salve 1/2026

1 Die Zeitschrift der Klöster Einsiedeln und Fahr 1/2026 Neubeginn 28 Weihrauch: Der Duft des Neubeginns Er begleitet Klostersegnungen genauso wie private Rituale. Doch was ist eigentlich Weihrauch? 22 Neue Wege: Das Kloster Fahr macht’s vor Anstelle der Bäuerinnenschule erstrahlt mit «erfahrbar» ein Vorzeige-Wohnprojekt. 6 Jubiläum: 500 Jahre Wiederaufblühen 1526 hing die Zukunft des Klosters Einsiedeln am seidenen Faden – eine Zeitreise. 12 Gespräch: Thierry Carrel nimmt sich Zeit Der Herzchirurg spricht über die Schwierigkeit eines Neubeginns und über sein Faible für Klöster. salveKloster Welt Begegnung

Neubeginn für das älteste Gebäude im Kanton Schwyz: Renovationsarbeiten in der Einsiedler Gangulf-Kapelle. Sie stand schon vor 500 Jahren, als die Zukunft des Klosters höchst ungewiss war.

Titelbild: Herzchirurg Thierry Carrel beim Interview in der Gästelounge des Klosters Einsiedeln. INHALT EDITORIAL Abt Urban Federer Priorin Irene Gassmann 5 JUBILÄUM 500 Jahre Wiederaufblühen 1526 hing die Zukunft des Klosters Einsiedeln am seidenen Faden – eine Reise zurück in eine Zeit, in der sich die Ereignisse überschlugen. 6 NACHGEFRAGT Wird es wieder wie damals? Abt Urban Federer sieht lieber berufene als möglichst viele Mönche in Einsiedeln – und skizziert Gedanken zur Zukunft des Klosters. 10 BEGEGNUNG Herzchirurg Thierry Carrel Er kennt das Loch vor einem Neubeginn und spricht über geschenkte Lebenszeit und seine Faszination für Klöster. 12 STIFTSSCHULE Ruhe vor dem Sturm Der Tag beginnt mit der «Morgenbesinnung»: Fünf Lehrpersonen erzählen, welche Erfahrungen sie mit dem Ritual sammeln. 16 EIN TAG IM LEBEN Als Neuling im Kloster Carsten Rupp war Pfarrer, bevor er mit 52 Jahren nochmals von vorne anfing – als Novize im Kloster Einsiedeln. 18 KLOSTER FAHR Einer Idee wachsen Flügel Anstelle der Bäuerinnenschule erstrahlt ein christliches Mehrgenerationen- Wohnprojekt mit Vorzeigecharakter. 22 PROPSTEI ST. GEROLD Das Kirchen-Laboratorium Neuanfang in kleinen Schritten: In St.Gerold wird Kirche anders gedacht. Propst Martin Werlen erklärt, wie das funktioniert. 26 IM BILD Der Duft des Neubeginns Wir begleiten Dekan Daniel Emmenegger bei der Segnung der Klosterräume und verraten, was es mit dem Weihrauch auf sich hat. 28 BENEDIKTSREGEL Hinhören ist nie fertig Pater Christoph Müller reflektiert das Thema Neubeginn aus dem Kapitel 3 der Benediktsregel. 33 AGENDA Was uns bewegt Veranstaltungen, Informationen, Hintergründe und eine Übersicht über die Gottesdienste: Erfahren Sie das Neueste aus dem Kloster Einsiedeln und seiner Stiftsschule, aus dem Kloster Fahr und aus der Propstei St.Gerold. 34 salve 1/2026 Neubeginn

salve – Das Magazin des Klosters Einsiedeln, 8840 Einsiedeln, und des Klosters Fahr, 8109 Kloster Fahr, Tel. 055 418 62 92, zeitschrift@kloster-einsiedeln.ch. Redaktionskommission: Pater Thomas Fässler (Projekt- leitung), Pater Philipp Steiner, Dorothée Pottié. Redaktion: Matthias Mächler und Christoph Zurfluh, diemagaziner.ch. Gestaltung: Arndt Watzlawik, arndtwatzlawik.net. Korrektorat: Julia Schwegler, korrigiert.ch. Druck: druckerei-kaelin.ch (gedruckt auf 100% Recyclingpapier). Texte: Matthias Mächler (S. 6, 10, 12, 16, 18, 22, 28), Pater Martin Werlen (S. 26), diverse (Agenda). Fotografie: Marcel Grubenmann (S. 1, 2, 6, 8, 12, 14, 15, 19, 20, 28, 30, 32), Ramona Fuhrer (S. 10, 27), Jasmin Frei (S. 22, 24), diverse Fotos aus dem Klosterarchiv Einsiedeln. Herzlichen Dank für alle weiteren zur Verfügung gestellten Bilder. Copyright: Das salve ist urheberrechtlich geschützt (ISSN 1662-9868). Bezug – Die Zeitschrift salve erscheint viermal jährlich in einer Auflage von 4500 Exemplaren und kann kostenlos bezogen werden unter: zeitschrift-salve.ch. Die Adressaten erhalten eine jährliche Spendeneinladung über 50 Franken. Inserate – ea Medien AG, Einsiedeln, Tel. 055 418 82 00. IMPRESSUM

5 salve 1/2026 Liebe Leserin, lieber Leser EDITORIAL Neues beginnt oft im Verborgenen, im Dunkeln. So wie jeder neue Tag mitten in der Nacht seinen Anfang nimmt oder Pflanzen im Schutz der Erde keimen, lange bevor wir ihre Sprossen sehen. Diese Phase des verborgenen Neubeginns kann für uns Menschen herausfordernd sein. Wir spüren, dass sich etwas verändert, oder merken, dass das Bisherige nicht mehr trägt. Doch das Neue ist noch nicht erkennbar. Diese Spannung auszuhalten, verlangt Vertrauen und Hoffnung. Vor einer solchen Herausforderung stand auch der bekannte Herzchirurg Thierry Carrel. Im Gespräch mit dem salve schildert er, was diese Situation mit ihm machte – und was er aus ihr lernte (Seite 12). Mit Blick auf die Altersstruktur in vielen Klöstern fragen wir uns auch in unserer Gemeinschaft im Kloster Fahr: In welcher Form ist ein Neubeginn zu erwarten? Die Heilsgeschichte der Bibel schenkt uns Zuversicht. Sie zeigt: An entscheidenden Wendepunkten standen oft betagte Menschen. Wir gestalten also eine wichtige Zeit und bereiten den Boden vor für etwas Neues, das wir noch nicht sehen. So wie wir nicht ahnen konnten, dass anstelle unserer Bäuerinnenschule dereinst eine der ungewöhnlichsten Wohngemeinschaften der Schweiz zum Vorzeigeprojekt wird (Seite 22). Ein dramatischer Neubeginn ereignete sich vor genau 500 Jahren auch im Kloster Einsiedeln. Damals gab es nur noch einen Mönch, den 86-jährigen Abt. Und vor den Türen stand die Gesellschaft im Umbruch. Lesen Sie in dieser Ausgabe, wie die Gemeinschaft Rettung erfuhr und wieder aufblühte und warum die Situation heute nicht mit damals verglichen werden kann (Seite 6). Was es für einen Neubeginn immer braucht, ist ein Grund, warum sich ein neuer Anfang lohnt. Für den heiligen Benedikt ist Gott die Erfüllung menschlicher Sehnsucht. Bereits im Prolog seiner Regel schreibt er: «Wenn du etwas Gutes beginnst, bestürme ihn beharrlich im Gebet, er möge es vollenden.» Benedikt weiss aus eigener Erfahrung um die Grenzen des Menschen: Zwar kann man Neues wagen, doch allzu leicht gerät man wieder auf alte Gleise und wird von widerstrebenden Kräften zurückgehalten. Benedikts Hoffnung ist, dass Gott selbst der Ursprung allen Neubeginns ist und unsere Bemühungen erst zum Gelingen führt. An uns liegt es dann, uns immer wieder neu auszurichten, aufmerksam zu prüfen und beherzt zu handeln, getragen von Hoffnung und erfüllt von Dankbarkeit. Sollten auch Sie vor einem Neubeginn stehen, wünschen wir Ihnen von Herzen Mut und Gottvertrauen! Abt Urban Federer Kloster Einsiedeln Priorin Irene Gassmann Kloster Fahr

500 JAHRE WIEDERAUFBLÜHEN 1526 gibt es noch einen einzigen Mönch in Einsiedeln, den 86-jährigen Abt Konrad. Mitten in der Reformation steht das Kloster vor dem Aus. Dann kommt Hilfe von unerwarteter Seite. Am seidenen Faden

7 salve 1/2026 Wenn Pater Thomas Fässler die Geschehnisse um 1526 schil- dert, sieht man vor dem geistigen Auge, wie sich die Pferde und die erschöpften Reisenden mühsam den Weg ins abgeschiedene Einsiedeln suchen. «Für Kutschen gibt es kaum ein Durchkommen, an nasskalten Tagen schon gar nicht. Am einfachsten geht es noch zu Fuss», erzählt der Historiker. «Der endlos scheinende Winter zerrt an den Menschen, die Lebenserwartung ist gering. Gearbeitet wird tagein, tagaus, sechs Tage die Woche, gegessen – zumindest bei den einfachen Leuten – mehr schlecht als recht.» Im alten, gotischen Kloster sitzt Abt Konrad III. von Hohenrechberg allein im Refektorium und spürt, dass ihn die Kräfte verlassen. Die letzten Jahre haben ihm alle Energie geraubt. Die Feuersbrunst, die 1509 halb Einsiedeln und auch die Klosterkirche zerstörte. Die Streitereien um die maroden Finanzen; es reicht längst schon für nichts mehr. Selbst für die geringsten Reparaturen muss Abt Konrad Schulden in Kauf nehmen. Seit Jahren finden keine neuen Mönche mehr nach Einsiedeln, diesem ausschliesslich Adeligen vorbehaltenen Kloster, das den Adeligen aber zu wenig geworden ist. Zwinglis Geist Einer der letzten war Diebold von Geroldseck. Ihn ernannte Abt Konrad, um sich zu entlasten, 1513 zum Administra- tor. Der junge Mönch erwirkt 1518 das Kunststück, dass Einsiedeln die Exemtion erhält und als eines von nur wenigen Klöstern weltweit «auf ewige Zeiten» direkt dem Papst unterstellt wird. Zudem möchte er das Kloster reformieren, holt unter anderem Huldrych Zwingli als Leutpriester und besetzt auch die dem Stift unterstellten Pfarreien mit hervorragend gebildeten Sympathisanten der Reformation. Das geht nicht lange gut. Die Schwyzer Obrigkeit sieht die Wallfahrt in Gefahr, ein einträgliches Geschäft für die ganze Region, und fürchtet um das Renommee des berühmten Orts. Es kommt zu Spannungen. 1525 muss Diebold von Geroldseck sein Amt niederlegen. Er folgt Zwingli nach Zürich. Seither ist Abt Konrad als Mönch allein. Immerhin wird ihm von der Schwyzer Obrigkeit der Laie Martin von Kriens als Statthalter mit dem Titel «Schaffner des Gotteshauses» zur Seite gestellt. Doch am 20. Juli 1526 muss Abt Konrad aufgeben. Er erklärt den Verzicht auf die Abtei. «Damit steht die Klostergemeinschaft vor dem Aus», erklärt Pater Thomas. «Die Wallfahrt würde theoretisch zwar auch ohne Mönche funktionieren, das Gnadenbild mit der Die älteste Abbildung des damals noch gotischen Klosters Einsiedeln: Der Stich stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert.

8 salve 1/2026 Oben: Die päpstliche Bestäti- gungsbulle von 1518 besiegelt die Sonderstellung Einsiedelns. Unten: Die Randnotizen von Huldrych Zwingli im Römerbrief von Origenes warnen vor der «geistigen Schläfrigkeit» des Autors.

salve 1/2026 9 Auch in der Schweiz fehlt das Interesse, um sich dem Problem Einsiedeln anzunehmen. Es ist die Zeit der Kappelerkriege zwischen den reformierten Truppen und den katholischen Kantonen. Konnte beim ersten Krieg 1529 noch eine friedliche Lösung gefunden werden (Kappeler Milchsuppe), kommt es im Zweiten Kappelerkrieg 1531 zur Schlacht, in der an der Seite von Huldrych Zwingli auch Diebold von Geroldseck fällt. Die verheerende Niederlage der Reformierten markiert eine Trendwende, die in der katholischen Reform münden soll. 1533 wird Ludwig Blarer schliesslich doch noch vom Papst zum Abt von Einsiedeln ernannt. Selbst ein normaler Bürgersohn, hatte er schon davor das Adelsprivileg aufgehoben. Ab sofort steht das Kloster allen offen. Noch gedeihen die Dinge langsam, noch ist der Zulauf verhalten. Erst mit dem Nachfolger von Abt Ludwig Blarer, dem 1544 gewählten Abt Joachim Eichhorn, füllt sich das Kloster mit Mönchen und neuem Leben; nach nur zwei Jahren ist es schuldenfrei. «Es ist alles andere als selbstverständlich, dass unsere Geschichte damals weiterging», sagt Pater Thomas. «Andere Klöster in ähnlichen Situationen mussten im Verlauf der Entwicklung ihre Tore schliessen. Darum feiern wir heuer 500 Jahre Wiederaufblühen: aus Dankbarkeit, dass wir den Rank gefunden haben – nicht zuletzt dank heilvollen Anstupsern von aussen.» ◆ Schwarzen Madonna könnte auch von anderen betreut werden.» Aber die Bedeutung des Ortes ist vielschichtiger. Einsiedeln ist damals für die gesamte Eidgenossenschaft ein wichtiger Identifikationsort. Hier wurden etwa Beutestücke aus den Burgunderkriegen ausgestellt, hier tagte das Schiedsgericht im Alten Zürichkrieg, hier wurden wichtige Urteile gefällt, grosse Konflikte geschlichtet. Dieser Glanz färbte auch auf Schwyz ab. Obwohl die Schwyzer das Kloster Einsiedeln stets als politischen und ökonomischen Konkurrenten sahen, kommt man zum Schluss: Es muss weiterhin bestehen. Man wird aktiv. Ohne kirchenrechtliche Grundlage klopfen führende Männer bei einem anderen Benediktinerkloster an, jenem in St.Gallen, und bitten um Hilfe und einen möglichen neuen Abt für Einsiedeln. Rom reagiert Dieser Akt wiederum ruft Rom auf den Plan, das Kloster Einsiedeln ist ja direkt dem Papst unterstellt. Ungläubig reibt man sich dort die Augen über die Entwicklungen in der Eidgenossenschaft. Man hatte allzu lange die aufmüpfigen Reformatoren nördlich der Alpen unterschätzt und erkennt etwas spät die neue Dynamik: Wie weltliche Obrigkeiten in verschiedenen Teilen des Landes die Chance wittern, an die Einkünfte und Ländereien von Kirchen und Klöstern zu kommen. Wie sie unter dem Vorwand theologischer Gründe die Reformation unterstützen, reihenweise Heiligenfeste abschaffen, wie Fasnacht und Feiertage wegbrechen, in Zürich die Sittenmandate eingeführt werden. Tanz, Musik, Würfelspiele – alles verboten zugunsten eines direkten Zugriffs auf den Menschen als williger Arbeiter und folgsamer Untertan. Und jetzt untergraben auch noch Leute aus Schwyz die Machtstruktur mit ihrem selbstherrlichen Eingreifen? Als im Sommer 1526 der St.Galler Mönch Ludwig Blarer als neues geistiges Oberhaupt nach Einsiedeln kommt, wird es Rom zu bunt: Mit einer imposanten diplomatischen Verwedelungstaktik umgeht man es, den Abt zu bestätigen. Pater Thomas schmunzelt: «Und das ist noch nicht alles: Als Pünktchen auf dem i kommt hinzu, dass das Kloster Einsiedeln nicht nur dem Papst untersteht, sondern auch Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und damit direkt dem Kaiser unterstellt ist. Und beide seiner Herren führen miteinander Krieg.» Dieser gipfelt 1527 im Sacco di Roma, als Söldner Kaiser Karls V. das päpstliche Rom plündern und die Engelsburg belagern, wohin sich Papst Clemens VII. mit den verbliebenen Schweizergardisten zurückgezogen hatte. Monatelang bleibt er hier gefangen, bevor er sich freikaufen und ins Exil fliehen kann. Er hat also gar keine Möglichkeit, sich um die Belange in Einsiedeln zu kümmern. Pater Thomas Fässler Er studierte Theologie, Latein und Geschichte und promovierte mit der Doktorarbeit «Aufbruch und Widerstand. Das Kloster Einsiedeln im Spannungs- feld zwischen Barock, Aufklärung und Revolution». Unter der Leitung von Pater Thomas entsteht auch die Festschrift zum 500-Jahr-Jubiläum. Feiern Sie mit uns 500 Jahre Wieder- aufblühen: Wir begehen das Jubiläum mit verschiedenen Anlässen.

10 salve 1/2026 «Die Kirche muss noch viel mehr ihre Räume öffnen» NACHGEFRAGT Eine ähnliche Entwicklung wie 1526 hält er heute für unwahrscheinlich, er sorgt sich mehr um die zunehmende Vereinsamung der Menschen in unserer Gesellschaft: Abt Urban Federer über die Zukunft des Klosters Einsiedeln. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten über 200 Mönche in Einsiedeln, heute sind es deren 39. Ist es vorstellbar, dass dem Kloster eine ähnliche Situation droht wie 1526, als es nur noch einen Mönch gab? Es passiert nie zweimal das Gleiche. Alles ist Teil seiner Zeit. Mich beeindrucken die hohen Zahlen nicht. Aus heutiger Sicht traten zu viele Menschen in die Klöster ein, weil sie mussten. Oder weil sie keine andere Möglichkeit sahen, an Bildung zu kommen. Es entwickelten sich gross- artige Menschen – und leider auch viele kaputte. Ich wünsche mir diese Zeiten nicht zurück, ich bin sie immer noch am Aufräumen. Wir leben in einer oft absurden, unverständlichen Welt. Müsste man nicht ein erhöhtes Bedürfnis nach einem «sicheren» klösterlichen Leben vermuten? Wir haben derart viele Anfragen, dass wir das Kloster füllen könnten. Doch viele Leute stellen sich unter einem Leben im Kloster etwas Falsches vor. Mir ist wichtig, dass wir Mönche haben, die tatsächlich berufen sind und sich tiefgreifend mit diesem Weg auseinandergesetzt haben. Das ist heute nicht einfach: Es ist nicht eben trendy, sich für immer zu binden, etwas das Leben lang machen zu wollen, sich für einen Ort zu entscheiden, an dem man auch bleibt. Für einen solchen Schritt muss vieles zusammenkommen. Was bedeutet das für das Kloster? Zum Beispiel, dass wir neue Formen finden müssen für Menschen, die unsere Nähe suchen. Für Menschen, die an unsere Spiritualität andocken und Teil sein wollen von unserer Geschichte, ohne in die Mönchsgemeinschaft eintreten zu müssen. Das ist eine spannende Herausforderung. «Ich wünsche mir diese Zeiten nicht zurück, ich bin sie immer noch am Aufräumen»: Abt Urban Federer.

11 salve 1/2026 Gibt es Ansätze? Wir können von unseren Vorfahren lernen. Wie schon im Reformationsjahr ist auch in diesem Jubiläumsjahr oft von Zwingli die Rede, von seiner Zeit bei uns im Kloster. Warum kam er hierher, obwohl er so beseelt war von neuen Ideen? Weil er hier eine fantastische Bibliothek fand und viel Zeit, um sich in die Bücher zu vertiefen. Zwingli war ein Leutpriester, er übernahm für das Kloster die Seelsorge, las Messen… Ich fragte mich vor einigen Jahren: Warum reaktivieren wir dieses Leutpriestersystem nicht? Und bieten auswärtigen Priestern die Chance, für eine gewisse Zeit Teil unserer Klostergemeinschaft zu sein und uns gegen Kost und Logis zu entlasten? Gerade während der Schulferien, wenn auch viele Mönche weg sind, ist das eine Win-win-Situation. Und für den Rest der Gesellschaft? Wozu braucht es 2026 ein Kloster Einsiedeln? Eine der grossen Tragödien, die wir in der westlichen Welt erleben, ist die Vereinsamung. Dass man überhaupt mit jemandem reden kann, ist für den Menschen zentral. Darum ist Zuhören auch die erste Aufforderung in der Benediktsregel. Wir versuchen, sie fruchtbar zu machen für die Gegenwart, Raum zu bieten, damit der Mensch über sich hinausdenken kann. Wir dürfen nicht dieselben Fehler begehen wie die Gesellschaft, wo heute jeder in seiner Bubble gefangen ist und sich gar nicht mehr raustraut aus Angst, gecancelt zu werden. Aber auch in einer Bubble kann man vereinsamen – wenn man merkt, dass man eben doch anders ist. Unsere Aufgabe ist es, Brücken zu bauen. «Pontifex» – eigentlich ein Wort für Bischöfe und Äbte – bedeutet nichts anderes als Brückenbauer, das ist unser Job. Wir müssen den Menschen die Möglichkeit der Begegnung zurückgeben – mit sich selbst, mit anderen und mit der Transzendenz, ich würde es Gott nennen. Wie könnte das die Kirche, das Kloster umsetzen? Wir haben viele leere Kirchen – also Raum. Und Raum ist der Luxus der heutigen Zeit, wo der Mensch mehr Platz beansprucht, als es gibt. Er kann kaum mehr durchatmen, weil er zu wenig Raum und Zeit dafür findet. Dass man also einfach mal an einem Ort reinsitzen und staunen kann, dass man das Gefühl erleben kann, «das alles ist für mich!»: Das ist doch eine wunderbare Idee! Die Kirche muss noch viel mehr ihre Räume öffnen und die Menschen einladen. Wenn Sie einen Ausblick wagen: das Kloster Einsiedeln in 50 Jahren. Was wird sich ändern? Früher kamen die Menschen in grossen Massen und hörten zu, wie man predigte. In Zukunft werden vor allem wir die sein, die zuhören. Denn die Leute kommen mit Anliegen hierher, auf die wir längst nicht alle Antworten kennen. Die Zeit der kirchlichen Autorität ist vorbei, und das ist gut so. Ich denke, wir können viel über die Sehnsucht des Menschen lernen, indem wir zuhören. Und wir können dank unserem Erfahrungsschatz mit den Menschen gemeinsam nach Antworten suchen. Was sollte sich nicht ändern am Klosterleben? Wie vor bald 1100 Jahren bei der Gründung des Klosters sind wir Mönche auch heute Gottsucher. Die Leute haben eine Erwartung an uns. Nicht dass wir die besseren Menschen sind – das vielleicht unbewusst auch, aber sie wissen, dass dem nicht so ist. Sie haben vor allem die Erwartung, dass wir intensiver suchen, intensiver Spiritualität leben. Und dass wir davon etwas teilen. Nicht nur indem wir reden, sondern in der ganzen Ausstrahlung etwa eines Gottesdienstes. Sie wollen die Präsenz Gottes in dieser Welt nicht nur in Worten vernehmen, sondern möglichst mit allen Sinnen erleben. Mit dem Antritt der zweiten Amtszeit haben auch Sie einen Neuanfang hinter sich. Gibt es Themen, denen Sie sich besonders widmen wollen? Die Amtszeit eines Abtes ist nicht wie die Amtszeit eines Präsidenten. Äbte kommen und gehen in der Kontinuität eines Klosters. Mir geht es vor allem darum, das Klosterleben möglichst gut in die Zukunft zu führen. Klar, ich möchte mehr Energie in die Frage stecken, was Berufung heute bedeutet. Und wir beschäftigen uns mit der Frage, wie wir stärker mit den Menschen im Internet interagieren können. Ich muss wirtschaftliche Ziele erreichen, unser Gebäude ist eine immense He- rausforderung. Aber grundsätzlich sehe ich mich als Teil der Kontinuität. Und was macht ein Abt, wenn es ihm mal etwas zu viel wird? Dann setze ich mich ins Sitzungszimmer und betrachte die Gemälde meiner Vorgänger. Da findet man schnell aus dem Denken heraus, dass früher alles besser war. Die hatten teilweise sehr viel schwierigere Probleme zu lösen als ich. ◆

BEGEGNUNG Er ist einer der bekanntesten Ärzte der Schweiz und hält Wissenschaft und Glaube durchaus für vereinbar: Herzchirurg Thierry Carrel über die Schwierigkeit eines Neubeginns, geschenkte Lebenszeit – und seine Faszination für Klöster. 12 salve 1/2026 «Glaube ist Hoffnung – und Hoffnung bedeutet Gelassenheit»

13 Mit der Herzklinik am Inselspital Bern schuf er eine der bedeutendsten Herzchirurgien Europas. Dann kam 2020. Die neue Spitalleitung forderte eine noch höhere Anzahl an Operationen und weniger lange Patientengespräche. Thierry Carrel fand das falsch, ihm ging es um den Menschen hinter der Patientennummer. Nach über zwanzig Jahren in seiner Herzklinik zog er die Konsequenzen, kündigte – und stand vor einem Neubeginn. Herr Carrel, wie schwierig war damals dieser Schritt in eine unbekannte Zukunft? Sehr schwierig. Ich wäre gern geblieben, aber nicht gegen meine Überzeugung. Mein Team und ich operierten jede Woche rund 25 bis 30 Patientinnen und Patienten, die zum Teil von weit her kamen. Ich hatte das schlimme Gefühl, sie im Stich zu lassen. Und heute? In einer Krise kann man entweder verharren oder man schaut nach vorn. Es gibt immer Türen, die sich öffnen. Aber man muss sich aufraffen und sie sehen. Und man muss es wagen, hindurchzugehen. Ich habe neue Wege gesucht, um meine Patienten zu beraten und zu operieren, und ich habe mich auf Herausforderungen eingelassen. Tatsächlich geht es mir heute so gut wie selten im Leben. Ich operiere in Zürich und Basel, forsche in München, arbeite in Kopenhagen für ein ehemaliges Start-up, das wir an eine dänische Pharmafirma übergeben konnten, und bin Sozialvorsteher der Gemeinde Vitznau. Als Herzchirurg waren Sie bei über 12000 Operationen dabei. Sie legen Herzen still, reparieren sie und setzen sie nach dem Eingriff wieder in Gang. Was fasziniert Sie an dieser Arbeit am meisten? Die Herzchirurgie bietet eine Kombination aus manueller Tätigkeit, Technologie und Nähe zum Menschen. Und dies häufig an der Grenze zwischen Leben und Tod. Allerdings liebäugelte ich zu Beginn meiner Karriere damit, Hausarzt zu werden, weil ich das für einen sehr sinnerfüllten Beruf halte: Man kann sich Patientinnen und Patienten über Jahre hinaus widmen, begleitet ganze Familien. In die Herzchirurgie zog es mich schliesslich, weil ich so viel wie möglich über ein möglichst kleines Organ wissen wollte. Das Herz wiegt gerade mal 300 Gramm, das ist wenig im Verhältnis zum Körper. Mich hat immer angetrieben, über dieses Organ alles bis in die tiefsten Details zu verstehen. Wie sehr bleibt das Herz selbst für Sie ein Mysterium? Das Herz ist ein faszinierendes Organ, das meistens perfekt funktioniert, obwohl es viel mehr ist als ein Muskel; es besteht aus Vorhöfen, Herzkammern, verschiedenen Klappen, die dem Druck des Bluts standhalten müssen, aus kleinsten Koronargefässen und einem autonomen Nervensystem. Im Laufe des Lebens pumpt es so viel Blut, wie in zirka 40 olympischen Schwimmbecken Platz hätte. Trotz enormer Forschung bleiben aber spannende Fragen offen. In der Embryologie zum Beispiel, wann und wie der erste Herzschlag entsteht. Oder warum Missbildungen entstehen können. Eine Herzoperation ist ein einschneidendes Ereignis, oft ist der Mensch danach ein anderer. Wie nehmen Sie das wahr? Ich stimme Ihnen zu, eine Herzoperation hinterlässt bei vielen das Gefühl eines Neubeginns. Woran man das erkennt? Auch nach zehn, zwanzig Jahren schreiben mir ehemalige Patienten am einstigen Operationstag eine Karte. Oder sie schicken mir ein Foto, wie sie munter auf einer Bergspitze stehen. Oft werde ich auch auf Bahnhöfen angesprochen von Menschen, deren Vater oder Mutter ich operiert habe oder deren Kind. Ich klappe dann jeweils meinen Laptop auf und schaue nach, wann die Operation stattfand und wie herausfordernd sie war. Die Menschen verändern sich womöglich nicht grundsätzlich durch die Herzoperation. Doch oft nehmen sie danach die Leistung ihres Herzens mit mehr Dankbarkeit und Respekt wahr. Kann man, über den Daumen gepeilt, sagen, wie viel zusätzliche Lebenszeit eine Herzoperation bringt? Bei Kindern erreicht man durch einen Eingriff durchschnittlich sechzig, siebzig Jahre zusätzliche Lebenserwartung. Bei fünfzig-, sechzigjährigen Durchschnittserwachsenen sind es rund dreissig Jahre. salve 1/2026

14 salve 1/2026 verursachen und trotzdem lebensbedrohlich sind. Was das Vertrauen oder den Glauben betrifft: Studien im Grenzgebiet von Spiritu- alität und Medizin behaupten, dass gläubige Menschen tendenziell schneller heilen. Glaube ist Hoffnung – und Hoffnung bedeutet Gelassenheit. Das scheint die Selbstheilungskräfte tatsächlich zu unterstützen. Ich kann diesem Gedanken durchaus etwas abgewinnen, obwohl ich durch und durch Naturwissenschaftler und somit der Beweisbarkeit verpflichtet bin. Wissenschaft und Spiritualität werden oft als Widerspruch gedacht. Wie sehen Sie das? Für mich stehen sie keineswegs im Widerspruch. Das hat mit meiner Erziehung zu tun, meiner Prägung: Ich hatte zuerst eine Verbindung zum Religiösen, die Naturwissenschaft kam später. Und heute weiss ich: Man kann längst nicht alles wissenschaftlich erklären. Mir würde etwas fehlen, wenn ich nicht auch eine religiöse Facette zulassen könnte – das Wunder, oder sagen wir besser: das «Unerklärliche». Haben Sie mal ausgerechnet, wie viele Jahre Sie den Menschen geschenkt haben? 12 000 Operationen, durchschnittlich 30 bis 40 Jahre zusätzliche Lebenszeit, das ergibt ungefähr 400 000 Lebensjahre. Welchen Preis haben Sie bezahlt für Ihr fast übermenschliches Engagement? Als übermenschlich würde ich das Engagement nicht bezeichnen, mir ist es einfach wichtig, meine Aufgaben von A bis Z durchzuziehen. Klar, die Familie musste und muss darauf Rücksicht nehmen, dass ich viel Zeit im Spital verbringe. Doch beim Zusammensein mit meiner Frau und meiner Tochter kommt Qualität stets vor Quantität, wir geniessen unsere Verbindung intensiv. Wie wichtig ist bei einer Herzoperation, dass der Patient an das Gelingen glaubt, den Ärzten vertraut – oder gläubig ist? Für mich sind Patientengespräche zentral, denn eine Patientin, ein Patient soll den Sinn des Eingriffs verstehen – gerade beim Herz, wo es Krankheiten gibt, die keine Schmerzen «Man kann längst nicht alles wissenschaftlich erklären.» Thierry Carrel geniesst neben den intellektuellen Herausforderungen vor allem die Arbeit mit seinen Händen.

15 salve 1/2026 Der Herzmensch Der Fribourger Herzchirurg Thierry Carrel (*1960) leitete von 1999 bis 2020 die Klinik für Herz- und Gefässchirurgie am Inselspital Bern. 2021 bis 2022 wechselte er ans Universitätsspital Zürich. Seit 2023 ist er als Herzchirurg vorwiegend am Universitätsspital Basel tätig, operiert auf Einladung an führenden Kliniken in Europa und anlässlich humanitärer Missionen in der Mongolei und in Usbekistan. Carrel ist Gemeinderat in Vitznau und engagiert sich in verschiedenen gemeinnützigen Institutionen. Unter anderem ist er Gründer der Stiftung für das Kinderherz «Corelina» und Zentralpräsident der Winterhilfe Schweiz. Seit 2010 ist Carrel mit der SRF-Moderatorin Sabine Dahinden verheiratet. Er hat eine erwachsene Tochter, spielt Bassposaune in verschiedenen Formationen, unter anderem im Schweizer Mediziner-Orchester, wandert gern und fährt regelmässig Rennvelo. 2025 erschien sein Buch «Von Herzen II» (Weber Verlag), in dem er auf sein Leben, sein Schaffen, aber auch auf seine Krisen zurückschaut. Infos: thierry-carrel.ch Was ist denn beispielsweise unerklärlich? Wie das kleine Herz einige Tage nach der Zeugung reibungslos wächst. Dies nur als Laune der Natur anzuschauen, wäre es für mich zu wenig. Ich habe hier einige Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Selbst mit der besten Forschung wird es noch sehr, sehr lange nicht möglich sein, ein sich selbst entwickelndes gesundes Herz zu züchten. Es ist sogar wahrscheinlich, dass dies dem Menschen niemals gelingt. Und das ist gut so. Sie kommen immer mal wieder ins Kloster Einsiedeln. Was finden Sie hier? Klöster üben generell eine gewisse Anziehung auf mich aus. Man findet hier eine Ruhe, die man sonst oft vergeblich sucht. Und man wird stets mit offenen Armen empfangen. Ausserdem fasziniert mich die Tradition der Klöster. Das Wissen, dass an diesem Ort seit über tausend Jahren eine Gemeinschaft lebt, die durch alle Zeiten, Kriege, Naturkatastrophen ihren Weg gefunden hat. Das ist schon eine bemerkenswerte Beständigkeit. Heute reden die Menschen von Nachhaltigkeit und meinen zehn bis zwanzig Jahre. Klöster denken in Jahrhunderten. Gibt es Parallelen zwischen dem klösterlichen Leben und der Medizin? Für mich schon: Beide Welten überleben nur dank grossem Einsatz und einer gewissen Kompromisslosigkeit. Dennoch geschehen in beiden Welten hin und wieder Fehler. Und in beiden Welten ist es von grösster Wichtigkeit, dass ein Fehler niemals vergessen wird. Aus jedem Fehler kann man etwas lernen, um künftige Fehler zu vermeiden. Darum staune ich immer wieder über unsere Gesellschaft, die oft wenig Interesse an ihrer eigenen Geschichte hat und bloss aufs Heute fokussiert. Sie vergisst, worauf unsere Zivilisation gründet. Und welche bewundernswerte Entwicklung es brauchte, damit wir heute das haben, was wir haben. ◆ «Man findet hier eine Ruhe, die man sonst oft vergeblich sucht»: Thierry Carrel über die Anziehungskraft von Klöstern.

Thekla Petrig Englisch «Die Besinnung ist das Erste, womit die Schüler am Morgen konfrontiert werden. Viele von ihnen befinden sich geistig noch im Tiefschlaf. Darum beschränke ich mich auf einen Input, den sie passiv entgegennehmen dürfen. Kürzlich etwa auf ein Zitat von Eduardo Galeano: ‹History never really says goodbye. History says ‘see you later’.› Was tröstlich ausgelegt werden kann – oder genau gegenteilig. Oder ich zeige aus der New York Times eine Detailaufnahme, zu der der Kontext fehlt, und rätsle mit den Schülern, welche Aussage dahintersteckt, bevor ich das ganze Bild als Auflösung präsentiere. Und wenn ich merke, dass die halbe Klasse noch nicht eingestempelt hat, kann es auch mal einfach eine Schweigeminute sein, in der die Jugendlichen an gar nichts denken sollen.» Pater Mauritius Honegger Religion, Latein, Griechisch «Es ist nicht einfach, in der Bibel zu lesen – und zu verstehen. Besonders für junge Menschen. Doch wenn die Stellen gut ausgewählt sind, kann man wertvolle Impulse setzen. Das ist mein Anspruch. Bevor ich einen Abschnitt aus der Bibel vorlese, singe ich mit den Schülern ein Lied – in Latein ein lateinisches, in Griechisch ein griechisches. Das Lied aktiviert die Schülerinnen und Schüler, wenn sie am Morgen noch müde sind. Nach dem Bibelabschnitt, den ich möglichst passend zu Tag und Jahreszeit wähle, formuliere ich einen Gedanken. Zum Beispiel, dass wir um Kraft bitten für die Herausforderungen, die heute anstehen. Danach versuchen wir, ein, zwei Minuten Stille zu halten, durchaus auch als Übung in der heutigen hyperaktiven Zeit. Oft wiederhole ich nochmals die zentrale Aussage, damit sie hängen bleibt, oder versuche, eine Diskussion anzustossen – die mal lebendiger ausfällt, mal weniger.» Ruhe vor dem Sturm STIFTSSCHULE An der Stiftsschule Einsiedeln beginnt der neue Tag mit der «Morgenbesinnung». Fünf Lehrpersonen erzählen, wie sie dieses Ritual gestalten – und welche Erfahrungen sie damit sammeln. 16 salve 1/2026

Francesco De Vecchi Latein, Griechisch «In meiner Morgenbesinnung versuche ich bei den Schülern zwei Dinge anzustossen. Einerseits sollen sie die Sprache, die sie lernen, auf möglichst sinnliche Art erfahren – durch Singen. Der vertonte Text birgt Vokabeln und Formen, die ich später im Unterricht abrufen kann. Anderseits ebnet ein Lied auch den Boden für einen anschliessenden Gedanken. Ausgehend von einem Wort, einer Wendung, gehen wir den Fäden nach, die die griechisch-lateinische Kultur in unsere Zeit entspinnt. Diese Sprache hat unsere Kultur über Jahrhunderte tief geprägt; daher hilft Latein, Zusammenhänge zu erkennen, den Horizont zu erweitern. Es geht darum, Sprache in einem tieferen Sinn zu erfahren, um Philosophie, um Haltung. Im Griechischen verfolgen wir die ersten Regungen unserer Kultur, wir können in klugen Texten beobachten, wie der Mensch den Horizont der geistigen Welt abgemessen hat. Indem wir in diesem Kontext einen Gedanken aufnehmen, kann die Morgenbesinnung durchaus zur Sternstunde werden und – in mir jedenfalls – den ganzen Tag lang nachhallen.» Mahdieh Jumaa Mathematik «Im Zentrum meiner Morgenbesinnung steht Dankbarkeit. Nicht eine theoretische, sondern vor allem auch meine eigene Dankbarkeit. Dass ich in einem sicheren und freien Land wie der Schweiz leben darf. In einem Land, in dem wir sagen dürfen, was wir fühlen, was wir denken, was wir uns wünschen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Und das versuche ich, den Schülern zu vermitteln. Mal mit einem Song, mal mit einer Anekdote. Und oft auch persönlich – indem ich sie frage, wie es ihnen geht, wo sie stehen, was sie sich für den Tag wünschen. Damit versuche ich auch vorzuleben, dass und wie man sich für andere interessiert. Denn erst wenn man sich für andere interessiert, erfährt man, dass man mit seinen Gefühlen nicht allein ist.» David Hauswirth Physik, Mathematik «Ich hole die Schüler gern optisch ab, indem ich ein Bild zeige oder ein Video – wie kürzlich eine Aufnahme der Internationalen Raumstation ISS, in der man die Erde von oben sieht. Meine Absicht: Indem man eine andere Perspektive einnimmt, erkennt man neue Zusammenhänge. In diesem Fall, wie verschieden der Planet beleuchtet ist, also wie der Mensch Einfluss nimmt auf die Natur. Noch lieber thematisiere ich etwas Lokales, damit können sich die Schüler gut identifizieren. Ich erzähle eine Geschichte, die sie so meist noch nicht kennen. Etwa was hinter dem Flugzeug steckt, das im Zweiten Weltkrieg über dem Sihlsee explodierte. Oder von Paracelsus, der 1493 in der Nähe von Einsiedeln geboren wurde. Die Morgenbesinnung ist zwar religiös gedacht. Ich fasse diesen Fokus bewusst weit und versuche, die Schüler über Beispiele aus dem Alltag mit einem Link ins Fachliche bis an den Rand des Philosophischen zu führen.» 17 salve 1/2026

18 salve 1/2026 Ich stamme aus dem Raum Saarbrücken, bin seit 28 Jahren Priester und war 13 Jahre Pfarrer in der Eifel, bevor ich als Liturgiereferent ins Bischöfliche Generalvikariat in Trier wechselte. Ein möglicher Schritt ins Kloster war immer schon ein Thema, eigentlich seit ich mit 16 Jahren zum ersten Mal nach Einsiedeln gekommen war und das Kloster von da an jedes Jahr besuchte. 2017 nahm ich als Pfarrer eine Auszeit und verbrachte zwei Monate hier. Das Gefühl, hierherzugehören, festigte sich weiter. Ein wichtiger Aspekt ist sicher die Gemeinschaft, die offene und wertschätzende Art, wie man hier miteinander umgeht. Aber auch die Faszination für den geistlichen Rhythmus, der ja anders ist als bei Weltpriestern. Diese Regelmässigkeit, sechsmal täglich: Hier sind das Beten und das Feiern der Gottesdienste etwas Selbstverständliches. Ich muss mir nicht die Zeit dafür suchen – sie ist da. Sicher, es ist ein Neubeginn, eine Testphase für mich, aber auch für die Gemeinschaft. In meinem Alter ist es nicht selbstverständlich, dass eine Gemeinschaft Ja zu einem sagt. Was kann ich ins Kloster einbringen? Kann ich mich einordnen, nachdem ich ein halbes Leben lang selbstständig und selbstverantwortlich in verschiedenen Tätigkeiten zu agieren gewohnt war? Was ich mitbringe: Meine Lebenserfahrung, ohne die ich nicht der wäre, der ich heute bin, und sicher auch meine Erfahrung in Seelsorge und eigenverantwortlicher Tätigkeit. So kann ich, für einen Um 4 Uhr 58 klingelt der Wecker. Eine seltsame Zeit, ich weiss. Aber so bleibt für mich ohne Hektik genügend Zeit für die Morgentoilette, bevor um halb sechs der Klosteralltag mit der Vigil beginnt – im wunderschönen Oberen Chor, meinem Lieblingsraum. Sobald ich im Chorgestühl sitze, spüre ich, dass ich im Tag ankomme. Nach dem rund dreissigminütigen Gebet folgt die persönliche Bibelbetrachtung im eigenen Zimmer – was vor allem im Winter ein Vorteil ist, denn im Gegensatz zur Kirche ist es dort schön warm. Frühstücken kann man, wann man will. Es gibt Mönche, die gehen noch vor dem ersten Gebet. Ich versuche, möglichst viel Zeit zwischen Abend- und Morgenessen zu bringen, und gehe, wann immer der Tag es erlaubt, möglichst spät zum Frühstück. Nach dem Morgengebet, den Laudes um 7.15 Uhr, geniesse ich als Novize Unterricht durch Mitbrüder. An erster Stelle stehen die Benediktsregel und das Leben des heiligen Benedikt. Es geht aber auch um Hauskunde – damit man sich zurechtfindet in diesem labyrintartigen Komplex –, um die Geschichte des Klosters oder um die Besonderheiten Einsiedelns. Gesang spielt ebenfalls eine grosse Rolle. Wir beschäftigen uns auch mit den Psalmen, die wir jeden Tag beten, und übersetzen die lateinischen Gesänge ins Deutsche – damit ich weiss, was ich Tag für Tag bete. Für diesen Unterricht bin ich sehr dankbar. Er ist eine Chance zur Weiterbildung, die ich ausserhalb des Klosters kaum erhalten hätte. Als Neuling im Kloster EIN TAG IM LEBEN Carsten Rupp war Pfarrer, bevor er mit 52 Jahren nochmals von vorne anfing – als Novize im Kloster Einsiedeln.

19 salve 1/2026 «Sobald ich im Chorgestühl sitze, spüre ich, dass ich im Tag ankomme»: Carsten Rupp im Oberen Chor, seinem Lieblingsraum.

20 salve 1/2026 des Klosters. Das finde ich interessant: Man muss nicht wegfahren – die Welt kommt ins Haus. Diese Pause hat etwas Gemütliches, Unkompliziertes. Nach der Kaffeepause ist wieder Arbeitszeit. Als Novize geniesse ich das Privileg, an zwei Nachmittagen die Woche freie Zeit zur Verfügung zu haben für Spaziergänge, Sport oder zum Lesen. Hin und wieder gelingt es mir, zwischen Kaffee und Arbeit im Garten an die frische Luft zu gehen. Ich achte generell darauf, dass Bewegung nicht zu kurz kommt. Im Sommer schwimme ich gern eine Runde im Sihlsee. Ausserdem sind wir ‹jungen› Mönche zuständig für einen der Klostergärten, diese Arbeit mag ich besonders. Um 16.30 Uhr beginnt die Vesper mit anschliessendem Salve Regina, sicher auch für mich ein Höhepunkt des Tages. Diese eigentümliche, mehrstimmige Melodie gibt es nur hier in Einsiedeln. Wir stehen in der Gnadenkapelle dicht beieinander, die Gemeinschaft ist in diesem Moment besonders stark zu erleben. Eine Herausforderung für mich ist der Salve-Schritt während der Prozession zur Kapelle. Diesen Novizen ungewöhnlich, jetzt schon Beichtdienst übernehmen, Messen feiern, Seelsorgegespräche führen oder im Wallfahrtsteam mitarbeiten. Mein Noviziat dauert ein Jahr, nachdem ich ein halbes Jahr als Kandidat schnuppern durfte. Am Ende dieses Jahres stimmen die Mitbrüder demokratisch ab. Wenn sie wollen und ich auch, darf ich die sogenannte «Profess» ablegen – und binde mich damit für drei Jahre an die Gemeinschaft. Erst danach entscheiden sich beide Seiten endgültig. Um 11.15 Uhr folgt die Messe, dann das Mittagsgebet, anschliessend das Mittagessen im eindrücklichen Refektorium. Danach gibt es die Möglichkeit, zusammen Kaffee zu trinken und Dinge zu besprechen. Was nicht zu unterschätzen ist. Viele Leute denken, wir seien in permanentem Austausch, aber eigentlich geht man seinen eigenen Weg mit Gott, schweigt viel und hat nicht oft Gelegenheit, sich auszutauschen oder anstehende Aufgaben zu besprechen. Beim Kaffee trifft man auf Mitbrüder, aber auch auf Gäste «Dann ist der Tag vorbei, man zieht sich ins Zimmer zurück – und es reicht auch.» «Eigentlich geht man seinen eigenen Weg mit Gott, schweigt viel und hat nicht oft Gelegenheit, sich auszutauschen»: Novize Carsten Rupp in seinem Zimmer.

21 salve 1/2026 zu weiten Rahmen, innerhalb dessen ich mich recht frei bewegen kann. Dieser Rahmen wird sich im Gespräch mit Abt Urban neu ergeben. Diese Entscheidungen werden für mich wichtig sein. Pater Christoph: Eigentlich vor nichts. Ich kehre an einen Ort zurück, wo ich schon immer gern war. Was werden Sie von Ihrem alten Wirkungsort am meisten vermissen? Pater Theo: Wohl den lebendigen Austausch mit den Studierenden. Jeder Lehrende lernt auch selbst und wächst mit den jungen Menschen. Ferner bin ich dankbar dafür, dass ich etwas vermitteln konnte, was ich selbst von meinen Lehrern empfangen habe und auf meine Weise weiterentwickeln durfte. Pater Christoph: Am meisten vermissen werde ich meinen Balkon mit Worauf freuen Sie sich bei Ihrer Rückkehr am meisten? Pater Theo: Ich erfülle hier in Rom zwar ein Vollzeitpensum, wobei ich jeweils zwei Wochen Unterricht in eine packe, um alternierend im Kloster Arbeiten wahrnehmen zu können – vor allem als Stiftsorganist. Jetzt freue ich mich, siebzigjährig, in erster Linie auf einen etwas lockereren Rhythmus. Pater Christoph: Am meisten freue ich mich auf die Gemeinschaft der Mitbrüder – und dass ich mich in Zukunft einfach an den Tisch setzen kann, ohne vorher einkaufen und kochen zu müssen. Wovor haben Sie Respekt? Pater Theo: Grössere Umstellungen und Veränderungen liegen mir nicht so sehr; ich brauche, wenn möglich, einen stabilen, nicht zu engen, aber auch nicht Gleichschritt muss man zuerst einmal lernen, gerade wenn man nie im Militär war. Nach der Vesper herrscht Stille im Haus, man hat Zeit, ein religiöses Buch zu lesen. Nach dem Abendessen folgt die Rekreation, die gemeinsame Erholung. Die einen lesen, andere gehen spazieren, wieder andere treffen sich zum Austausch, bevor man um fünf vor acht im Kapitelsaal zusammenkommt für das Totengedenken vom nächsten Tag. Wenn der Abt eine wichtige Information hat, bringt er sie hier an. In Stille gehen wir schliesslich durch den unteren Klausurgang zur Kirche zur Komplet, dem letzten Gebet des Tages. Dann ist der Tag vorbei, man zieht sich ins Zimmer zurück – und es reicht auch. Es sind lange Tage hier im Kloster. Manchmal lese ich noch in einem Buch, es darf durchaus Unterhaltungsliteratur sein, oder in Zeitungen. Als Deutscher will ich ja die Schweizer Politik verstehen lernen und gleichzeitig die deutsche nicht aus den Augen verlieren. Zwischen halb zehn und zehn schlafe ich ein, dankbar dafür, dass ich ein Leben in der Gegenwart Gottes führen darf, in dieser Gemeinschaft hier, an diesem besonderen Ort. Und immer mehr mit dem Eindruck, dass der Neuanfang im Kloster Einsiedeln den Weg fortsetzt, den ich in den letzten Jahren bereits gegangen bin. Neuanfang für Rückkehrer ZURÜCK IN EINSIEDELN Beide waren 23 Jahre weg: Pater Christoph Müller wirkte als Pfarrer im Grossen Walsertal, Pater Theo Flury als Professor am Päpstlichen Institut für Kirchenmusik in Rom. Jetzt kehren sie altershalber zurück. Was geht ihnen dabei durch den Kopf? der wunderbaren Aussicht in die Berge. Und sicher auch die Beerdigungen, vor allem deren Vorbereitung mit den Angehörigen. Es gab zum Teil sehr persönliche und tiefe Gespräche, was heute eher Seltenheitswert hat. Ich hatte zudem das Glück, dass ich viele der Verstorbenen gut kannte, weil ich sie über längere Zeit begleiten durfte. ◆ Lockererer Rhythmus: Pater Theo Flury. Nie mehr einkaufen: Pater Christoph Müller.

22 salve 1/2026 Einer Idee wachsen Flügel KLOSTER FAHR Wo das Kloster Fahr einst seine Bäuerinnenschule betrieb, blüht seit drei Jahren eine besondere Idee – das christliche Mehrgenerationen-Wohnprojekt «erfahrbar». Es ist ruhig im Gebäudekomplex Fahr 11. Die meisten Kinder sind in der Schule, die Erwachsenen am Arbeiten. Eine Seniorin lüftet das Treppenhaus und erklärt schmunzelnd: «Das ist mein Ämtli – um Schimmel im Haus vorzubeugen.» Durch raumhohe Scheiben flutet Wintersonnenlicht in die Cafeteria, das Herz des ungewöhnlichen Mehrgenerationen-Wohnprojekts. Priorin Irene Gassmann und Projektleiterin Julia Neuen- schwander sitzen mit einer Teetasse in der Hand auf der Bank neben dem Cheminée. Sie tauschen sich regelmässig aus. Obwohl der Verein «erfahrbar» das Wohnprojekt unabhängig vom Kloster und selbsttragend führt, sind die beiden Welten eng miteinander verbunden. Zum besseren Verständnis ein kleiner Rückblick: Nachdem das Kloster Fahr seine Bäuerinnenschule trotz solider Nachfrage mit bis zu 300 000 Franken jährlich subventionieren musste, erklärten die Schwestern die Schule 2013 als «vollendet». Auch für die Priorin war dieser Schritt nicht einfach. Sie hatte sie 1986 selbst absolviert und später zehn Jahre lang geführt. «Doch wir wollten selbstbestimmt entscheiden und nicht erst, wenn es zu spät ist», sagt sie rückblickend. «Wie eine gute Sportlerin, die auf dem Höhepunkt abtritt.» Den Flohmarkt, den die Schwestern organisierten, um das Inventar zu veräussern, besuchte auch Julia Neuenschwander mit ihrem Mann. «Wir kannten das Kloster natürlich, wir lebten in der Nähe und kamen hier regelmässig auf unseren Spaziergängen vorbei.» Seit ihrer Gymizeit träumten die beiden von einer neuen Wohnform, einer christlichen Gemeinschaft, die den Alltag teilt, aber genug Platz hat, damit jeder individuell sein Leben führen kann. «Als wir das Gebäude sahen, kam zusammen, worüber wir jahrelang diskutiert hatten.» Viel Frauenpower für ein beispielhaftes Projekt: Priorin Irene Gassmann und Julia Neuenschwander.

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24 salve 1/2026 Wo sich Himmel und Erde begegnen: Zwischen Limmat und Kloster Fahr machen Julia Neuenschwander und Priorin Irene Gassmann eine besondere Art des Zusammenlebens «erfahrbar».

25 salve 1/2026 «Ich sehe, dass wir alle das gleiche Fundament für unser Leben haben.» Priorin Irene Gassmann Treten Sie ein in die virtuelle Welt von «erfahrbar», dem christlichen Wohnprojekt beim Kloster Fahr. Doch noch brauchten sie Geduld – viel Geduld, wie sich herausstellen sollte. Zuerst zogen die Schwestern ins Gebäude, weil ihr Kloster saniert wurde. Dann, 2015, leiteten sie einen Strategieprozess ein für alle zum Kloster gehörenden Nebengebäude. 2017 folgte die öffentliche Ausschreibung für die Neunutzung der ehemaligen Bäuerinnenschule: Man durfte sich mit 26 Dossiers auseinandersetzen, 2018 erhielt «erfahrbar» den Zuschlag. «Das Projekt war hervorragend durchdacht», sagt Priorin Irene. «Uns beflügelte die Idee, dass mehrere Generationen gemeinschaftlich zusammenleben und sich von der benediktinischen Spiritualität inspirieren lassen.» Der Verein «erfahrbar» fand mit der Pensionskasse Prosperita einen Investor, der das Gebäude im Baurecht übernahm. Aber bei den Umbauplänen hatten sowohl der Kanton Zürich wie der Kanton Aargau mitzureden: Das Bächlein, das die Kantonsgrenze bildet, verläuft mitten durchs Grundstück. Es dauerte… Und als eigentlich alles klar war, bekam Priorin Irene, wie sie sagt, «ein bisschen Bauchweh». Was, wenn die Menschen, die sich zum christlichen Zusammenleben finden und verschiedenen Konfessionen und auch Freikirchen angehören, eine neue Gruppierung oder gar eine neue Kirche bilden? Sie teilte dem Projektteam «erfahrbar» ihre Bedenken mit. «Es war erlösend, wie man mich verstand und ernst nahm.» Als eine erste Massnahme gegen das Bauchweh wurden für das Wohnprojekt Grundlagen und Werte definiert. Unter anderem heisst es da: «Wir sind eine Weggemeinschaft. ChristInnen verschiedener Konfessionen und Generationen leben unter einem Dach mit Jesus Christus in ihrer Mitte. Inspiriert von der Bibel und der benediktinischen Spiritualität suchen wir Gott an diesem Ort des Gebets und des Miteinanders. Dabei setzen wir uns für Versöhnung und ökumenische Einheit in Verschiedenheit ein, lernen voneinander und ermutigen uns gegenseitig zum Wachstum.» Priorin Irene jedenfalls hat keine Zweifel mehr: «Wir treffen uns als Christinnen und Christen, ich weiss gar nicht, wer zu welcher Kirche gehört, das ist auch nicht wichtig. Ich sehe, dass einige ab und an zu uns in den Gottesdienst kommen – und dass wir alle das gleiche Fundament für unser Leben haben.» Seit drei Jahren leben 30 Erwachsene zwischen 25 und 85 Jahren hier sowie 15 Kinder vom Säugling bis zur Zehnjährigen. Sie tun es in 16 Wohnungen und mit einem Minimum an Verpflichtungen. Jeder leistet wöchentlich eine Stunde Arbeit für die Gemeinschaft. Einmal die Woche kommt man zum gemeinsamen Gebet zusammen, einmal im Monat zum gemeinsamen Essen. Ebenfalls einmal im Monat findet ein Inspirationsabend mit der Klostergemeinschaft statt. Und pro Quartal wird ein gemeinschaftlicher Anlass organisiert. Ausser dem Inspirationsabend gibt es keine offiziellen Überschneidungen mit den Ordensschwestern. Passieren tun sie ja sowieso – etwa wenn Kinder und Erwachsene den Schwestern im Garten oder bei der Tierpflege helfen. Es herrscht allgemein eine grosse Selbstverständlichkeit, wie Priorin Irene schmunzelnd erzählt: «Kürzlich fuhr ich auf dem Velo vom Dorf zurück und überholte Schüler. Ich hörte nur, wie der eine sagte: ‹Die da gehört auch zu uns!›» Fachstellen sagen: Ein solches Projekt geht in den ersten zwei Jahren ein – oder es funktioniert. Dank äusserst sorgfältiger Evaluation der Bewohner und klarer Regeln, sagt Julia Neuenschwander, klappt es im Fahr 11 sogar besser, als sie für realistisch hielt. Das Einzige, was sie unterschätzt hat, ist die Gruppendynamik der Kinder. Da geht es zuweilen ziemlich zur Sache, wie überall. Julia Neuenschwander lacht: «Die Schwestern haben sogar schon für uns gebetet.» Handkehrum gibt es nicht wenige Kinder, die, wenn es Richtung Ferien geht, traurig werden und lieber hier bleiben würden. Denn das kleine Paradies zwischen Klostermauern und Limmat, wo sich Himmel und Erde begegnen, ist eine Welt, wie man sie sich normalerweise nur zu träumen wagt. ◆

26 salve 1/2026 Das Kirchen- Laboratorium PROPSTEI ST. GEROLD Neuanfang in kleinen Schritten: In der Propstei St.Gerold wird Kirche etwas anders gedacht. Propst Martin Werlen beschreibt, wie das in der Praxis aussieht. Die Mehrzahl unserer Gäste hat kaum einen Bezug zur Kirche. Das müssen sie auch nicht, sie kommen schliesslich nicht bloss hierher, um für eine Stunde eine Sonntagspflicht zu erfüllen. Sie leben hier. Für einzelne Tage oder für eine Woche, manchmal auch für länger. Sie besuchen Seminare, kulturelle Veranstaltungen oder machen Ferien. Und finden Raum und Zeit, um auf- und durchzuatmen. Kirche ist Gemeinschaft Interessant ist, dass viele von ihnen früher oder später das Gespräch suchen, nicht selten über Glaubensfragen. Manche sind zum ersten Mal seit Jahren bei einem Gottesdienst dabei. Wir haben das Glück, dass sich Chöre aus der Region und sogar Musiker von Weltrang anbieten, den Gottesdienst mitzugestalten und mitzufeiern – auch, weil dieser in der Propstei St.Gerold etwas anders ist. Der Kirchenraum wird als Lebensraum wahrgenommen. Nicht als museales Relikt vergangener Jahrhunderte, sondern als Raum für den Menschen von heute. Seit der letzten grossen Umgestaltung 1966 gehen wir in St.Gerold diesen Weg konsequent in vielen kleinen Details – und in ein paar markanten Punkten, auf die ich hier eingehen will. Auf Augenhöhe Gebäude, die wir «Kirche» nennen, sind nicht vom Evangelium vorgesehene Einrichtungen, sondern ein Geschenk von Kaiser Konstantin im 4.Jahrhundert. Die in kaiserlichen Gebäuden typischen Erhöhungen für den Herrscher wurden für den Klerus adaptiert. Doch wir brauchen weder Prunk noch Hervorhebung. Wir brauchen Gebäude, die verkünden, was unser Glaube ist. In der Gnadenkapelle der Propstei haben wir die Erhöhung mit der Einlegung eines Bodens aus Eschenholz aufgehoben. Damit ist der Raum auch barrierefrei geworden. Im Chorraum der Propsteikirche ist das nicht umsetzbar, weil sich darunter die Krypta befindet. Darum haben wir uns entschieden, im Kirchenschiff einen beweglichen Altar einzurichten – in schlichter Gestaltung von unserem Architekten Hermann Kaufmann entworfen, ausgeführt in dem in der Propstei heimischen Eschenholz. Der frühere Chorraum ist zum spirituellen Wohnzimmer geworden, in dem man vor dem Tabernakel einfach vor Gott da sein, in moderner Form den Kreuzweg beten oder einen Meditationstext lesen kann. Durch das Entfernen der befestigten Bänke kommt der Gemeinschaftsaspekt für die Eucharistiefeier entscheidend zum Tragen. In allen Sakralräumen versammelt sich die Gemeinde ebenerdig um den Altar. Es gibt keinen Priestersitz. Wer einen liturgischen Dienst wahrnimmt, begibt sich an den entsprechenden Ort. Das gilt für den Priester genauso wie für die Lektorin. Hier sind wir mutig auf dem Weg, den Rom mit Kein Prunk, kein Priestersitz, keine Bänke: In den Sakralräumen versammeln sich die Menschen ebenerdig um den Altar.

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