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1 salve 4/2024 4/2024 Zeit Die Zeitschrift der Klöster Einsiedeln und Fahr salveKloster Welt Begegnung 28 Reifezeit und Erntezeit Rundgang mit dem Kellermeister durch die Weinreben auf der Insel Ufnau und das Rebjahr 22 Kunstvoll, schlicht und manchmal verborgen Kunstwerke erinnern an ein Leben nach dem Lauf der Sonne 6 «Hier kann die Zeit nicht stehen bleiben» Der Schweizer Schriftsteller und Welttheater-Autor Lukas Bärfuss im Interview 16 Gemeinschaft im steten Rhythmus Der benediktinische Tag folgt einer Struktur: Wie lebt es sich in einer solchen Gemeinschaft?

Titelbild, Innenumschlag: Das Titelbild zeigt den Autor Lukas Bärfuss auf der Tribüne des Welttheaters in Einsiedeln. Die Bilder auf den Seiten 2 und 47 stammen vom diesjährigen Welttheater, das heuer sein 100-jähriges Jubiläum feierte. Die Spielzeit endete am 7. September 2024. INHALT EDITORIAL Abt Urban Federer Priorin Irene Gassmann 5 DIALOG «Hier kann die Zeit nicht stehen bleiben» Lukas Bärfuss über seine Zeit am Welttheater und die eigene Endlichkeit 6 PERSPEKTIVE Künderinnen wichtiger Ereignisse Jugendliche der Stiftsschule besteigen den höchsten Einsiedler Glockenturm 12 MOMENTUM Kurzweil 15 EINBLICK Gemeinschaft im steten Rhythmus Wie der rhythmisierte benediktinische Tag Raum für Gebet und Glauben schafft. 16 PERSÖNLICH Zwischenhalt im Klosterleben Die Lässe-Tage sind eine willkommene Auszeit vom üblichen klösterlichen Rhythmus. 19 PAUSE Rasten im Rhythmus Rhythmustage im Kloster Fahr 21 WISSEN Kunstvoll, schlicht und manchmal verborgen Auf den Spuren der Sonnenuhren im Kloster Einsiedeln 22 MOMENTUM Vordigital 25 ANGEBOT Kontinuierliche Kreativität Überraschungen im stets wiederkehrenden Kirchenjahr mit Pater Martin Werlen 26 AUSFLUG Reifezeit und Erntezeit Weinbau auf der Insel Ufnau: ein Spaziergang durch die Jahreszeiten 28 REGULA «Je nach Zeit und Umständen verwende der Abt den richtigen Mix» Pater Christoph Müller 31 GASTBEITRÄGE 32 TABULA 38 IMPRESSUM 43 salve 4/2024 Zeit

4 salve 4/2024 Zeit Diese Ausgabe der Zeitschrift salve widmet sich dem Thema Zeit: Sie gleicht einer Reise durch ihre vielfältigen Aspekte – und schafft Bezugspunkte im steten Wandel, Momente zum Innehalten sowie Impulse für die Zukunft. Interessante Rückblicke gehen über in eingehende Gespräche zur Gegenwart, während der benediktinische Rhythmus unbeirrt seinen Takt vorgibt – seit rund 1500 Jahren. So lädt die Zeitschrift salve ein, die Verbindungen zwischen Kloster und Welt sowie das benediktinische Denken und Wirken stets neu kennenzulernen.

5 salve 4/2024 Unser Zeitverständnis ist tief verwurzelt in der Naturwissenschaft der Aufklärung, etwa eines Isaac Newton (1643–1727): Die Zeit läuft unabhängig von uns, ohne Beziehung zu ihrer Umgebung. In unserer westlichen Gesellschaft gehen wir von der exakten Zeit aus: Wir messen sie – und sie misst uns. Wir lassen uns von der Zeit stressen und haben das Gefühl, sie zerrinne uns zwischen den Fingern. Gleichzeitig leben wir so, als hätten wir die Zeit im Griff. Leben wir nicht oft so, als stünde die Zeit uns unendlich zur Verfügung? Albert Einstein (1879–1966) fand einen anderen Zugang zur Zeit: Sie ist abhängig von Raum und Bewegung und darum relativ. Sie hat einen Anfang und ein Ende. Das entspricht dem biblischen Verständnis der Zeit: Sie ist von Gott geschaffen mit einem Anfang und einem Ende. In diesem Verständnis gab es vor dem Urknall keine Zeit, sondern sie ist in diesem erschaffen worden. Dass die Zeit nicht unabhängig von uns läuft, hat eine spirituelle Komponente: Die Zeit ist uns aufgetragen. Wir haben in der Zeit eine Verantwortung. So fordert uns der heilige Benedikt († 547) auf, unsere Lebenszeit gut zu nützen: «Noch ist Zeit, noch sind wir in diesem Leib, noch lässt das Licht des Lebens uns Zeit, all das zu erfüllen. Jetzt müssen wir laufen und tun, was uns für die Ewigkeit nützt.» (RB Prol 43 f.). Für die Benediktsregel ist die Zeit eine Gelegenheit, sich für deren Vollendung vorzubereiten. Unsere Lebenszeit ist darum relativ: Sie bezieht sich auf eine grössere Zeit, die Regel nennt sie Ewigkeit. In dieser Ausgabe der Zeitschrift salve befassen wir uns mit der Zeit. Im Leitartikel berichtet Lukas Bärfuss, der Autor des diesjährigen Welttheaters, über seine Zeit in Einsiedeln und welche für ihn die drängendsten Fragen unserer Zeit sind. Bruder Alexander Schlachter, Glöckner des Klosters Einsiedeln, lässt fast keine Fragen zu den Einsiedler Glocken offen. Mehr zur Zeitmessung im Kloster Einsiedeln erfahren wir von Frater Meinrad Hötzel. Und Pater Martin Werlen nimmt uns mit durch das Kirchenjahr. Wann es Zeit für die Weinernte ist, verrät uns Kellermeister Dominic Mathies vom Weinberg der Insel Ufnau. Unsere Gastbeiträge stammen dieses Mal von externen Autorinnen und Autoren. Sie befassen sich mit Lebens- und Fahrplänen, mit der Auswirkung von Zeit auf die menschliche Psyche und mit dem Angebot Klosterzeit. Der benediktinische Rhythmus ist Thema von gleich drei Beiträgen: Pater Daniel Emmenegger, Dekan des Klosters Einsiedeln, lässt uns daran teilhaben, wie es sich im Takt von Arbeit und Gebet lebt. Zudem erfahren wir mehr über das Angebot «Im Rhythmus der Benediktinerinnen» im Kloster Fahr. Die Klostergäste entdecken dabei, wie wertvoll die Unterbrechungen im Alltag sind, um nicht auszubrennen. Auch die Mönche und Schwestern haben Aus-Zeiten aus dem klösterlichen Alltag, die Lässe-Tage. Der benediktinische Tag hilft uns, in die Gegenwart «heimzukehren». Der heilige Benedikt spricht in der Regel mehrmals von «zu bestimmten Stunden». So gibt es im klösterlichen Tag bestimmte Zeiten für das Gebet, für die Arbeit und Lesung und für die Erholung. Es gibt Stunden für das Leben in und mit der Gemeinschaft, aber auch Stunden, um allein zu sein. Die Glocken rufen zum Gebet. Diese Unterbrechungen ermöglichen, Abstand zu gewinnen und später mit neuer Kraft und neuer Perspektive die Arbeit wieder aufzunehmen. So ist uns die Zeit als Aufgabe gegeben, in der wir unsere Verantwortung leben sollen, was sich in der Ewigkeit, in der Zeit Gottes, vollendet. Eine Weisheit des deutschen Mystikers Meister Eckhart († um 1328) erinnert uns, worauf es ankommt: «Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutendste Mensch immer der, der dir gerade gegenübersteht, und das notwendigste Werk ist immer die Liebe.» Abt Urban Federer Kloster Einsiedeln Priorin Irene Gassmann Kloster Fahr Liebe Leserinnen, liebe Leser EDITORIAL

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7 salve 4/2024 «Hier kann die Zeit nicht stehen bleiben» DIALOG Das Einsiedler Welttheater ist ein wichtiger Teil seines Lebens geworden: Der Bühnenautor Lukas Bärfuss setzte sich fast ein Jahrzehnt lang intensiv mit Dorf und Kloster Einsiedeln auseinander. Diesen Sommer konnten Lukas Bärfuss und Regisseur Livio Andreina ihre Inszenierung von «Das grosse Welttheater» von Pedro Calderón de la Barca (1600–1681) endlich dem Publikum präsentieren – die ausgeleuchtete Klosterfassade diente ihnen dabei als Kulisse. Selbst der Glockenschlag der Kirche wurde ins Stück eingebaut. Warum sich der Bühnentext durch die pandemiebedingte Verschiebung kaum verändert hat und was die Lust an der Verwandlung ausmacht, erzählt Lukas Bärfuss im Interview. — Lukas Bärfuss, was fällt Ihnen beim Stichwort Einsiedeln als Erstes ein? Einsiedeln ist ein besonderer Ort auf Gottes Erde – unvergleichbar. Einerseits sind da die starken lokalen Traditionen, andererseits die globale Dimension durch das Kloster. Ich wurde hier äusserst nett willkommen geheissen – es hat keine Rolle gespielt, woher ich komme und was für ein Ruf mir vorauseilt. Wir haben uns über das Theater unterhalten, über existenzielle Fragen – dass man sich auf diese Weise austauschen kann, ist etwas Besonderes in diesen politisierten Zeiten. Hat Ihre Zeit in Einsiedeln Ihre Sicht auf das Kloster verändert? Ja, sicher – von einer indifferenten Ignoranz über eine Neugier bis zu einer Anerkennung für diese Lebensform. Und da war die Ursprungsfassung von Calderón. Das war die Brille, durch die ich das Kloster gesehen habe. Darüber hinaus war mir klar, dass ich einen Austausch mit den Menschen wollte, die in diesem Kloster leben. Wie geht man als Autor des Welttheaters diese Herausforderung an? Mit vielen Besuchen. Auf dem Klosterplatz, im Kloster und bei den Menschen. Ich bin auf dem Klosterplatz gestanden und wollte wissen, wie die Sprache hier klingt. Wie schreibt man einen Dialog, der auf 30, 40 Meter wirken muss? Für uns war zentral, dass wir mit Bühne und Lukas Bärfuss, der Autor des diesjährigen Welttheaters Einsiedeln, über seine Arbeit – und die drängendsten Fragen unserer Zeit. Interview: Pater Thomas Fässler

8 salve 4/2024 Tribüne keine Front zum Kloster hin aufbauen wollten. Wir wollten diese Dialektik, diese Art Gegnerschaft nicht, und das betraf den Text und die Tribüne. Als ich sie das erste Mal sah, habe ich geheult. Wenn man sich etwas so lange vorstellt und dann ist es plötzlich da – das ist furchteinflössend. Inwiefern hat die Klostergemeinschaft Ihr Schreiben beeinflusst? Es gab auf beiden Seiten Neugier. Wir wurden früh zum Essen im klösterlichen Speisesaal eingeladen und haben das Gespräch mit dem Abt gesucht. Wir haben das Stück der Klostergemeinschaft vorgelesen: Nicht allen hat gefallen, was sie gehört haben. Das kam deutlich zum Ausdruck. «Hula-Hoop-Theater», meinte jemand. Wir haben unvoreingenommen alle Rückmeldungen in unser Schaffen miteinbezogen. Ich wollte nicht die Benediktiner verärgern – das wäre mir zu wenig gewesen. Sind Klöster für Sie Orte, an denen die Zeit stehen geblieben ist? Das habe ich nicht so erlebt. Hier finden täglich mindestens acht Gottesdienste statt, und das seit tausend Jahren – da kann die Zeit nicht stehen bleiben. Ich hatte eher den Eindruck, dass der monastische Lebensstil zeitlos und eine Sehnsucht vieler Menschen ist. Ich werde nie vergessen, wie ich das erste Mal hier im Hotel übernachtet habe und dieses kleine Chorglöcklein hörte – es hat einen feinen Klang, in der richtigen Frequenz. Es weckt ganz Einsiedeln. Da habe ich gedacht: Hier wissen alle, «wo Gott hocked». Was war Ihnen wichtig beim Schreiben des Stücks? Uns ging es darum, mit dem Stück die Menschen zusammenzubringen und nicht auseinander. Eine gesellschaftspolitische Thematik war deshalb nicht möglich. Wir interessierten uns für den geteilten Augenblick, den Moment des Performativen, das Theatrale – und für die Freude an der Verwandlung. Es ging um die grossen Fragen: Was mache ich mit meinem Leben, mit meiner Zeit? Was mache ich mit meinen Ambitionen, mit meinem Ehrgeiz, mit meiner Verzweiflung, mit meiner Wut in einer Welt, die Gott abgeschafft hat? Die Aufführung des Welttheaters wurde wegen der Coronapandemie um vier Jahre verschoben. Hat dies das Stück verändert? Erstaunlich wenig. Das liegt daran, dass wir von Anfang an auf die existenziellen Fragen eingingen und die bleiben aktuell: Sie werden auch von einer Pandemie nicht über den Haufen geworfen. Es gab danach andere Resonanzen auf Begriffe wie Seuche oder Krankheit. Manche Worte klingen nicht mehr, andere dröhnen plötzlich. Das mussten wir überprüfen. «Wir wollten den geteilten Augenblick zelebrieren, den Moment des Performativen, das Theatrale – und die Freude an der Verwandlung.» Lukas Bärfuss

9 salve 4/2024 Aber die Geschichte dieses Mädchens, welches das Spiel beginnt mit seiner Absage, das stammte aus der Zeit vor der Pandemie. Was wieder einmal den prophetischen Charakter der Kunst beweist. Das hat uns betroffen gemacht: Wir sind mit einer theatralen Behauptung in dieses Spiel gegangen – und sie wurde Wirklichkeit. Das war nicht der einzige Fall. Wir haben mitten in den Proben Bruno Amstad verloren, unseren Musiker. Das war tragisch. Wer Theater macht, muss bereit sein, sich davon verändern zu lassen. Unwiderruflich. Wie schätzen Sie die Bedeutung von Theater heute ein? Die Freude am Theater ist durch alle Kulturen, durch alle Zeiten und durch alle Alter unauslöschlich. Als Kinder spielen wir Theater durch Umgeben von Requisiten: Das Gespräch zwischen Lukas Bärfuss und Pater Thomas Fässler fand im Fundus des Welttheaters statt.

10 salve 4/2024 Einsiedler Welttheater 1924 war in Einsiedeln erstmals auf dem Klosterplatz «Das grosse Welttheater» von Pedro Calderón de la Barca aufgeführt worden. Das 100-Jahre-Jubiläum wurde mit einer Neufassung von Lukas Bärfuss gefeiert: Die traditionellen Protagonisten Bauer, König, Armer, Reicher, Vernunft und Schönheit wollen das Welttheater absagen. Da entscheidet die junge Emanuela, dass die Kinder alle Rollen selbst spielen. Sie lässt sich mit allen Konsequenzen und selbstbestimmt darauf ein. Sie wird alt, arm, reich, mächtig, schön, herzlich und herzlos. Am Ende bleibt die Frage: «Habe ich weise gehandelt?» Pro Spielabend sahen sich bis zu 2000 Menschen die Inszenierung an. Über 500 Personen aus Einsiedeln, das sogenannte Spielvolk, wirkten auf der Bühne oder hinter den Kulissen mit. Repräsentationsspiele: «Komm wir tun so, als ob du ein Mönch wärst und ich ein Schriftsteller.» Das Leben im Konjunktiv ist ein tiefes Bedürfnis und eine Notwendigkeit. Wir können das, was wir sind, nicht aus uns selbst sein, wir brauchen die Akzeptanz der anderen Menschen. Was nehmen Sie mit vom Welttheater? Ich habe viel gelernt – über Einsiedeln, aber noch mehr über mich selbst. Bei einem Stück, das über eine solch lange Zeitdauer entsteht, ist Vertrauen das Wichtigste. Das sind Hochrisikounternehmen. Es kann scheitern – das vergisst man schnell, wenn sich der Erfolg einstellt. Die Zuschauerinnen und Zuschauer haben das Stück geliebt. Die Vorstellungen waren gut besucht – und das wurde über Nacht fast selbstverständlich. Aber Erfolg ist nicht selbstverständlich. Was man braucht – ein frommer Begriff – ist Demut. In allen Bereichen muss man immer weiterkommen, nie zufrieden sein, die bessere Lösung suchen. Aber die wichtigste Sache kann man nicht erzwingen. Es ist die Freude des Publikums. Sie ist ein Geschenk; der Augenblick jenseits des Ehrgeizes. Den kann man nicht erschaffen.◆ «Komm wir tun so, als ob du ein Mönch wärst und ich ein Schriftsteller: Das Leben im Konjunktiv ist ein tiefes Bedürfnis und eine Notwendigkeit.» Lukas Bärfuss Lukas Bärfuss Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun, ist Dramatiker und Romancier, Essayist und Dramaturg. Er erhielt zahlreiche Preise, u. a. den Berliner Literaturpreis (2013), den Schweizer Buchpreis (für «Koala», 2014) und den NicolasBorn-Preis (2015). 2019 wurde Lukas Bärfuss mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Zuletzt wurden 2018 «Der Elefantengeist» am Nationaltheater Mannheim, 2020 «Julien – Rot und Schwarz» am Theater Basel und 2021 «Luther» bei den Nibelungenfestspielen Worms uraufgeführt. www.lukasbaerfuss.ch

11 Wie schnell geht bei Ihnen die Zeit vorbei, wenn Sie schreiben? Ich brauche viel Zeit zum Schreiben, das ist schlimm. Ich erkannte als junger Mann, dass ich lange brauche, um einen oder zwei gerade Sätze zu schreiben. Ein Buch voller schöner Sätze mit einer guten Wirkung – das geht nicht schnell. Ich werde radikal, wenn es darum geht, mir Zeit für mein Schreiben, für meine Kunst zu nehmen. Ich werde geizig. Wenn ich auf die statistische Lebenserwartung schaue, dann weiss ich, es reicht nicht mehr für alles, was ich machen möchte. Das führt zu einer Fokussierung. Das Bewusstsein für die Kürze des Lebens macht es lebenswert und kostbar. Lohnt es sich, über die Endlichkeit nachzudenken? Und ob! Ein Tag, ohne darüber nachgedacht zu haben, dass ich sterben werde, ist ein verpasster Tag. Das Memento mori vereinfacht das Leben. Es vereinfacht die Entscheidungen. Es gibt Orientierung. Es ist keine Belastung, sich den Tod bewusst zu machen. Das Leben wird köstlich, und viele Dinge werden nebensächlich. Sie äussern sich oft öffentlich zu gesellschaftlichen und politischen Themen. Was sind die grössten Probleme und Herausforderungen unserer Zeit? Die Generation meiner Kinder hat so viele Möglichkeiten wie keine vor ihr. Sie muss gleichzeitig monströse Herausforderungen bewältigen: das Artensterben und die Klimakatastrophe. Diese sind für unsere Zivilisation ein «To be or not to be». Davor verschliessen viele die Augen. Man fürchtet sich davor, sich das Ausmass dieser Tatsache klarzumachen. Wichtig ist, dass wir uns nicht fürchten. Eine Gesellschaft, die vor grossen Herausforderungen steht, sollte dies als Privileg verstehen. An einer grossen Aufgabe kann man wachsen und sie gibt jenen, die sie angehen, Bedeutung. Deshalb müssen wir versuchen, die Angst zu bekämpfen. Wer sich fürchtet, denkt schlecht, trifft schlechte Entscheidungen. Theater ist angstlösend. Man darf sich mit den schlimmsten Dingen auseinandersetzen und ist dabei nicht allein. Man macht es gemeinsam. «Ich werde radikal, wenn es darum geht, mir Zeit für mein Schreiben, für meine Kunst zu nehmen.» Lukas Bärfuss Nachgefragt Lukas Bärfuss, welche Rolle spielt die Zeit bei Ihrer Arbeit?

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13 salve 4/2024 Den Chruter gibt es nur in Einsiedeln, und bei Besucherinnen und Besuchern sorgt er manchmal für Verwirrung: Die Glocke schlägt immer fünf Minuten früher als üblich. «Man erzählt sich, dass es einen Mönch gab, der immer das Gemüse zu weich kochte», erzählt Bruder Alexander Schlachter. «Damit der Mönch den Topf früher vom Herd nimmt, stellten sie die Uhr vor.» Bruder Alexander blinzelt schelmisch. Seit dreissig Jahren amtet der Schwarzwälder als Pförtner und Glöckner im Kloster Einsiedeln. Niemand weiss mehr über die Einsiedler Glocken als er. Wissen weitergeben Einer Gruppe Lernender der Stiftsschule Wissenswertes über die Einsiedler Glocken zu vermitteln, macht ihm viel Freude: «Der Jugend gehört die Zukunft», so der Mönch. Scarlet und Soraya sind 13 Jahre alt und in der zweiten Klasse, Jay ist 15 und in der vierten Klasse und die 17-jährige Theresa ist in der sechsten. Bruder Alexander zieht einen dicken Schlüsselbund aus seiner Kuttentasche. Er nestelt daran herum, auf der Suche nach dem passenden Schlüssel. «Als Pförtner habe ich viele Schlüssel», meint er entschuldigend. Er steckt den ersten Schlüssel ins Schloss – doch der passt nicht, da versucht er einfach den nächsten. Beim dritten Schlüssel klappt es. Madonnenfigur und gotische Fratzen Eine schmale Holztreppe führt über zwei Zwischenböden in die so genannte Glockenstube fast 56 Meter über dem Boden. «Wie viele Treppenstufen das sind, kann ich leider nicht sagen.» Es wird die einzige Frage bleiben, die Bruder Alexander in der kommenden Stunde unbeantwortet lässt. Der erste Zwischenboden ist fensterlos. Bruder Alexander weist die Jugendlichen in den hinteren Teil, der nur spärlich ausgeleuchtet ist. Die Steine der 1,5 Meter dicken Mauer sind grob beschlagen. «Im 18. Jahrhundert hat man für den Bau des Turms wirklich alles Material gebraucht, das man finden konnte», sagt Bruder Alexander. Er zeigt auf einen Mauerstein auf Hüfthöhe, aus dem sich beim genauen Hinsehen ein eingemeisseltes Gesicht mit einer zarten Nase abhebt: eine Madonnenfigur. Und etwas unten: eine gotische Fratze. Ein kurzes Raunen geht durch die Gruppe. Jay lässt den Blick schweifen. «Jetzt sehe ich überall Gesichter!» Keine Folklore Die Gruppe hat den Aufstieg bis unter das Dachgebälk geschafft, 163 Stufen sind es – Scarlet hat genau mitgezählt. Auf den Seiten gibt es bogenartige Fenster mit Jalousien. An einem Metalljoch in einer Holzkonstruktion hängt eine Glocke. Alexander berührt die Glockenkrone: «Mein schönstes Stück!» Die Dreifaltigkeitsglocke aus dem Jahr 1637 wiegt 5,3 Tonnen. Sie ist die grösste Glocke des Klosters Einsiedeln. Zum Vergleich: Die grösste läutbare Glocke der Schweiz hängt im Berner Münster und ist zehn Tonnen schwer. «Früher benötigte es bei uns vier Männer, um die Dreifaltigkeitsglocke zu läuten», so Bruder Alexander. Heute erledigt das ein vollelektronisch gesteuerter LäuteAutomat, den Bruder Alexander jeweils Anfang Jahr programmiert. Damit die Uhr die korrekte Zeit anzeigt, erhält sie sekündlich Impulse von der Braunschweiger Atomuhr. «Glocken sind keine Folklore», sagt Bruder Alexander. «Sie geben uns das Zeichen zum Gottesdienst und warnen uns vor Gefahren wie Sturm, Hochwasser oder Hagel.» Erst letzte Woche hat Bruder Alexander die Glocke geläutet, um vor einem Gewitter zu warnen. «Habt ihr es gehört?», fragt Bruder Alexander in die Runde. Die Jugendlichen schütteln den Kopf. Die meisten von ihnen wohnen nicht in Einsiedeln. Künderinnen wichtiger Ereignisse PERSPEKTIVE Jugendliche der Stiftsschule Einsiedeln erklimmen den höchsten Einsiedler Glockenturm mit dem Glöckner und Pförtner Bruder Alexander Schlachter.

14 salve 4/2024 Schlagen und Läuten «Rotiert das ganze Holzding, wenn die Glocke schlägt?», fragt Jay. An dieser Stelle muss Bruder Alexander gleich etwas klarstellen: Er erklärt, dass man Läuten und Schlagen begrifflich klar auseinanderhalten müsse. Das Schlagen zeigt jede Viertelstunde an, immer ein Schlag mehr pro Viertelstunde. Dabei saust ein Hammer auf die Glocke nieder, der Ton gleicht eher einem Scheppern. Beim Läuten hingegen schwingt die Glocke mit der ganzen Holzkonstruktion hin und her. In dem Moment, wenn der Klöppel für circa eine halbe Tausendstelsekunde die Innenseite der Glocke berührt, entsteht der so genannte Glockenkuss. In dieser halben Tausendstelsekunde passiert alles, was den Glockenklang ausmacht. Bruder Alexander erklärt es so: «Nicht nur die Glocke, auch die Luft setzt sich in Bewegung und es geht ein Schall weg. So entsteht ein Schwingen.» Ist der Ton verklungen, vibrieren die Glocke und die Luft, die sie umgibt, noch Minuten nach. Auf einem Balken der Holzkonstruktion liegt ein gelber Ohrenschutz. «Wenn die Glocke zu läuten beginnt, wird es so schallend laut, dass wir uns die Ohren zuhalten müssten», so Bruder Alexander. Pünktlichkeit, Musik und Heimat Bei wichtigen Ereignissen wird mit allen Glocken gleichzeitig geläutet. Das Ende der Weltkriege beispielsweise wurde so verkündet, auch bei bevorstehenden hohen Feiertagen der Kirche läuten alle Glocken gleichzeitig. Die Dreifaltigkeitsglocke wird auch allein geläutet – zum Beispiel jeden Freitag um 12 Uhr, um der Passion Christi zu gedenken. Auch beim Tod einer Bewohnerin oder eines Bewohners von Einsiedeln wird zum Gedenken eine Glocke geläutet. Manchmal fragt sich Bruder Alexander, ob Glocken für die jungen Menschen noch eine Bedeutung haben. Soraya erzählt, dass sie neben einer Kirche wohnt und wegen eines Umbaus die Uhr ausgeschaltet wurde. Die Zeit nicht mehr ablesen zu können, habe ihr gefehlt. Scarlet sagt, ihr würde Glockengeläut ein Gefühl von Heimat geben. Mit diesen Antworten ist Bruder Alexander sichtlich zufrieden. Für ihn ist Glockengeläut Musik – auch Glocken ausserhalb von Einsiedeln. Auf seiner Mail- box werden Anrufer mit dem Glockengeläut der Gloriosa empfangen – die im Jahre 1497 gegossene und 11,45 Tonnen schwere Glocke ist die grösste Glocke im Mittelturm des Erfurter Doms. ◆ Bruder Alexander Schlachter Bruder Alexander Schlachter ist im Jahr 1983 ins Kloster eingetreten und amtet seither als Pförtner. Glöckner ist er fast genauso lang: Das Amt hat er 1994 von Pater Rupert Ruhstaller (1917–1996) übernommen. Die Abfolge des Läutens an den jeweiligen Hochfesten und Werktagen ist in einem Regelwerk aus dem Jahr 1941 festgehalten, der so genannten Läuteordnung. Diese beruht auf einer tausendjährigen Läutetradition. Wurde früher noch von Hand geläutet, ist das Geläute aller Glocken heute computergesteuert. «Früher benötigte es vier Männer, um die Dreifaltigkeitsglocke zu läuten.» Bruder Alexander Schlachter Bruder Alexander erzählt den Jugendlichen der Stiftsschule die Geschichten rund um die Einsiedler Glocken.

15 15 Tickte die Welt damals eigentlich etwas langsamer? Beim Pingpongspiel im Rekreationssaal verbrachten Schüler der Stiftsschule Einsiedeln ihre Mussestunden – und vergassen vielleicht sogar die Zeit, solange der Ball in der Luft blieb. Kurzweil MOMENTUM

16 salve 4/2024 Gemeinschaft im steten Rhythmus EINBLICK Die Benediktinerinnen und Benediktiner lösen sich alle paar Stunden von ihren zeitlichen Arbeiten und Aufgaben, um sich Gottes Wort zuzuwenden. Wie lebt es sich in diesem Rhythmus von Arbeit und Gebet? «Die Gebetszeiten in unserer Tagesstruktur sind unsere Aufgabe. Sie können durchaus von Müdigkeit, Unlust und schlechter Laune abhängig sein. Auch wir sind nur Menschen auf dem zeitlichen Lebensweg.» Schwester Fidelis Schmid In der Kuttenschneiderei des Klosters Fahr arbeitet Schwester Fidelis Schmid seit Jahrzehnten.

17 salve 4/2024 Wenn die Glocke zum Gebet ruft, legen die benediktinischen Mönche und Nonnen ihre Arbeit nieder und versammeln sich zum Gebet in der Kirche. Fünf Mal am Tag, zu festgelegten Zeiten. Gleichgültig, was sie gerade tun oder worin sie gerade vertieft sind. Die Ordensbrüder und Ordensschwestern folgen so einem zeitlichen Rhythmus, der sich in erster Linie vom gemeinsamen Gebet her ergibt. Christus nichts vorziehen «Man soll Christus nichts vorziehen» – so lautet eine zentrale Weisung des heiligen Benedikt von Nursia. Für Benediktinerinnen und Benediktiner ist dieses Prinzip Lebensprogramm. «Denn durch das Gebet wird die Sehnsucht nach der Nähe Gottes genährt, der uns in Christus nahegekommen ist», so Pater Daniel Emmenegger, derzeit Dekan des Klosters Einsiedeln. Das gemeinsame Gebet, bei dem es sich um das Stundengebet der Kirche handelt, hat für Benediktinerinnen und Benediktiner eine hohe Priorität und Verbindlichkeit. Man bleibt ihm nicht einfach fern – auch wenn es gerade mal nicht optimal hineinpasst. «Wenn ich sehr konzentriert an etwas arbeite, unterbreche ich meine Aufgabe manchmal sehr ungern. Doch gerade dann kann es leicht passieren, dass mich ein Psalmvers oder ein Wort aus der Lesung besonders anspringt und mich je «Wenn ich sehr konzentriert an etwas arbeite, unterbreche ich meine Aufgabe manchmal sehr ungern. Doch gerade dann kann es leicht passieren, dass mich ein Psalmvers oder ein Wort aus der Lesung besonders anspringt und mich je nach Situation mit innerer Freude oder mit Trost erfüllt.» Pater Daniel Emmenegger Im Chor der Klosterkirche Einsiedeln ist Pater Daniel Emmenegger in Kontakt mit Jesus Christus.

18 salve 4/2024 nach Situation mit innerer Freude oder mit Trost erfüllt», so Pater Daniel. Der Vorrang des Gebets bringt im benediktinischen Tag ganz eigene Herausforderungen mit sich. Die Unterbrechungen in der Arbeit verhindern, dass man mit allem fertig wird. Dinge bleiben unerledigt, manchmal auch wichtige. «Das entspricht mir eigentlich gar nicht. Ich hätte abends gern einen sauberen Tisch.» Wie wichtig die Struktur und die Gemeinschaft für sein Mönchsein sind, wurde dem Dekan während eines Studienaufenthalts bewusst: «Nach fünf Jahren im Kloster traute ich mir zu, den benediktinischen Rhythmus auch ausserhalb des Klosters zu leben.» Doch er realisierte sehr bald, dass es ohne die Mitbrüder an der Seite gar nicht so leicht ist, genug Selbstdisziplin für die Treue zum Gebet aufzubringen. Bei Christus zu Gast sein Die Benediktinerinnen und Benediktiner üben sich täglich mehrmals darin, sich von ihren zeitlichen Aufgaben und Arbeiten zu lösen sowie Herz und Sinne für Gottes Wort zu öffnen. Das Kloster bietet dafür in zweifacher Hinsicht den Rahmen: durch das gemeinsame Stundengebet sowie das persönliche Gebet in Stille. «Die Zeit in meiner Zelle ist mir heilig», sagt Pater Daniel. Sinn und Ziel des klösterlichen Rhythmus’ ist es, dass der Mönch oder die Nonne sich regelmässig zum Gebet und geistlicher Lesung zurückziehen können. «Sie sollen oft in der Stille der Zelle bei Christus zu Gast sein», nennt er dies in Anlehnung an die heilige Katharina von Siena. Klosterrhythmus heute grosszügiger Auch Schwester Fidelis Schmid arbeitet intensiv daran, im Jetzt zu leben. «Die Zeit der Vergangenheit kann niemand ändern. Bei mir wird sie immer mehr von der Vergesslichkeit gelöscht. Die Zeit der Zukunft ist noch nicht erfahrbar.» Mit ihren 91 Jahren ist Schwester Fidelis die älteste Schwester im Kloster Fahr. Dass die Zeit im Kloster nicht stehenbleibt, zeigt ihre eigene Biografie: Sie lebt seit 67 Jahren im Kloster Fahr und hat schon einige grosse Zeitenwenden erlebt – beispielsweise das Zweite Vatikanische Konzil, also eine leichte Öffnung der katholischen Kirche Anfang der 1960er-Jahre unter Papst Johannes XXIII. Von da an durften die Schwestern das Chorgebet in deutscher Sprache beten. Die Pflege der lateinischen Sprache beschränkte sich auf den Gesang. Auch Schwester Fidelis erlebt im Klosteralltag manchmal zähe Momente: «Die Gebetszeiten in unserer Tagesstruktur sind unsere Aufgabe. Sie können durchaus von Müdigkeit, Unlust und schlechter Laune abhängig sein. Auch wir sind nur Menschen auf dem zeitlichen Lebensweg.» Als junge Frau während ihres Noviziats in diesen straffen Rhythmus hineinzufinden, sei schon gewohnheitsbedürftig gewesen. «Im Unterschied zu damals ist der Rhythmus im Kloster Fahr heute grosszügiger, weil er der Altersstruktur besser angepasst werden musste», so Schwester Fidelis. «Heute fühlen sich die Schwestern freier. Einzelne haben auch mehr Verantwortung bei der Organisation, andere erfahren mehr Hilfe und sind angenommen in ihren altersbedingten Einschränkungen.» Das Leben in der Welt werde heute von den Schwestern direkter wahrgenommen, denn im Unterschied zu früher hat das Kloster Fahr angestellte Frauen in der Verwaltung, in der Küche, im Hausdienst, in der Paramentenwerkstatt und teilweise auch für Pflegedienste. Schwester Fidelis: «Wir Benediktinerinnen lebten schon immer der Welt zugewandt – das hat sich heute noch verstärkt.» Von der Gegenwärtigkeit zur Gegenwart Die Gegenwart findet auch Eingang in die Gebete der Schwestern: «Für unsere Feiern sind die grossen Anliegen der Kirche, der Natur, des Friedens und auch der Politik wichtig.» Nicht alle Schriften eignen sich laut Schwester Fidelis dafür. «Gerade im Alten Testament finde ich persönlich einige Texte überholt. Sie geben meiner Ansicht nach geschichtliche und kulturelle Informationen der Vergangenheit an uns weiter, die für unser Leben nicht Gottes Geist und Hilfe geben.» Das Neue Testament hingegen ist für Schwester Fidelis zeitlos. «Dem Geist nach hat es für uns auch heute Geltung. Es ist unser Lebensprogramm.» ◆ Benediktinischer Rhythmus Der benediktinische Tag gliedert sich in verschiedene Zeiteinheiten: Zeiten für das Gebet mit der Gemeinschaft und allein; Zeiten für die Lesung; Zeiten für die aufgetragene Arbeit; Zeiten für die leibliche Stärkung durch Speis und Trank und Zeiten für die Erholung. Viele Schwestern und Brüder reservieren sich auch Momente für Begegnungen und Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen, die das Kloster aufsuchen.

19 salve 4/2024 Zwischenhalt im Klosterleben PERSÖNLICH Pater Lukas Helg «Auf dem Velosattel bin ich schmerzfrei.» «Eben bin ich von der Sommerlässe heimgekommen. Es waren fantastische fünf Tage! Das Wetter stimmte und wir hatten eine wunderbare Gemeinschaft. Schon seit Jahren verbringen die, die möchten, die Sommerlässe am Bodensee. Die andere Gruppe fährt ins Südtirol zum Wandern. Unsere Unterkunft in Eschenz ist ein ausgezeichnetes Seminarhotel mit wunderschönem Ausblick auf den See. Wir Mönche wohnen im Nebengebäude. Die anderen Hotelzimmer sind zu dieser Zeit nicht vermietet. Abends sassen wir unter freiem Himmel an Vierertischen und genossen die schöne Aussicht. Das Redeverbot war aufgehoben, genau gleich wie die Tischordnung. Ich geniesse diese Abwechslung sehr. Ein Mitbruder erzählt in einer solchen Runde immer Witze – dann ist er fast nicht mehr zu bremsen. Angereist nach Eschenz bin ich mit dem E-Bike. Es ist meine grösste Freude: Ich durfte es mir kaufen, als ich zu meinem Abschied als Stiftskapellmeister 5000 Franken erhielt. Eingeklemmte Nerven in der Wirbelsäule machen mir zu schaffen – auf dem Velosattel bin ich jedoch stets wunderbar schmerzfrei. Einmal habe ich gemeinsam mit meinem Mitbruder Pater Cyrill Bürgi eine grosse Velotour gemacht. Er mit dem Rennvelo, ich mit dem E-Bike. Kurz vor dem Erreichen des Ziels hatte ich keinen Pfuus mehr. Da holte mich Bruder Francisco mit dem Bus ab.» Die Erholungstage Lässe finden vorwiegend im Kloster statt. Die Mönche des Klosters Einsiedeln verbringen sie manch- mal auch wochenweise auswärts. Während der Lässe wird die Gemeinschaft gepflegt, das Schweigegebot ist aufgehoben. Jeder Mönch und jede Nonne kann an zwei Lässen pro Jahr teilnehmen, die je nachdem zwischen drei bis fünf Tage dauern. Nicht zu verwechseln ist die Lässe mit Wüstentagen. So nennt man im Kloster Tage, die ein Mönch oder eine Nonne ausserhalb der Gemeinschaft verbringt, um die Stille zu suchen. Schwester Andrea Felder aus dem Kloster Fahr und Pater Lukas Helg aus dem Kloster Einsiedeln geben Einblick, wie sie ihre Lässe-Tage verbringen und was sie ihnen bedeuten. Pater Lukas Helg düst im Sportgewand mit dem E-Bike an den Bodensee. Lässe-Tage schenken Abwechslung im Klosteralltag. Schwester Andrea Felder und Pater Lukas Helg geben Einblicke in ihre persönliche Auszeit.

20 salve 4/2024 Lässe Die Lässe-Tage gehen auf den Aderlass zurück, eine alte medizinische Praxis. Grundlegend ist dabei die Überzeugung, dass es für die Gesundheit förderlich ist, regelmässig altes Blut abzulassen. So entnahm man auch den Nonnen und Mönchen mehrmals im Jahr bis zu einem Liter Blut. Nach erfolgter kräftezehrender Behandlung hatten sie Anrecht auf einige Erholungstage. Schwester Andrea Felder «Nach dem Mittagessen folgt das krönende Dessert.» «Die Lässe verbinde ich mit vier freien Arbeitstagen. Es sind Tage zur Erholung, die geprägt sind von gutem Essen und mehr Schlaf. Die gemeinsamen Gebetszeiten finden wie gewohnt statt. Das Mittagessen ist dispensiert – das heisst, wir reden miteinander. Und als Krönung gibt’s Kaffee und Dessert. Ich erledige für das ganze Kloster Fahr die Wäsche. Diese Arbeit ruht während der Lässe. Die Ämtchen müssen natürlich trotzdem getan sein; zum Beispiel den Abwasch erledigen oder Blumen und Pflanzen giessen. Im Alltag geht jede ihrer Arbeit nach, in der Lässe haben wir mehr Zeit für- und miteinander. Es kann sein, dass wir am Nachmittag gemeinsam jassen oder einen Film schauen. Ausserdem puzzle ich irrsinnig gern. Eifrig beteiligen sich auch die Mitschwestern daran. Für die Herbstlässe habe ich das 1000-teilige Puzzle zur Stiftsbibliothek St. Gallen geschenkt bekommen. Mir kribbelt es jetzt schon in den Fingern! Als Nachteule sitze ich manchmal auch noch nach der Komplet über einem Puzzle. Dass wir während der Lässe einen Halbtagesausflug machen, ist fast zur Tradition geworden. Priorin Irene schaut darauf, dass alle mitkommen können – auch jene Schwestern, die auf einen Rollator angewiesen sind. Nach der Lässe kehren wir gestärkt in den gewohnten Rhythmus zurück. Noch lange nachher freuen wir uns über das Erlebte und sprechen in der Rekreation darüber.» ◆ Schwester Andrea Felder (rechts im Bild) jasst für ihr Leben gern.

Rasten im Rhythmus In den fliessenden Rhythmus der Benediktinerinnen eintauchen: Ein Übernachtungsangebot des Klosters Fahr macht es möglich. PAUSE Beten, schweigen und in die innere Mitte finden: Sechs Mal im Jahr bietet das Kloster Fahr interessierten Frauen die Möglichkeit einer kurzen Verschnaufpause vom Alltag. Das Angebot «Im Rhythmus der Benediktinerinnen» beginnt jeweils freitags um 17.45 Uhr mit der Vesper und endet nach der Vesper um 18.15 Uhr am Samstag. Die Teilnehmerinnen übernachten in einem Gästezimmer unter dem Dach des Klosters oder im Propsteigebäude. Die einfachen Zimmer und der Ausblick auf den Klostergarten unterstützen den Prozess der Suche nach etwas Ruhe. Die Schwestern kommen täglich vier Mal für das gemeinsame Stundengebet zusammen. Auch die Teilnehmerinnen der Rhythmustage nehmen an den Gebetszeiten teil und erfahren so etwas vom Leitvers der Benediktinerinnen: bete und arbeite – ora et labora. In der freien Zeit gewährt das Programm seinen Gastfrauen viel Raum für Lesen, die Stille oder auch für ein Gespräch mit den Kursleiterinnen. Gelebte benediktinische Gastfreundschaft Jedes Wochenende der Rhythmustage ist einem bestimmten Thema gewidmet. Das Jahr 2024 steht unter dem Jahresmotto «Die Spuren des heiligen Benedikts in meinem Leben finden», 2025 widmet sich dem Thema «Das Leben lieben». Priorin Irene Gassmann und Jeanine Kosch, Theologin und Oblatin vom Kloster Fahr, gestalten benediktinische Impulse und regen zur Bibellektüre an. Dass sich die Gemeinschaft regelmässig für Besucherinnen öffnet, ist nicht selbstverständlich und ein gemeinsam getragener Entscheid. Das spüren auch die Teilnehmerinnen: Die Atmosphäre ist sehr gastfreundlich und herzlich, das Angebot beliebt. Das beweist die grosse Anzahl regelmässiger Teilnehmerinnen. ◆ Nächste Rhythmustage 18./19. Oktober Mit dem Segen laufen lernen 29./30. November Visionen teilen Via QR-Code gelangen Sie zum Programm. 21

22 salve 4/2024 Kunstvoll, schlicht und manchmal verborgen WISSEN Sonnenuhren werden seit der Antike verwendet und waren bis zum 19. Jahrhundert weit verbreitet. Sie dienten nicht nur zur Zeitmessung, sondern auch zur Justierung mechanischer Uhren. Ein Stab, auch Gnomon oder Polstab genannt, wirft einen Schatten auf einem skalierten Zifferblatt. Die Sonne bewegt sich im Laufe des Tages am Himmel und verändert so den Schattenwinkel, wodurch die Uhrzeit abgelesen werden kann. Abbildung aus «Von Sonnenuhren.» von Joseph Furttenbach d. Jüngere, 1652. Das Buch befindet sich in der Stiftsbibliothek Einsiedeln. Mit Frater Meinrad Hötzel auf den Spuren der Sonnenuhren im Kloster Einsiedeln

23 salve 4/2024 Frater Meinrad Hötzels Blick aus dem Fenster des Gangs vor seiner Klosterzelle schweift über den Fratergarten und bleibt bei zwei Sonnenuhren hängen. Sie befinden sich direkt an der Wand des Gebäudes rund um den Fratergarten. Eine Sonnenuhr ist mit viel Liebe zum Detail gemalt. Sie stammt vom Pinsel des Künstlers Pater Thaddäus Zingg (1903–1991) und wurde anlässlich des Marianischen Jahres 1954 erstellt. Neben der Uhrzeit in römischen Zahlen sind in prächtigen Farben ein Engel, die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind, ein Drache und zwei Bibelzitate abgebildet. Die andere Sonnenuhr stammt aus der Barockzeit und wurde wahrscheinlich von Pater Lukas von der Weid (1711–1785) gemalt. Bei ihr steht der praktische Nutzen im Vordergrund: Zwölf Striche und ein Zeiger in einem einfachen Rahmen zeigen die Uhrzeit an. Das einzige dekorative Element ist eine goldene Sonne. «Beide Sonnenuhren messen die Zeit, aber sie könnten unterschiedlicher nicht sein», so Frater Meinrad, der sich mit Sonnenuhren im Kloster Einsiedeln gut auskennt. Kunstvolle Zeitmesser Im Kloster Einsiedeln befinden sich insgesamt sieben Sonnenuhren. Im Küchengarten gibt es zwei barocke Wandsonnenuhren, im Fratergarten – dem Privatbereich der Mönche – sogar vier: drei barocke Sonnenuhren und die moderne Sonnenuhr aus dem Jahr 1954. Eine besondere Sonnenuhr steht im Treppenhaus der Stiftsschule. Auf den ersten Blick ist sie als solche nicht erkennbar. Es handelt sich um einen kunstvoll gravierten Stein, der 1763 von Ferdinand Reck geschaffen wurde. In einer Vertiefung auf der Oberseite befand sich ursprünglich ein Zeiger aus Metall, darunter sind Zahlen und die Muttergottes mit Kind eingeprägt. Auf der einen Seite ist der heilige Benedikt mit Sonne, Mond und Sternen abgebildet, auf der anderen der heilige Meinrad und seine Raben. Der Stein gehörte zu einer öffentlich zugänglichen Säulensonnenuhr. Es ist nicht bekannt, wo diese Sonnenuhr von 1763 stand. Die Sonnenuhr, die 1585 schriftlich erwähnt wird, stand vor der Abtei des Klosters Einsiedeln und zeigte Gästen die Zeit an. Heute ist nur noch der prächtige Stein von der Säulensonnenuhr übrig. Die Einsiedler Sonnenuhren aus der Barockzeit sind sehr unterschiedlich: Jene mit dem Drachen von Pater Thaddäus Zingg aus dem Jahr 1954 erzählt eine dreiste Anekdote.

24 salve 4/2024 «Der Tag beginnt mit dem Sonnenaufgang. Eine exakte Zeitmessung war jedoch früher nicht möglich: Auf eine Viertelstunde durfte es einem da nicht ankommen!» Frater Meinrad Hötzel einem da nicht ankommen!», lacht er. Um die Gebetszeiten einzuhalten, kamen neben Sonnenuhren Wasseruhren, Stundenkerzen oder Öluhren zum Einsatz, die gleichzeitig als Lampen dienten. Als das barocke Gebäude im Kloster Einsiedeln gebaut wurde, orientierten sich die Mönche bereits an Turmuhren und deren Glocken, und nicht mehr nur an Sonnenuhren. «Zum Glück geht die Turmuhr im barocken Gebäude, der Chruter, fünf Minuten vor. So weiss ich immer, wann ich los muss, um pünktlich beim Gebet zu sein», so Frater Meinrad. Möchte er wissen, wie spät es ist, verlässt er sich auf das Läuten der Turmglocken an den verschiedenen Standorten: Sie bimmeln nämlich immer dort, wo ein Gebet oder eine Veranstaltung stattfinden. Heute haben Sonnenuhren im Kloster wenig praktische Bedeutung, da sie nicht so präzise sind wie moderne Uhren. Zudem haben sich die Ansprüche an die Zeitmessung geändert: Zeit werde als ein gleichbleibendes, abstraktes System verstanden, und man passe sich nicht mehr dem natürlichen Sonnenverlauf und der Schöpfung an, so Frater Meinrad. «Für mich ist der Lauf der Sonne nicht nur ein abstraktes Konzept. Die Mönche im Kloster machen sich mit ihr auf den Weg durch den Tag und durch die Zeit – auf den Spuren ihres gemeinsamen Schöpfers. Die Sonne prägt den Tagesablauf im Kloster, auch heute noch.» Ein humorvoller Streit Noch einmal blickt Frater Meinrad auf die prachtvolle Sonnenuhr mit dem Drachen. «Da drüben wurde Professor Linus Birchler verewigt», schmunzelt er. Sein Blick fällt auf einen Drachen mit menschlichen Gesichtszügen. Als Pater Thaddäus Zingg im Jahr 1954 anlässlich des Marianischen Jahres eine Wandsonnenuhr gestaltete, erlaubte er sich einen Spass: Er malte seinen Erzfeind, den Denkmalpfleger Professor Linus Birchler (1893–1967) als Drache. Pater Thaddäus Zingg war nämlich im Dauerstreit mit ihm. «Linus Birchler hat wohl herzhaft gelacht, als er die Sonnenuhr gesehen hat», so Frater Meinrad. Diese Anekdote wird noch heute gern im Kloster erzählt. ◆ Von Sonnenuhren und Glockenläuten «Die Zeit im Blick zu behalten, ist für den Klosterablauf extrem wichtig», so Frater Meinrad. Der Ordensgründer Benedikt von Nursia legte fest, die Gebetsstunden nach dem Sonnenlauf auszurichten: Der Tag beginnt mit dem Sonnenaufgang. Eine exakte Zeitmessung sei jedoch früher nicht möglich gewesen. «Auf eine Viertelstunde durfte es Ein deutlicher Kontrast: Während die eine schlicht die Zeit anzeigt, ist die andere ein steinernes Kunstwerk mit vielen weiteren Botschaften.

25 MOMENTUM 25 Jeder Zettel, handbeschrieben, ein Tor zu zeitlosem Wissen: Der einstige Zettelkatalog oder Bibliothekskatalog der Stiftsbibliothek Einsiedeln war vor der Digitalisierung der Schlüssel zu unzähligen vergangenen Welten. Vordigital

Kontinuierliche Kreativität ANGEBOT Die festgelegte Abfolge von Festzeiten im Kirchenjahr besteht seit dem 16. Jahrhundert. Wichtig sei das Überraschende, findet Pater Martin Werlen – und lädt zu einem besonderen Seminar. «Das Kirchenjahr ist für mich ein spiritueller Weg durch das Jahr – gesäumt mit den Geheimnissen des Glaubens», sagt Pater Martin Werlen. Es beginnt mit dem ersten Advent: Die Gottesdienste und Liturgien – im Grunde das gemeinschaftliche christliche Leben selbst – richten sich nach einer jährlich wiederkehrenden Abfolge von christlichen Festen und Festzeiten. Das Kirchenjahr, wie wir es heute kennen, besteht aus zwei Festkreisen sowie den Sonntagen während des Jahreskreises. So sind der Weihnachts- und Osterfestkreis die beiden tragenden Säulen des Kirchenjahrs. Die Festkreise umfassen jeweils mehrere Wochen, gesäumt von feierlichen Fixpunkten – wie etwa die Adventssonntage, das Heiligenfest des heiligen Stephanus und Mariä Verkündigung im März – zusätzlich zu den Hochfesten. Vielfältige Botschaften «Die Säulen des Kirchenjahrs sind Bezugspunkte, wo wir uns wahrhaftig vom Wort Gottes berühren lassen und wo wir das Leben und den Glauben in allen Facetten bewusst wahrnehmen können», so Pater Martin. Für den Propst der Propstei St. Gerold in Österreich und einstigen Abt von Einsiedeln ist in Bezug auf das Kirchenjahr eines zentral: «Sowohl Hochfeste und Feiertage als auch Sonntagsgottesdienste dürfen keine Last oder Pflicht sein: In ihnen sollte das kreative und überraschende, das ehrliche und nicht immer harmonische Leben aufblühen können. In der bewussten Wahrnehmung der vielfältigen Botschaften der Feste können wir dem Glauben und seinen Geheimnissen ganz nah kommen.»

27 salve 4/2024 «Das kreative und überraschende, ehrliche und nicht immer harmonische Leben sollte aufblühen können.» Pater Martin Werlen Zeitgemässe Impulse Nach dem Osterfestkreis beginnt die Zeit im Jahreskreis, während der Feste wie etwa Mariä Himmelfahrt und Allerheiligen begangen werden. Seit dem 20. Jahrhundert werden bisweilen auch Sonntage im Jahreskreis als Themensonntage einem besonderen Anliegen gewidmet. Pater Martin: «Mit den Themensonntagen werden aktuelle Themen in die Liturgie einbezogen und so ins Zentrum gestellt. Der Weltgebetstag zur Bewahrung der Schöpfung oder der Gedenktag des Franz von Assisi und der Welttierschutztag beispielsweise lenken Blick, Herz und Gebet zu den Nöten der Gegenwart.» So haben alle Zeitabschnitte im Kirchenjahr ihre eigenen spirituellen Bedeutungen und laden ein, in Gemeinschaft dem Kern der Feiern nachzuspüren. «Im hektischen Alltag entgeht einem schnell, wo wir im Kirchenjahr stehen: Doch das Kirchenjahr mitzufeiern und ins Leben aufzunehmen, ist eine besondere Einladung, die eigene Perspektive stets neu auszurichten», so Pater Martin. Reisen mit Johann Sebastian Bach Der Propst der Propstei St. Gerold lädt auch deshalb diesen November zu einer besonderen Reise durch das Kirchenjahr ein: «Der Musikwissenschaftler Dr. Reinhard Czichy und ich wollen mit den Teilnehmenden einen überraschenden Spaziergang durch die Kantaten Johann Sebastian Bachs unternehmen. Über diese einzigartigen Musikstücke nähern wir uns dem Kirchenjahr auf eine kreative und lebendige Weise.» Während vier Tagen tauchen die Teilnehmenden in die musikalische Welt eines der grössten Komponisten der Barockzeit ein und «wecken so die Hoffnung und die Fragen, die eine lebendige Spiritualität ausmachen», so Pater Martin. Johann Sebastian Bachs geistliche Kantaten sind Meisterwerke barocker Kirchenmusik, komponiert für den liturgischen Gebrauch. Sie spiegeln seine tiefe Spiritualität und seine Hingabe zum christlichen Glauben wider. Für den deutschen Komponisten und Organisten war Musik eine Form des Gottesdienstes und der Lobpreisung: «Man spürt in den Kantaten, wie er sich auf die Geheimnisse des Glaubens mit ganzer Seele einliess – und wie er sich immer wieder neu inspirieren liess», sagt Pater Martin. Mit den Werken von Johann Sebastian Bach wollen die Organisatoren einen ebenso inspirierenden Zugang zum Kirchenjahr schaffen und sich gemeinsam mit der Gruppe die umfangreichen Werke erschliessen: «Unser Ziel ist auch, dass wir unseren Weg durch die Kantaten und das Kirchenjahr zusammen finden: Die Komposition der Teilnehmenden ergibt sozusagen eine ganz eigene Komposition unserer Zeit mit Johann Sebastian Bach und dem Kirchenjahr.» Die Wechselwirkungen und der Austausch stünden beim geplanten Seminar zum Kirchenjahr und zu den Kantaten von Johann Sebastian Bach im Zentrum: «Es ist immer beeindruckend zu sehen, was Einzelne in einer Gruppe auslösen können – ob mit Erfahrung in der klassischen Musik oder nicht: Was die Menschen mitbringen, wird aufgenommen und mit unserer musikalischen Reise verwebt.» Die Idee ist, dass die Teilnehmenden während des musikalischen Seminars als Gäste in der Propstei St. Gerold wohnen. Das Propstei-Hotel liegt wunderschön im Grossen Walsertal gleich ennet der Schweizer Grenze. Seine Gästezimmer wurden kürzlich renoviert und bieten eine entspannte Kombination aus Eleganz und Einfachheit: «Es ist ein Ort, wo Menschen ankommen können: Inklusion ist uns sehr wichtig – und wir sind auch für die eine oder andere Überraschung gut.» ◆ SEMINAR Durchs Kirchenjahr mit den Kantaten Johann Sebastian Bachs Das Kirchenjahr soll nicht so wie immer gefeiert werden. Denn die Geheimnisse des Glaubens begegnen einem stets in der konkreten Situation, in der man ist. Die Teilnehmenden wagen gemeinsam mit der Kursleitung mit verschiedenen Kantaten von Johann Sebastian Bach den Weg durch das Kirchenjahr. So wecken sie die Hoffnung und die Fragen, die die lebendige Spiritualität ausmachen. 17.–20. November Propstei St. Gerold Weitere Informationen via QR-Code Manuskriptseite aus Johann Sebastian Bachs Kantate Nr. 9

Die Fahrt mit dem Schiffstaxi auf die Insel Ufnau ist ein kleines Alltagsabenteuer: Die Wasseroberfläche glitzert, vor der Anlegestelle drosselt der Schiffsführer das Tempo, manövriert geschickt im seichten Gewässer. Bis zum Grund sind es hier, im oberen Zürichsee, nur wenige Meter. Nirgendwo sonst ist der See so karibikblau wie am südlichen Ufer der Ufnau. Zwischen Pfäffikon und Rapperswil liegt die natürliche Insel, die seit dem Jahr 965 dem Kloster Einsiedeln gehört. Als Grosspfarrei war sie im Mittelalter das geistige und kulturelle Zentrum am oberen Zürichsee; die Mönche nutzten sie für Gebete und Rekreation. Im Spätmittelalter entwickelte das Kloster eine reiche Weinbautradition, die es bis heute fortführt. Jahreszeiten und ihre Gefahren Umrundet ist das Eiland schnell, misst es doch nur elf Hektar. Ein holzbeschaffenes Transportschiff liegt am Ufer vertäut. «Während der Wümmet verladen wir die gelesenen Trauben auf einen Weidling und bringen sie ans gegenüberliegende Ufer», so Dominic Mathies, der Kellermeister der Klosterkellerei Einsiedeln. Auf diese Weise bringen die Erntehelferinnen und -helfer die zwei Tonnen schwere Fracht in einer vorsichtigen Fahrt an das gegenüberliegende Ufer nach Pfäffikon. Von dort aus werden die Trauben dann in die Klosterkellerei gebracht, wo sie gepresst und in Chromstahltanks und Holzfässern ausgebaut werden. Dominic Mathies winkt dem AUSFLUG Die klösterlichen Rebstöcke auf der Insel Ufnau werden seit Jahrhunderten gehegt und gepflegt: ein Streifzug mit Kellermeister Dominic Mathies. 28 salve 4/2024 Reifezeit und Erntezeit

Bootsführer zu und springt auf den Steg. Auf dem kurzen Fussmarsch bis zur Inselwirtschaft Ufnau sucht er den Himmel nach Anzeichen eines Wetterumschwungs ab. Schäfchenwolken vor tiefem Blau – von einer aufziehenden Front keine Spur. Dominic Mathies wirkt erleichtert, hat der nasskalte Frühling und Frühsommer doch schon genug Anlass für Sorgenfalten gegeben. «Im Sommer prüfe ich täglich bis zu zehnmal den Regenradar.» Der Önologe ist zuständig für die Qualität der Weine, Rebmeister Roland Steinmann verantwortet die Produktion der Trauben. Heute will sich Dominic Mathies vor Ort ein Bild über den Zustand der Reben machen. Den Inselbesuch nutzt er für einen kurzen Schwatz mit den Leiterinnen der Ufnau-Gastwirtschaft. Dort werden die Inselweine ausgeschenkt. Die Arbeit im Weinanbau ist sehr unberechenbar, und Gefahren lauern überall: Im Juni und Juli ist der falsche Mehltau die grösste Gefahr, ab August dann der Vogelfrass. Und bis kurz vor der Ernte kann ein einziger Hagelschlag immer noch die liebevoll gepflegte Kultur zunichtemachen. Klösterliche Rebberge Mit insgesamt 13 Hektar Rebland, acht davon am Zürichsee, gehört das Kloster Einsiedeln zu den grösseren Weinproduzenten der Region. Bei guten Erntemengen werden jährlich 29 salve 4/2024

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