegnet uns ein Jesus, der sich erst einmal abgrenzt. Ein Jesus, der in den Grenzen seiner Sendung steht. Ein Jesus, der herausgefordert wird. 

Im Mittelpunkt steht zunächst einmal diese  Kanaanäerin.  Für Jesu jüdische Zeitgenossen ist sie eine Fremde, eine Heidin, eine, die nicht dazugehört. Sie hat keinen Rechte, keine religiöse Zugehörigkeit, keinen gesellschaftliche Status. Aber sie hat etwas, das stärker ist als all das: Sie hat Liebe. Ihre Tochter leidet. Und weil ihre Tochter leidet, wagt sie alles.

Sie wagt sogar laut zu schreien: „Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids!“  Sie, die Fremde, die Heidin erkennt in Jesus etwas, das viele aus seinem eigenen Volk nicht erkennen. Sie sieht in ihm den Herrn, den Retter, den Sohn Davids. Ihr Glaube ist nicht brav, still und angepasst. Ihr Glaube schreit. Ihr Glaube stört. Ihr Glaube lässt sich nicht abweisen.

Die Jünger reagieren, wie wir Menschen oft reagieren, wenn Leid unbequem wird: „Schick sie fort!“ Nicht unbedingt, weil sie herzlos sind, vielleicht einfach, weil sie Ruhe wollen. Diese Frau stört den Ablauf. Sie ist laut. Sie bringt ihre Not mit. Sie überschreitet Grenzen.

Diese Frau gibt uns ein Beispiel für mutigen Glauben. Sie lässt sich weder vom Schweigen Jesu noch von der Ablehnung der Jünger noch von einem harten Wort entmutigen.

Vielmehr antwortet sie Jesus: „Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“  
Sie nimmt das Bild auf und verwandelt es. Sie sagt gewissermaßen: Wenn Gottes Güte wirklich so groß ist, dann wird doch auch für mich ein Krümel reichen. Wenn Gottes Tisch reich gedeckt ist, dann kann doch meine Tochter nicht leer ausgehen. An dieser Stelle geschieht etwas Entscheidendes. Jesus antwortet: „Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst.“ Und ihre Tochter ist geheilt.

Jesus prüft die Frau, und die Frau besteht die Prüfung. Das wäre die klassische Deutung. Aber vielleicht dürfen wir noch einen Schritt tiefer gehen. Womöglich geschieht hier nicht nur etwas mit der Frau. Vielleicht geschieht auch etwas mit Jesus.
Jesus begegnet hier einer Person, die ihn herausfordert, seine Sendung umfassender zu verstehen.  Sie zeigt: Gottes Erbarmen lässt sich nicht einzwängen in die Grenzen von Volk, Religion oder Identität. Gottes Heil ist größer als menschliche Ordnungen. Diese Frau wird zur Lehrmeisterin des Evangeliums. Durch sie wird sichtbar, dass der Tisch Gottes grösser ist, als man zunächst meint. D.h.: Jesus lernt. Nicht im Sinn, dass ihm vorher etwas gefehlt hätte, sondern im Sinn echter Menschwerdung. Wenn wir ernst nehmen, dass Jesus wahrer Mensch ist, dann bedeutet das: Er lebt in Beziehungen. Er hört. Er lässt sich berühren. Und dabei wächst er tiefer in seine Sendung hinein. 

Und hier, in der Begegnung mit dieser fremden, mutigen Frau, wird die Weite des Reiches Gottes sichtbar.

In der Philosophie gibt es das Konzept von Gott als dem „unbewegten Beweger“: Gott als der, der alles in Bewegung setzt, selbst aber unbewegt bleibt, unberührt, unveränderlich, fern. Das heutige Evangelium zeigt uns einen anderen Gott. Nicht einen  unbewegten Gott. Nicht einen Gott, der über allem thront und ungerührt zusieht. Sondern einen Gott, der sich ansprechen lässt, der hört, der sich vom Leid berühren lässt. Einen Gott, der in Jesus ein menschliches Gesicht bekommt.

Gott ist nicht weniger Gott, weil er sich berühren lässt. Gottes Macht beruht  nicht auf Starrheit. Seine Grösse ist nicht Unbeweglichkeit. Gottes Heiligkeit besteht nicht darin, dass er Abstand hält und “sauber”  bleibt. Gottes Größe zeigt sich im Erbarmen. Darauf vertraut die kananäische Frau. Sie glaubt,  dass selbst ein Krümel göttlicher Barmherzigkeit genügt, um ein Menschenleben zu verwandeln, ja zu retten.

Was könnte das für uns bedeuten?

Vielleicht zuerst: Wir dürfen mit unserer Not zu Gott kommen, auch wenn wir uns nicht würdig fühlen. Unsere Not und unser Glaube genügen.  Auch wir dürfen beten, schreien, ringen, ja lästig sein. Ein Gebet muss nicht schön formuliert sein, um echt zu sein. Manchmal ist das wahrhaftigste Gebet nur ein Schrei: „Herr, hilf mir!“

Zweitens: Wir sollen auf die Stimmen achten, die uns stören. Die Frau stört die Jünger. Aber gerade sie wird zur Stimme Gottes. 
Vielleicht begegnet auch uns Gott manchmal in denen, die nicht in unser Schema passen: in Fremden, in Menschen mit anderer Herkunft, anderer Sprache, anderer Geschichte, anderer Lebensweise. Vielleicht lernen auch wir Gott neu kennen, wenn wir nicht sofort sagen: „Der/die gehört nicht zu uns“, sondern fragen: „Was will mir Gott durch diesen Menschen zeigen?“

Drittens: Wir dürfen glauben, dass Gott lebendig ist. Nicht unbeweglich, nicht starr, nicht verschlossen. Gott ist Beziehung. Gott ist Liebe. Wer liebt, lässt sich bewegen. Wer liebt, hört. Wer liebt, antwortet.

Am Ende steht heute nicht die Grenze,  sondern die Heilung. Nicht die Abweisung, sondern das Lob: „Frau, dein Glaube ist groß.“  Ausgerechnet eine fremde Frau wird von Jesus als Vorbild des Glaubens bezeichnet. Weil sie von  einer Liebe beseelt ist, die nicht aufgibt. Denn Gottes Tisch ist gross. Und seine Gnade reicht weiter, als wir uns vorstellen.
 

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