Benediktsregel

Wir Mönche des Klosters Einsiedeln sind Benediktiner – und das schon seit dem Jahr 934! Darum setzen wir hinter unsere Namen oft das Kürzel “OSB”. Dieses steht für “Ordinis Sancti Benedicti” – “dem Orden des heiligen Benedikt zugehörig”.

Freilich hat der heilige Benedikt keinen Orden im klassischen Sinn gegründet. Denn in der Regel ist jedes Benediktinerkloster autonom und wird von einem Abt oder einer Äbtissin geleitet. Kleinere Gemeinschaften haben einen Prior oder einer Priorin an der Spitze.

Anders als die grossen Ordensgemeinschaften in der Nachfolge des heiligen Franziskus, Dominikus und Ignatius haben wir Benediktiner keine zentrale Ordensleitung. Der Abtprimas der Benediktiner in Rom, dessen Sitz die Ordenshochschule Sant’Anselmo auf dem Aventin ist, hat lediglich repräsentative Aufgaben. Er vertritt die internationale benediktinische Gemeinschaft (Mönche, Nonnen und Schwestern) gegenüber dem Heiligen Stuhl.

Wir Benediktiner sind also primär durch die gemeinsame Regel miteinander verbunden, die als 1500jähriger Text natürlich immer wieder neu interpretiert und an die sich verändernden Zeitumstände angepasst wird. Dies geschieht von Kontinent zu Kontinent, von Land zu Land, ja oft sogar von Kloster zu Kloster ganz unterschiedlich. Somit hat jene benediktinische Gemeinschaft ihre eigene Prägung, die sich durch die eigene Geschichte, die Tätigkeitsfelder, die Zusammenstellung der Gemeinschaft und das Umfeld ergibt. Dennoch ist das benediktinische Mönchtum bei aller Flexibilität und Anpassungsfähigkeit nicht beliebig!

Der heilige Benedikt legt uns in seiner Mönchsregel ein Leben im harmonischen Wechsel von Gebet, Arbeit und Lesung ans Herz. Dem Gottesdienst soll – wie der Liebe zu Christus – nichts vorgezogen werden. Das ganze Leben eines Mönches oder einer Nonne ist darum auf den Gottesdienst und die Gottesbegegnung hingeordnet. Beides beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Liturgie. Vielmehr soll der ganze Alltag im Kloster transparent auf Gott hin werden. Jesus Christus wird nicht nur im Abt geehrt, sondern auch in den Brüdern und Schwestern, besonders aber in den Kranken, Hilfsbedürftigen und in den Gästen.

Die Benediktsregel sorgt dafür, dass ein Kloster nicht nur eine generationenübergreifende Wohngemeinschaft mit einem spirituellen Anstrich ist, sondern eine “Schule für den Dienst des Herrn”.

Der heilige Benedikt hat mit seiner Regel das Mönchtum nicht erfunden. Er konnte bereits aus zahlreichen Quellen schöpfen. Er hat bewährte Texte und Weisheiten übernommen und durch eigene Einsichten ergänzt. Die Benediktsregel umfasst neben einem Prolog (Vorwort) 73 Kapitel.

Unser 2012 verstorbener Mitbruder, Abt Georg Holzherr, der von 1969-2001 unser Kloster geleitet hat, verfasste einen fundierten Kommentar zur Regel des heiligen Benedikt mit einer eigenen Übersetzung des lateinischen Originaltextes. Der Titel seines Werkes fasst das Wesen unserer Lebensregel treffend zusammen: “Die Benediktsregel: Eine Anleitung zu christlichem Leben”.

Damit die eingangs angesprochene Autonomie eines Benediktinerklosters nicht zum Hindernis für ein authentisches Leben in christlichem Geist wird, gibt es Verbindungen einzelner Klöster, die sogenannten “Kongregationen”. Seit 1602 existiert die “Schweizerische Benediktinerkongregation”, zu dessen Gründungsmitgliedern unser Kloster gehört. Ziel der Kongregation ist die Stärkung des benediktinischen Geistes in den jeweiligen Klöstern, gegenseitige Hilfestellungen, Engagement in klosterübergreifenden Aufgaben (z.B. in der Aus- und Weiterbildung der Mönche) und das Gebet füreinander.