Predigt an Heiligabend

24. Dezember 2017, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Cyrill Bürgi

Liebe Schwestern und Brüder,

Seit über einem Jahr erhalte ich anonym Briefe in Form von kleinen Zetteln oder Karten mit hässlichen Tiraden gegen Gott. Es sind meistens Gebete, die Gott anklagen, weil er die Wünsche dieses Herrn nicht erfüllt. Gott ist zu 100 Prozent an allem Schuld. Als der Briefschreiber nach mehreren Monaten doch einmal seine Adresse angab, hab ich ihm zurück geschrieben. Seitdem stehen wir in zwar einseitigem, aber doch regelmässigem Kontakt. Er hat mir verboten zu antworten, obwohl er ständig Zeichen gibt, dass ich ihm schreiben soll. Zu Beginn versuchte ich, argumentativ auf seine Gebete einzugehen. Als ich aber merkte, dass er das gar nicht annehmen und kognitiv verarbeiten konnte, wechselte ich die Strategie. Statt mit ihm über sein Geschriebenes zu argumentieren, antworte ich ihm mit einer lieben Karte, ohne auf seine hässlichen Gebete einzugehen. Und siehe da. Diese lieben Gesten bewirkten, dass er ebenfalls offener und dankbarer wurde. Auf Weihnachten hin schrieb er mir wieder. Neben hässlichen Anschuldigungen Gottes wünschte er mir doch schöne Weihnachten. Dazu schrieb er noch: "Herr Priester, - so spricht er mich jeweils an – ich sende keine Weihnachtskarten. Bitte senden Sie mir keine Lieb-Heiland-Gschichtli. Damit kann ich nichts mehr anfangen."

"Bitte senden Sie mir keine Lieb-Heiland-Geschichten." Wie vielen Menschen geht es doch genauso. Sie können die Lieb-Heiland-Geschichten nicht mehr hören. Diese sind zu süss, zu weltfremd, zu unrealistisch.

Weihnachten vor 2000 Jahren war keine zauberhaft wohlige Süsskind-Angelegenheit. Die Geburt Jesu war geprägt durch eine beschwerliche Reise, durch die Ausstossung von den Herbergen, die Armut im Stall und die Verfolgung durch den König Herodes. Gott ist nicht zu einer befriedeten Welt gekommen, sondern zu einem Volk, das im Dunkel lebt und zu Menschen, die im Land der Finsternis wohnen (vgl. Jes 9,1).

Die Jesus-Geschichte war nie eine schmalzige Lieb-Hei-land-Geschichte und wir dürfen keine daraus machen, sonst verkennen wir die damalige Realität und die Aktualität des Schicksals der Heiligen Familie. Süsse Geschichten berühren die Kinderherzen, erreichen aber die Menschen mit ihren alltäglichen Nöten und Sorgen nicht. Viele Menschen lehnen zurecht einen süsslichen Gott ab, weil er der erlebten Wirklichkeit nicht Stand hält. Wir dürfen nicht beim kindlichen Glauben stehen bleiben, denn Gott will nicht von Engeln umschwirrt und mit süsser Schafswolle bekleidet und Küsschen beschenkt unter uns sein. Wenn wir vom "holden Knaben im lockigen Haar" singen oder von "Lieb aus deinem göttlichen Mund" und von "himmlischer Ruh", dann erhebt das unser Gemüt, aber ist nicht wirklich Ausdruck unseres Glaubens. Denn das Wort aus Gottes Mund trifft viele Menschen schwer und hart. Gerade glaubende Menschen tragen manchmal schwer an der Diskrepanz zwischen der Hoffnung, die der Glaube gibt, und der drückenden Erfahrung der Gottesferne.

Am liebsten würde ich heute auf das Singen des "Stille Nacht, heilige Nacht" verzichten, nicht will ich dieses Lied nicht mag, sondern weil es uns auf eine illusorische Fährte führt. Das Schnulzige dieses Liedes hält der Wirklichkeit nicht stand. Damit gibt dieses Lied all jenen Recht, die behaupten, dass der Glaube sowieso der Wirklichkeit nicht standhält. Der Glaube, dass Gott ein Kind wurde, ist nicht einfach eine schöne idyllische Weihnachtsgeschichte oder ein Opium, das unseren Geist für ein paar Stunden benebelt. Für viele bedeutet der Glaube ein wahres Ringen um das Vertrauen, dass Gott gegenwärtig ist, gerade wenn sie das drückende Joch, das Tragholz auf unseren Schultern und den Stock des Treibers, den Stiefel, der dröhnend daherstampft, den Mantel, der mit Blut befleckt ist, selber erfahren oder anderswo beobachten. Der weihnächtliche Glaube ist ein Ringen um das Vertrauen, dass dieses kleine ohnmächtige Kind der "Fürst des Friedens" ist und "Recht und Gerechtigkeit stützt".

Tief in unserem Innern erkennen wir, dass ein süsslicher Gott, der mit einem Handumdreh die Welt friedlich und harmonisch machen würde, ein billiger Gott wäre. Er wäre dann wohl eine powervolle Übermacht, aber kein Partner mehr. Nein, Gott wird Mensch in unser Chaos hinein. Er kommt in unser Verstrickungen und Verirrungen hinein – mitten in den Dreck des Stalles und unseren eigenen geistigen Dreck. Gott wird Fleisch, dass heisst, er nimmt die conditio humana an. Er lässt sich in die Auswirkungen von Schuld und Sünde verstricken. Er bekommt die harte Wirklichkeit des gottfernen Menschen zu spüren. Gott ist aber nicht einfach einer von uns geworden, um in unserem Chaos unterzugehen. Der ohnmächtige Gott in der Krippe lässt uns durch die Engel eine frohe Botschaft übermitteln: Die freudige Botschaft dieser Nacht ist das "Fürchtet euch nicht!" Maria hat dies schon vor neun Monaten vom Engel vernommen: "Fürchte dich nicht!" Und heute vernehmen es die Hirten auf dem Feld wieder: "Fürchtet euch nicht!" Nicht die Lieb-Heiland-Gschichtli haben die Kraft, die Bedrohungen der Weltlage die Verstrickungen unserer Beziehungen, die Egoismen unserer Zeit zu überwinden, sondern der kleine Gott, der inmitten unseres Chaos zur dir und mir sagt: "Fürchte dich nicht!"

Das Evangelium dieser Nacht ruft all jenen, die sich den Mächten dieser Welt ausgesetzt fühlen, und die sich im Chaos ihres Lebens, im Ringen ihres Glaubens verloren vorkommen, zu: "Fürchte dich nicht!" Mehr als jede Lieb-Heiland-Geschichte, birgt dieser Ruf die Kraft in sich, vertrauensvoll voranzugehen. Der ohnmächtige Jesus in der Krippe, der machtlose Christus am Kreuz und der auferstandene Herr (Mt 28,10) bürgen für diese "Fürchte dich nicht!" Diese Nacht schenkt also jenen, die im Land der Finsternis wohnen, Vertrauen zu: "Fürchtet euch nicht!"


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