1 salve 3/2025 Die Zeitschrift der Klöster Einsiedeln und Fahr 3/2025 Worte 28 Tristan, Isolde und KI Lesen und schreiben in Zeiten von KI: Jugendliche der Stiftsschule Einsiedeln erzählen. 24 Worte im Wandel Klosterbibliotheken bewahren Jahrhunderte – und überführen Geschichte in die Zukunft. 6 «Sprache muss Wahrheit spiegeln» Donna Leon im Gespräch mit Bruder Gerold Zenoni über Sprache, Musik und Wortspiele 16 Die Kunst des Schreibens Eintauchen und kreativ werden: Klösterliche Schreibangebote lassen Traditionen aufleben. salveKloster Welt Begegnung
Titelbild: Donna Leon, amerikanische Bestsellerautorin, in Venedig; im Interview spricht sie über Sprache und Musik, den Reiz des Wortspiels und ihre literarische Inspiration. INHALT EDITORIAL Abt Urban Federer Priorin Irene Gassmann 5 INTERVIEW «Sprache muss Wahrheit spiegeln» Die Krimiautorin Donna Leon im Interview mit Bruder Gerold Zenoni 6 PERSPEKTIVEN Der Klang der Stille Auf dem Weg der Stille in der Propstei St.Gerold offenbart sich das Buch der Schöpfung. 12 KONTEXT Lectio Divina Eine praktische Anleitung zum Lesen des Wortes Gottes 15 EINBLICK Die Kunst des Schreibens Klösterliche Schreibangebote laden ein, Traditionen zu erleben und kreativ zu werden. 16 HINTERGRUND Nahrung für Leib und Seele Zu Tisch auf Reisen mit der Tischlesung in den Klöstern Fahr und Einsiedeln 20 MOMENTUM Ichthys 23 PANORAMA Worte im Wandel Klosterbibliotheken bewahren historische Schätze und gehen zugleich mit der Zeit. 24 ZEITBILD Tristan, Isolde und KI Die Praxis in der Stiftsschule zeigt, inwiefern lesen und schreiben auch heute Bedeutung haben. 28 REGULA «…dann wenigstens ein freundliches Wort» Pater Christoph Müller über das Wort in der Benediktsregel 31 GASTBEITRÄGE 32 TABULA 38 IMPRESSUM 50 salve 3/2025 Worte Kalligrafie aus dem Schreibatelier von Pater Jean-Sébastien Charrière im Kloster Einsiedeln.
4 salve 3/2025 Worte Worte tragen und prägen Gedanken, verbinden – oder trennen – Menschen; sie können Orientierung geben und in die Irre führen. Laut benediktinischer Tradition sollen Worte sorgfältig gewählt werden: Der heilige Benedikt mahnt zur Zurückhaltung im Reden und zur Aufmerksamkeit im Hören. Worte entfalten ihre Kraft im Gebet und sie gedeihen im innerlichen Schweigen. In Gemeinschaft, die durch fürsorgliche Worte gestärkt wird, gewinnen sie an Farbe. Weil Worte unser Leben stets begleiten, verdienen sie Achtsamkeit – als kostbares Gut, das uns leiten, verbinden und die Welt bewahren kann.
5 salve 3/2025 «An dich richte ich jetzt mein Wort.» Wenn sich der heilige Benedikt in seiner Regel im Vers 3 des Prologs mit diesen Worten an uns richtet, ist er überzeugt: Das Wort Gottes hält, was es verspricht, es führt uns zu wahrem Leben. In Zeiten rasender Bilderfluten und flüchtiger Nachrichten ist eine solche Botschaft alles andere als selbstverständlich. Und doch leben unsere Gemeinschaften von Einsiedeln und Fahr aus dieser Gewissheit: Gott spricht uns auch heute persönlich an, sein Wort ruft nach unserer Antwort: nach unserer VerantWORTung. Sein Wort ist kein blosses Mitteilungsinstrument, sondern ein Versprechen an uns, den Weg zum Leben zu zeigen. In den Worten der Benediktsregel: «Seht, in seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg des Lebens.» (Prolog, Vers 20) Worte ermöglichen uns, uns mitzuteilen, mit anderen in Dialog zu treten, Gedanken und Erfahrungen, ja Wissen austauschen. Worte haben Wirkung: Sie bewegen, sie berühren und sie schenken neue Einsichten. Im Kloster leben wir die Spannung zwischen Wort und Stille. Denn nur wo menschliche Worte schweigen, kann Gottes Wort in seiner Tiefe vernommen werden. Ein einziges Wort kann Türen öffnen, Musik erklingen lassen oder das Herz berühren. In dieser Ausgabe laden wir Sie ein, das Wort in seinen vielen Facetten zu entdecken. In der Titelgeschichte geht die Krimiautorin Donna Leon auf die Beziehung zwischen Wort und Musik ein und erzählt von ihrer Freude an Wortspielen. Auch wir im Kloster wissen um die Kraft des Schreibens und bieten deshalb diverse Schreibangebote an. Ein Blick in die Stiftsschule zeigt, ob Jugendliche heute noch Tagebuch schreiben. Die Stiftsbibliothek des Klosters Einsiedeln wiederum führt uns zurück in die Geschichte: Generationen von Mönchen haben hier Bücher gesammelt, geschrieben und weitergegeben. Der Stiftsbibliothekar lässt uns hinter die Kulissen blicken und erzählt, wie kostbare Handschriften für kommende Generationen bewahrt werden. Einen besonderen Akzent setzt ein Gastbeitrag über die Sprachkunst von Silja Walter. Die Benediktinerin aus dem Kloster Fahr hinterliess ein reiches literarisches Erbe. Ihre Texte und Wortschöpfungen inspirieren bis heute – so etwa in ihrem Werk zu «Fries der Lauschenden», in dem sie dichtet: «Da Gott sprach, umgab mich schulterwarm und weich wie ein Tuch aus Samt, sein Wort.» So wie Silja Walter das göttliche Wort poetisch verdichtet, prägt es auch den klösterlichen Alltag. Benedikt ordnete den Tag im Dreiklang von Gebet – Arbeit – Lesung. Aus der Heiligen Schrift zu lesen, sie sich einzuprägen und davon zu leben, gibt bis heute Halt und Orientierung. Ein Beitrag widmet sich der Tischlesung: Sie ist mehr als blosse Unterhaltung, sie erweitert den Horizont, vermittelt Bildung und bringt ein Stück Welt in die Klausur. Das Wort, wie wir es in dieser Ausgabe von «salve» verstehen, ist daher eine Einladung, den Weg zu Leben und Freiheit zu gehen. Wir werden aufgefordert, das Wort zu hören, zu prüfen und verantwortlich zu handeln. Die vorliegende Ausgabe regt uns dafür zu einem kreativen und inspirierenden Umgang damit ein. Abt Urban Federer Kloster Einsiedeln Priorin Irene Gassmann Kloster Fahr Liebe Leserinnen, liebe Leser EDITORIAL
7 salve 3/2025 Donna Leon, Sie kennen Einsiedeln und sein barockes Kloster von mehreren Besuchen. Das Kloster Einsiedeln ist eines der vielen schönen Dinge, die der christliche Glaube geschaffen hat. Musik – besonders Barockmusik – spielt eine wichtige Rolle in Ihrem Leben. Gibt es für Sie eine Verbindung zwischen Sprache und Musik? Nein, für mich sind Musik und Schreiben voneinander getrennte Künste. Man liest doch auch nicht ein Buch, während man Musik hört, oder? Ebenso wenig lesen wir einen Roman, während wir in der Oper sind. 2006 haben Sie den Text «Wunderbare Wörterwelt» für das Einsiedler Buch «Lesehimmel» geschrieben. Sie erinnern sich darin an den Kinderreim «Fuzzy Wuzzy was a bear», der fast unmöglich zu übersetzen ist. Sie entdeckten, dass ein Wort zwei verschiedene Bedeutungen haben kann. Ich habe schon viele Wortspiele gehört und selbst gemacht – mit Sprache zu spielen ist für mich eine grosse Freude. Das eigentliche Wunder – so glaube ich – ist die Verwandlung eines Objekts in Klang. Man wählt ein Wort zufällig, lässt es erklingen und sofort denken alle an das benannte Objekt oder die genannte Person. Der Klang wird Wirklichkeit. Ist Sprache für Sie noch immer ein Perpetuum mobile der Unterhaltung, wie Sie es in «Wunderbare Wörterwelt» geschrieben haben? Jedes Mal, wenn ich ein neues Buch lese, habe ich das Gefühl, dass mein Kopf Wörter und Formulierungen für den späteren Gebrauch abspeichert. Gibt es ein Wort, das Sie besonders lieben – oder eines, das Sie lieber aus dem Vokabular der Menschheit streichen würden? Vor allem möchte ich das ständige Einschieben des Wortes «like» in englischen Gesprächen verschwinden sehen. Etwa so: «He was like tall.» Es gibt keinen Grund, warum dieses Wort in diesem Satz verwendet werden sollte. Junge Englischsprechende scheinen jedoch keinen Satz ohne die Hilfe von «like» formulieren zu können. Ich bin alt genug, um mich noch daran zu erinnern, wie dieses Wörtchen aus dem kalifornischen Slang ins Englische wanderte. Heute scheint es fast unmöglich, ein Gespräch zu führen, ohne ständig «like» zu hören. Es ist mir zuwider! Wenn Sie einem jungen Menschen nur ein einziges Wort als Ratschlag für seinen Lebensweg geben könnten – welches wäre es und warum? Ich leihe mir die Worte des englischen Dichters W. H. Auden: «Be kind.» «Ein freundliches Wort kostet nichts und ist doch das schönste aller Geschenke», so Daphne du Maurier. Wie kann man die Menschen dazu bringen, mehr freundliche Worte zu sprechen? Vielleicht beginnt es damit, dass wir erst einmal zu freundlichen Menschen werden – dann folgen auch die passenden Worte. Doch ich bezweifle, dass dies geschehen wird. Inwieweit beeinflusst Ihre Mehrsprachigkeit Ihre Wahr- nehmung von Wörtern und deren Bedeutung? Sehr wenig, würde ich sagen. Zwischen meinem Englisch und meinem Italienisch gibt es eine klare Trennung – und INTERVIEW «Sprache muss Wahrheit spiegeln» Donna Leon, amerikanische Bestsellerautorin und seit 2020 wohnhaft im Val Müstair, ist bekannt für ihre klugen Brunetti-Krimis. Im Gespräch mit Bruder Gerold Zenoni geht sie auf die Beziehung zwischen Wort und Musik ein, erzählt von ihrer Freude am Spiel mit Wörtern – und verrät, welches Wort ihr gar nicht in den Kram passt.
8 salve 3/2025 dass eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller so viel wie möglich liest. Denn darin liegt die Möglichkeit, andere Menschen und Kulturen kennenzulernen – und vielleicht auch zu verstehen. Mein eigener Stil jedenfalls wurde über Jahre hinweg sicherlich durch die Lektüre grosser Autorinnen und Autoren geprägt. Was war das überraschendste Feedback, das Sie je zu einem Ihrer Bücher erhalten haben? Vor Jahren einmal kritisierte mich eine Leserin: Die Frau aus Grossbritannien schrieb mir aufgebracht, weil ich in einem Buch einen Hund hatte sterben lassen. Zwar sterben viele Menschen in meinen Büchern, doch Empörung rief der Tod eines Hundes hervor: Das, so scheint mir, spricht Bände über den Zustand unserer Gesellschaft. Ich habe auch Briefe erhalten, in denen mir Angehörige – Eltern, Kinder, Geschwister – schrieben, dass ihre Liebsten in den letzten Wochen ihres Lebens meine Bücher gelesen und darin Trost gefunden haben. Das erfüllt mich mit Stolz und tiefer Freude. «Im Anfang war das Wort» ist der berühmte erste Satz des Johannesevangeliums. Haben Sie als Schriftstellerin Zugang zu diesem biblischen Zitat – oder zur Bibel? Ja, ich habe die Bibel gelesen; ich denke, jede Person, die in der angelsächsischen Welt aufgewachsen ist, kennt die Bibel, denn sie ist einer der grundlegenden Texte in unserer Gesellschaft – oder war es zumindest. Um grosse Literatur zu geniessen, muss man nicht gläubig sein. Dabei bin ich mehr von der Sprache der King-James- Übersetzung beeindruckt als von den darin zum Ausdruck gebrachten Ideen. Was mich bestürzt, sind die enormen Unterschiede bei den Übersetzungen – je nachdem, welcher Konfession die Übersetzer angehörten. Gibt es eine Episode aus der Schweizer Geschichte, über die Sie gerne schreiben würden? Nein, ich schreibe keine historischen Romane – dafür ist mir die notwendige Recherche zu aufwendig. ich bringe die beiden nicht durcheinander. Das hoffe ich zumindest. Manchmal hat ein Wort jedoch nur in seiner Muttersprache eine bestimmte Kraft. Ich habe gelesen, dass es im Italienischen kein Wort für «Privatsphäre» gibt, daher heisst es im Gesetz «La legge sulla privacy». Ihr neuester Brunetti-Roman «A Refiner’s Fire» befasst sich erneut mit aktuellen gesellschaftlichen Themen. Was hat Sie dazu inspiriert und wie wählen Sie die zentralen Themen Ihrer Bücher aus? Ich lese regelmässig die italienische Presse, und vor zwei Jahren stiess ich dort häufig auf Artikel über sogenannte «Baby Gangs» – Gruppen junger Burschen, die ohne erkennbaren Grund Gewalttaten begehen. Da dachte ich, es könnte interessant sein, ein Buch über dieses Phänomen zu schreiben. Es heisst, sie handelten schlicht aus Langeweile. In Ihren Romanen verbinden Sie oft Gesellschaftskritik mit unterhaltsamen Krimihandlungen. Wie schaffen Sie es, ernste Themen wie Korruption oder soziale Ungerechtigkeit mit einer gewissen Leichtigkeit und Ironie zu behandeln -– ohne an erzählerischer Tiefe zu verlieren? Das ist meiner Erfahrung nach die Art und Weise, wie Erwachsene über den Zustand der Welt sprechen. Wir sprechen ernsthaft über ernste Dinge, und im nächsten Moment machen wir einen Witz. Zudem haben wir länger gelebt und bereits viele ähnliche Ereignisse gesehen – dadurch verfügen wir über mehr Erfahrung, über die wir nachdenken und auf die wir uns beziehen können. Sie haben einmal gesagt, dass Sprache für Sie das faszinierendste «Spielzeug» ist. Wie hat sich Ihr Umgang mit Sprache und Stil im Laufe Ihrer schriftstellerischen Karriere verändert, insbesondere in Ihren neuesten Romanen? Ich glaube, mein Stil – was auch immer man darunter versteht – ist im Wesentlichen derselbe geblieben wie zu Beginn meiner Laufbahn. Entscheidend ist für mich, «Das eigentliche Wunder ist die Verwandlung eines Objekts in Klang.» Donna Leon
9 salve 3/2025 Was schätzen Sie am meisten am Leben im Val Müstair? Es ist sehr friedlich – und es gibt hier viele Kühe. Sie haben sich immer für Werte wie Gerechtigkeit, Anstand und Menschlichkeit eingesetzt. Welchen Beitrag kann Sprache zu einer ethischeren Welt leisten? Wenn Sprache die Wahrheit widerspiegelt, erfüllt sie einen Zweck. Doch vieles von dem, was wir heute lesen oder hören, ist Unsinn. Daher müssen wir geistig gerüstet sein, um Wahrheit von Unsinn unterscheiden zu können. Gibt es eine Lebenslektion, die Sie besonders geprägt hat? Ich glaube, jeder Tag hält eine Lektion für uns bereit – wir müssen sie nur suchen. Ich selbst hatte im Leben viel Glück; daher glaube ich nicht, dass ich irgendwelche Lektionen gelernt habe. In Dickens «Bleak House» gibt es eine Figur, den achtjährigen, unerfahrenen Strassenkehrer Little Joe. Als ihn ein Richter anschreit, er solle sagen, was er weiss, antwortet er schlicht: «Man benutzt einen Besen zum Kehren und lügt niemals.» Das scheint mir eine ziemlich gute Lehre zu sein. ◆ Donna Leon und Bruder Gerold Zenoni lernten sich bei einer Signierstunde in Einsiedeln kennen. Sie trafen sich danach mehrmals an Diogenes-Verlagsfesten in Zürich, wo sie sich stets angeregt auf Italienisch austauschten – auf dem Bild beispielsweise über Jane Austen –, auch wenn Bruder Gerold die Sprache nicht fliessend spricht. Im Sammelband «Lesehimmel», 2007 initiiert von Bruder Gerold, findet sich auch Donna Leons Beitrag «Wunderbare Wörterwelt».
10 salve 3/2025 Ich hatte das Glück, in einer Familie aufzuwachsen, in der viel gelesen wurde. Die Erfahrung, dass Erwachsene sich stundenlang in ein Buch vertiefen können, machte ich schon frühzeitig am Beispiel meiner Eltern. Sie lasen jedoch keineswegs nur für sich, sondern haben meinem Bruder und mir auch sehr viel vorgelesen; und so gehören zu meinen ersten Erinnerungen «Die drei Ziegen», «Rotkäppchen» sowie ein Buch über eine Puff-PuffEisenbahn, dessen Titel mir mittlerweile entfallen ist. Natürlich galt mein Interesse zunächst den Bildern, aber mit der Zeit fing ich an, Wörter und Geschichten spannender zu finden, auch wenn ich nicht mehr so recht nachvollziehen kann, wie es dazu kam. Woran ich mich hingegen sehr gut erinnere, ist ein Buch mit Wortspielen, dessen schönstes ich noch immer auswendig weiss. Auf Englisch bezeichnet man Wolle, ja eigentlich alle angerauten Materialien oft als «fuzzy», abgeleitet von «fuzz», jenen kleinen Flusen oder Fusselknötchen an Pullovern und Decken, die schon lange getragen beziehungsweise benutzt worden sind. Da Kinder eine Vorliebe für Reime haben – vor allem, wenn sie ulkig klingen –, wird dieses «fuzzy» gern mit dem fast gleichlautenden «wuzzy» gekoppelt. Und schon hat man einen lautmalerisch treffenden Begriff für das flauschige Fell eines Teddybären. Nun denken Sie sich einen Teddy mit Namen Fuzzy Wuzzy, der jedoch, weil man ihn viele Jahre lang geherzt und geknuddelt, sein Fell gekrault, gestreichelt und darauf herumgekaut hat, am Ende ganz abgegriffen, blank und kahl aussieht. Wie in diesem Vers, den ich noch von meiner Mutter her im Ohr habe: Fuzzy Wuzzy was a bear. Fuzzy Wuzzy had no hair. Fuzzy Wuzzy wasn’t fuzzy, Wuzzy? Ich weiss noch genau, welch freudige Erregung mich durchfuhr, als ich die wundersame Entdeckung machte, dass ein und dasselbe Wort zwei verschiedene Bedeutungen haben kann. Auf einmal offenbarte sich mir die Sprache als ein Spielzeug, das alle anderen übertrumpfte. Fahrräder konnten sich nur in eine Richtung, nämlich vorwärts, bewegen. Bälle rollten immer bergab. Aufziehfiguren blieben stehen, sobald ihr Mechanismus abgelaufen war. Die Sprache dagegen bot unzählige Möglichkeiten, ja war vielleicht gar so etwas wie ein Perpetuum mobile des Zeitvertreibs. Denn mit dem nötigen Grips konnte man mit Wörtern beliebig jonglieren und ihnen die verschiedensten Bedeutungen zuweisen. Ganz abgesehen davon, dass es längst nicht so viele Spielsachen oder Fahrräder gab wie Wörter. Als ich dann selber lesen lernte, ging mir auf, dass die Sprache auch für allerlei Tricks gut ist. Zum Beispiel in Form von Worträtseln wie dem folgenden (das sich, schriftlich festgehalten, selbst entlarvt, weil es auf jener unerhörten Eigenart des Englischen basiert: einer Aussprache, die keinen Regeln oder Normen gehorcht). What’s black and white and read all over? [Was ist schwarz und weiss und wird überall gelesen? Antwort: Die Zeitung] Wenn man diese Rätselfrage, die, wie gesagt, nur mündlich funktioniert, auf Englisch stellt, wird das Wörtchen «read», wegen seiner unmittelbaren Nähe zu «black» und «white» und weil es genau so klingt wie «red», fälschlicherweise immer für die Farbe gehalten statt für die Vergangenheitsform von lesen. Muttersprachler kann man mit solchen Tricks aufs Glatteis führen, alle anderen scheitern kläglich. So machte ich schon als Kind Bekanntschaft mit der wunderbaren Abgründigkeit der gesprochenen Sprache, die, je nachdem, wie das Wort geschrieben wird, etwas ganz Verschiedenes meint. Als Muttersprachlerin kann diese Unberechenbarkeit mich nicht schrecken; ich finde sie sogar sehr reizvoll. Ganz im Sinne der angelsächsischen Tradition, die, wie mir scheint, generell eine Neigung zu derlei Sprachscherzen und Kalauern hat. Viele Jahrzehnte sind vergangen, seit ich so begeistert die Mehrdeutigkeit von «Fuzzy Wuzzy» entdeckte, und inzwischen verdiene ich mir mit Wortspielereien den Lebensunterhalt. Es wäre übertrieben zu behaupten, «Fuzzy Wuzzy» habe meinen Lebensweg vorherbestimmt, aber er war immerhin dabei – blank und kahl –, als ich den ersten Schritt tat. Donna Leon Wunderbare Wörterwelt Aus: «Ein Leben in Geschichten» erstmals in «Jetzt auf allen Bestsellerlisten! Geschichten vom Lesen, Schreiben und Büchermachen.» Aus dem Amerikanischen von Christa E. Seibicke. © 2012, 2022 Diogenes Verlag AG, Zürich
11 salve 3/2025 Donna Leon Donna Leon, geboren 1942 in New Jersey, lebte und lehrte in Italien, dem Iran, China und Saudi-Arabien. Seit 1981 war Venedig ihr Lebensmittelpunkt, heute wohnt sie in der Schweiz. Ihre BrunettiRomane erscheinen in 35 Sprachen und machten sie weltweit bekannt. Neben der Literatur engagiert sich Leon leidenschaftlich für Barockmusik und fördert Ensembles wie Il Pomo d’Oro. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Preise, zuletzt den Ripper Award und den Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten (2024). Bruder Gerold Zenoni Bruder Gerold Zenoni, seit 1980 Benediktinermönch in Einsiedeln, ist bekannt für seine literarischen Aktivitäten. Als Autor veröffentlichte er das Buch «Treffpunkt Kloster Einsiedeln». Für sein kulturvermittelndes Wirken erhielt er 2009 den Förderpreis der SRG idée suisse Zentralschweiz. Als «Garderobier der Madonna» betreut er die Gewänder der Schwarzen Madonna und veröffentlichte dazu das Werk «Madonnas Fashion». «Feuerprobe» «Feuerprobe» ist der 33. Roman um Commissario Brunetti und erschien im Frühjahr 2024 bei Diogenes. Dieses Mal steht die Thematik jugendlicher Gewalt in Venedig im Fokus. Inspiriert von aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen in Italien, erzählt Donna Leon gewohnt feinfühlig und spannend davon, wie Brunetti menschlich und klug in einem neuen Fall ermittelt – vor dem Hintergrund sozialer Herausforderungen in der Lagunenstadt. «Backstage» Das aktuelle Buch von Donna Leon ist «Backstage». Der Essay-Band erschien im Juli 2025 bei Diogenes. Darin gewährt die Autorin Einblicke in ihr Leben hinter den Kulissen, ihre Liebe zur Musik, zu Venedig und zum Schreiben. «Backstage» bündelt Erfahrungen und Geschichten, die Donna Leon auf ihrem aussergewöhnlichen Lebensweg gesammelt hat – ein vielseitiges und persönliches Lesebuch, das ihre Fans und alle Neugierigen gleichermassen anspricht. Aktueller Lesestoff von Donna Leon
12 salve 3/2025 Inmitten der idyllischen Landschaft der Propstei St. Gerold befindet sich ein besonderer Pfad zum Innehalten: der Weg der Stille. Der Besinnungsweg führt durch Wald und Lichtungen, vorbei an Teichen, Blumen und Sträuchern. Sitzbänke laden zum Verweilen ein, während mystische Zitate zur Reflexion anregen. Auf diesem Weg kann man sich ganz der inneren Stille hingeben – und im Buch der Schöpfung lesen. Unter dem Buch der Schöpfung wird die Welt selbst verstanden: Himmel, Erde, Pflanzen, Tiere und den Menschen sowie alle Naturgesetze. Wer im Buch der Schöpfung liest, erfährt die Wirklichkeit mit all seinen Sinnen – es ist ein Eintauchen in eine innere Stille, in der die persönliche Erfahrung der Welt allumfassend statt- finden kann. So spricht man in der mittelalterlichen TheoDer Klang der Stille PERSPEKTIVEN Der Weg der Stille in der Propstei St. Gerold lädt dazu ein, sich der Schöpfung mit allen Sinnen zu öffnen. Dieses spirituelle Erleben der Wirklichkeit wird auch als Lesen im Buch der Schöpfung bezeichnet: Was bedeutet es, ohne Worte zu lesen – und warum ist das wertvoll? Der vier Tonnen schwere Altar der Propsteikirche St. Gerold befindet sich nun am Beginn des Weges der Stille in einer Waldlichtung.
13 salve 3/2025 logie von zwei «Büchern» Gottes: der Heiligen Schrift und der Schöpfung. Während die Bibel durch Worte von Gott erzähle, offenbare sich sein Wirken in der Natur. In zwei Welten Pater Martin Werlen, Propst der Propstei St. Gerold, erklärt die Ursprünge des Weges der Stille: «Der Mensch lebt in zwei Welten – einer sichtbaren und einer unsichtbaren. Letztere geht im Alltag oft verloren. Der Weg soll helfen, beide bewusst wahrzunehmen und die unsichtbare zu entdecken.» Er selbst begibt sich auch hin und wieder auf den Weg der Stille: «Jedes Mal bin ich überrascht, wie weit weg er mich innerlich führt. Ich gewinne Abstand vom zuweilen atemlosen Alltagstun und tauche in eine Welt, die mich in der Tiefe berührt.» Das seien für ihn sehr wertvolle Momente: Denn wer sich hingebe, könne in das eigene Sein eintauchen. In der Natur zu sein, sei dafür wie geschaffen, doch «es können auch mal fünf Minuten in meinem Büro sein, in denen ich innehalte und mich mir selbst, dem Moment und der Umwelt öffne». Öffnung und Begegnung «Wir leben oft sehr oberflächlich – das ist nicht immer schlecht –, aber in der Tiefe finden wir das Persönliche und die Qualität unserer Erfahrungen», so Pater Martin. «Wenn wir unsere innere Tiefe verlieren und zu lange in diesem oberflächlichen Modus von Erledigungen verharren, dann funktionieren wir nur noch – fast wie Maschinen.» Gerade das westliche Denken sei laut Pater Martin stark vom Funktionieren geprägt und vom Versuch, alles zu entmystifizieren: «Oft entsteht dabei eine innere Leere, weil wir verlernen, wirklich hinzuhören.» In die Tiefe gehen zu können, ermögliche es laut Pater Martin auch, dass man in authentische Begegnungen mit anderen Menschen treten kann: «Zunächst geht es um eine Öffnung gegenüber sich selbst, dann um die Hinwendung zur unsichtbaren Welt und schliesslich um die Öffnung gegenüber anderen.» Auch für den Theologen Simon Peng-Keller ist die tiefe innere Verbindung zum Selbst und zur – unsichtbaren – Welt eine unabdingbare geistliche Nahrung. Er ist Professor für Spiritual Care an der Universität Zürich. Spiritual Care ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld zu Spiritualität in Medizin, Pflege und Begleitung. Dabei wird untersucht, wie spirituelle Bedürfnisse in Krisen oder am Lebensende integriert werden können. Simon Peng-Keller: «Sich zu sammeln und sich zu verbinden mit der uns umgebenden Schöpfungswirklichkeit ist eine wichtige Ressource in der Begleitung von schwer kranken und sterbenden Menschen.» Er betont die Bedeutung der Stille in seinem Alltag: «Still zu werden, ist die grundlegende Voraussetzung dafür, dass ich selbst bei mir ankommen und mich für die Gegenwart öffnen kann: Nur wenn wir aus dem Kreisen um unsere Sorgen und Pläne heraustreten, wenn wir Abstand gewinnen vom Bienenschwarm unserer Gedanken, werden wir empfänglich für die umfassende Gegenwart.» Auch für Simon Peng-Keller lädt die Natur besonders dazu ein, doch «dies ist auch mitten in einer lärmigen Stadt möglich». Ob in der lärmenden Stadt oder im tiefen Wald, eines ist für ihn klar: «Um die Gegenwart Gottes zu erahnen, muss ich selbst im gegenwärtigen Augenblick ankommen.» Sinnhafte Ordnung göttlichen Ursprungs So ist das Lesen im Buch der Schöpfung – etwas, das zunächst Worte und Buchstaben vermuten lässt, – eine spirituelle Öffnung gegenüber der Welt und Gott. Gemeint ist damit nicht in erster Linie ein kognitiver Zugang zur Schöpfung, die eher einem Bilderbuch als einem philo- sophischen Text gleicht. Professor Simon Peng-Keller: «Das Lesen eines Textes ist vor allem ein sprachlich-diskursiver Vorgang, während sich die Schöpfung zunächst auf nicht diskursive, vorsprachliche Weise erschliesst – durch die vielfältige Wahrnehmung unserer Sinne.» So habe die Vorstellung, dass die Schöpfung ein Buch sei, eine doppelte Pointe: «Zum einen macht sie uns darauf aufmerksam, dass wir von sinnhaften Ordnungen umgeben sind, die wir zumindest ansatzweise erkennen können. Und zum anderen kommt darin die Überzeugung zum Ausdruck, dass diese Ordnungen göttlichen Ursprungs sind.» Pater Martin verknüpft dies mit der benediktinischen Tradition: «Wie es der heilige Benedikt sagt, soll man mit offenen Augen und aufgeschreckten Ohren durchs Leben gehen.» Für den heiligen Benedikt sei laut Pater Martin klar: «Gott ist da. Und wir entdecken ihn mit allen Sinnen in der Schöpfung.» Ein wunderbarer Ausdruck dafür ist laut Simon PengKeller das Staunen: «Im Staunen finden wir spontan in eine kontemplative Haltung: Die Sinne öffnen sich und wir treten aus dem Aktivsein heraus. Kinder entwickeln diese Fähigkeit von allein, und wir haben sie auch als Erwachsene – sofern das Kind in uns noch lebendig ist.» Für Pater Martin bedeutet staunen, dass «wir etwas Grösseres erkennen, das uns überrascht und unsere Kontrolle übersteigt». Je mehr wir die Dimensionen der Welt entdeckten, desto mehr gerieten wir ins Staunen. «Gerade Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erleben dies oft bei Forschungen», so Pater Martin. Simon Peng-Keller verweist in diesem Zusammenhang auf den mystischen Text «Scala divini amoris» – Stufen der Gottesliebe, der um 1300 in Südfrankreich verfasst wurde: «Er ist in der christlichen Tradition einzigartig, weil er Sinnlichkeit positiv deutet und als Spiegel der Gottesliebe versteht. Die fünf Sinne erscheinen
14 salve 3/2025 Prof. Dr. Simon Peng-Keller Simon Peng-Keller, geboren 1969, ist Professor für Spiritual Care an der Universität Zürich und forschte zuvor zur spirituellen Begleitung am Lebensende. Er studierte Theologie in Freiburg und Luzern, habilitierte 2010 und arbeitete als Dozent, Forscher und Seelsorger in verschiedenen Institutionen. Neben der Wissenschaft begleitet er, unterstützt von seiner Frau, kontemplative Exerzitien und engagiert sich für spirituelle Bildung. Pater Martin Werlen Pater Martin Werlen, geboren 1962, ist seit August 2020 Propst der Einsiedler Propstei St. Gerold. Der Walliser studierte Philosophie, Theologie und Psychologie in der Schweiz, in den USA und in Italien. Pater Martin war 2001 bis 2013 Abt des Klosters Einsiedeln und ist als Buchautor sowie als Referent tätig. Bemerkenswert ist unter anderem sein kreatives Engagement für Spiritualität, Bildung und Reformen in Kirche und Gesellschaft. «Das Lesen im Buch der Schöpfung ist eine spirituelle Öffnung gegenüber der Welt und Gott.» Prof. Dr. Simon Peng-Keller als Stufen, durch die der Mensch Gottes Gegenwart in der Schöpfung erfährt: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. So wird sinnliche Erfahrung zum Weg der Liebe zu Gott.» Die Naturwissenschaften würden dabei jeweils einen kleinen, beengten Ausschnitt der Schöpfung betrachten. Ein Klopfen an der Tür Pater Martin und Simon Peng-Keller leiten beide auch Gruppen zum Verweilen in der Natur an. «Die kontemplativen Exerzitien sind eigentlich einfach, doch sie erfordern die bewusste Entscheidung, sich zu öffnen. Anfangs wirkt das oft mühsam, doch nach einiger Zeit stellt sich ein kontemplatives Schauen ein, in dem die Welt in ihrer Lebendigkeit erfahrbar wird», so Simon Peng-Keller. Pater Martin ist immer wieder berührt, wenn er etwa mit Firmlingen den Weg der Stille geht: «Es ist besonders eindrücklich, wenn selbst grosse Gruppen von Jugendlichen ganz still werden und in sich gehen.» Vor allem das Labyrinth am Ende des Weges der Stille sei für viele eine intensive Erfahrung: «Es ist kein Irrgarten, sondern ein Weg mit Windungen, der sinnbildlich das Leben darstellt – beim Durchschreiten spiegeln sich Lebensabschnitte von je sieben Jahren wider.» Viele würden in diesem Labyrinth berührende Erfahrungen machen und das eigene Leben bedenken, so Pater Martin: «Mir kommt dann das Bild vom Klopfen an der Tür aus der Offenbarung des Johannes in den Sinn, wo es heisst, ‹ich stehe an deiner Tür und klopfe an: Wenn du meine Stimme hörst und öffnest werde ich eintreten.›» (Kapitel 3, Vers 20) ◆ Am Ende des Weges der Stille: das Labyrinth als Sinnbild des Lebenswegs.
15 salve 3/2025 KONTEXT Eine praktische Anleitung zum Lesen des Wortes Gottes Ein Mönch ist jemand, der versucht, zeit seines Lebens mehr über Gott herauszufinden und ihm so immer näherzukommen. Ein Weg, mehr über das Wesen Gottes zu erfahren, ist das Lesen in der Bibel. Glaubende verstehen sie als Wort Gottes. Jede Seite der Bibel ist ein Zeugnis der Geschichte Gottes mit den Menschen und deren Versuch, das göttliche Geheimnis tiefer zu ergründen. Ein prägnantes Wort, das zum Ausdruck bringt, wie wichtig das Lesen in der Bibel für das Lernen über Gott ist, stammt vom heiligen Hieronymus (348/49–420), der meint: «Die Bibel nicht kennen, heisst Christus nicht kennen.» Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass der heilige Benedikt für seine Mönche täglich das Lesen in der Bibel vorsieht. Mit der Zeit entwickelte sich dabei eine eigene Methode, die Lektüre eines konkreten Abschnittes in vier Stufen anzugehen, die im Folgenden näher erläutert wird – als praktische Anleitung, wie man selbst in der Bibel lesen könnte. 1 — Lectio Der erste Schritt besteht darin, den Text einfach zu lesen und ihn auf der Wortebene zu verstehen. Was passiert hier? Wer kommt alles vor? Was wird gesagt? Eine gute Übung, um zu sehen, ob man den Text verstanden hat, ist die Wiedergabe des Gelesenen mit eigenen Worten. Spannend ist es, anschliessend den Text nochmals zu lesen, wobei man nicht selten Dinge findet, die man bei der ersten Lektüre übersehen hat. Als praktisches Beispiel kann Genesis 19 dienen, die Rettung Lots aus der Stadt Sodom, die aufgrund der Schlechtigkeit der Einwohnenden dem Untergang geweiht ist. Gott warnt den gerechten Lot und seine Familie davor, weil er sie retten will. Er drängt sie zur Flucht und mahnt sie dabei, ja nicht zurückzublicken. 2 — Meditatio Als nächstes geht es darum, die Botschaft zwischen den Zeilen zu verstehen, indem man den verborgenen, übertragenen Sinn des Geschriebenen zu ergründen sucht. Was ist eigentlich gemeint? Was könnte mit dem erwähnten Verbot, sich umzudrehen gemeint sein? Mit Zurückblicken könnte das Nachtrauern eines alten Zustandes gemeint sein, das Nachhangen und Grübeln im Vergangenen, das uns erstarren lässt, sodass wir unbeweglich werden für die Anforderungen der Gegenwart und verschlossen für die Zukunft. Die Mahnung, dies nicht zu tun, ist damit eine Aufforderung, die Dinge aus der Vergangenheit hinter sich zu lassen, um frei zu werden. 3 — Contemplatio Im dritten Schritt versucht man das bislang Erkannte auf das eigene Leben anzuwenden. Was könnte das Schriftwort für mich persönlich, für mein Leben bedeuten? Wo lebe ich beispielsweise in der Vergangenheit und kann mich so nicht auf das Heute einlassen? 4 — Oratio Die Bibellektüre mündet schliesslich im Gespräch mit Gott. Dass sie nicht bei einem Nachdenken über Gott und sich selbst bleiben möchte, ist entscheidend. So kann man etwa Gott um die Kraft und den Mut bitten, sich von lähmenden Geschehnissen aus der Vergangenheit lösen zu können, um vorwärtszuschauen und mit mutigem Schritt in die Zukunft zu gehen. Manchmal ist es schwierig, ohne viel Kenntnisse und Übung allein zu einem tieferen Sinn des Geschrie- benen vorzustossen. Allerdings kann hier der Glaube trösten, dass Gott gewiss immer etwas schenkt, das einen voranbringt – und immer so viel, wie man gerade braucht. Vielleicht motiviert dies auch Sie, eine Zeitlang jeden Tag fünf Minuten in der Bibel zu lesen, beispielsweise ein Evangelium, am besten kontinuierlich, ohne jeweils neue Teile herauszupicken und so aus dem Kontext zu reissen. Lectio Divina
16 salve 3/2025 Die Kunst des Schreibens EINBLICK Das Schreiben – in all seinen Formen – ist eng mit den klösterlichen Traditionen verbunden. Mit verschiedenen Kursen und Angeboten können Interessierte in diese faszinierende Welt eintauchen. Wer schreibt, hat etwas zu erzählen. Und wer etwas zu erzählen hat, schreibt. «Der erste Sinn des Schreibens ist, zu kommunizieren», sagt Pater Jean-Sébastien Charrière. «Schreiben dient dazu, Informationen zu konservieren und zu vermitteln.» Wer schreibt, macht aber viel mehr, als Buchstaben und Worte aneinander zu reihen. Davon ist Pater Jean-Sébastien überzeugt. Er, der diplomierte Kunstmaler, Zeichner und Modellierer, hat sich der Kalligrafie verschrieben und bietet im Kloster Einsiedeln Kurse an. Er weiss, dass es nicht nur darauf ankommt, was man in Worte fasst, sondern auch wie: «Es macht einen Unterschied, ob ich einen handgeschriebenen oder einen gedruckten Brief bekomme», sagt er. «Eine SMS bewirkt nicht das gleiche wie eine Postkarte. Die Handschrift schenkt etwas von der sendenden Person. Es ist persönlicher, emotionaler.» Kontrast in einer digitalen Welt Mit der Hand zu schreiben, bildet in der heutigen, digitalisierten Welt einen Kontrast. «Vielleicht finden gerade deshalb die Kalligrafie-Kurse und die Handlettering-Workshops grossen Anklang.» Pater Jean-Sébastien selbst hat früh die Faszination für das kunstvolle Schreiben entdeckt: «Als kleines Kind, während der Sommerferien am Mittelmeer, hatte mein Bruder mit seiner Harpune einen Tintenfisch gefangen. Mit der Sepia des Tieres und mit einer Vogelfeder, die ich am Strand gefunden hatte, schrieb ich damals auf Steine.» Viele Jahre später kam er auf die Kunst des Schreibens zurück: 2017 absolvierte er eine Kalligrafie-Ausbildung und besuchte zahlreiche Seminare. Das Wort «Kalligrafie» stammt aus dem Griechischen, abgeleitet von den Wörtern «kállos» – Schönheit –, und «grapheîn» – schreiben. «Kalligrafie ist für mich Für Pater Jean-Sébastien Charrière hat jede Schriftart ihre Choreografie und ihren Rhythmus.
17 salve 3/2025 Ein Besuch in der Schreibstube des Klosters Im Skriptorium des Klosters Einsiedeln können Besuchende in die mittelalterliche Welt von Tinte und Pergament eintauchen. Ein Skriptorium ist ein Schreibraum, wie er vor allem in mittelalterlichen Klöstern existierte. Es war üblicherweise Teil der Klosteranlage und befand sich in unmittelbarer Nähe zur Bibliothek. Im Skriptorium kopierten die Mönche Bücher aller Art: von liturgischen Büchern über historiographische Werke bis hin zu Abhandlungen über Medizin. Geschrieben wurde von Hand auf Pergament. Die Arbeit im Skriptorium war zentral für die Erhaltung und Verbreitung von Wissen – ohne sie existierten heute viele antike und frühmittelalterliche Texte nicht mehr. Eine sinnliche Erfahrung Ein solches Skriptorium gibt es seit einigen Jahren auch im Kloster Einsiedeln. Es befindet sich im Hauptgebäude, zwei Stockwerke über der historischen Bibliothek. Genau wie früher sorgt es auch heute noch für Wissensvermittlung. Ein Teil des Raumes wurde als Museum eingerichtet, wo die Besuchenden Interessantes rund um die Themen Schrift und Buchherstellung erfahren. Der zweite Teil steht für Workshops zur Verfügung. Wie es wohl ist, mit Kiel und Tinte zu schreiben? Woraus wurde früher Tinte hergestellt? Wie riecht Pergament? Das Kloster bietet Workshops für Gruppen an, mit oder ohne Einblick in die Stiftsbibliothek. aber viel mehr als bloss eine Suche nach schöner Schrift», sagt er. Er möge mehr den Begriff aus dem Arabischen: «Fanu alkhati» – die Kunst der Linie, des Strichs, des Schreibens. «In diesem Ausdruck geht es um einen Weg. Das Ziel ist weniger, einer Vorstellung von Schönheit zu entsprechen, sondern einen authentischen Strich zu finden.» Er vergleicht die Kalligrafie auch mit einem Tanz: «Jede Schriftart hat ihre Choreografie und ihren Rhythmus. Jedes Papier, jedes Werkzeug hat seine Geschwindigkeit, seine eigenen Bewegungen und seine Musik.» Geduld und Freude mitbringen Gibt man sich diesem Tanz hin, entstehen nicht nur kunstvolle Buchstaben auf dem Papier. Es passiert etwas Spirituelles. «Die Schrift führt mich in einen meditativen Zustand. Dies entweder durch den Satz, den ich schreibe und meditiere, oder durch die Konzentration auf die Arbeit, die den Geist sammelt. Es ist ein Weg, eine Askese und gleichsam ein Spiel mit dem Unaussprechlichen.» E in Spiel, das er mit seinem Kursangebot zugänglich macht. «Die Kalligrafie ist für mich eine Leidenschaft, die ich teilen möchte», sagt Pater Jean-Sébastien. Die Kurse seien eine Einladung, sich durch die Kunst auszudrücken. Das Angebot steht allen Interessierten offen, auch Einsteigerinnen und Einsteigern. «Das Entscheidende ist das Interesse und die Freude. Für den Rest braucht es Geduld mit sich selbst», sagt er. «Man soll sich nicht vergleichen mit jenen, die vielleicht etwas mehr Erfahrung mitbringen.» Im Vordergrund stehen die Begegnung, die Inspiration und die gegenseitige Bereicherung. In den Kursen geht es nicht um ein Resultat, sondern um den Weg. Wie es im Arabischen steht: «Fanu alkhati». Besuch im Skriptorium des Klosters Einsiedeln Das Skriptorium ist von Montag bis Samstag, von 10 bis 18 Uhr geöffnet, eine Voranmeldung ist erforderlich. Ein Reservationsformular für Gruppenführungen gibt es auf der Website. Während des Einsiedler Weihnachtsmarktes werden öffentliche Führungen angeboten, eine Voranmeldung ist auch hier nötig. Kalligrafie-Kurse im Kloster Einsiedeln Pater Jean-Sébastien Charrière bietet auf Anfrage Gruppenkurse für 4 bis 15 Personen an, die je nach Vereinbarung ein bis drei Tage dauern. Alle Informationen zum kompletten Kursangebot «Rund um das Wort» gibt es auf der Website des Klosters.
18 salve 3/2025 Schreiben und lernen in klösterlicher Ruhe Dem Alltag entkommen, in die Ruhe eintauchen und in den Arbeitsfluss kommen – das bietet das Kloster Fahr interessierten Frauen an. Der Alltag ist oft geprägt von Terminen, Hektik, Lärm und Ablenkung. Während dieses volle Leben bereichernd sein kann, kommt etwas oft zu kurz: Ruhe und Rückzug. Genau das bietet das Kloster Fahr an und lädt Frauen im Rahmen von «Schreiben & Lernen» ein, im klösterlichen Umfeld zu Ruhe, Kraft und Klarheit zu finden. Die Frauen kommen alleine und können bis zu einer Woche im Kloster verbringen. Ob man dabei Tagebuch führt, sich endlich an das schon lange schlummernde Buchprojekt wagt oder eine Doktorarbeit schreibt, spielt keine Rolle. Wie viel Zeit täglich für das Schreiben aufgewendet wird, ist ebenfalls nebensächlich. Im Fokus steht vielmehr, dass der Schreibprozess ungestört aufgebaut und aufrechterhalten wird. Auch für Frauen im Lernprozess – zum Beispiel Studentinnen – öffnet das Kloster Fahr seine Türen. Das Kloster als Inspirationsquelle Die Ruhe und Struktur im Kloster Fahr bieten für das Schreiben und Lernen die entsprechenden Rahmenbedingungen. Das Klosterleben kann als Inspirationsquelle dienen und helfen, in den Schreib- und Lernfluss zu kommen. Wer mag, kann an den Gebeten der Schwestern teilnehmen. Untergebracht sind die Besucherinnen in Einzelzimmern, drei einfache Mahlzeiten pro Tag sind inklusive. Für den Arbeitsprozess stehen neben den Zimmern der mit WLAN ausgestattete Gästeraum sowie die Umgebung des Klosters zur Verfügung. Wer sich in einer Pause die Beine vertreten möchte, kann beim Spazieren die nähere Umgebung kennenlernen. Veranstaltungen für alle Sinne Wer an einem «Hör-Mahl» oder einem «Schau-Mahl» teilnimmt, wird auf mehreren Ebenen genährt. Mit den Veranstaltungen «Hör-Mahl» und «Schau-Mahl» spricht die Propstei St. Gerold alle Sinne der Besuchenden an und rückt bei jeder Veranstaltung ein anderes Thema in den Fokus. Die Abende beginnen mit einem Beitrag: So werden regelmässig Bücher von bekannten und weniger bekannten Schreibenden präsentiert, verbunden mit einer Lesung der Autorin oder des Autors und Raum für Diskussionen. Andere Veranstaltungen werden Büchern aus der historischen Bibliothek gewidmet. Ausserdem werden aussergewöhnliche Kunstführungen angeboten und ausgewählte Filme gezeigt. Auch Konzerte gehören regelmässig zum Programm. Austausch beim Essen Jede Veranstaltung aus der Reihe «Hör-Mahl» und «Schau-Mahl» sorgt für vielfältige Denkanstösse, die bereichern und kreative Prozesse anregen können. Das sinnliche Angebot wird mit einem gemeinsamen Essen mit Kunstschaffenden, Schreibenden und Vor- tragenden abgerundet, wobei ein gemütlicher Austausch stattfinden kann. Auszeit im Kloster Fahr «Schreiben & Lernen», Verfügbarkeit und Preis auf Anfrage. Weitere Informationen sowie die Anmeldemöglichkeit gibt es auf der Website des Klosters Fahr. «Hör-Mahl» und «Schau-Mahl» in der Propstei St. Gerold Diese Veranstaltungen finden unregelmässig statt, alle aktuellen Daten und Angebote werden auf der Website der Propstei St. Gerold aufgeführt.
19 salve 3/2025 Mit der KlosterApp auf neuen Wegen So wie sich Schrift und Sprache entwickelt haben, verändert sich bis heute die Kommunikation: vom handgeschriebenen Text über den Buchdruck bis zu digitalen Kanälen. Wir sind es gewohnt, jederzeit zu kommunizieren und uns via Handy informieren zu können. Diesem Bedürfnis begegnet das Kloster Einsiedeln mit der KlosterApp. Das Kloster wagt damit neue Schritte, um bei den Menschen zu sein und ihnen die Vielfalt der klösterlichen Welt näher zu bringen: Die Botschaft bleibt, aber die Wege verändern sich. Mit der App können die Nutzenden mit dem Kloster kommunizieren, den Besuch in Einsiedeln mit dem Veranstaltungskalender vorbereiten und mehrsprachige, selbstgeführte Touren durch die Klosterkirche und über das Klostergelände unternehmen. Zudem kann man im Onlineshop des Klosterladens stöbern und einkaufen, «salve» digital lesen und unkompliziert via Livestream die Gottesdienste mitfeiern. Die KlosterApp kann via QR-Code heruntergeladen werden und steht ab Herbst in den gängigen App Stores kostenlos zum Download zur Verfügung. Schreiben als Weg zu sich selbst In der Propstei St. Gerold können Interessierte an einem mehrtägigen, thematischen Schreibseminar teilnehmen. Im einnehmenden Ambiente der Propstei St. Gerold finden seit 2021 regelmässig Schreibseminare statt. Wer hier eintaucht, findet zur Ruhe für sich selbst, aber auch zum Miteinander in der Schreibgruppe. Denn es steht nicht nur das Schreiben im Zentrum: Auch die Begegnung, der Austausch, das Gespräch und die gemeinsamen Mahlzeiten sind ein bedeutender Teil der Seminare. Alle sind eingeladen, es sind keine Vorkenntnisse notwendig. Alle können das Schreiben als Weg zu sich selbst entdecken. Gefragt sind das individuelle, freie Schreiben und die Bereitschaft, sich dem Erstaunen hinzugeben, welche Worte dabei ihren Weg auf das Papier finden. Es entstehen beeindruckende, bilderreiche und fantasievolle Texte und Gedichte. Thematischer Schwerpunkt Jedes Seminar hat einen Schwerpunkt, im nächsten Kurs im Juli 2026 wird es «Leben und Sterben» sein. Es wird in Erinnerung gerufen, dass wir nicht nur am Lebensende, sondern täglich mit Prozessen des Lebens und Sterbens konfrontiert sind. Sterben sollte kein Tabu sein, denn Leben ohne Sterben ist nicht vorstellbar. Das Thema wird eingeführt mit Impulsen aus der Poesie, das Seminar begleitet von kurzen Meditationen und achtsamer Bewegung in der Natur. Schreibseminar in der Propstei St. Gerold Das nächste Schreibseminar findet vom 17. bis 19. Juli 2026 statt und wird von Dr. Eva Wolf geleitet. Anmeldung via Propstei St. Gerold. Informationen zu allen Veranstaltungen gibt es auf der Website der Propstei St. Gerold.
20 salve 3/2025 Nahrung für Leib und Seele HINTERGRUND Inmitten der Stille am Tisch entfaltet das gesprochene Wort seine Kraft: Die Tischlesung ist ein besonderes Geschenk im klösterlichen Leben. Sie öffnet Fenster zu anderen Erfahrungen und Lebensgeschichten. Erinnern Sie sich an die Geschichten, die Ihnen als Kind vorgelesen wurden? Wie die Worte Bilder in Ihrem Kopf entstehen liessen und Sie in andere Welten entführten? Im Kloster gibt es eine ähnliche, aber doch ganz eigene Form des Geschichtenhörens: die Tischlesung. Sie findet während der gemeinsamen Mahlzeiten im Speisesaal des Klosters statt. Dabei liest ein Mönch oder eine Schwester aus geistlicher oder weltlicher Literatur vor. Die Aufgabe des Tischlesediensts wechselt wöchentlich unter den Mitgliedern der Gemeinschaft. Während der Tischlesung füllt die Stimme der Tischleserin oder des Tischlesers den Speisesaal, während alle anderen schweigen – ein Moment der Konzentration, der inneren Einkehr und des gemeinsamen Wachsens. Die Tischlesung ist ein fester Bestandteil des klösterlichen Alltags, denn der heilige Benedikt hielt im 6. Jahrhundert in der Benediktsregel in Kapitel 38 fest: «Beim Tisch der Brüder darf nicht fehlen, dass ihnen vorgelesen wird.» Damit wurde die Tischlesung zu einem wichtigen Mittel der geistigen und geistlichen Bildung der Klostergemeinschaft. Zwischen Bibel, Benediktsregel und Zeitgeschehen Der Ablauf der Tischlesung sei im Kloster Fahr klar geregelt, sagt Priorin Irene Gassmann. Sie leitet das Kloster Fahr und bestimmt, welche Texte vorgelesen werden. Am Mittag wird während der Vorspeise aus der Heiligen Schrift gelesen, beim Hauptgang folgt eine ausserbiblische Lektüre, Die Stimme der Tischleserin füllt den Raum, während die übrigen Schwestern schweigend essen.
21 salve 3/2025 nach dem Essen ein Abschnitt aus der Benediktsregel. Die Benediktsregel werde dreimal pro Jahr komplett vorgelesen. In der Fastenzeit tauchen die Schwestern in tiefgründige, spirituelle Texte ein, während im Sommer auch einmal leichtere, weltliche Lektüre auf dem Programm steht. Und manchmal überrascht die Auswahl: «Zurzeit beginnen wir ein Buch über die ersten Politikerinnen im Bundeshaus. Ich bin schon gespannt darauf, Einblick in die Erfahrungen dieser starken Frauen zu erhalten», sagt Priorin Irene. «Auch im Kloster Einsiedeln ist die Tradition der Tisch- lesungen lebendig», so Pater Daniel Emmenegger. Als Dekan ist er Teil der Klosterleitung. Bevor die Mönche am Tisch Platz nehmen, stehen sie gemeinsam, beten – und warten, erzählt der Dekan. Dann beginnt die Tischlesung, ein festes Ritual, das den Alltag strukturiert. Am Mittag werde ein Abschnitt aus dem Alten Testament vorgelesen. Doch nicht alle Passagen sind leicht verdaulich: Laut Kapitel 9 der Benediktsregel gibt es Stellen, die schwache Gemüter aufwühlen und ihnen den Schlaf rauben könnten. «Gerade deshalb hören wir diese Abschnitte mittags», sagt Pater Daniel mit einem Schmunzeln. Den ersten zwei, drei Sätzen lauschen die Mönche schweigend. Dann folgt eine Pause – das Zeichen für die zwei Tischdiener, die Suppe aufzutischen. Der Tischleser fährt mit der Lesung fort, zuerst weiter aus der Heiligen Schrift, dann aus einer anderen Lektüre. Nach dem Essen liest der Tischleser zudem einen kurzen Abschnitt aus der Benediktsregel vor. Mittags finden auch weltliche Themen ihren Platz – etwa Hintergründe zu aktuellen Ereignissen oder zum digitalen Wandel. Am Abend werden nach der Lesung aus dem Neuen Testament Abschnitte aus dem Heiligenkalender und spirituellen Texten vorgelesen. Gemeinsam schweigen, gemeinsam wachsen Diese Woche nimmt Priorin Irene selbst an der Kanzel Platz und hat Tischlesedienst. Für sie ist die Tischlesung ein besonderer Moment innerhalb des Tages. «Man liest vor, und alle hören zu. Es sind nicht meine eigenen Gedanken, die ich teile, und doch gebe ich der Lesung durch meinen Vorlesestil eine eigene Prägung.» Es brauche Mut, sich vorne an die Kanzel zu setzen und in die Stille hineinzusprechen – darin liege eine eigene Kraft. Sie empfindet das Schweigen beim Essen als heilsam: «Ich esse in Stille und bin ganz bei mir. Ich kann mich nach innen wenden oder mich ganz auf die Lesung einlassen. Das ist ein doppeltes Geschenk.» Im Kloster, wo das Leben ruhiger verlaufe als draussen, öffne die Tischlesung Fenster zu anderen Erfahrungen und Lebensgeschichten. «Das gemeinsame Vorlesen stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Es ist ein Schatz der benediktinischen Tradition, der auch heute noch grosse Bedeutung hat», so Priorin Irene. Pater Daniel erzählt, dass im Kloster Einsiedeln zurzeit ein Buch gelesen werde, das die Geschichte des Konklaves Im Refektorium des Klosters Einsiedeln steht eine beeindruckende Kanzel für die Tischlesung.
22 salve 3/2025 Kloster Fahr «Meine Hoffnung übersteigt alle Grenzen – Ein Gespräch über Leben und Glauben» Philippa Rath, Burkard Hose Verlag Herder «Unerhört – Die ersten Politikerinnen im Bundeshaus» Fabienne Amlinger Hier und Jetzt Verlag «Baran – 18 Jahre Regen – Geschichte einer Flucht» Hélène Vuille Paulus-Verlag «Wenn Umkehr Freude schenkt – Einführung in die ignatianischen Exerzitien» Hans Schaller Verlag Herder Kloster Einsiedeln «Weisser Rauch und falsche Mönche. Eine andere Geschichte der Papstwahl» Stefan von Kempis Verlag Herder «Coenobium. Gedanken zum gemeinsamen Leben» Michael Casey EOS Verlag «Die Vermessung der Berge. Eine Wanderung zur Ent- deckung der Weltgesetze» Blandine Pluchet Verlag Bergwelten «Am Ende das Nichts? Über Auferstehung und Ewiges Leben» Gerhard Lohfink Verlag Herder lebendig werden lasse. «Es ist spannend und regt zum Nachdenken an.» Der heilige Benedikt sieht in der Tischlesung vor, dass sie zum Geheimnis des Wortes Gottes hinführt: «Die Mönche sollen eine Haltung des Hörens einnehmen», betont Pater Daniel. Diskussionen über das Gehörte seien in der Benediktsregel nicht vorgesehen. Bücher, die bewegen Im Kloster Fahr sorgte die Autobiografie von Papst Franziskus bei der Tischlesung mehrfach für lautes Gelächter – trotz des vorgesehenen Schweigens. «So etwas darf durchaus sein», so Priorin Irene. «Es gibt auch Bücher, die uns zu Tränen rühren. Ein Buch über die Schicksale von Geflüchteten ging mir besonders unter die Haut.» Nach einem schweren Buch wählt sie meist leichtere Lektüre. «Ich möchte die Vielfalt der Welt in unseren Tischlesungen abbilden. Mir gefallen persönliche und authentische Texte.» Ein Buch hat Priorin Irene besonders inspiriert: «Meine Hoffnung übersteigt alle Grenzen» von Philippa Rath und Burkard Hose. «Hoffnung ist eine Kraft, die auch für mein Leben Bedeutung hat. Sie nährt mich und gibt mir Halt», so die Priorin. Im Kloster Einsiedeln wurde das Buch «Ein Hof und elf Geschwister» besonders gern gelesen. Es erzählt vom stillen Abschied vom landwirtschaftlichen Leben in Deutschland. Im Buch taucht das Kartenspiel Doppelkopf auf – inspiriert davon haben die Mönche das Spiel kurzerhand selbst eingeführt. So wie das Kartenspiel frischen Schwung an den Klostertisch bringt, sorgt auch die Tischlesung immer wieder für neue Impulse im klösterlichen Alltag – mal ernst, mal heiter, mal nachdenklich. Am Ende bleibt die Erfahrung, dass geteilte Worte das Leben bereichern und die Gemeinschaft stärken. Tag für Tag, Buch für Buch. ◆ Buchtipps aus dem Refektorium Zwei Klöster, eine Tradition, viele Stimmen: Priorin Irene Gassmann und Pater Daniel Emmenegger präsentieren ihre Favoriten der Tischlesungen – zum Mitlesen für zu Hause.
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