1 Die Zeitschrift der Klöster Einsiedeln und Fahr 2/2026 Schönheit 30 Wie Coco Chanel im Kloster Schönheit erfand Die Abbaye d’Aubazine war einst ein Waisenhaus – und erzählt heute von seiner berühmtesten Schülerin. 6 Wie man Schönes vor der Vergänglichkeit bewahrt Restaurationsleiter Rolf Zurfluh über Farben, Schimmel und den Wandel des Klosters Einsiedeln. 18 Wie das Salve Regina seine Magie entfaltet Den mehrstimmigen Gruss an die Muttergottes gibt es nur in Einsiedeln. Eine Annäherung. 10 Wie unsere Lernenden Schönheit sehen Ihre Matura ist erst in einem Jahr, doch ihre Antworten zeugen jetzt schon von Reife. salveKloster Welt Begegnung
Auf der Pirsch: Auf Spurensuche in der Abbaye d’Aubazine in Zentralfrankreich, wo Coco Chanel als Waise ihre Teenager- jahre verbrachte – und zu zentralen Stilmerkmalen ihres späteren Schaffens fand.
Titelbild: Sechs Lernende unserer Stiftsschule (und ein Lehrer) haben sich mit dem Thema Schönheit auseinandergesetzt. INHALT EDITORIAL Abt Urban Federer Priorin Irene Gassmann 5 BEGEGNUNG Hüter des Schönen Er bewahrt Schönes vor der Vergänglichkeit: Restaurator Rolf Zurfluh über Farben, Schimmel und die Einzigartigkeit des Klosters Einsiedeln. 6 STIFTSSCHULE Was ist schön? Ihre Antworten zeugen von Reife: Wir haben sechs Lernende (und einen Lehrer) gefragt, wie und worin sie Schönheit sehen. 10 KLOSTER FAHR Der Zauber des Zufälligen Ihre Blumengestecke sind wahre Kunstwerke: Schwester Christa Haslimann verrät das Geheimnis hinter ihrer Arbeit. 14 BENEDIKTSREGEL Benediktinische Schönheit Obwohl man das Wort Schönheit in der Benediktsregel vergeblich sucht, findet man erhellende Antworten. 17 NACHGEFRAGT Die Magie des Salve Regina Das Salve Regina ist eine der schönsten Kostbarkeiten des Klosters Einsiedeln. Pater Lukas Helg erklärt, was dahintersteckt. 18 PROPSTEI ST. GEROLD Bizarr oder erhellend? Von Kunst, die nicht einfach nur schön sein will: Die Werke von Ferdinand Gehr sind ebenso irritierend wie inspirierend. 20 KLOSTERSCHNEIDEREI Auf Tuchfühlung Zwischen massgeschneiderten Kutten und historischen Messgewändern: im Reich der emsigen Klosterschneiderinnen. 24 QUIZ Prachtvolle Ritualbegleiter Kennen Sie sich aus im Kirchenjahr? Versuchen Sie, sieben historische Messgewänder ihrem Einsatztag zuzuordnen. 28 SEITENBLICK Mit Coco Chanel im Kloster Coco Chanel wuchs als Waise im Kloster von Aubazine auf. Wir haben uns vor Ort umgesehen – und Erstaunliches entdeckt. 30 AGENDA Was uns bewegt Veranstaltungen, Informationen, Hintergründe und eine Übersicht über die Gottesdienste: Erfahren Sie das Neueste aus dem Kloster Einsiedeln und seiner Stiftsschule, aus dem Kloster Fahr und aus der Propstei St.Gerold. 34 salve 2/2026 Schönheit
salve – Das Magazin des Klosters Einsiedeln, 8840 Einsiedeln, und des Klosters Fahr, 8109 Kloster Fahr, Tel. 055 418 62 92, zeitschrift@kloster-einsiedeln.ch. Redaktionskommission: Pater Thomas Fässler (Projekt- leitung), Priorin Irene Gassmann, Pater Philipp Steiner, Susi Losen- egger, Dorothée Pottié. Redaktion: Matthias Mächler und Christoph Zurfluh, diemagaziner.ch. Gestaltung: Arndt Watzlawik, arndtwatzlawik.net. Korrektorat: Julia Schwegler, korrigiert.ch. Druck: druckerei-kaelin.ch (gedruckt auf 100% Recyclingpapier). Texte: Matthias Mächler (S. 6, 10, 14, 18, 20, 24, 28, 30), diverse (Agenda). Fotografie: Marcel Grubenmann (S. 6, 8, 18, 20, 22, 23, 24, 26, 28), Annette Fischer (S. 2, 28, 30), Jasmin Frei (S. 15, 16), Evelyne Marty (S. 1, 10, 12, 13), diverse Fotos aus dem Klosterarchiv Einsiedeln. Herzlichen Dank für alle weiteren zur Verfügung gestellten Bilder. Copyright: Das salve ist urheberrechtlich geschützt (ISSN 1662-9868). Bezug – Die Zeitschrift salve erscheint viermal jährlich in einer Auflage von 4500 Exemplaren und kann kostenlos bezogen werden unter: zeitschrift-salve.ch. Die Adressaten erhalten eine jährliche Spendeneinladung über 50 Franken. Inserate – ea Medien AG, Einsiedeln, Tel. 055 418 82 00. IMPRESSUM
5 salve 2/2026 Liebe Leserin, lieber Leser EDITORIAL Was ist Schönheit? Und vor allem: Wo finde ich sie? Vielleicht denken Sie jetzt: Welch schwierige und auch persönliche Frage. Doch ist die Antwort nicht überraschend einfach? Schönheit ist ein anderes Wort für Gott. Sie liegt in allem, was Gott geschaffen hat, in jedem Lebewesen, in jeder Pflanze, in jedem Ton. Und aus allem Schönen spricht das Göttliche zu uns – ohne je aufdringlich zu sein. Wahre Schönheit ist ein Schlüssel zum Frieden. Denn Schönheit zerstört nicht, sie lärmt und kämpft nicht. Schönheit zeigt sich im Leisen, Sanften und doch Kraftvollen. Sie lädt ein zum Staunen, zur Freude und Dankbarkeit. Ja, Schönheit lässt uns innehalten. Und: Schönheit geht weit über das hinaus, was wir sehen und benennen können. Für den Mystiker Johannes vom Kreuz (1542–1591) ist die Schönheit dieser Welt nichts im Vergleich zur Schönheit Gottes, die in Jesus Christus in die Schöpfung kommt. Unvergängliche Schönheit, nach der wir uns wohl alle sehnen, liegt für ihn in der Hingabe an Gott: Dadurch haben wir Menschen die Chance, Schönheit in der eigenen Seele zu entdecken. Für den Mönchsvater Bernhard von Clairvaux (um 1090–1153) wiederum zeigt sich die Schönheit Jesu Christi vor allem im Wort Gottes. Ein Leben aus der Heiligen Schrift heraus ist also gleichsam die Suche nach eigener Schönheit: Ein Leben, das aus der Beziehung mit Jesus Christus schöpft, kann in unserer Welt etwas von der Schönheit Gottes spiegeln. Für diese Ausgabe des salve haben wir im Universum der Klöster Einsiedeln und Fahr Orte und Menschen besucht, die von göttlicher, aber auch von irdischer Schönheit erzählen. Wir reden mit Restaurationsleiter Rolf Zurfluh darüber, wie man Schönheit erhält (Seite 6), und mit den Schneiderinnen des Klosters Einsiedeln, wie man sie wiederherstellt (Seite 24). Sechs Lernende der Stiftsschule und ein Lehrer verraten, was sie schön finden (Seite 10), derweil uns Schwester Christa Haslimann ins Treibhaus des Klosters Fahr und hinter das Geheimnis ihrer wunderbaren Gestecke führt (Seite 14). Pater Lukas Helg denkt über die Magie des Salve Regina nach (Seite 18), in der Propstei St.Gerold kommen wir den irritierenden Wandgemälden von Ferdinand Gehr auf die Spur (Seite 20), und in unserer Reportage aus Zentralfrankreich lesen Sie, wie die berühmte Modedesignerin Coco Chanel als Teenager im Kloster Aubazine Schönheit (er-)fand (Seite 30). Wir wünschen Ihnen inspirierende Momente bei der Lek- türe des salve und einen Sommer voller Schönheit! Abt Urban Federer Kloster Einsiedeln Priorin Irene Gassmann Kloster Fahr
BEGEGNUNG Er bewahrt Schönes vor dem Vergehen: Restaurator Rolf Zurfluh über Farben, Schimmel und die Schönheit des Klosters Einsiedeln. «Die Zeit legt einen grauen Schleier über die Dinge»
7 Herr Zurfluh, seit vierzig Jahren restaurieren Sie Gotteshäuser, geben historischen Kostbarkeiten Frische zurück und blicken hinter die Kulissen von interessanten Orten. Was war Ihr eindrücklichstes Erlebnis? Ich war zu einer Audienz bei Papst Franziskus eingeladen. Man redet da natürlich mit verschiedensten Leuten. Zwei Wochen später erhalte ich ein Telefon: Ob ich Interesse hätte an einer Arbeit im Palazzo Cardinal Cesi. Ich durfte Bilder von berühmten Schülern Raffaels restaurieren! Doch bei all den tollen Dingen, die ich im Rahmen meiner Arbeit erlebte: Die Kirche des Klosters Einsiedeln bleibt mein Lieblingseinsatzort. Warum? Sie ist beispiellos! Diese gigantische Architektur und das Verschmelzen von Bildern, Motiven, Stuckaturen und Farben berühren mich jedes Mal. Aber es gibt auch die familiäre Komponente. Meine Mutter war ursprünglich aus Venedig, liebte diesen Ort und nahm uns immer mit hierher. Sie starb früh. Hier fühle ich mich ihr besonders nah. Haben Sie einen Lieblingsort, eine Lieblingssicht auf die Dinge? Bei jedem Besuch stehe ich hinter die Bankreihen, schaue Richtung Weihnachtskuppel und staune über das Licht über dem Kind, das Blau und Rot von Maria, das Gelb von Josef, über diese Pracht, diese Hoffnung! Gerade mit der einfallenden Sonne scheint sich regelrecht der Himmel zu öffnen. Dann blicke ich Richtung Chor und kneife die Augen zusammen. Man nimmt nur noch Farben wahr: Sie fliessen ineinander wie auf einem abstrakten zeitgenössischen Bild, total modern. Dabei ist es Barock! Dieses Lachsfarbige, fast Pinke in der Kombination mit Grün: Das ist schon besonders, auch für Barock. Woher kommt es? Man hat diesen Farbton hinter der Orgel belegt gefunden und zusammen mit der Denkmalpflege entschieden, ihn im grossen Stil zu verwenden. Das war 1987 bei der grossen Restaurierung, die 17 Jahre dauerte. Ich war damals schon dabei – als Praktikant. «Diese Pracht, diese Hoffnung!»: Blickt Rolf Zurfluh Richtung Chor, kneift er die Augen zusammen und staunt, was die Farben mit ihm anstellen.
8 salve 2/2026 Tatsächlich habe ich die Kirche sehr düster in Erinnerung. Die Farbe tut ihr gut und wirkt sehr einladend. Und natürlich das Gold: Ich weiss nicht, wie viele Kilogramm wir damals verarbeitet haben. (Lacht.) Sie führten später nochmals eine umfassende Restaurierung durch, von 2010 bis 2013. Woran erinnern Sie sich? An einen unglaublich kalten Winter. Wir hatten teilweise minus achtzehn Grad und mussten die Wandmalereien mit einem Öfchen heizen, sonst hätten wir sie nicht reinigen können. Wir schliefen über der Alten Metzgerei, arbeiteten den ganzen Tag in der Kirche, erlebten alle Gottesdienste mit und durften am Abend mit in die Komplet. Es war ein mönchsähnliches Leben, unterbrochen nur von Lockerungseinheiten im Fitnessraum der Stiftsschule, wo übrigens auch Skispringer Simon Ammann trainierte. Gesehen allerdings haben wir ihn nie. Wie nähert sich ein Restaurator einem Raum an? Als Erstes gilt es, Schadensquellen zu erkennen. Das beginnt rund ein Jahr vor der eigentlichen Restauration. Ich mache Reinigungsproben und schaue, wie sich die Farbe verhält. Gibt es Schimmel, schicke ich ihn ins Labor zur Analyse. Je nach Art benötigen wir spezielle Fungizide, damit sich die Farbe bei der Reinigung respektive mit den Jahren nicht verändert. Die Proben nehme ich da, wo es am schlimmsten ist, also tendenziell auf der Nordseite, die dem Wetter besonders ausgesetzt ist. Ich leuchte auch alles mit einer grossen UV-Lampe ab und dokumentiere bei der eigentlichen Restauration praktisch jeden Quadratzentimeter, jede Retusche, jede Reparatur. Welche Arbeit macht Ihnen am meisten Spass? Das Reinigen finde ich sehr befriedigend. Die Zeit legt einen grauen Schleier über die Dinge und nagt an ihnen. Dann kommen wir und dürfen die Farben, das Gold wieder zum Leben erwecken, die Geschichte zum Leuchten bringen. Das ist schon schön. In dieser Hüter des Schönen Rolf Zurfluh (*1961) studierte in Zürich Kunst, bevor er in Bern eine Ausbildung als Restau- rator absolvierte. Seit 1991 betreibt er ein eigenes Atelier und ist spezialisiert auf Architekturoberflächen, Wandmalereien, gefasste Plastiken, Tapeten sowie die Restaurierung und Rekonstruktion von alten Fassungstechniken. Im Kloster Einsiedeln ist er immer wieder mit kleinen und grossen Projekten beschäftigt. Zurfluh hat drei erwachsene Söhne und lebt mit seiner Frau in Helsighausen im Kanton Thurgau. + restaurierungsatelier.ch «Es geht um das kulturelle Gedächtnis unserer Gesellschaft.»
9 salve 2/2026 Detailarbeit kommt man dem Kunstwerk sehr nahe. Man entdeckt vielleicht eine Figur, von deren Existenz man nicht wusste. Zum Beispiel einen Engel mit Hörnern – den gefallenen Engel. Man erkennt Zusammenhänge und kommt den Absichten des Künstlers auf die Spur. Stellen Sie sich die Künstler vor, wie sie damals gearbeitet hatten, unter welchen Bedingungen, in welchem Licht? Ja natürlich, das mache ich sogar sehr gern. Es ist ein bisschen wie ins Kino gehen. Die Weihnachtskuppel zum Beispiel: Da wurde die Farbe nur so hingeflutscht mit grossen Pinseln aus vollen Kübeln. Das muss gespritzt haben! In zwei Sommern war die Kirche gemalt, das ist schon erstaunlich. Die hatten einen unglaublichen Drive drauf. Was ist bei einer Restauration die grösste Herausforderung? Die Achtung vor dem Kunstwerk: Man bearbeitet es zwar, aber greift niemals in die Geschichte ein. Man reinigt und sichert es, damit die Pigmente wieder halten. Man sichert den Bestand an den Fresken, trägt Mörtel nach, wo Risse entstanden sind, und retuschiert reversible Fehlstellen. Aber man verändert nichts, sondern holt nur hervor, was schon immer war. Es geht um das kulturelle Gedächtnis unserer Gesellschaft: Wir schauen, dass möglichst nichts vergessen geht. Warum empfindet man diese Klosterkirche als besonders schön? Vieles liegt am sogenannten Goldenen Schnitt. Die Kunstwerke, die Säulen, die Proportionen sind fast immer im Verhältnis ein Drittel zu zwei Dritteln arrangiert. Das andere auffallende Stilmittel ist der Hell-Dunkel- Kontrast für die Tiefenwirkung. Er sorgt für den Eindruck einer Dreidimensionalität. Und die Farben werden tatsächlich als Farben verwendet und nicht vermischt oder zu farbigem Grau verdünnt. Diese positive Farbigkeit hier ist schon eindrücklich. Gibt es ein Motiv, ein bestimmtes Bild, das es Ihnen besonders angetan hat? Das Engelskonzert im Oberen Chor – es raubt mir jedes Mal fast den Atem, so stark ist es. Sowieso: Der Obere Chor mit seinen bis zum Boden reichenden Bildern und der ältesten Barockorgel der Schweiz verherrlicht für mich wie nichts anderes das Zitat «Hier könnte ich ewig sitzen und staunen». Entspricht das Schönheitsideal solch alter Malereien auch unserem heutigen Gefühl? Obwohl wir kaum mehr knuffige Engelchen malen würden? Absolut! Kunst bleibt Kunst – das ist in uns drin. Die Suche nach der Erfüllung, Themen wie Liebe, Hoffnung und manchmal auch Illusion: Auf dieser Suche macht der Mensch seinen Weg. Das tat er schon immer und wird es wohl auch immer tun. ◆ Warum ist die Madonna von Einsiedeln schwarz? Tatsächlich war die Haut der Madonna hell, als sie 1466 in die Gnadenkapelle gestellt wurde – als Ersatz für ein älteres Madonnenbild, das wohl beim Klosterbrand 1465 zerstört worden war. Da in der engen Kapelle stets Kerzen brannten, und auch wegen des Weihrauchs in den Gottesdiensten, wurde die Haut im Laufe der Jahrhunderte durch Russ immer dunkler, schliesslich silberschwarz. Schon im 17. Jahrhundert sprach man deshalb von der «schwarzen Madonna von Einsiedeln». 1798, kurz bevor französische Truppen Einsiedeln besetzten und das Kloster plünderten, flohen die Mönche, brachten das Gnadenbild in Sicherheit und vergruben es. Das feuchte Erdreich bekam der 117 Zentimeter hohen Lindenholzstatue schlecht. Sie liess sich nicht mehr in den Urzustand zurückrestaurieren. So beschloss man 1799, Madonna und Kind gänzlich schwarz anzumalen. 1803 durfte die Schwarze Madonna nach Einsiedeln zurückkehren. Seit 1817 steht sie in der neu errichteten Gnadenkapelle.
10 salve 2/2026 Was ist schön? STIFTSSCHULE Ihre Matura ist erst in einem Jahr, doch ihre Antworten zeugen jetzt schon von Reife: Wir haben sechs Lernende aus der fünften Klasse (und einen Lehrer) gefragt, wie und worin sie Schönheit sehen. Valerie Mittendrein «Ich tanze leidenschaftlich – Standard und Latin, da lernt man schon früh: Man kann technisch noch so gut sein oder noch so toll aussehen, doch wenn man die Emotionen nicht zeigen kann, wenn zum Beispiel beim Cha-Cha-Cha der Spass nicht spürbar ist oder beim Tango die Leidenschaft, nützt alles nichts. Dann ist man einfach nicht glaubwürdig. Und was ist Tanzen anderes als das Leben? Darum stimmt es wohl schon, dass Schönheit von innen kommt. Und dass man dafür sich selbst akzeptieren muss, wie man ist. Wer bei sich – und bei anderen – immer nur nach Fehlern sucht, bringt sich selbst um eine schöne Ausstrahlung. Ich denke, ich bin ein offener Mensch und einigermassen eigenständig in meinem Stil. Ich versuche, mir treu zu bleiben, auch äusserlich meinen eigenen Weg zu gehen. Ich muss überhaupt nicht jedem Trend entsprechen, aber ich schaue, dass ich einen gepflegten Eindruck hinterlasse. Das ist mir auch bei anderen wichtig. Es klingt vielleicht etwas altklug, aber das mit dem sogenannten Schönheitsideal ist doch Blödsinn: Schönheit gibt es in verschiedensten Formen. Es gibt keine Formel, kein Richtig oder Falsch. Jeder soll seine Schönheit auf seine Weise leben. Hauptsache, er oder sie tut sich damit gut und eifert nicht etwas nach, was unerreichbar ist.» «Was ist Tanzen anderes als das Leben?»
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12 salve 2/2026 Lara Maria Rusu «Was ich schön finde? Sonnenuntergänge! Davon kann ich nicht genug kriegen. Gerade gestern Abend hatte die Natur wieder besonders gute Laune und überraschte mich mit einem magischen Schauspiel. Auf Social Media folge ich keinen Beauty- oder Fashion-Influencern, das interessiert mich nicht. Ich halte mich mehr an Kulinarisches. Und ich liebe feine Düfte – die finde ich fast anziehender als ein schönes Kleid. Was die eigene Schönheit betrifft: Ich mag meine Haare. Aber ich schlafe lieber eine Viertelstunde länger, als am Morgen Zeit fürs Schminken aufzuwenden. Ich versuche mich sowieso möglichst nicht zu vergleichen. Schon klar, es passiert trotzdem manchmal. Wenn ich dann eine Kollegin mit einem neuen Top sehe, versuche ich, mich für sie zu freuen, was mir meistens gelingt. Ich mache auch gern Komplimente – aber nur, wenn ich es wirklich ehrlich meine. Ich schwindle nicht, dann sage ich lieber gar nichts. Ich bin sowieso eher der abwartende Typ. Beim Stichwort Schönheit kommt mir natürlich auch unser Kloster in den Sinn. Ich bin religiös, orthodox: Unsere Tradition ist geprägt von üppigen Gotteshäusern voller Schnörkel, Gold und Weihrauch. Vielleicht fühle ich mich auch darum so daheim an dieser Schule, an diesem wirklich schönen Ort.» Alessandro Orzati «Ich besitze tatsächlich nur drei paar Jeans und einige T-Shirts. Man kann also nicht behaupten, ich sei ein Modeopfer. Easyness und Natürlichkeit sind wichtig für mich, ich möchte mir das Leben nicht unnötig schwer machen. Aber genauso wichtig ist mir, sauber aufzutreten. Ich möchte nicht zu jenen gehören, bei denen man die Nase rümpft, sobald sie das Klassenzimmer betreten. Schönheit hat für mich stark auch mit einer Stimmung zu tun. Bei Menschen, aber zum Beispiel auch beim Basketball: Wenn meinem Team ein magischer Angriff gelingt und ein spektakulärer Abschluss, wenn es einfach läuft und man, ohne hinzuschauen, spürt, wer wo steht. Das Intuitive, dieser Flow ist wie Jazz: Es rollt, fliesst, prickelt – und ist einfach nur wunderschön. Was mich umhaut, ist dieser Moment bei einem Sonnenuntergang, wenn die gelbe Kugel im Meer versinkt und sich ihre Aura für ein paar Sekunden grün verfärbt. Oder in den Bergen, wenn du allein mit dem Snowboard inmitten einer majestätischen Kulisse stehst und realisierst, wie klein du bist im Vergleich mit der Natur. Ein ähnliches Gefühl überkommt mich, wenn ich da drüben auf dem Hügel mit dem Kreuz stehe und aufs Kloster runterschaue, auf dieses mächtige Gebilde, das in seiner Ausstrahlung sogar noch grösser wirkt, als es tatsächlich ist.» «Das Intuitive, dieser Flow ist wie Jazz.» «Ich schlafe lieber eine Viertelstunde länger.» Chanelle Ott «Ausstrahlung, Offenheit, Echtheit: Was Menschen am schönsten macht, kann man in keinem Kleider- oder Schmuckladen kaufen, das muss man sich schon erarbeiten – was in unserem Alter zugegebenermassen nicht ganz einfach ist. Da ist man am Suchen, am Vergleichen, einem krassen Wettbewerb ausgesetzt. Und läuft nicht selten Gefahr, sich darob selbst zu verlieren. Genau das aber wäre das Gegenteil von schön. Darum versuche ich, mich da so gut wie möglich rauszuhalten. Ich glaube, dass man wahre Schönheit erst erlangen kann, wenn man zufrieden ist mit dem, was man hat, mit dem, was man tatsächlich ist. Darum folge ich in den sozialen Medien fast nur Menschen, die herausgefunden haben, wie das geht, und was sie wirklich glücklich macht. Leuten, die sich Träume erfüllen, zum Beispiel für eine Zeit auf einem Schiff leben. Und die auch den Preis, den sie für eine solche Entscheidung bezahlen, thematisieren und ihr Leben nicht einfach nur hochglanzpoliert darstellen. Man muss sich wohlfühlen in seiner Haut, das ist das Wichtigste, darum pflege ich einen eher funktionalen, bequemen Stil. Das hat sicher auch mit meinem Hobby zu tun, dem Reiten. Mein Pferd verkörpert für mich den Inbegriff von Schönheit. Etwa wenn es schläft und zulässt, dass ich mich zu ihm lege, dieses absolute Vertrauen berührt mich wie nichts anderes.» «Dieses absolute Vertrauen berührt mich wie nichts anderes.»
13 salve 2/2026 Pater Cyrill Bürgi «Zuhause musste ich die Kleider von meinen älteren Brüdern nachtragen, auch wenn sie aus der Mode waren. So lernte ich anzuziehen, was vorhanden war. Das wurde zu einer Lebenshaltung: Dinge zu nehmen, wie sie sind. Bei meiner Maturafeier war sogar ein wenig Protest dabei, mich bewusst einfach zu kleiden und nicht in Schale zu erscheinen. Heute bin ich froh, dass ich den Habit tragen und die abgetragenen Kleider darunter überdecken darf. Ich freue mich, schön gekleidete Personen zu sehen, aber selber würde ich mich in Schale mit Schlips nicht wohlfühlen. Da bin ich froh, dass sich der Habit auch für einen Festanlass eignet. Schönheit bedeutet nicht nur eine Freude für die Augen. Schönheit ist ein ganzheitlicher Genuss – für den es Zeit und Musse braucht. Schönheit kann ich nicht forcieren und verzwecken, sonst verderbe ich sie und zugleich auch mich. Mich schön zu geben, geht nicht nebenbei. Schönheit äussert sich in der Achtsamkeit auf meine Wortwahl, mein Denken und meinen Umgang mit anderen und mit mir selbst. Schön sein ist für mich ein Lebensstil. Vielleicht spricht der heilige Benedikt von dieser Haltung, wenn er schreibt, dass wir mit der Sehnsucht des Geistes nach dem ewigen Leben verlangen sollen?» Raya Fankhauser «Als ich jünger war, so mit dreizehn, hatte ich eine richtig peinliche Phase. Damals schnitt ich meine Haare superkurz wie ein Bub, und ich hatte lange eine Zahnspange. Ich muss sagen: Ich bin doch recht zufrieden, wie sich die Dinge verändert haben. (Lacht.) In den Jahren an der Stiftsschule hat sich auch mein Charakter gestärkt. Es gefällt mir, wo ich heute mit mir stehe – und ich denke, das sieht man mir auch an. Was Schönheit betrifft, bewundere ich meine Mutter. Ich sehe nicht ein, warum sie zuweilen mit ihren Fältchen hadert. Ich schaue sie an und finde sie einfach nur unglaublich schön. Die Falten zeugen doch von Glück, vom vielen Lachen. Sie sind wie ein Abdruck des Lebens in ihrem Gesicht. Wie kann man das nicht schön finden? Bezüglich Stil dünkt mich wichtig, dass man sich auf einen Tag oder auf einen Anlass einstellt und entsprechend anzieht. Ich trage in der Schule etwas anderes als im Ausgang oder bei einem Ferienjob. Kleider können sehr dabei helfen, sich in unterschiedlichen Umfeldern wohlzufühlen. Ich probiere auch, dem allgegenwärtigen Blau-Weiss-Schwarz unserer Generation etwas entgegenzuwirken und jeden Tag etwas Farbiges zu tragen. Auch wenn das nur eine knallrote Tasche ist oder ein buntes Paar Schuhe – das macht doch gleich gute Laune.» ◆ Paul Vogt «Schönheit hat für mich viel mit Zeit zu tun. Sich Zeit nehmen für sich selbst, damit man sein Wesen im Kern erfassen kann. Aber auch sich Zeit nehmen beim Anziehen, bei der Hygiene. Denn äusserliche Erscheinung ist ein wichtiger Teil der Kommunikation. Ich finde es faszinierend, wenn Menschen mit ihrem Äusseren spielen und wissen, wie sie je nach Laune aus der Reihe tanzen oder in der Masse verschwinden können. Das geht nur, wenn man sich selbst gut kennt und um seine Möglichkeiten weiss. Allerdings gibt es einen kleinen, aber wesentlichen Unterschied zwischen einem eleganten Spiel mit seinem Äusseren und einem allzu plumpen Buhlen um Aufmerksamkeit. Wenn Jungs ihr Sixpack allzu prahlerisch zur Schau stellen oder Mädchen allzu aufreizend nach Blicken suchen, finde ich das unan- gemessen. Das hat dann weniger mit Zufriedenheit mit sich selbst zu tun, was ja letztlich Schönheit ausmacht, als mit Durst nach Anerkennung, was eher von Selbstzweifeln zeugt. Pure Schönheit ist für mich auch das Züchten von Bonsais. Man wird Teil der Natur und der Welt im Miniformat und gestaltet die Bäumchen im Einklang mit ihrem Wesen. Auch da braucht es sehr viel Zeit, damit sich Schönheit in aller Pracht entfalten kann und auf dem Weg dahin nichts kaputtgeht.» «Man wird Teil der Natur und der Welt im Miniformat.» «Es gefällt mir, wo ich heute mit mir stehe.» «Schönheit ist ein ganzheitlicher Genuss.»
14 salve 2/2026 «Krumm ist schöner als gerade» KLOSTER FAHR Ihre Blumengestecke sind wahre Kunstwerke: Schwester Christa Haslimann nimmt uns mit ins Treibhaus und verrät, wie sie den Zauber des Zufälligen einfängt. Es gibt Phasen im Jahr, da muss Schwester Christa improvisieren. Jetzt zum Beispiel, Ende April. Tulpen, Hyazinthen und Osterglocken sind vorbei, der Sommerflor keimt erst. Blumen hinzuzukaufen, kommt für Schwester Christa nur im Notfall infrage. «Nein, nein», sagt sie, «wir finden schon etwas. Es wird einfach sehr grün werden.» Dann lacht sie: «Aber grün ist die Hoffnung, das passt ganz gut in unsere Zeit.» Die 79-jährige Ordensschwester und Gärtnerin im Kloster Fahr strotzt vor Energie. Man spürt, dass sie jeden Tag viele Stunden auf den Beinen ist, hier in ihrem Garten hinter den Klostermauern. Mitten durch die weitläufige Anlage zieht der Müligiessenbach die Grenze zwischen dem Aargau und dem Kanton Zürich. Eidechschen huschen über die Mäuerchen. Vögel zwitschern vergnügt, vielleicht, weil sie sich unerreichbar wähnen für die Katze, die den gepflegten Weglein entlangschleicht. Vergissmeinnichte scheinen sich farblich dem Arbeitsgewand der Schwestern anzupassen. Aus den Giebeln des Klosters grüssen die Statuen der Muttergottes und des heiligen Josef. «Ist das nicht ein unbeschreiblich schöner Arbeitsplatz?», schwärmt Schwester Christa und öffnet das Tor zum Treibhaus. Draussen zögert der Frühling noch, drinnen ist er längst angekommen. Reihen von Setzlingen, sorgfältig gezogen, stehen dicht an dicht: Zinnien, Löwenmäulchen, Sonnenblumen. Auf dem Arbeitstisch ein Meer von Topfpflanzen: Kakteen, Orchideen, Farne, die Weihrauchpflanze (deren Blätter tatsächlich nach Weihrauch riechen). Unter dem Tisch ist ein Becken randvoll gefüllt mit Regenwasser. «Dreitausend Liter – damit kommen wir gut über die Runden», sagt Schwester Christa. 1970 trat sie ins Kloster ein, zwei Jahre später wurde das Treibhaus gebaut – für die Absolventinnen der Bäuerinnenschule. Die Schule gibt es nicht mehr, das Treibhaus schon. Es verströmt nostalgischen Charme, wirkt wie ein Echo jener Zeit. Die Schönheit Gottes sichtbar machen Schwester Christa hat blühende Rosmarinzweige dabei und Lorbeer, den sie drüben, beim Restaurant, fand. Sie hat sich für krumme, knorrige Zweige entschieden. «Krumm ist schöner als gerade», sagt sie. «Die geraden bekommt man überall.» Die krummen hingegen erzählen Geschichten, haben sich ihre eigenen Wege gesucht. In ihren Händen werden die Stiele, Blätter und Blüten zu prachtvollen Arrangements, zu tanzenden Feuerwerken und «lobpreisenden Armen, die sich Gott entgegenstrecken». Die Schönheit Gottes – sie möchte Schwester Christa mit ihren Gestecken und Gebinden sichtbar machen. Während sie arbeitet, meditiert sie normalerweise. Vieles geschehe im Moment; «ein bisschen Herz, ein bisschen Hände und ganz viel Augenblick». Zuerst entwickelt sie die Form, ein dreieckiges Gerüst aus Stauden, sodass es von allen Seiten
15 salve 2/2026 «Ein bisschen Herz, ein bisschen Hände und ganz viel Augenblick»: Schwester Christa zaubert.
16 salve 2/2026 stimmig ist, nicht nur von vorn. Dann setzt sie charakteristische Blumen ein, komponiert sich durch die Nuancen von Grün, bricht die Symmetrie, indem sie den Mittelpunkt seitlich versetzt. «Das wirkt lebendiger.» Eine AmaryllisBlüte bildet das Zentrum und hält alles zusammen, wie eine Skulptur. Schönheit, sagt Schwester Christa, liege nicht in der Perfektion. Nicht im Geraden, nicht im Gleichmässigen. «Sie liegt in der Überraschung.» Darin, dass Akzente herausragen, «dass es raus spickt.» Die Faszination für Blumen begleitet sie seit ihrer Kindheit. Damals, sie war vielleicht zwei oder drei Jahre alt, habe sie bei Verwandten übernachtet – aber die Suppe verschmäht, obwohl sie Suppe sonst mochte. Ihre Mutter hätte nachgefragt, was an der Suppe falsch gewesen sei. Schwester Christa schmunzelt: «Es war Blumenkohl – ich wollte auf keinen Fall Blumen essen!» Mit dreizehn wusste sie, dass sie ins Kloster möchte wie eine Tante, die sie oft im Fahr besuchte. Ihre Faszination für Blumen war unübersehbar, also riet ihr die damalige Priorin zu einer Gärtnerlehre. Eine solche absolvierte Schwester Christa denn auch. Und als sie schliesslich – endlich! – in die Gemeinschaft der Benediktinerinnen eintreten durfte, blühte nicht nur die junge Schwester auf, sondern auch der alte Klostergarten. «In ihrer Schönheit und Reinheit preisen Blumen Gott so selbstlos, wie wir Menschen es niemals vermögen», schwärmt Schwester Christa von ihren Schützlingen. Noch immer staunt sie jeden Frühling über das Spektakel, das die Natur zu veranstalten imstande ist. Wie aus einem unscheinbaren Samen, braun und schrumpelig, prächtige Blüten entstehen. Wie abgestorben wirkende Äste Knospen treiben und Blätter raus ins Leben schiessen. Bereit, um unter Schwester Christas kreativen Händen zu einem Fest für die Augen gebunden zu werden. Und um dann wieder zu verblühen. Ob sie traurig werde, wenn der Zauber vorbei ist und das Gesteck abgebaut werden muss? Schwester Christa schweigt einen Moment, dann füllen sich ihre Augen mit Liebe: «Nein – ich bedanke mich, dass sie so lange gehalten und so vielen Menschen Freude bereitet haben.» ◆ «In ihrer Reinheit preisen Blumen Gott so selbstlos, wie wir Menschen es niemals vermögen»: Schwester Christa in der Klosterkirche Fahr.
17 BENEDIKTSREGEL ZUM THEMA SCHÖNHEIT Garten- und Altargeräte gleich gut behandeln Nach dem Wort Schönheit sucht man in der Benediktsregel vergeblich. Natürlich soll im Kloster alles ordentlich sein – die Kutte zum Beispiel darf ihrem Träger nicht zu kurz geraten. Aber sonst? Was das Chorgebet betrifft: Von Schönheit ist da keine Rede. Vielmehr sollen Stimme und Herz übereinstimmen. Und die Klosteranlage? Der Schwerpunkt liegt auf Zweckmässigkeit, nicht auf Schönheit. Dasselbe gilt für Oratorium und Bibliothek. Wo aber bleibt sie, die benediktinische Kultur und Ästhetik? An der Stiftsschule wurden uns Schülern damals die Stammformen der lateinischen Verben eingepaukt. Von colere zum Beispiel das Partizip cultus. Damit verbunden auch die drei deutschen Bedeutungen dieses Verbs: 1. bebauen, bestellen 2. pflegen, Sorge tragen 3. verehren, anbeten Ich verstand als Vierzehnjähriger absolut nicht, was diese drei Tätigkeiten miteinander zu tun haben sollten. Später dämmerte es langsam, denn mit dem Partizip cultus verbunden wird ein Zusammenhang sichtbar: 1. bebauen, bestellen = Agrikultur 2. pflegen, Sorge tragen = Kulturgüter 3. verehren, anbeten = göttlicher Kult So gehören diese drei also zusammen. Es ist einseitig, die Kultur der Benediktiner auf schöne Barockkirchen und wertvolle Bibliotheken zu reduzieren. Benedikt selbst ist es, der im Kapitel 31 den Bogen von der Agrikultur zum liturgischen Kult spannt, wenn er mahnt, die Mönche sollen die Gegenstände der Agrikultur genauso gut behandeln wie die Gegenstände des Altarkults. Auf dem Jakobsweg kam ich an einem kleinen Benediktinerkloster vorbei, dessen Mönche vom Ackerbau leben. Haus und Hof waren eher armselig, aber sauber. Die Kapelle war baufällig, aber das Altartuch frisch und die Kultgeräte blitzblank. Da bekam ich eine Ahnung dessen, was benediktinische Schönheit ist. salve 2/2026 Pater Christoph Müller Er lebt im Grossen Walsertal (Vorarlberg) und betreut dort neben Thüringerberg die Pfarreien Blons und St.Gerold, die zu Einsiedeln gehören. Ende September wird Pater Christoph Müller nach 23 Jahren ins Kloster Einsiedeln zurückkehren.
18 salve 2/2026 «Ich vermisse diese fünf Minuten» NACHGEFRAGT Das Salve Regina ist eine der schönsten Kostbarkeiten des Klosters Einsiedeln. Wohl niemand hat sich so umfassend damit auseinander- gesetzt wie Pater Lukas Helg. Mann der Musik Pater Lukas Helg (1944) ist seit 61 Jahren Mönch im Kloster Einsiedeln. 42 Jahre lang war er Kapellmeister und wirkte als Chorleiter, Organist, Sänger und Musikbibliothekar. Sein Büchlein «Das Einsiedler Salve Regina» spürt musikhistorisch der Entstehungsgeschichte des Salve Regina nach und ist für 10 Franken im Klosterladen erhältlich. Wie das Salve Regina entstand, bleibt vage: Sie beschreiben die historischen Begebenheiten in Ihrem Büchlein fast so spannend wie in einem Krimi. Seit wann wird das Salve Regina in der heutigen Form gesungen? Seit Ende des 18. Jahrhunderts. 1787 wurde das erste Salve-Büchlein gedruckt. Meine Theorie: Bis dahin hatte man das Salve Regina aus dem 11. Jahrhundert einstimmig gesungen wie an anderen Orten auch. Dann wurden aus der Orgelbegleitung Chorstimmen und aus dem Salve Regina von Einsiedeln ein einzigartiges Juwel. Das Salve Regina ist kein gregorianischer Gesang, obwohl es danach klingt. Warum nicht? Der gregorianische Gesang ist immer einstimmig. Er ist im Einsiedler Salve vorhanden. Aber man hört ihn kaum mehr heraus aus den verschiedenen Stimmen. Nur noch am Anfang – bei der wunderbaren Abfolge der ersten vier Töne. Wer eröffnet das Salve Regina? Wer singt diese prägnante erste Tonfolge? 1547 spendete Abt Johannes von Lienzingen 1000 Gulden mit der Auflage, dass zwei Knaben und ein Priester täg-
19 salve 2/2026 Sei gegrüsst, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit, unser Leben, unsere Wonne und unsere Hoffnung, sei gegrüsst! Zu dir rufen wir, verbannte Kinder Evas. Zu dir seufzen wir, trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen. Wohlan denn, unsere Fürsprecherin, wende deine barmherzigen Augen uns zu. Und Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes, zeige uns nach dieser Verbannung. O gütige, o milde, o süsse Jungfrau Maria! Salve, Regina, mater misericordiae; Vita, dulcedo et spes nostra, salve. Ad te clamamus, exsules filii Hevae. Ad te suspiramus, gementes et flentes in hac lacrimarum valle. Eia ergo, advocata nostra, illos tuos misericordes oculos ad nos converte. Et Jesum, benedictum fructum ventris tui, nobis post hoc exsilium ostende. O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria. lateinisch: deutsch: Scannen Sie den QR-Code mit Ihrer Handykamera und geniessen Sie das Salve Regina der Einsiedler Mönche. lich nach der Vesper das Salve Regina singen. Es wurde ursprünglich also von Bubenstimmen vorgetragen. Ich habe das noch erlebt: Als junger Sängerknabe durfte ich das Salve anstimmen. Heute macht das – mit einer etwas tieferen Stimme – der Kantor, der Vorsänger. Wir haben vier Kantoren in der Gemeinschaft, die sich abwechseln. Warum hat das Salve Maria eine dermassen überwältigende Wirkung – selbst auf nicht religiöse Menschen? Ein wichtiger Grund ist das Show- element. (Lacht.) In Zweierkolonnen schreiten die Mönche zum Gnadenbild, langsam, ehrfürchtig. Sie versammeln sich und stimmen einen mystischen Gesang an. Das Ganze dauert bloss fünf Minuten, dann gehen sie wieder. Das hat seine Wirkung. Der zweite Grund ist die Art des Gesangs, er ist etwas völlig Fremdes in unserer abendländischen Musiktradition: dieses östlich anmutende Stimmengewirr, das sich überlagert und fast meditativ fliesst. Dem Salve zuzuhören, ist das eine. Wie ist es, in der Gnadenkapelle zu stehen und es zu singen? Sie haben es Tausende Male getan. Es bleibt auch nach vielen Jahren speziell. Ich bedauere sehr, dass ich den Gleichschritt nicht mehr gehen und das Salve nicht mehr mitmachen kann. Ich vermisse diese fünf Minuten vor dem Gnadenbild. Man spürt dabei die Gemeinschaft sehr intensiv. Wie schwierig ist es, das Salve Regina singen zu lernen? Es kommt ein bisschen auf die Begabung an. (Lacht.) Aber es gibt eine noch fast grössere Knacknuss: Beim Salve steht man nicht wie in einem Chor in getrennten Stimmlagen, sondern bunt gewürfelt. Meistens hat man links und rechts andere Stimm- lagen, das kann gehörig verwirren. Damit neue Mönche es singen lernten, musste ich früher jeweils zu einem Trick greifen: Ich stand neben ihnen und sang ihnen ihre Stimme laut ins Ohr. Bis man sattelfest ist, würde ich sagen, braucht es ein Jahr. Welche ist die schwierigste Stimme? Der Tenor: die schwierigste – und die langweiligste. Sie folgt keiner Melodie, ist eigentlich reine Begleitung. Es gab mal einen Pater, der hatte einen mächtigen Tenor. Man hörte ihn immer am lautesten aus allen heraus, was dem Salve insgesamt nicht wirklich bekam. Das Salve Regina ist für einen gemischten Chor geschrieben – wir singen es als Männerchor. Sopran und Alt liegen also eigentlich eine Oktave zu tief. Und ich möchte ja nicht bluffen, aber seit ich nicht mehr dabei bin, fehlt ein Bass. (Lacht.) ◆ Salve Regina
20 salve 2/2026 Bizarr – oder erhellend? PROPSTEI ST. GEROLD Die Werke von Ferdinand Gehr (1896-1996) in St.Gerold sind ebenso bedeutend wie irritierend: Von Kunst, die nicht nur schön sein will – und von einer lustigen Fahne.
21 salve 2/2026 Es war 1958, als Pater Nathanael Wirth nach St.Gerold kam, ein 28-jähriger Mönch aus dem Kloster Einsiedeln, der sich nur «ein oder zwei Jahre» von einem Burn-out erholen wollte. Doch wenige Monate nach seiner Ankunft erkrankte der damalige Propst und kehrte nach Einsiedeln zurück. Pater Nathanael trat seine Nachfolge an, wirkte schliesslich 51 Jahre lang in St.Gerold – und veränderte den Ort grundlegend. Was er bei seiner Ankunft vorgefunden hatte, schilderte er als einen «darniederliegenden, ruinösen Komplex». Eingestürzte Decken, morsches Gebälk, brüchige Mauern: Von den Auswirkungen des Nationalsozialismus gezeichnet, herrschte Verwahrlosung. Bald entwarf Pater Nathanael eine Vision: St.Gerold sollte zu einem Ort der Gastfreundschaft werden, wo Menschen mit körperlichen und seelischen Schwierigkeiten Aufnahme und Hilfe fanden. Er begann, St.Gerold wieder aufzubauen und packte dabei beherzt selber mit an. Eine Flagge machte den Anfang Für alle hatte Pater Nathanael ein offenes Ohr, auch für den örtlichen Mädchenverein, der eines Tages vorstellig wurde. Bei einem Mitarbeiter des Vorgänger-Propstes hätte man eine neue Fahne bestellt, sagten die Mädchen, ob da noch was im Tun sei. Bei seinen Nachforschungen fand Pater Nathanael heraus: Auf einen Tipp des Zeichenlehrers der Stiftsschule in Einsiedeln hin hatte der Mitbruder einen gewissen Ferdinand Gehr angeschrieben, allerdings vom Künstler nichts mehr gehört. Pater Nathanael schrieb Ferdinand Gehr einen Brief – und die Dinge nahmen ihren Lauf. Gehr lieferte einen Entwurf, den man im Dominikanerinnen-Kloster in Bludenz umsetzte. 1962 konnte die Fahne dem Mädchenverein übergeben werden. Der heutige Propst, Pater Martin Werlen, holt die Fahne für uns aus dem Archiv, rollt sie schmunzelnd aus – und zeigt auf ein geschwungenes gelbes M: «Kommt euch das bekannt vor?» Ungläubig starren wir auf das berühmte McDonald’s-Logo, dann auf Pater Martin. Lachend erzählt der, wie er vor drei Erst irritierend, dann inspirierend: Gehrs Wandgemälde im Kirchenraum beschreibt die Menschwerdung Christi.
22 salve 2/2026 Der Mystiker Ferdinand Gehr (1896–1996) aus Altstät- ten SG zählt zu den grossen Kirchenmalern des 20.Jahrhunderts und zu den bekann- testen Schweizer Aquarellisten. Mit seinen sakralen Bildthemen und monumentalen Wandmalereien versuchte er, sein christliches Selbstverständnis in zeitgemässer Kunst auszudrücken. Er pflegte einen auf klare Formen reduzierten und durch gewagte Farbkompositionen gekennzeichneten Stil. Gehr war nicht nur in St. Gerold aktiv, sondern auch im Kloster Einsiedeln: Das Gemälde in der Totenkapelle im Herrengarten wurde kürzlich restauriert. gemälde von 1966 im Kirchenraum. Es stellt die Menschwerdung Christi dar – und irritiert die Besucherinnen und Besucher bis heute. Die Kraft der Reduktion «Auch ich habe den Zugang zu Gehr nicht sofort gefunden», gesteht Pater Martin augenzwinkernd. «Doch je öfter man sich hinsetzt und sich insbesondere auch diesem Farbenrausch hingibt, desto mehr erlebt man die Tiefe des Johannes-Evangeliums. Auch weil es so einfach, ja beinahe kindlich dargestellt ist: Die Kraft dieser Reduktion ist beeindruckend.» Und darf – ja, soll – Kunst nicht irritieren? «Wenn der heilige Benedikt gesagt hat, dass man mit offenen Augen und aufgeschreckten Ohren durchs Leben gehen soll, trägt doch genau diese Art von Kunst dazu bei», führt Pater Martin weiter aus. «Man wird aus dem Gewöhnlichen he- rausgerissen und horcht auf! Gerade hier in diesem Kirchen- raum, wo man draussen vielleicht noch denkt, es ist wie überall. Man kommt rein und wird von diesem Wandgemälde geweckt. Es löst etwas aus, rüttelt auf, stellt auch ein festgefahrenes Bild der Kirche infrage. Man beginnt sich zu interessieren, wird herausgefordert – und findet staunend Antworten.» St.Gerold ist voll von Werken Ferdinand Gehrs. Schon am Empfang hängt eins. Im Gemeinschaftsbüro, dem ehemaligen Speisesaal, dominiert die von Gehr bemalte Kassettendecke. Ein fröhliches Gemälde dann in einem Jahren den Chef von McDonald’s Vorarlberg traf, ihm die Fahne zeigte und sagte: «Wir waren drei Jahre vor euch da mit diesem Logo. Aber keine Bange, ihr dürft es ruhig weiter verwenden… Sagen wir für 100 Euro für jede der 42 000 Filialen weltweit?» Der McDonald’s-Chef verstand den Scherz – aber auch den Wink mit dem Zaunpfahl. Seither gehört die Fastfood-Kette zu den regelmässigen Unterstützern der Propstei St.Gerold. Die Fahne von Ferdinand Gehr war der Auslöser für eine Reihe weiterer Arbeiten, die der einstige Pater Nathanael beim Künstler in Auftrag gab. Allen voran das riesige WandEin Buchstabe, den sich später auch ein Fast-Food-Riese auf die Fahne schrieb: die Gehr-Flagge. «Man wird aus dem Gewöhnlichen herausgerissen und horcht auf!»
23 salve 2/2026 Pater Martin Werlen vor seinem Lieblingssujet aus der «Apokalypse»: dem mit abstrakten Edelsteinen dargestellten Jerusalem. der Seminarräume. Und als Höhepunkt die gotische Kapelle Pretiosa – mit der «Apokalypse». Wer bei diesem Wort zusammenzucke, liege falsch, findet Pater Martin Werlen: «Apokalypse ist das griechische Wort für Offenbarung. Das bedeutet überhaupt nicht Untergang oder Katastrophe – sondern Trost! Es ist schade, dass wir es als Kirche nicht fertigbringen, diesen Begriff richtig zu trans- portieren.» Von Themen wie den «Menschen in weissen Gewändern», den «Unheil bringenden Reitern» oder dem «Buch mit den sieben Siegeln» bis hin zu Pater Martins Lieblingssujet, dem mit abstrakten Edelsteinen dargestellten Jerusalem, schweben die farbenfrohen Sujets ebenso quirlig wie genial vereinfacht über die Wände und den Himmel der kleinen Kapelle. Ohne dass sie Angst machen, im Gegenteil. «Es sind das Leben und seine Themen, über die Ferdinand Gehr nachgedacht hat, und die er so eindrücklich zusammenfasst», sagt Pater Martin. «Indem wir hier sitzen und über unseren Part in der Gesellschaft nachdenken, werden wir Teil davon.» ◆
24 salve 2/2026 Auf Tuchfühlung KLOSTERSCHNEIDEREI Die Klosterschneiderinnen von Einsiedeln fertigen nicht nur Mönchskutten nach Mass an, sie prüfen und überholen auch wertvolle historische Messgewänder und stellen ihre Schönheit wieder her. Es grenzt an Detektivarbeit, was Monika Gisler tut: Mit dem Meterband um den Hals, wie es sich für eine Schneiderin gehört, beugt sie sich über das Messgewand – und fahndet nach Dingen, die ungeübte Augen übersehen würden. Hier eine aufgescheuerte Stelle, da ein loser Faden, dort eine fehlende Paillette. «Auch historische Messgewänder sind Gebrauchsgegenstände», sagt sie. «Kunstvolle Verzierungen, dicke Nähte und natürlich der Kragen: Alles, was sich vom Stoff abhebt, ist Reibung ausgesetzt. Wenn man zu lange wartet, können Schäden entstehen, die nicht mehr einfach zu reparieren sind.» Seit fünf Jahren arbeitet die Urnerin zwei Tage die Woche im Atelier des Klosters Einsiedeln. Jeweils am Mittwoch gesellt sich Simona Angelini dazu, die sonst in Einsiedeln ein Geschäft für Massanfertigungen führt. Die Schneiderinnen kennen sich schon lange. Sie wirkten gemeinsam bei einem Couturier in Zürich und wissen, wann ein Stoff einem Körper schmeichelt, was Bewegungsfreiheit bedeutet und wie man vermeidet, dass es irgendwo zwickt. Persönliche Wünsche sind massgebend Hauptsächlich beschäftigen sie sich mit dem Ausbessern und Anpassen schwarzer Kutten, der sogenannten Habiten. Die Mönche besitzen drei, allenfalls vier davon in unterschiedlich warmen Stoffen. Die Beschaffenheit des Futters dürfen sie sich aussuchen. «Baumwolle ist wärmer, synthetische Materialien rutschen besser», sagt Simona Angelini.
25 salve 2/2026 Historische Mess- gewänder werden fast nur mit alten Seidenfäden ausgebessert – wegen des besonderen Glanzes.
26 salve 2/2026 Ob schlichte Habite oder reich verzierte Messgewänder: Monika Gisler und Simona Angelini wissen, wo sie ansetzen müssen.
27 salve 2/2026 «Es gibt Mönche, denen schnell warm wird, andere frieren eher, und der Arbeitsbereich des jeweiligen Mönchs hat ebenfalls Einfluss auf die Wahl des Stoffs, aus dem der Habit geschneidert wird.» Auch beim Innenleben werden persönliche Wünsche berücksichtigt und etwa die Taschen für Kalender, Handy oder Kugelschreiber so eingenäht, dass sie nicht dem Cingulum in die Quere kommen, dem breiten Gürtel (der nach der Fastenzeit oft etwas korrigiert werden muss). «Was aussieht wie eine Uniform, ist in seinen Details individuell», sagt Monika Gisler. «Und dass der Habit auf Mass geschneidert ist, macht Sinn: Wenn die Kutte richtig sitzt, ist der Verschleiss kleiner.» Der Habit der Benediktinermönche besteht aus einer vorne geknöpften Tunika mit Kragen und seitlichen Taschen sowie dem Skapulier, einer Art Schürze mit Kapuze. Nicht fehlen darf der weisse Schweisskragen, wahlweise aus Stoff oder aus Kunststoff, der mit Häkchen im Kragen der Tunika befestigt wird, sowie der besagte Cingulum. Was die Mönche unter dem Habit tragen, bleibt ihnen überlassen. Oft ist es bequeme Freizeitkleidung. Diese darf nicht unter der Kutte hervorschauen, welche acht Zentimeter über dem Boden endet. Vorgeschrieben sind schwarze Schuhe und deckende schwarze Socken. Seltene Stoffe und komplexe Verzierungen Höhepunkte im Alltag der fleissigen Schneiderinnen sind jene Tage, an denen ein historisches Messgewand vorbeigebracht wird. «Es ehrt uns immer wieder, wenn wir diese altehrwürdigen Paramente restaurieren dürfen», sagt Monika Gisler. «Die jahrhundertealten Messgewänder und Dalmatiken sind oft so kostbar und handwerklich hochwertig hergestellt, dass man das auch als Couture-Schneiderin selten sieht.» Sie beugt sich mit fachmännischem Blick über das Messgewand mit Stola, das 1883 im Kloster Fahr hergestellt worden war und schon an vielen Sonntagen zum Einsatz kam. «Wenn man mal genau hinzuschauen beginnt, entdeckt man immer neue Verschleissstellen», lacht Simona Angelini. Die Schneiderinnen beraten, was zu tun ist, und dann geht’s los. Sie flicken, wiefeln, sticken, tüpfeln und bessern aus, öffnen Nähte, polstern neu und greifen zu kleinen Tricks, bis auch das geübte Auge keine «Alltagswunden» mehr entdeckt. Dabei bedienen sie sich nicht selten in einer geheimnisvollen Schachtel, in der wahre Schätze lagern, Kunstperlen in allen Farben und Pailletten aus Silber. «Wir bevorzugen alte, angelaufene Pailletten», sagt Monika Gisler. «Allzu neue fallen zu sehr auf.» Die Schneiderinnen greifen in eine weitere geheimnisvolle Kiste und nehmen einige Rollen roter Seidenfäden heraus, die sich nur durch winzige Farbnuancen unterscheiden. Sie halten sie ins Licht und sind sich sofort einig, welche für die Stelle am Messgewand optimal ist. «Fäden aus Kunststoff, wie man sie heute bekommt, haben nie diesen weichen Glanz wie die aus Seide», sagt Simona Angelini. «Wir sind schon sehr froh, können wir auf einen grossen Fundus zurückgreifen.» Entsprechend wird auch nichts weggeworfen, nicht einmal ein Stück Stoff, das ersetzt werden musste, und schon gar nicht altes Futter. Monika Gisler: «Ein solches Detail ist vielleicht genau das fehlende Puzzleteil bei der Restauration eines anderen Messgewands.» Geradezu berauschend ist es, da sind sich die beiden einig, wenn sie einer besonders aufwendigen Verzierung auf die Schliche kommen, wenn sie plötzlich verstehen und regelrecht eintauchen in die Machart des Kleidungsstücks. «Von da an sieht man automatisch, was noch fehlt, wo es uns braucht», sagt Monika Gisler. «Dieser Moment ist wie ein kleines Wunder: Man beginnt die Geschichte zu spüren, und vor dem geistigen Auge spielen sich mögliche Szenen aus der Vergangenheit des Gewands ab. Die Jahrhunderte erwachen zum Leben.» ◆ «Was aussieht wie eine Uniform, ist in seinen Details individuell.» Textilien aus dem Kloster Fahr Wird im Kloster Einsiedeln vor allem genäht, entstehen im Kloster Fahr ganze Stoffe von Grund auf – in einer der letzten Paramentenwerkstätte der Schweiz. In Handarbeit auf traditionellen Webstühlen stellt ein Team aus Ordensschwestern und externen Helferinnen Messgewänder und andere Textilien her, die im sakralen Raum zum Einsatz kommen. + kloster-fahr.ch
28 salve 2/2026 Kennen Sie sich aus im Kirchenjahr? SAKRISTEI Welches unserer prachtvollen Messgewänder gehört zu welchem Fest? Finden Sie es heraus! 1 — Silbernes Messgewand (1734), gewobener Silberfaden mit floraler Seidenstickerei. 3 — Violettes Messgewand (1685), Seide mit Stickereien aus echtem Goldfaden. 4 — Welche Kostbarkeit zeigt Sakristan Bruder Benno Maria Bonder? So viel sei verraten: Das Messgewand aus dem 19. Jahrhundert ist aus Goldbrokat und mit aufwendiger Nadelmalerei geschmückt und wurde im Kloster Au bei Einsiedeln hergestellt.
29 salve 2/2026 7 — Grünes Messgewand (um 1950), Mailänder Goldbrokat. Lösung: 1 – Ostern: Die Farben Gold und Weiss stehen für die grossen Feste wie Ostern und Weihnachten. 2 – Beerdigungen von Mönchen und «Aller Äbte Jahrzeit» am 23. Oktober. 3 – Engelweihe, der Weihetag der Gnadenkapelle am 14. September – ein einzigartiges Juwel im Einsiedler Kirchenjahr. Normalerweise steht Violett für Busszeiten wie die Fastenzeit und die Adventszeit. 4 – Weihnachten. 5 – Meinradstag am 21. Januar: Rot steht für Heilig-Geist- und Märtyrer-Feste. 6 – Pfingsten. 7 – Gewöhnliche Sonntage im Jahreskreis; dieses Messgewand ist dem Abt vorbehalten. 2 — Schwarzes Messgewand (1873), mit echtem Silberfaden bestickter Samt (Kloster Au). 5 — Rot-goldenes Messgewand (1950), Mailänder Goldbrokat. 6 — Rot-goldenes Messgewand (1766), Goldstickerei auf Goldbrokat, hergestellt in Mailand.
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