1 Die Zeitschrift der Klöster Einsiedeln und Fahr 4/2025 Dankbarkeit salveKloster Welt Begegnung 28 Wofür bist du dankbar? Zwischen Schulzeit und Neubeginn: Rückblicke kurz vor der Matura auf prägende Jahre 20 Zeichen des Dankes Ein Rundgang durch Einsiedeln zeigt, wie Dankbarkeit an vielen Orten sichtbar wird. 6 «Ihr stets dankbarer Bruder Meinrad Eugster» Hundert Jahre nach dem Tod von Bruder Meinrad: Die tiefe Verehrung bleibt lebendig. 16 Das Geschenk der Gemeinschaft Von den Schwestern bis zu Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen: Dankbarkeit prägt das Kloster Fahr.
Titelbild: Bruder Meinrad Eugster (1848–1925), Benediktiner von Einsiedeln, verband Demut und Dankbarkeit in seinem Leben. Sein Seligsprechungsprozess ist im Gange. INHALT EDITORIAL Abt Urban Federer Priorin Irene Gassmann 5 RÜCKBLICK «Ihr stets dankbarer Bruder Meinrad Eugster» 100 Jahre nach seinem Tod: Die Verehrung hält an, der Seligsprechungsprozess läuft weiter. 6 BLICKPUNKT Die Rückkehr der offenen Arme Der Klosterplatz zeigt sich nach Sanierungen erneuert – und seinem Ursprung nah. 12 MOMENTUM Verbundenheit 15 EINBLICK Das Geschenk der Gemeinschaft Im Kloster Fahr prägen Fürsorge, Gemeinschaft und Dankbarkeit den Alltag. 16 RUNDGANG Zeichen des Dankes Marienbrunnen, Kerzen, Blumen – ein Rundgang zeigt, wie Dankbarkeit im Kloster Einsiedeln lebendig bleibt. 20 INTERVIEW «Dankbarkeit ist kein Schönwetter-Gefühl» Dr. Henning Freund erforscht, wie Dankbarkeits-Übungen das Wohlbefinden stärken. 24 MOMENTUM Gedenken 27 IM GESPRÄCH Wofür bist du dankbar? Zwischen Rückblick und Aufbruch: Maturandinnen und Maturanden halten inne und erzählen. 28 REGULA «Deo gratias» 31 GASTBEITRÄGE 32 TABULA 38 IMPRESSUM 50 salve 4/2025 Dankbarkeit
4 salve 4/2025 Dankbarkeit Sie entsteht aus dem Bewusstsein, dass alles Geschenk ist – die Zeit, die Aufgaben, die Menschen. Im Rhythmus des Tages wird sie eingeübt: im bewussten Beginnen und im achtsamen Beenden, in der zugewandten Gemeinschaft, im stillen Gebet. Dankbarkeit richtet den Blick unserer Herzen auf Gott – und sie erinnert liebevoll daran, dass nichts selbstverständlich ist. Wer dankbar lebt, erkennt den Wert des Augenblicks, findet darin eine Form von Beständigkeit. So wird Dankbarkeit zu einer Haltung, die das Leben erfüllt und den Menschen tragen kann – stark, schlicht und beständig.
5 salve 4/2025 Liebe Leserinnen, liebe Leser EDITORIAL Im Zusammenleben kann das Gefühl aufkommen, zu kurz zu kommen. Schnell kann sich Eifersucht breitmachen. Die Benediktsregel lädt uns ein, die eigene Perspektive zu weiten und uns im Vergleich zu anderen zurückzunehmen: «Wer weniger braucht, danke Gott und sei nicht traurig.» (Kap. 34) So verstanden ist ein Mensch, der Dankbarkeit lebt, bei sich zu Hause, weiss um eigene Stärken und Schwächen und um die eigenen Talente. Wäre nicht mehr Friede auf dieser Welt, wenn wir dankbarer auf das schauten, was uns gegeben ist – und daraus etwas machten? In dieser Ausgabe widmen wir uns der Dankbarkeit. Die Titelgeschichte befasst sich mit der Dankbarkeit als zentrale christliche Tugend. Anlässlich des 100. Todestags von Bruder Meinrad Eugster und seines laufenden Seligsprechungsprozesses beleuchten wir sein Leben. Zudem blicken wir hinter die Kulissen der Sanierung des Klosterplatzes, die dieses Jahr abgeschlossen werden konnte. Lassen Sie sich überraschen, was gravierte Pflastersteine mit Dankbarkeit zu tun haben. Dankbarkeit schafft auch Beziehung, sie richtet sich an ein «Du», an Gott oder einen Mitmenschen. Studien belegen, dass dankbare Menschen ein höheres Mass an Zufriedenheit, Glück und auch Resilienz aufweisen. Wie sich das konkret zeigt, erzählen wir in mehreren Beiträgen: Dankbarkeit verbessert unsere Beziehungen, unsere Gesundheit und unser persönliches Wachstum. Im Kloster Fahr wird Dankbarkeit im Zusammenwirken von betagten Mitschwestern, Mitarbeitenden und Freiwilligen sichtbar. Ein virtueller Rundgang durch das Kloster Einsiedeln führt uns zu zahlreichen Orten der Dankbarkeit von Gläubigen. Für den Psychologen Dr. Henning Freund ist Dankbarkeit eine Ressource und eine Herausforderung – und nicht zuletzt eine Haltung, die erlernbar ist. In den Gastbeiträgen finden Sie persönliche Geschichten zum Thema Dankbarkeit. Junge Stimmen kommen ebenfalls zu Wort: Sechs Maturanden und Maturandinnen lassen uns daran teil- haben, wofür sie dankbar sind und wohin ihr Weg sie führt. Diese jungen Menschen blicken voller Hoffnung und Erwartung in ihre Zukunft. Für andere fühlt sich die Welt eher unüberschaubar und voller Unsicherheit an. Da stellt sich die Frage: Kann man in solchen Situationen überhaupt dankbar sein? Gerade dann braucht es aber umso mehr dankbare Menschen: mit innerer Stärke, die nicht nur an sich selber denken, mit weitem, einfühlsamem Herzen und realistischem Weitblick. Dankbarkeit ist eine innere Haltung. Sie lässt sich einüben – immer wieder, im Kleinen wie im Grossen. Ein schöner Ausdruck für Dankbarkeit ist «Vergelt’s Gott». Er kann für heutige Ohren befremdend und altmodisch wirken. Doch in dieser Form des Danksagens liegt eine unerwartete Tiefe: «Gott möge es dir vergelten. Denn das, was du mir gegeben hast, lässt sich mit keiner Gegenleistung von mir erbringen.» «Vergelt’s Gott» ist mehr als ein einfacher Dank, mehr als bloss eine Floskel. Es ist ein Wunsch: Gott möge dir Grösseres geben – etwas, was meine Möglichkeiten übersteigt. Möge diese Haltung unser Miteinander prägen. Abt Urban Federer Kloster Einsiedeln Priorin Irene Gassmann Kloster Fahr
7 salve 4/2025 In den flüchtigen Momenten des Alltags, etwa wenn Nachsicht gefragt ist oder eine kleine Geste der Fürsorge Grosses bewirken kann, wird Bruder Meinrad Eugster aus dem Kloster Einsiedeln gegenwärtig. «Habt nur Geduld, es geht alles vorbei, nur die Ewigkeit nicht» – dieser Satz, den er oft wiederholte, wurde zum leisen Echo seines Lebens. Bruder Meinrad, geboren 1848, trat 1873 ins Kloster ein und legte 1875 seine Profess ab. Fast fünfzig Jahre lang leitete er die Klosterschneiderei, flickte Kutten, nähte Gewänder und half, wo immer er gebraucht wurde. Schlicht in seiner Art und von einer Güte, die Herzen berührte, lebte er bis zu seinem Tod 1925 im Dienst an Gott und den Menschen. Hundert Jahre später bleibt Bruder Meinrad eine Gestalt, die durch ihre Bescheidenheit nachwirkt – ein Mensch, der im Kleinen treu blieb und darin Grosses lebte. Er war kein Held, kein Wundertäter, sondern «ein leiser Mensch, der die Nähe Gottes spürbar machen konnte», sagt Pater Philipp Steiner, der als Wallfahrtspater das Jubiläumsjahr von Bruder Meinrad verantwortet. Bruder Alexander Schlachter, Vizepostulator im Seligsprechungsprozess, beschreibt ihn ähnlich: «Er hatte eine Ausstrahlung, die aus Güte, Aufmerksamkeit und Abgeklärtheit wuchs – eine Warmherzigkeit, die Menschen sofort spürten.» Als Vizepostulator sammelt und prüft Bruder Alexander Zeugnisse über Bruder Meinrads Leben – eine Aufgabe, die er mit grosser Sorgfalt und Dankbarkeit verrichtet. Der Seligsprechungsprozess läuft seit 1939. Dabei prüft die Kirche, ob Bruder Meinrad in besonderer Weise nach dem Evangelium gelebt hat und ob sich auf seine Fürsprache ein Wunder ereignet. Beides ist Voraussetzung für eine Seligsprechung. Noch ist dieser Schritt offen – doch für viele Gläubige ist Bruder Meinrad längst ein Fürsprecher und ein Beispiel gelebter Güte. Wer also war dieser stille Mönch, dessen Leben bis heute wirkt? Was machte ihn zu einem Menschen, der andere berührt – und dessen Einfachheit als Zeichen von Heiligkeit verstanden wird? Handwerker mit Herz und Hingabe Joseph Gebhard Eugster wurde 1848 in Altstätten geboren, als siebtes Kind einer Lehrerfamilie. Das Zuhause war schlicht, liebevoll und geprägt von Arbeit, Gebet und einer geerdeten Frömmigkeit. Nach der Schneiderlehre arbeitete er in Werkstätten im Rheintal, bis ihn sein Weg nach Einsiedeln führte. «Ich glaube, er hatte eine leise Sehnsucht nach einem Ort, an dem er mit Gott und mit sich im Reinen sein konnte», sagt Bruder Alexander. «Er hat hier gefunden, was er immer gesucht hat – einen Ort, wo Gebet und Arbeit sich nicht widersprechen, sondern einander stützen.» Am 5. September 1875 legte Bruder Meinrad die Profess ab und erhielt seinen Ordensnamen nach dem heiligen Meinrad von Einsiedeln. Schon zuvor hatte er in der Schneiderei des Klosters gearbeitet; auch künftig nähte er liturgische Gewänder und sorgte jahrzehntelang für die Kleidung der Gemeinschaft. «Ich sehe ihn förmlich vor mir, diesen kleinen Mann mit dem wachen Blick, der nie auffallen wollte. In seinen Augen lagen Güte, Klarheit, ein inneres Lächeln», so Bruder Alexander. Zu den Erzählungen, die sich erhalten haben, gehört die Geschichte eines Mitbruders: «Er war gemein zu Bruder Meinrad, hat ihn oft getadelt und war ungerecht», erzählt Bruder Alexander. «Aber als dieser Mitbruder im Sterben lag, wollte er plötzlich nur noch Bruder Meinrad bei sich haben. Niemand anderen. Das zeigt, wie viel Güte und Geduld dieser Mensch ausstrahlte.» Bruder Alexander hat als Vizepostulator über Jahre hinweg Briefe und Berichte gesammelt: «Das Kloster beherbergt oft Gäste; eines Abends RÜCKBLICK «Ihr stets dankbarer Bruder Meinrad Eugster» Ein Jahrhundert nach seinem Tod berührt Bruder Meinrad Eugster die Menschen noch immer: In seiner Demut, Tugend und innigen Dankbarkeit liegt eine Kraft, die weit über sein Leben hinauswirkt. Der laufende Seligsprechungsprozess zeigt, dass sich Heiligkeit auch im Unspektakulären zeigen kann.
8 salve 4/2025 Ein ganzer Stab von Mitbrüdern sorgte in der Klosterschneiderei für die Kleidung der Mönche. Auch Bruder Meinrad Eugster arbeitete hier hingebungsvoll über Jahrzehnte. Frühes Porträt des später weithin verehrten Benediktiners. Schon als junger Mann war Bruder Meinrad bekannt für seine Bescheidenheit und Ausstrahlung. Die Brüdergemeinschaft des Klosters Einsiedeln um 1892. Bruder Meinrad Eugster steht in der obersten Reihe, zweiter von links. Sein Leben im Dienst der Gemeinschaft war geprägt von Demut, Dankbarkeit und treuer Pflichterfüllung.
salve 4/2025 sagt er. Auch Pater Philipp spricht mit Wärme über dieses Thema. Für ihn ist Dankbarkeit «eine Haltung, die man im Klosteralltag täglich übt – im Gebet, in der Arbeit, im Miteinander. Wir beginnen und beenden den Tag mit einem Dank. Bruder Meinrad hat das selbstverständlich gelebt – sein ganzes Leben war ein stilles Gebet der Danksagung.» Wo Danksagung ihren tiefsten Ausdruck findet Aus dieser Haltung der Dankbarkeit führt der Weg zur Eucharistie – dorthin, wo Danksagung ihren tiefsten Ausdruck findet. Das Wort «Eucharistie» stammt aus dem Griechischen eucharistia und bedeutet «Danksagung». Schon in den frühesten christlichen Texten bezeichnet es eine bewusste Antwort des Menschen auf das Geschenk Gottes. In der Eucharistie verdichtet sich dieser Glaube: Gott schenkt sich selbst – in Brot und Wein – und der Mensch antwortet mit Dank. Pater Philipp erklärt: «Die Eucharistie ist das Herzstück unseres Alltags. In ihr feiern wir die Gegenwart Gottes und sein Heilswirken an uns.» Bruder Alexander: «Bruder Meinrad war oft der Erste in der Kirche, obwohl er schwach war. Nach der Kommunion blieb er lange still. Wenn ihn jemand später fragte, sagte er nur lächelnd: ‹Ich war bei meinem Herrn.›» Gedenkjahr im Licht der Seligsprechung Bruder Meinrad war kein Prediger, kein Gründer. Und doch spricht man heute von seiner «heroischen Tugend», die die Kirche bereits anerkannt hat. Im Rahmen des Seligsprechungsprozesses haben die Vorgänger von Bruder Alexander tausende Gebetserhörungen dokumentiert. «Ich bin nicht wundersüchtig», sagt er, «aber es ist erstaunlich, wie viele Menschen sich an Bruder Meinrad wenden – und Trost finden. Manche schreiben nach Jahren: ‹Ich habe nicht das bekommen, worum ich bat, aber ich habe Frieden gefunden.›» Hundert Jahre nach seinem Tod richtete das Kloster Einsiedeln ein grosses Gedenkjahr 2025 aus. «Wir wollen uns nicht bloss erinnern, sondern ins Heute übersetzen, was Bruder Meinrad uns lehren kann», sagt Pater Philipp. «Es geht um Dankbarkeit, Treue und die Kunst, sich selbst zurückzunehmen.» Gemeinsam mit Bruder Alexander, Pater Meinrad Hötzel und Bruder Benno Maria Bonder bereitete er ein vielfältiges Programm vor: monatliche Gedenktage, eine Ausstellung, einen Film und eine grosse Feier am 14. Juni 2025 mit Pontifikalamt und Musik. «Wir vier sind sehr verschieden», sagt Pater Philipp, «genau das belebt die Sache. Wir alle spüren, wie Bruder Meinrad etwas in uns bewegt.» war kein Bett mehr frei, und Bruder Meinrad bot ohne Zögern sein Zimmer an. Er selbst schlief auf dem Dachboden. Für ihn war es selbstverständlich, zu geben, was er hatte – und durch sein Geben wurde er selber beschenkt.» Auch kleine Gesten blieben unvergessen: «Ein Mitbruder bat ihn um ein Taschentuch. Meinrad kam zurück – mit zehn. Diese Grossherzigkeit war typisch für ihn.» Diese Geschichten zeigen einen Menschen, der durch sein Tun sprach – still, geduldig, hingegeben. Haltungen, die im klösterlichen Leben einen Namen haben: «Humilitas». Die Kraft der Demut «Humilitas» – so nennt die benediktinische Regel die Tugend: Demut. «Das Wort kommt von humus, also Erde – und das gefällt mir. Demut heisst für mich nicht, klein zu sein, sondern geerdet», sagt Bruder Alexander. «Ein demütiger Mensch steht mit beiden Füssen auf dem Boden und weiss, wem er sein Leben verdankt.» So war auch Bruder Meinrads Demut kein Sich-Verkleinern, sondern eine klare, unaufgeregte Sicht auf das Leben. «Er hat sich selbst nie in den Mittelpunkt gestellt», so Bruder Alexander, «aber er hat seine Aufgaben still und mit Hingabe ausgeführt.» Diese Haltung machte ihn zu einem Anker der Gemeinschaft. «Er war kein Mann grosser Worte. Wenn er schwieg, war das nie leer. Es war ein Schweigen, das Raum machte – für Gott, für andere, für Frieden.» Auch Krankheit nahm er an: Bruder Meinrad war von schwacher Gesundheit und litt über Jahre an einem empfindlichen Magen – ein Leiden, das ihn schliesslich das Leben kostete. Dennoch blieb er im Dienst. «Er hat nie geklagt. Er sagte: ‹Gott verlangt nichts, was er nicht selber mitträgt.› Das war sein inneres Wissen, seine Herzensangelegenheit», sagt Bruder Alexander. Demut und Dankbarkeit gehören im klösterlichen Leben eng zusammen. Wer demütig ist, erkennt, dass alles Geschenk ist – und wer dankbar lebt, bleibt demütig. Im Geist der Dankbarkeit Dankbarkeit war der Kern von Bruder Meinrads Haltung. Sie war keine Reaktion auf Gutes, sondern eine Lebensweise – getragen von der Überzeugung, dass alles, was wir empfangen, Geschenk ist. Auch im christlichen Denken ist Dankbarkeit kein Gefühl, sondern gelebte Beziehung: Gott schenkt, der Mensch nimmt an – und antwortet mit Danksagung. Bruder Alexander beschreibt ihn als «aufmerksamen, sehr dankbaren Mönch», der überall das Gute suchte: «Durch das Geben wird man selber zum Beschenkten», «Gott verlangt nichts, was er nicht selber mitträgt.» Bruder Meinrad Eugster 9
10 salve 4/2025 Bruder Alexander, Vizepostulator im Seligsprechungsprozess, am Reliquienschrein von Bruder Meinrad. Strahlkraft eines einfachen Lebens Das Grab Bruder Meinrads liegt in der Klosterkirche, unweit der Gnadenkapelle. Über dem Grabstein hängt sein Bild – ein schlichtes Porträt, das dem Betrachter oder der Betrachterin ruhig entgegenblickt. «Es kommen Menschen aus allen Erdteilen nach Einsiedeln», erzählt Bruder Alexander. «Bruder Meinrad hat Verehrerinnen und Verehrer in Amerika, Indien, Malaysia oder im Kongo. Immer wieder bekomme ich Post – einmal sogar von Krankenpflegern aus Brasilien, die hundert Reliquienbildchen für ein Spital bestellt haben. Solche Geschichten zeigen mir, wie weit seine Verehrung reicht. Es ist ein lebendiger Beweis seiner Ausstrahlung.» Bruder Alexander betreut die Herstellung und Verteilung dieser Reliquienbildchen persönlich. «Ich kontrolliere jedes einzelne, bevor es das Kloster verlässt», sagt er. «In jedem Bild ist ein kleines Stück Stoff – ein Stoffpartikel, der den Corpus von Bruder Meinrad berührte.» Solche Berührungsreliquien gehen in alle Welt: an Spitäler, Klöster, Pfarreien und Familien. «Es sind kleine Zeichen der Verbundenheit – nichts Magisches, sondern Erinnerungen an einen Menschen, der durch seine Güte Glauben weckte.» So wirkt Bruder Meinrad hundert Jahre nach seinem Tod weiter. In seinem Leben liegt etwas Zeitloses, das Menschen berührt. Bruder Alexander sagt: «Seine Einfachheit, sein Gottvertrauen, seine Treue zum klösterlichen Leben, seine Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit – das sind Eigenschaften, die er bis heute den Menschen vermittelt.» Der Prozess der Seligsprechung dauert an. «Vielleicht geschieht das Wunder irgendwo, wo wir es nicht erfahren – vielleicht in Brasilien, vielleicht hier. Das ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass die Verehrung weiterlebt», sagt Bruder Alexander. «Sein Leben zeigt, dass Heiligkeit nichts Abgehobenes ist, sondern im Danken, im Tun, im geduldigen Tragen wächst – Tag für Tag, liebevoll und beständig.» ◆ Dokumentarfilm «Bruder Meinrad – Ein Leben für die Ewigkeit» Der Dokumentarfilm zeigt das Kloster Einsiedeln, Gespräche mit Mönchen und seltene historische Aufnahmen. MEHR ZUM LEBEN VON BRUDER MEINRAD Buchtipp «Bruder Meinrad Eugster. Ein Leben für die Ewigkeit» So heisst das neue Buch von Pater Philipp und Pater Meinrad. Mehr dazu auf Seite 48.
11 salve 4/2025 Dr. Hans-Peter Fischer lebt und arbeitet in Rom. Als Postulator begleitet er im Auftrag des Klosters Einsiedeln den Seligsprechungsprozess von Bruder Meinrad Eugster. Er betont, dass eine Seligsprechung weit über das Kloster hinauswirken würde – als Zeichen gelebter benediktinischer Spiritualität, die auch heute Orientierung gibt. Herr Dr. Fischer, wie läuft ein Seligsprechungsprozess ab? Zuerst untersucht die Ortskirche Leben, Schriften und Tugenden des Kandidaten. Nach Abschluss dieser Prüfungen werden die Akten nach Rom übermittelt. Dort wird festgestellt, ob die Person im Ruf der Heiligkeit verstorben ist und ob nichts gegen eine Seligsprechung spricht. Was ist Ihre Aufgabe als Postulator in einem Seligsprechungsprozess? Der Postulator vertritt den sogenannten «Aktor» – in unserem Fall die Mönchsgemeinschaft von Einsiedeln – vor dem vatikanischen Dikasterium für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse. Ich wurde 2014 offiziell ernannt, da das Verfahren in Rom liegt. Der Prozess selbst befindet sich seit über sechzig Jahren in der höchsten Verfahrensstufe. Für eine Seligsprechung fehlt nur noch der Nachweis eines Wunders, das auf die Fürbitte des «Ehrwürdigen Dieners Gottes» zurückgeführt werden kann. Das momentan «ruhende» Verfahren kann erst mit der Meldung eines Wunders wieder neu aufgenommen werden. Bis ein solches Wunder anerkannt ist, ruht das Verfahren. Nachgefragt Der Weg zur Seligsprechung von Bruder Meinrad Bruder Meinrad wurde der heroische Tugendgrad zuerkannt. Was bedeutet das? Papst Johannes XXIII. hat 1960 bestätigt, dass Bruder Meinrad aufgrund seines aussergewöhnlichen Lebenswandels als «Ehrwürdiger Diener Gottes» verehrt werden darf. Damit ist der Weg für eine Seligsprechung grundsätzlich offen, sobald ein Wunder nachgewiesen wird. Der sogenannte heroische Tugendgrad bezeichnet dabei die kirchliche Anerkennung, dass eine Person die christlichen Tugenden – also Glaube, Hoffnung, Liebe, Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mass – in aussergewöhnlichem, vorbildlichem Mass gelebt hat. Dieses Urteil wird erst nach einer langen, kritischen Prüfung gefällt und bedeutet, dass der Lebenswandel des Betroffenen als exemplarisch für alle Gläubigen gilt. Warum ist dafür ein Wunder nötig? Das Wunder gilt als Zeichen Gottes, dass er das Leben und Wirken des Kandidaten bekräftigt. Es soll zeigen, dass nicht der Mensch selbst, sondern Gott durch seine Fürbitte handelt. Die Kirche prüft solche Ereignisse äusserst sorgfältig und schliesst jede natürliche Erklärung aus. Wie läuft diese Prüfung ab? Der Postulator sammelt alle Unterlagen und führt Voruntersuchungen durch – medizinische Befunde, Zeugenaussagen, Dokumente. Fachärzte und Theologen beurteilen, ob das Geschehen übernatürlich ist und ob eindeutig feststeht, dass um die Fürbitte des Dieners Gottes gebetet wurde. Welche Bedeutung hätte die Seligsprechung für die Kirche in der Schweiz? Sie wäre ein starkes Zeichen aus der eigenen Geschichte: Bruder Meinrad steht für gelebtes monastisches Leben nach der Regel des heiligen Benedikt – «beten und arbeiten und lesen». Seine Spiritualität der Gottsuche ist zeitlos und kann auch heute Orientierung geben. Was fasziniert Sie persönlich an Bruder Meinrad? Bruder Meinrad ist tief verankert im Gebet, in der Heiligen Schrift und in der Liebe zur Eucharistie. Das Gebet ist für ihn Betrachtung der Liebe Gottes und Ausdruck dankbarer Hingabe. Weil er mit Gott in Freundschaft lebt, kann er mit keinem Menschen in Feindschaft leben. Was wünschen Sie sich, dass Gläubige aus diesem Prozess mitnehmen? Die grosse Zahl an Gebetserhörungen zeigt, dass Bruder Meinrad weiterhin Menschen bewegt. Er hat unzählige Herzen berührt – vielleicht ist das schon sein eigenes, stilles Wunder. «Bruder Meinrad hat unzählige Menschen berührt – vielleicht ist das schon sein eigenes, stilles Wunder.» Dr. Hans-Peter Fischer, Postulator im Seligsprechungsprozess Dr. Hans-Peter Fischer
12 salve 4/2025 Der Klosterplatz in Einsiedeln ist mehr als ein Platz. Er ist mehr als ordentlich verlegte Pflastersteine. Er ist mehr als eine Fläche, auf der sich viele Menschen versammeln können. Er ist auch mehr als ein Teil eines Dorfes. Der Platz vor dem Kloster Einsiedeln ist nicht nur ein Platz, sondern genauso auch eine Brücke. Eine Brücke zwischen geistlichem Zentrum und weltlichem Leben, eine Verbindung zwischen klösterlicher Abgeschiedenheit und öffentlichem Raum. Einem öffentlichen Raum, aber keinem neutralen: Denn wer ihn betritt, merkt sofort, dass er Bedeutung trägt. Genau dieses starke Verbindungsstück erstrahlt nun im neuen Glanz. Im Oktober wurde die Sanierung des Klosterplatzes abgeschlossen, bereits im September wurde der Platz mit der traditionellen Engelweihe seiner Bestimmung übergeben. Ein Projekt, das viele Jahre in Anspruch genommen hatte, kam damit zum lichterfüllten Ende. «Mit der Planung wurde bereits Ende 2006 angefangen», sagt Heino von Prondzynski. Er ist seit 2009 einerseits Präsident der Vereinigung der Freunde des Klosters Einsiedeln, anderseits wurde er auch mit der Projektleitung für die Sanierung des Klosterplatzes von Seiten des Klosters betraut. Angegriffene Balustraden, fehlende Figuren, holprige Steine Denn diese bedeutende Brücke muss in Stand gehalten werden, damit sie ihrer Funktion weiterhin gerecht werden und Welten verbinden kann. «Der Platz war heruntergekommen und hat nicht mehr das dargestellt, was ursprüngDie Rückkehr der offenen Arme BLICKPUNKT Nach fast zwei Jahrzehnten Planung und Sanierungsarbeiten zeigt sich das geschichtsträchtige Verbindungsstück zwischen Kloster und Bevölkerung erneuert und in frischem Glanz – und ist zugleich seinem Ursprung näher als je zuvor.
13 salve 4/2025 lich die Idee war», so Heino von Prondzynski. «Nämlich ein Begegnungsort für den weltlichen und den geistlich-religiösen Bereich.» Die Arkadenbögen waren als offene Arme konzipiert worden, sie sollten die Besuchenden empfangen. «Aber das funktionierte schon eine Weile nicht mehr richtig», sagt Heino von Prondzynski. Die Arkaden waren angegriffen und die Figuren auf den Balustraden fehlten: Manche wurden entwendet, andere sind runtergefallen, einige gingen verloren. Pflastersteine, über die Generationen gegangen sind, zeigten Abnützungsspuren, waren uneben und wurden zu wortwörtlichen Stolpersteinen. Der Platz, die Kirche und das Kloster waren nicht für alle gut erreichbar. «Der barrierefreie Zugang zum Kloster, zur Kirche und zu wesentlichen Teilen des Platzes – das war eines der grössten Anliegen des Klosters.» Es musste etwas getan werden. Doch von den ersten Plänen für die Sanierung bis zum effektiven Baubeginn vergingen noch einmal drei Jahre. 40’000 Quadratmeter umfasst der gesamte Platz. Keine kleine Aufgabe. Und keine günstige: «Die Finanzierungsmöglichkeiten mussten eruiert werden», sagt der Projektleiter. Die Sanierungskosten für den Teil, der dem Kloster gehört, beliefen sich auf 12 Millionen Franken. Das Kloster war auf Spenden angewiesen und gute Einfälle waren gefragt. Gravierte Steine für die Ewigkeit Zunächst wurde der Klosterplatz in kleine Quadrate aufgeteilt, die man virtuell erwerben konnte. Man konnte sich also sein eigenes Stück Klosterplatz kaufen. «Dann hatten wir die Idee mit den gravierten Steinen», sagt Heino von Prondzynski. Wer eintausend Franken spendet, erhält einen eigenen, nach Wunsch gravierten Pflasterstein. Das ermöglicht den Menschen, selbst Teil dieses aussergewöhnlichen Platzes zu werden – und stiess von Anfang an auf Interesse. So wurde zu Ehren für die verstorbene Grossmutter oder als Geschenk für die Kinder ein Stein verlegt. «Manche haben einen Stein mit ihrem Hochzeitsdatum gravieren lassen», sagt der Projektleiter. Andere wiederum haben als Fangruppe für bekannte Persönlichkeiten wie Vin Diesel, Angelina Jolie oder Jonny Depp einen Stein gespendet. Auch den Namen des beliebten Moderators Kurt Felix findet man – seine Frau Paola Felix hat ihrem verstorbenen Mann mit dem Stein ein Andenken geschaffen. Bisher wurden rund 3000 gravierte Steine verkauft. In mehreren Reihen wurden sie entlang des Weges vor der Klosterfassade verlegt. Weil es bei so vielen Steinen nicht leicht ist, den eigenen zu finden, kann man online nachschauen, wo er ungefähr liegt. Wer anstatt eines Steines etwas anderes bevorzugte, konnte eine Figur, eine Vase oder eine Putte spenden, welche nach all den Jahre die Arkadenbögen wieder vollständig zieren sollten. Auch einige Arkadenbögen und sogar die Eckpavillons fanden Spenderinnen und Spender. «Wir durften uns zudem über sehr grosszügige Einzelspenden freuen, wie etwa die von einer Organisation, die eine halbe Million beisteuerte.» Jeder Beitrag ist bedeutend Aber es sind nicht nur die grossen Spenden, die zählen: Jeder Betrag macht für das Kloster einen Unterschied. «Mich berührt es, dass manche Menschen, die sich die Spende kaum leisten können, extra dafür sparen», sagt Heino von Prondzynski. «Für viele ist es eine Herzensangelegenheit, das Kloster unterstützen zu können.» Die Spenden kommen nicht nur aus der näheren Umgebung, sondern aus der ganzen Schweiz, aus Deutschland und Italien. «Sogar Amerikaner haben einen gravierten Stein gekauft und das Tochterkloster St.Meinrad in Indiana hat sich durch Spenden ebenfalls beteiligt.» Die Finanzierung ist Gravierte Pflastersteine vor dem Kloster erinnern an die Spenderinnen und Spender – ein Zeichen der Verbundenheit und Dankbarkeit.
14 salve 4/2025 jedoch nicht final abgeschlossen. «Rund 1,5 Millionen fehlen noch», sagt Heino von Prondzynski. Darum wurde eine neue Fläche geöffnet, und es besteht weiterhin die Möglichkeit, Steine zu kaufen und sie nach Wunsch gravieren zu lassen. Das ist online möglich oder telefonisch beim Kloster. Altes und Neues verschmelzen 2009 begannen die Renovierungsarbeiten. Zunächst wurde der Abteihof angegangen. Dort wurde getestet, wie am besten gepflastert wird, wie die Grünfläche integriert und die Barrierefreiheit gewährleistet werden kann. Aufgrund dieser Erfahrungen wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Eine Jury kürte schliesslich das Architekturbüro Vogt Landwirtschaftsarchitekten AG zum Sieger, das den Entwurf weiterentwickelte. Die weitere Sanierung des umfassenden Platzes erfolgte ebenfalls in Abschnitten. Stück für Stück wurde ihm wieder seine ursprüngliche Eleganz verliehen. Man ging behutsam vor, damit Bestehendes blieb und mit Neuem verschmelzen konnte. So wurde auch der Marienbrunnen restauriert und ein Arkadenbogen als neuer Unterstand konzipiert, der Pilgerinnen und Pilger vor Wind und Wetter schützt. Details und das grosse Ganze «Was mich besonders glücklich macht, ist die Tatsache, dass wir den Meinradbrunnen sichtbar machen konnten», sagt Heino von Prondzynski. Bei einem Brunnen, der acht Ein Ort gemeinsamer Vision Vor bald 1100 Jahren kam Eberhard aus Strass- burg als erster Abt nach Einsiedeln. Mit ihm kamen Menschen, die ihm halfen, seine Vision vom regeltreuen Kloster bei der Kapelle Meinrads zu verwirklichen. Sie rodeten den Wald – und bereiteten sozusagen den Vorplatz für das Kloster. Der Klosterplatz ist heute dieser Vorplatz. Ein Ort gemeinsamer Vision von Dorf, Bezirk, Kloster und Spenderinnen und Spendern. Herzlichen Dank dafür, dass sie diesen Platz der Begegnung unterstützen! Möchten Sie weitere Renovationsprojekte fördern? Nutzen Sie dazu gern den QR‑Code. Meter in der Tiefe liegt, kein leichtes Unterfangen. «Wir haben eine Figur von Meinrad, die bis dahin im Klostergarten stand, nach vorne gebracht und einen Meinradbrunnen gebaut.» Eine Pumpe führt nun das Wasser von der Quelle hinauf. «Es sind aber nicht nur die Details, die mich begeistern. Ich bin mit dem ganzen Platz sehr zufrieden», sagt der Projektleiter. «Das Gefühl des Willkommenseins ist wieder gegeben.» Auch weil die Verbindungsstücke von der Balustrade auf die Eckpavillons wieder komplett sind: «Damit haben wir ganz offene Arme bis an die Fingerspitzen der Eckpavillons heran.» Diese Arme sind etwas ganz Besonderes, findet Heino von Prondzynski: «Keiner der Mönche, die heute im Kloster sind – auch nicht die ganz alten –, haben je zuvor den Klosterplatz und die Arkaden mit allen Figuren gesehen. Jetzt ist er endlich wieder komplett.» Der Platz stellt wieder das dar, was sich das Kloster wünscht. Ein Begegnungsort, der für alle zugänglich ist: Alle Menschen kommen barrierefrei zum Marienbrunnen, zu den Arkadenbögen, in die Kirche und zum Kloster. Die Brücke zwischen den Welten steht wieder fest, gebaut auf einem starken Fundament von Dankbarkeit und Wertschätzung. ◆ Arbeiten an der Neugestaltung des Klosterplatzes, die 2019 begann und 2025 in mehreren Etappen abgeschlossen wurde.
15 salve 4/2025 Verbundenheit MOMENTUM Das sogenannte Guttäterbuch verzeichnet seit dem 16. Jahrhundert jene Menschen, die das Kloster finanziell unterstützt haben. Es wurde nach dem Brand von 1577 angelegt und bewahrt bis heute die Erinnerung an ihre Gaben und an ihre tiefe Verbundenheit zum Kloster Einsiedeln.
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17 Das Geschenk der Gemeinschaft EINBLICK Im Kloster Fahr verbindet sich tägliche Fürsorge mit einer Haltung der Dankbarkeit. Schwestern, Mitarbeitende und Ehrenamtliche stützen einander mit Achtsamkeit und Vertrauen. Wo Pflege, Gemeinschaft und Spiritualität ineinandergreifen, entsteht ein Modell für eine Gesellschaft, die menschlich bleibt – auch im Alter. Es ist Vormittag im Kloster Fahr. Zwei Schwestern schieben ihre Rollatoren den langen Gang entlang. Sie warten aufeinander, halten einander die Tür auf, setzen ihren Weg Seite an Seite fort. Aus der Küche weht ein würziger BouillonDuft. Für Köchin Cornelia Holliger ist die Küche seit drei Jahren Arbeitsort und Treffpunkt zugleich: «Hier in der Küche begegne ich im Laufe der Woche jeder Schwester.» Dankbarkeit prägt den gemeinschaftlichen Ton – täglich hört Cornelia Holliger ein schlichtes und herzliches Danke von den Schwestern. Priorin Irene Gassmann beschreibt diese Haltung als Fundament des Miteinanders im Kloster Fahr: «Dankbarkeit hat viele Gesichter. Sie zeigt sich, wenn Ältere einander stützen, Mitarbeitende achtsam handeln und die Gemeinschaft im Gebet innehält.» Abends, bei der Rekreation, würden die Schwestern einander vom Tag erzählen; im Austausch werde Gemeinschaft spürbar. Tragen und getragen werden Zurzeit leben siebzehn Schwestern im Kloster Fahr, der Grossteil ist über 78 Jahre alt. Eine davon ist Schwester Raimunda Spuhler. Sie ist nach einem langen Dienst an der Pforte heute auf Unterstützung angewiesen: Die Spitex am Morgen und Abend ermöglicht ihr, trotz eingeschränkter Mobilität im Kloster zu bleiben – und nicht ins Pflegeheim zu müssen. Getragen werden und selbst tragen, so sagt sie, sei im Kloster Fahr tägliche Wirklichkeit: «Es ist ein Geschenk, nicht allein zu sein. Tagsüber schaut immer wieder jemand nach mir. Ich kann zum Mittagsgebet in die Kirche und danach im Konvent essen. Die Mitschwestern nehmen mich an, mit all meinen Einschränkungen.»
18 salve 4/2025 Das leise Wir im Kloster Fahr Geben und Empfangen schliessen einander nicht aus, sie durchdringen sich. Die Priorin sieht gerade im stillen Beitrag der Älteren ein Geschenk: die gelassene Zufriedenheit als Zeugnis – und die Bereitschaft, mit kleinen Diensten zum Ganzen beizutragen. Cornelia Holliger erlebt diese Haltung täglich: «Die Schwestern bleiben innerhalb ihrer Möglichkeiten aktiv. Das hält Geist und Körper wach.» Im Altersheim stehe die Pflege im Vordergrund, hier im Kloster gehöre jede dazu – niemand sei zu alt oder zu gebrechlich. Manche Schwestern seien seit jeher in der Küche integriert und blieben es auch im Alter. Sie schälen Äpfel, holen im Garten Schnittlauch, sind mit kleinen Hangriffen behilflich. Ihr Jobprofil umfasse weit mehr als kochen, so Cornelia Holliger: «Wir sind eine Gemeinschaft und schauen alle aufeinander. Dafür bin ich sehr dankbar.» Dankbarkeit verändert mit den Jahren ihren Klang: Sie wird leiser, inniger, konkreter. Schwester Franziska Bernhardsgrütter ist mit ihren 89 Jahren dankbar für das, was früher selbstverständlich war und heute kostbar ist: «Dass ich jeden Morgen allein aufstehen und für mich sorgen kann.» Als kleine Aufgabe füllt sie die Opferlichter in Kirche und Kapelle – damit andere ein Licht anzünden können. Daneben verbringt sie viel Zeit mit den beiden Klosterkatzen, die ihr speziell ans Herz gewachsen sind. Mitarbeitende und Ehrenamtliche als Herzenskräfte Wer im Kloster arbeitet oder sich ehrenamtlich einbringt, trägt das feine Gewebe des Miteinanders mit. Die gelernte Pflegefachfrau Brigitte Karnowski ist zu einem kleinen, tragenden Pfeiler geworden. Nach der Frühpensionierung hat sie sich ein «Jahreszeitenkloster» geschaffen: Jedes Jahr kehrt sie für einige Tage zurück ins Kloster Fahr und geht den Schwestern nach Bedarf zur Hand. Zur Begrüssung stellt sie eine Rose in den Torbogen – als Zeichen, dass sie Ein Modell für die Gesellschaft Priorin Irene erhält viele positive Rückmeldungen von Gästen des Klosters Fahr. Sie seien beeindruckt, wie offen für Neues die Schwestern trotz ihres hohen Alters seien. Die Beweglichkeit zur Veränderung zeichne das Kloster aus, so die Priorin. Wie sähe unsere Gesellschaft aus, wenn ältere Menschen häufiger in echter Gemeinschaft statt in stiller Vereinzelung lebten? «Gerade die Jüngeren würden profitieren», ist die Priorin überzeugt. «Zufriedenheit und Glück würden bei allen wachsen.» Ein gelungenes Beispiel, wie Generationen voneinander lernen, zeige das Projekt «erfahrbar» in der ehemaligen Bäuerinnenschule des Klosters. Das Mehrgenerationenhaus ermöglicht Alt und Jung, gemeinsam zu wohnen, sich zu begegnen und zu teilen. Die demografische Entwicklung macht klar, wie dringlich Antworten für würdige Formen des Zusammenlebens werden: In der Schweiz ist bereits knapp ein Fünftel der Bevölkerung über 65 Jahre alt. Bis 2055 wird diese Gruppe auf rund 2,7 Millionen Menschen anwachsen – mehr als ein Viertel der Gesellschaft. Die Lebenserwartung, besonders bei Frauen, liegt bei über 85 Jahren. Alters- und Pflegeheime betreuen jährlich etwa 160 000 Personen im Durchschnittsalter von circa 85 Jahren. Zugleich gewinnt die ambulante Versorgung an Gewicht: Fast eine halbe Million Menschen in der Schweiz werden durch die Spitex unterstützt, jährlich über 23 Millionen Pflegestunden. Klöster – darunter das Kloster Fahr – integrieren diese Fachpflege in ihren Rhythmus und ergänzen sie mit gemeinsamen Mahlzeiten, einer verlässlichen Tagesstruktur sowie Nachtwachen. So bleibt, was ein Kloster ausmacht, auch im hohen Alter möglich: Leben in Vertrautheit, Regelmässigkeit und Verbundenheit – abgesichert durch professionelle Pflege inmitten der Gemeinschaft. Klöster mit betagten Schwestern seien besondere Orte, so Priorin Irene: «Sie sind Modelle für eine solidarische Gesellschaft, in der Alter ein gelebter Wert ist und gute Pflege sichtbar wertgeschätzt wird.» «Klöster sind Modelle für eine solidarische Gesellschaft, in der Alter ein gelebter Wert ist.» Priorin Irene Gassmann
19 salve 4/2025 ihren Mann an Formen des Zusammenlebens jenseits der reinen Alters-WG: «Gemeinschaft im Alter ist wichtig, aber nur ältere Menschen zusammen – das kommt nicht gut. Das Zusammenleben müsste generationenübergreifend sein.» Im Kloster Fahr geht Dankbarkeit von Hand zu Hand – von der Küche zur Kapelle, vom Garten in den Gang. Sie wächst im Gebet der Älteren, im stillen Dienst, in der Geduld der Mitarbeitenden und im Offensein füreinander. Diese Haltung bewahrt Würde und hält Türen offen, auch wenn das Alter die Schritte verlangsamt. Gemeinschaft, die niemand aussondert, ist mehr als Pflege: Sie ist ein Versprechen, das trägt – Tag für Tag. ◆ wieder da ist. «Die Wertschätzung ist hoch, die Dankbarkeit gegenseitig. Es ist eine Win-Win-Situation, denn die Zeit im Kloster stärkt auch mich», so Brigitte Karnowski. Sie schätze die Freiheit, ihren Tag selbst zu strukturieren – und die Offenheit der Gemeinschaft, die sie aufnehme, als wäre sie immer schon da gewesen. Brigitte Karnowski staunt jedes Mal von Neuem, wie die Schwestern auch im Alter noch anpacken und gleichzeitig ihre Grenzen annehmen mit der inneren Haltung: «Das ist mein Weg, den Gott für mich bestimmt hat». Ihre ehrenamtliche Mitarbeit im Kloster hat Brigitte Karnowski die Augen geöffnet, wie wichtig Gemeinschaft im Alter ist. Sie denkt für sich und Brigitte Karnowski kehrt jedes Jahr ins Kloster Fahr zurück, um die Schwestern zu unterstützen – ihr Zeichen ist eine Rose im Torbogen.
20 salve 4/2025 Aus allen Quellen schöpfen Wer den Klosterplatz in Einsiedeln betritt, kann ihn nicht übersehen – den Marienbrunnen. Seit 1752 sprudelt hier Wasser, gekrönt von einer Statue der Gottesmutter Maria. «Der Brunnen ist das Wahrzeichen des Platzes, welcher der zweitgrösste Kirchenvorplatz Europas ist», sagt Markus Bamert, Kunsthistoriker und Konservator der Kunstsammlung im Kloster Einsiedeln. Pilgerinnen und Pilger trinken hier bis heute traditionell aus allen 14 Röhren – einen Schluck aus jeder. «Dieses Ritual steht für das Anflehen der vierzehn Nothelfer – einer Gruppe von Heiligen, die in der Volksfrömmigkeit bei besonderen Anliegen angerufen werden», sagt Markus Bamert. So wie jeder Nothelfer für eine konkrete Lebensnot steht, so fliesst aus jeder Röhre ein eigener Strom Trost und Hilfe. Auch die Geschichte des Brunnens ist geprägt von Dankbarkeit: 1798 rettete ihn die Einsiedlerin Helene Gyr vor der Zerstörung durch die Franzosen, indem sie ihn erwarb und später dem Kloster zurückgab. Bei der Restaurierung 2013 wurden Brunnen und Statue sorgfältig erneuert – ein weiterer Ausdruck der Dankbarkeit dafür, dieses Glaubenszeichen zu bewahren. Der Marienbrunnen in Einsiedeln ist seit 1752 Pilgerquelle: Aus 14 Röhren strömt Wasser als Symbol der Nothelfer – ein Ort, an dem Trost, Bitte und Dankbarkeit zusammenfliessen. Zeichen des Dankes RUNDGANG Ob Brunnen, Kerzen oder Blumen – im Kloster Einsiedeln erzählen viele Orte von der Dankbarkeit der Gläubigen. Ein Rundgang macht sichtbar, wie sich dieser Ausdruck über die Jahrhunderte gewandelt hat und doch bis heute lebendig geblieben ist.
21 salve 4/2025 Ex Voto: Spuren persönlicher Wunder Beim Betreten der Klosterkirche springen einem links und rechts vom Eingang imposante Galeerenkugeln und Holzkrücken ins Auge. Auch frühe Formen von Prothesen und anderen medizinischen Hilfsmitteln sind dort ausgestellt. Solche Gegenstände konnten Menschen nach ihrer Heilung oder Befreiung aus Gefangenschaft hier ablegen. Aus Dankbarkeit übergaben sie diese Objekte – teils aus dem 16. Jahrhundert stammend, teils aus jüngerer Zeit – dem Kloster Einsiedeln. Eine weitere Form des Dankes sind die Votivtafeln: «Sie wurden nach erfahrenem Beistand und Heilung, etwa bei Verfolgung oder Krankheit, bei spezialisierten Ex-Voto-Malern in Auftrag gegeben und dem Kloster überbracht», erklärt Markus Bamert. Das Kloster verwahrt zudem weitere kostbare Votivgaben. Dazu gehören zwei mit Diamanten und Rubinen gerahmte Miniaturporträts von Sibylla Augusta, Prinzessin von Sachsen-Lauenburg und Gattin von Markgraf Ludwig von Baden-Baden, sowie ihres Sohnes Ludwig Georg. Sibylla Augusta pilgerte mehrmals nach Einsiedeln, ab und an in Begleitung ihres sprachbeeinträchtigten Kindes. Nach einem Aufenthalt im Kloster fand der Junge auf wundersame Weise seine Sprache wieder. Zum Dank stiftete seine Mutter im Jahr 1712 die beiden Porträts in Herzform zur Anbringung an der Gnadenkapelle. Ex-Voto-Gaben in der Klosterkirche Einsiedeln: Dankeszeichen für Heilung und erhörte Bitten – abgelegte Krücken, alte Galeerenkugeln und Votivtafeln, die erhörte Bitten und Heilungen bezeugen.
22 salve 4/2025 Kunstvoll gestaltete Wallfahrtskerzen von Kantonen, Städten und Pfarreien leuchten bei der Gnadenkapelle – als dauerhaftes Zeichen von Bitte, Dank und Verbundenheit mit Maria. Ein Licht für Maria, ein Zeichen für die Menschen Wallfahrtskerzen leuchten im Kloster Einsiedeln schon seit Jahrhunderten als sichtbare Zeichen von Bitte und Dank. Sie stammen meist von Pilgergruppen, Pfarreien, Städten oder Kantonen und sind kunstvoll gestaltet – versehen mit Namen, Jahreszahlen oder Symbolen. Im Unterschied zu den kleinen Opferlichtern brennen sie nicht nur für kurze Zeit, sondern bleiben länger bei der Gnadenkapelle aufgestellt. «Traditionell wurden sie mit einem Gebet entzündet. Dabei bat man etwa um Schutz für das Land, damit es von Überschwemmungen oder Viehseuchen verschont blieb», sagt der Kunsthistoriker. Den Wallfahrtskerzen verdankt die Schwarze Madonna zudem ihr Aussehen: «Früher brannten diese Kerzen Tag und Nacht in der Kapelle. Durch den Rauch wurde die Madonna immer dunkler, bis sie ihre heutige schwarze Gestalt annahm», sagt Markus Bamert. Im frühen 19. Jahrhundert stellte ein Restaurator fest, dass die Marienstatue ursprünglich farbig gefasst war. Das Kloster entschied sich damals, die Figur bewusst schwarz zu übermalen, um das über die Zeit entstandene Erscheinungsbild zu bewahren.
23 salve 4/2025 Alte Steine, neue Blumen: Die Tradition lebt weiter Seit den Anfängen der Wallfahrt nach Einsiedeln legen Pilgerinnen und Pilger Blumen vor der Schwarzen Madonna nieder – als Ausdruck von Freude, Dank für erhörte Gebete oder inniger Verbundenheit. «Rund um die Gnadenkapelle werden auch heute noch das ganze Jahr über Blumen abgelegt», sagt Markus Bamert. Im Jahr 1798 wurde die Kapelle von französischen Truppen abgerissen, die Steine sollten nach Paris gebracht werden – doch dazu kam es nicht. Nach dem Ende von Napoleons Herrschaft im Jahr 1815 stand die Entscheidung an, ob die Kapelle neu errichtet oder die Madonna frei zugänglich präsentiert werden sollte. Man wählte den Wiederaufbau mit den originalen Steinen – «als bleibende Erinnerung an den heiligen Meinrad und im Vertrauen darauf, dass mit diesen Steinen auch der ursprüngliche Segen Christi weiterwirkt», so der Kunsthistoriker. So blieb nicht nur das Bauwerk erhalten, sondern auch die mit ihm verbundene Tradition: Das Niederlegen von Blumen ist ein uraltes Ritual, das bis ins 21. Jahrhundert lebendig geblieben ist. Gerade ihre Vergänglichkeit erinnert daran, dass alles Irdische nicht von Dauer ist, sondern von Gott empfangen und zu ihm zurückgeführt wird. Ein Blumenmeer vor der Schwarzen Madonna: Ein altes Ritual der Pilger und Pilgerinnen in Einsiedeln – farbenfrohe Zeichen von Dank, Bitte und Verbundenheit an der Gnadenkapelle.
24 salve 4/2025 «Dankbarkeit ist kein Schönwetter-Gefühl» INTERVIEW Dr. Henning Freund erforscht Dankbarkeit als Ressource und als Herausforderung – und nicht zuletzt als Haltung, die erlernbar ist. Aus dieser Forschung ist zusammen mit Prof.Dirk Lehr ein mehrwöchiges, geführtes Gratitude- Training mit einer aktuell nicht öffentlich verfügbaren App hervorgegangen. Studien zeigen: Wer mehrere, gut ange- leitete Dankbarkeits-Übungen kombiniert, reduziert messbar repetitives negatives Denken – ein Grübelstil, der mit Angst und Depression zusammenhängen kann. Die Effekte halten über Monate an. Zugleich gilt: Nicht alles lässt sich «wegdanken». Genau diese Balance – Nutzen ohne Doktrin – interessiert Dr. Henning Freund besonders. Dr. Henning Freund, wie würden Sie Dankbarkeit in wenigen Worten erklären? Dankbarkeit zeigt sich zunächst als Gefühl in einer konkreten Situation: Etwas Gutes widerfährt mir – durch Menschen, Natur, eine Fügung – und in Millisekunden prüft der Kopf, ob das wirklich gut ist, welche Absicht dahintersteht und ob ich etwas zurückgeben möchte. Daneben gibt es die überdauernde Grundhaltung: das Leben mit einem Radar für das Gute wahrzunehmen und Beiträge anderer zu würdigen. Diese Haltung führt dazu, dass Dankbarkeit auch bei kleinen Anlässen aufscheint, nicht nur bei grossen Geschenken. Weil Dankbarkeit Beziehung betont – «das Gute kommt oft von anderen» –, kann sie zudem ein gemischtes Gefühl sein: warm und freundlich, manchmal aber auch mit Scham- oder Verpflichtungsanteilen. Kurz gesagt: Dankbarkeit ist die Bereitschaft, Gutes als Geschenk zu erkennen und darauf zu antworten – mit Anerkennung, Worten und Taten. Sie ist kein Schönwetter-Gefühl, sondern ein realistischer Blick, der neben dem Schweren auch das Tragende wahrnimmt. Warum ist Dankbarkeit wichtig für uns? Weil sie drei alltagsnahe Verschiebungen bewirkt: Erstens entsteht ein Gefühl von Fülle statt Mangel: Man hat weniger Angst, ständig zu kurz zu kommen. Zweitens schärft sich der Blick für kleine Freuden wie den freundlichen Blick, den Spaziergang an der frischen Luft, die warme Dusche. Drittens wächst die Wertschätzung für Menschen und ihre Beiträge. Diese drei Linien sind Beziehungs- vitamine – im Familienleben, in Teams, in Gemeinden. Wenn in Medien von positiven Effekten die Rede ist: Woran erkennt man, ob es sich um blosse Zusammenhänge handelt oder um Ursache-Wirkungs-Belege? Häufig zitierte Querschnittsdaten beschreiben zunächst Korrelationen: Wer dankbarer ist, berichtet häufiger von Wohlbefinden und von besseren Beziehungen. Ob und inwiefern Dankbarkeit das tatsächlich verursachen kann, klären Studien: In unserem Feld zeigte ein geführtes und mehrgleisiges Training signifikante Reduktionen repetitiven negativen Denkens gegenüber Kontrollgruppen. Parallel sanken Depressions- und Angstwerte. Das spricht dafür, dass strukturierte Praxis tatsächlich etwas verändert – nicht nur die Stimmung, sondern Denkgewohnheiten. Worum genau ging es bei Ihrer Studie? Wie sah der Ablauf aus und was hat sie bewirkt? Ich wollte gemeinsam mit Prof. Dirk Lehr zeigen, dass Dankbarkeit im Alltag lernbar ist. Fünf Wochen lang gab es pro Woche einen neuen, einfachen Baustein: den Blick fürs Gute schärfen, Danke aussprechen, Beziehungen pflegen, Unterstützung annehmen und weitergeben. Die eigens dafür entwickelte App hat kurz erinnert, abends hielt man in zwei bis drei Minuten fest, was gut war und welche kleine Geste daraus folgen kann – ein Anruf, ein Dankeszettel, eine Hilfeleistung. Entscheidend war die Mischung der kleinen Schritte. Unsere Auswertungen zeigen: Die Kombination mehrerer Übungen wirkt besser als nur eine Methode wie etwa ein Dankestagebuch. Viele Teilnehmende konnten ihr Dankbarkeit gehört zu den tiefgreifenden Kräften des Alltags: Sie wärmt Beziehungen, sortiert Prioritäten und macht bewusst, wie viel man im Leben empfängt. Während Philosophie und Theologie seit Jahrhunderten darüber nachdenken, ist die intensive psychologische Forschung kaum älter als ein Vierteljahrhundert. Hier setzt die Arbeit des Psychologen Dr. Henning Freund an.
25 salve 4/2025 Grübeln spürbar reduzieren, fühlten sich ausgeglichener und berichteten oft, dass sie besser schlafen. Das ist keine Wundermedizin, aber eine praxistaugliche Hilfe. Dankbarkeit ist seit einigen Jahren in aller Munde – und ihr Nutzen ebenso: Welche Missverständnisse begegnen Ihnen am häufigsten? Missverständnis eins: Dankbarkeit ist ein Wellness-Tool. Wer nur «optimiert», verfehlt die Tiefe. Hier geht es um Beziehung, nicht um Selbstvervollkommnung. Missverständnis zwei: Dankbarkeit löst alle Probleme. Eine überstarke Betonung kann berechtigte Gefühle wie Ärger oder Trauer verdrängen und Veränderungsimpulse dämpfen. Dann entsteht eine Doktrin, die den Status quo sakralisiert. Besser ist eine Kultur, die Dankbarkeit empfiehlt, ohne sie zu erzwingen – und die auch Schweres ausdrücklich anerkennt. Wo stösst Dankbarkeit an Grenzen, etwa in Krisen oder bei Erkrankungen? Bei mittelgradigen bis schweren Depressionen ist Dankbarkeit oft nicht zugänglich; der Fokus liegt dann zunächst auf Stabilisierung. Auch in Akutkrisen ist der Appell «Sei dankbar!» fehl am Platz. Praxis braucht Takt: Raum für Undankbarkeit gehört dazu, bis die innere Lage wieder Tragfähigkeit gewinnt. Der benediktinische Tagesrhythmus ist von Dankbarkeit geprägt – und sie wird aktiv in Gemeinschaft gepflegt: Welchen Unterschied macht das für die einzelnen Personen? Gemeinschaft verstärkt drei Dinge: Gelegenheiten, Sprache und Rhythmus. In Klöstern wird Dankbarkeit geteilt – nicht nur notiert, sondern ausgesprochen, gehört, mit- getragen. Liturgie und Rituale sind wie ein Geländer, an dem man entlanggeht: Lieder, Gebete, die Eucharistie als Danksagung. Diese Wiederholung prägt über Jahre eine innere Haltung. Sie ist keine Pflichtübung, sondern eine Schule der Wahrnehmung, die auch Gläubigen ausserhalb der Klöster offensteht – und im Alltag jeder Gemeinschaft wirksam werden kann. Das erinnert mich: Ich war vor einigen Jahren in einer Benediktiner-Gemeinschaft in Hannover zu Gast. Nach einem Vortrag blieb ich über Nacht und sass am Morgen Ein stiller Morgenmoment – Dr. Henning Freund: «Dankbarkeit beginnt dort, wo wir kurz innehalten.»
26 salve 4/2025 «Verschiedene Übungen verändern Denkgewohnheiten – nicht nur die Stimmung, sondern den inneren Kompass.» Dr. Henning Freund mit den Mitbrüdern schweigend beim Frühstück. Die Stille allein war lehrreich. Dann fiel mir die Sorgfalt bei der Zubereitung auf: Diese Achtsamkeit hat mich geprägt. Daraus entstand mein tägliches «Benediktinerfrühstück»: Ich bereite mein Müsli bewusst zu, esse langsamer und sage innerlich Danke. Kein grosses Programm, nur ein kleines Ritual, das Wahrnehmung, Tempo und Dank bündelt und den Tag anders einfärbt. Es erinnert mich, den automatischen Blick aufs Kritische zu balancieren und das Gute nicht zu übersehen – zuerst sehen, dann würdigen, dann teilen. Hilft eine Gottesbeziehung beim Zugang zur Dankbarkeit – oder erzeugt sie eher Druck? Beides ist möglich. Wer sein Dasein grundsätzlich als empfangen versteht, findet oft leichter Worte und Formen des Dankes. Gleichzeitig braucht es Sensibilität: Religiöse Sätze dürfen nicht zur Bürde werden. Es gibt Lebenslagen, in denen Dankbarkeit nicht fühlbar ist. Reife Spiritualität hält das aus – und lässt den Raum offen, bis Dank wieder wachsen kann. Was kann helfen, eine Dankbarkeitspraxis im weltlichen Alltag aufzubauen? Ich empfehle einen einfachen Vier-Schritte-Weg über mehrere Wochen. Zuerst gilt es, den Blick zu schärfen: in Beziehungen, in der Natur, bei der Arbeit, in der Freizeit oder im eigenen Körper das Gute bewusst wahrnehmen. Danach kann man Dank teilen, etwa in kurzen Runden innerhalb der Familie oder im Team. Der dritte Schritt besteht darin, kleine Gegengaben zu leben – nicht aus Pflicht, sondern als Ausdruck von Verbundenheit. Und schliesslich darf man sich Pausen erlauben: An schweren Tagen muss nichts erzwungen werden. Studien zeigen, dass diese Kombination aus mehreren kleinen Übungen nachhaltiger wirkt als eine einzelne Routine. Was begleitet Sie bei diesem Thema persönlich? Der Theologe Dietrich Bonhoeffer schrieb 1943 aus der Gestapo-Haft: «Im normalen Leben wird einem oft gar nicht bewusst, dass der Mensch überhaupt unendlich viel mehr empfängt, als er gibt, und dass Dankbarkeit das Leben erst reich macht.» Dieser Satz drückt in wenigen Worten viel Wahres über Dankbarkeit aus und begleitet mich in meinem Denken und Arbeiten. ◆ ZumWeiterlesen Folgende drei Arbeiten vertiefen die psychologische Perspektive und zeigen, wie wissenschaftlich fundiertes Dankbarkeitstraining wirkt. Dankbarkeit in der Psychotherapie Freund und Lehr zeigen in «Dankbarkeit in der Psychotherapie», wie Dankbarkeit therapeutisch genutzt werden kann – mit praktischen Materialien für die Anwendung. Dankbarkeit gegenüber Gott – eine kognitive Perspektive Watkins, Frederick, Davis und Emmons unter-suchen, wie Dankbarkeit gegenüber Gott emotional wirkt und welche Bewertungen spirituelle Erfahrungen prägen. Wirksamkeit eines digitalen Dankbarkeitstrainings Ein aktueller Wirksamkeitsnachweis: Das Gratitude-Training von Lehr, Freund und Kolleginnen erwies sich in einer gross angelegten Studie als effektiv, um Wohlbefinden und Achtsamkeit zu steigern. Dr. Henning Freund Dr. Henning Freund ist Psychotherapeut und Forscher zu Dankbarkeit, Spiritualität und psychischer Gesundheit. Gemeinsam mit Prof. Dirk Lehr entwickelte er ein mehrwöchiges Dankbarkeitstraining. Dr. Henning Freund versteht Dankbarkeit als eine erlernbare Haltung, die einen fairen Blick auf die Welt einnimt und auch Schweres mitbedenkt.
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