SALVE 3/2024

1 salve 3/2024 3/2024 Mut Die Zeitschrift der Klöster Einsiedeln und Fahr salveKloster Welt Begegnung 6 18 12 22 Viele Tücken, ein gemeinsamer Takt Auf dem Floss rund um den Zürichsee Beherzte Entscheidungen Priorin Irene Gassmann und Autorin Irene Gysel zu Katharina von Zimmern Das Fundament des mutigen Handelns Bundesrätin Karin Keller-Sutter und Abt Urban Federer im Gespräch Jener, der Mut verschenkt Porträt über Spitalseelsorger Pater Markus Steiner

Titelbild dieser Ausgabe: Das Bild zeigt Bundesrätin Karin Keller-Sutter und Abt Urban Federer in gelöster Stimmung im Bernerhof, dem Sitz des Eidgenössischen Finanzdepartements EFD. INHALT EDITORIAL Abt Urban Federer Priorin Irene Gassmann 5 DIALOG Das Fundament des mutigen Handelns Bundesrätin Karin Keller-Sutter und Abt Urban Federer sprechen über Mut, Werthaltungen und Glauben. 6 PERSÖNLICH Jener, der Mut verschenkt Als Spitalseelsorger begleitet Pater Markus Steiner kranke Menschen durch existenzielle Krisen. 12 MOMENTUM Gedeihen 15 FABULA Die gefiederten Wächter Erzählstunde in der Stiftsbibliothek 16 HINTERGRUND Beherzte Entscheidungen Priorin Irene Gassmann und Autorin Irene Gysel über den Werdegang der letzten Äbtissin des Zürcher Fraumünsters 18 REPORTAGE Viele Tücken, ein gemeinsamer Takt Die abenteuerliche Flosswoche der Stiftsschule Einsiedeln 22 MOMENTUM Innehalten 25 PERSPEKTIVE «Meistens nehme ich eine Frage mit» An der Zuger Landeswallfahrt nehmen jeweils rund 1000 Personen teil. 26 REGULA «An dich richtet sich mein Wort» Pater Christoph Müller 31 ESSAY Die Dimensionen des Menschseins Pater Lorenz Moser 32 OPINIO Gegen den Strom Pater Kolumban Reichlin 34 REFLEXION Des heiligen Benedikt Mutprobe Pater Martin Werlen 36 TABULA Informationen und Ankündigungen 38 Impressum 43 salve 3/2024 Mut

4 salve 3/2024 Mut Diese Ausgabe der Zeitschrift salve widmet sich dem Thema Mut: Einfühlsame Porträts, angeregte Gespräche und überraschende Hintergründe beleuchten Mut aus verschiedenen Perspektiven. Eine vielschichtige Entdeckungsreise gibt Impulse zu weiterführenden Gedanken. Sie lädt dazu ein, die Verbindungen zwischen Kloster und Welt sowie das benediktinische Denken und Wirken stets neu kennenzulernen.

5 salve 3/2024 Sie halten die Zeitschrift salve in der Hand – mit einem überarbeiteten Konzept und im neuen Kleid: In jeder Ausgabe beleuchten wir ein Schwerpunktthema farbenfroh und interessant von verschiedenen Gesichtspunkten her. Eine schon lange bestehende Zeitschrift neu aufzulegen, braucht Mut. Das war auch früher schon so: Damals entstand aus zwei Schulzeitschriften und einem Wallfahrtsorgan die Zeitschrift salve, wie wir sie heute kennen. Alles Bekannte gibt das Gefühl von Beständigkeit, vom Vertrauten. Jede Veränderung bringt Verunsicherung mit sich. Dennoch sind wir froh um alle Schritte, die früher gemacht wurden, um die Zeitschrift salve in die Zukunft zu bringen. Denn die Gemeinschaften von Einsiedeln und Fahr sprechen in die Gegenwart – und diese verändert sich immer wieder. Mut öffnet den Weg für neues Leben, auch für Unbekanntes. Mut fördert und ermöglicht Lebendigkeit. Die Benediktinerinnen und Benediktiner möchten mutige Menschen sein – mutig, weil sie das Leben lieben. Sie sind verwurzelt in einer Tradition, bleiben jedoch nicht stehen, sondern stellen sich den Herausforderungen des Lebens. Sie gehen mutig Schritt für Schritt weiter und wagen Neues. Da liegt es nahe, Mut als Schwerpunktthema für diese Ausgabe zu wählen. Mut zeigt sich facettenreich, genauso wie die Beiträge in dieser Ausgabe. Jeder Mensch braucht in seinem eigenen Handeln Mut. Im Gespräch mit Bundesrätin Karin Keller-Sutter erfahren wir, worin mutiges Handeln gründet und weshalb Wertehaltungen wichtig sind. Pater Markus Steiner schenkt als Spitalseelsorger anderen neuen Mut und zweifelt dabei oft auch an sich selbst. Die Legende um den Eremiten Meinrad und seine Raben illustriert, wie Menschen früher Mut gefasst haben, um ihre Gegenwart zu verstehen und zu bereichern. Ein weiteres Stichwort zu Mut im klösterlichen Kontext ist die Demut. Demut ist ein altes Wort und meint nicht Unterwürfigkeit, sondern bedeutet Mut für Verantwortung. Mut über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, Weitblick für das Ganze, nicht an den eigenen Vorteil denken. Vielleicht ist Demut sogar die höchste Form von Mut! De-Mut zeigt sich bei Katharina von Zimmern: Ihr Mut half mit, dass es bei der Einführung der Reformation nicht schon zu Beginn zu Gewalt kam. Mehr zum Leben und Wirken dieser Frauenfigur erfahren wir in einem aufschlussreichen Gespräch. In spannenden Gastbeiträgen erhalten wir eine Einführung in den Tugendbegriff von Aristoteles. Der Kaplan der Schweizergarde, Pater Kolumban Reichlin, erzählt von seinem Leben als Kaplan und wie er die jungen Menschen im Dienst am Papst in ihrer mutigen Entscheidung unterstützt. Und wir erfahren, dass Struktur und Kreativität kein Widerspruch im klösterlichen Leben sind. Die Stiftsschule Einsiedeln nimmt uns mit auf ihr Flossabenteuer und Zuger Wallfahrerinnen und Wallfahrer verraten uns, wofür sie gerade Mut brauchen. Heute sind wir in der Bildung aufgefordert, Mut zu beweisen, in der Wallfahrt, in der Gastfreundschaft und in der weltweiten Kirche. Wir sind überzeugt: Wenn wir Mut beweisen, werden auch künftige Generationen davon profitieren können. Jedem Aufbruch geht Mut voraus. Wer mutig aufbricht und vorwärtsgeht, kann wachsen, dem weitet sich das Herz und er geht den Weg in einer Freude, die man nicht beschreiben kann. Abt Urban Federer Kloster Einsiedeln Priorin Irene Gassmann Kloster Fahr Liebe Leserinnen, liebe Leser EDITORIAL

6 salve 3/2024 Das Fundament des mutigen Handelns DIALOG

7 salve 3/2024 Abt Urban Federer und Bundesrätin Karin Keller-Sutter gehen im gemeinsamen Interview dem Mut auf die Spur: Worin gründet mutiges Handeln eigentlich? Warum sind Wertehaltungen so wichtig – und darf es auch mal eine Prise Übermut sein?

8 salve 3/2024 — Benedikt von Nursia schuf mit der Benediktsregel eine Anleitung zum Leben in klösterlicher Gemeinschaft. Bundesrätin Karin Keller-Sutter, Sie selbst lesen regelmässig in dem rund 1500 Jahre alten Text. Warum? Karin Keller-Sutter: Für mich beinhaltet die Benediktsregel viel bereichernde Spiritualität. Im Alltag geht das Wesentliche gern vergessen: Das Leben ist unberechenbar, alles ist endlich und verändert sich stetig. Diese und viele weitere zentrale Lebensthemen werden angesprochen – und angeleitet. Es ist wichtig, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, was wirklich zählt. Die Benediktsregel wird oft missverstanden. «Ora et labora!» heisst es in ihr, also «bete und arbeite!». Dabei muss man verstehen: Die Arbeit ist das Gebet, denn sie ist sinnstiftend und erfüllend. Abt Urban: In der Benediktsregel ist die Wertschätzung der Arbeit als ein Weg der Hingabe zu Gott und der Gemeinschaft ein zentrales Thema: Sie ist ein Ratgeber ebenso für das alltägliche, weltliche Leben wie für klösterliche Gemeinschaften. Die angesprochenen Textstellen gehen auf die Haltung und den Geist, mit dem die Arbeit verrichtet werden soll, ein. Karin Keller-Sutter: Die innere Haltung ist für mich ein wichtiger Aspekt des Glaubens. Ich bin im katholischen Glauben aufgewachsen. Steh zu dem, wovon du überzeugt bist, auch wenn es vielleicht unpopulär ist – diese innere Werthaltung lernte ich von Kindesbeinen an. Mein Glaube ist privat, gleichzeitig hilft er mir, auch im Amt zu meinen Überzeugungen zu stehen. Abt Urban: Amt und Person sind meiner Meinung nach zu unterscheiden – und gleichzeitig sind es eben solche persönlichen Überzeugungen, die einen gerade bei schwierigen Aufgaben unterstützen können. Das ist uns übrigens auch in der Stiftsschule wichtig: Um ehrlich zu sein, gehe ich nicht davon aus, dass die Jugendlichen den Schulstoff stets akribisch lernen – was sie aber unbedingt lernen sollen, ist sich selbst zu sein und zu sich zu stehen. Hier hilft der Glaube sehr: Denn in ihm liegt ein Gefühl, getragen zu sein, ein stärkendes Grundgehaltensein. «Die eigenen Handlungen müssen der Gemeinschaft gegenüber verantwortungsbewusst sein. » Karin Keller-Sutter

9 salve 3/2024 Karin Keller-Sutter: Der Glaube befähigt, das erlebe ich auch so. Apropos Schule: Als Kind betete ich vor Prüfungen manchmal für gute Noten – bis ich zu der Erkenntnis kam, dass es beim Gebet um etwas anderes geht. Es geht um Befähigung, um die Kraft und den Mut, Herausforderungen anzunehmen. Und es geht auch darum, seine innere Haltung anzunehmen. Abt Urban: Ja, das Gebet spendet Mut und Kraft – und es kann ein Dialog sein. «Höre!»: Mit dieser Aufforderung beginnt der Prolog der Benediktsregel, und: «Neige das Ohr deines Herzens.» Mit offenem Herzen hinzuhören und auch aufeinander zu hören: Das stärkt und macht mutig für die Zukunft. Wer etwa eine führende Rolle innehat, muss Verantwortung übernehmen und vorangehen – das ist nicht zu vermeiden. Vor jeder Entscheidung steht für mich der Austausch und das Gebet. Karin Keller-Sutter: Für mich ist klar: Ob im Amt oder nicht, man muss hinstehen und entscheiden – und diese Entscheidungen dann tragen. Eine innere Werthaltung, oder eben dieses Grundgehaltensein, hilft dabei und stärkt den eigenen Mut. Als verantwortungsvolle Führungsperson muss man für sein Team unbedingt ein Klima mit offenen Gesprächen schaffen. Man braucht gute, und vor allem kritische und mutige Mitarbeitende, denn dadurch wird das ganze Team besser und erfolgreicher. Abt Urban: Das erlebe ich auch so. Und: Nachdem etwas entschieden worden ist, muss man auch vertrauen und loslassen können. Zuweilen erfordert das auch Mut. Was mir vor allem wichtig ist: Im Dialog kann ich den Mut zur Tatkraft fördern. — Das Lesen der Benediktsregel kann die innere Werthaltung und den Fokus auf das Wesentliche stärken. Diese sind wichtig, um Verantwortung zu übernehmen und Mut zu fördern. Auch die Stiftsschule Einsiedeln ist von der benediktinischen Tradition geprägt. Dort wurden sechs Grundhaltungen definiert, die besonders vermittelt werden sollen: Verantwortung, Disziplin, Liebe, Neugier, Wahrhaftigkeit und mutiges Handeln. — Karin Keller-Sutter, wie würden Sie Jugendlichen erklären, was mutiges Handeln eigentlich ist? Karin Keller-Sutter: Mutiges Handeln bedeutet für mich, dass man sich eine Meinung bildet und diese vertritt – nicht stur, aber beherzt. Auf der inneren Haltung und Wertvorstellung kann man bauen. Man muss eine eigene Persönlichkeit entwickeln, die sich mit der Zeit festigen kann. Abt Urban: Die Verunsicherung ist zuweilen recht gross bei Jugendlichen: Mir ist es wichtig, dass sie lernen, sich selbst zu sein. Das angesprochene Grundgehaltensein – im Tiefsten angenommen zu sein – hilft, einen Glauben auch in die Zukunft zu entwickeln und zu festigen. Und mit der Zeit seinen Platz zu finden, der auch zu einem passt.

10 salve 3/2024 Karin Keller-Sutter: Diesbezüglich spielen Vorbilder eine wichtige Rolle. Man sollte eigene Vorbilder klug wählen und sich nicht von Oberflächlichkeiten blenden lassen. Nicht Äusserlichkeiten, sondern die Wertvorstellungen zählen. Heute sehe ich, wie mutig meine Eltern waren. Mein Vater war selbstständig und führte zusammen mit meiner Mutter ein Restaurant. Es war ihnen wichtiger, selbstbestimmt zu leben, als reich zu werden. Als Jugendliche war mir das nicht so bewusst. Heute schaue ich manchmal in den Spiegel und sehe meine verstorbene Mutter, die ich in den Tod begleitet habe. Es sind die Beziehungen, die bleiben und die uns lehren, was für uns zählt. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an meine Mutter denke. — Jugendliche können mutiges Handeln durch das Entdecken der eigenen Persönlichkeit lernen – wichtig sind dabei die richtigen Vorbilder und die Beziehungen. Karin Keller-Sutter, gerade wenn wir von der Jugend sprechen: Darf man auch mal übermütig sein? Karin Keller-Sutter: Natürlich, dafür haben wir Katho- liken ja die Fasnacht! Da fällt mir auf Anhieb das «Wiler Fasnachtslied» ein: «S’ganz Jahr müemer ordli tue, blased mer drum hüt i d’Schue!» Ausgelassen sein und Neues zu entdecken, ist schön und tut gut. Aus der Leichtigkeit darf aber kein Leichtsinn werden. Die eigenen Handlungen müssen der Gemeinschaft gegenüber verantwortungsbewusst sein. Für mich persönlich ist es natürlich ein wichtiger Unterschied, ob ich als Bundesrätin eine Entscheidung treffe oder als Privatperson. Abt Urban: Es braucht den Übermut – und es braucht immer auch das Mass. Wenn ich als Abt über die Stränge hauen würde, könnte ich das nicht mit mir selbst vereinbaren. Apropos Mass: Dieses ist auch zwischen Hochmut Karin Keller-Sutter brachte ihre schweizerdeutsche Ausgabe der Benediktsregel zum Gespräch mit: Sie enthält eine Widmung des Autors Pater Christoph Müller aus Einsiedeln.

11 salve 3/2024 und Mutlosigkeit, also zwischen einer Über- und Unterschätzung des Selbst, enorm wichtig. Oft ist man auch hier auf ein Gegenüber angewiesen, das einem in Gesprächen hilft, das richtige Mass zu erkennen. Karin Keller-Sutter: Um Mass halten zu können, braucht es auch Selbstdisziplin: Man muss sich abgrenzen und Nein sagen können – und so zu sich selbst Sorge tragen. Ich begehe jedes Jahr mit meinem Mann die Fastenzeit. Dieser Verzicht ist etwas Stärkendes und gibt mir Energie. Und es ist schön, wenn man danach wieder etwas geniessen darf – oder man merkt, dass es einem gar nicht gefehlt hat! — Bundesrätin Karin Keller-Sutter, Sie haben einen starken Bezug zum Kloster Einsiedeln: Welchen Beitrag leisten die Klöster in Ihren Augen? Karin Keller-Sutter: Die Klöster sind für viele unsichtbar in unserer heutigen säkularen Welt, auch das Klosterleben blieb und bleibt vielen verborgen. Ich finde, den Bildungsauftrag, den viele Klöster in ihren Schulen umsetzen, sehr wichtig. Ich selbst war in der Schule des Dominikanerinnenklosters St. Katharina in Wil und habe als Jugendliche nicht begriffen, warum ich auf eine katholische Mädchenschule gehen soll. Im Nachhinein wurde mir bewusst, dass ich in dieser traditionellen Bildungseinrichtung sehr viel gelernt habe. Ich finde es auch wichtig, dass die Klöster und ihre Ordensgemeinschaften als Teil der Gesellschaft sichtbar sind und ihre Spiritualität weitergeben. Abt Urban: Die Klöster sind auch für eine Art Friedensarbeit hier. Frieden – innerlichen Frieden – kann man nicht einfach einfordern. Klöster können Menschen einen Raum bieten, von dem sie etwas mehr Zufriedenheit wieder nach Hause nehmen können. Klöster sind für viele unsichtbar; dennoch wollen wir im Kloster Einsiedeln bewusst für die Menschen da sein. ◆ Bundesrätin Karin Keller-Sutter Das Studentenverbindungs-Vulgo von Bundesrätin Karin Keller-Sutter lautet bezeichnenderweise «Courage». Katholisch aufgewachsen ging sie an die Mädchenschule des Dominikanerinnenklosters St. Katharina in Wil und hatte während ihrer Schulzeit auch Exerzitien im Kloster Einsiedeln. Karin Keller-Sutter liest regelmässig in der Benediktsregel: «Sie ist eine grosse Lebenshilfe.» Abt Urban Federer Abt Urban Federer steht seit 2013 dem Kloster Einsiedeln als Abt vor. Er besuchte die Stiftsschule in Einsiedeln und legte hier 1992 die Ewige Profess ab. Als Abt trägt er die Verantwortung für die geist- lichen und weltlichen Belange des Klosters. «Als ich meinen Eltern gesagt habe, dass ich ins Kloster gehe, hat das Mut gebraucht.» «Es braucht den Übermut – und es braucht immer auch das Mass.» Abt Urban Federer

13 salve 3/2024 Jener, der Mut verschenkt PERSÖNLICH Als Spitalseelsorger begleitet Pater Markus Steiner kranke Menschen durch existenzielle Krisen. Seit über fünf Jahrzehnten lebt Pater Markus Steiner im Benediktinerkloster Einsiedeln. Zweimal in der Woche lässt er die Klostermauern hinter sich und fährt mit dem Zug nach Lachen. Im dortigen Spital steht er Menschen in seelischen Notlagen bei. Heute ist es sonnig, doch der Wind zerrt an den Bäumen und Blättern, und der See «schäfelt» – so nennt der 77-Jährige die Schaumkronen, die sich auf der Wasseroberfläche kräuseln. Weiss-grau aufgeraut erinnern sie an die Wolle eines Schafs. Nicht weit von hier entfernt ist Pater Markus aufgewachsen: oberhalb des Sees in Ausserschwyz. Nach seiner vorherigen Tätigkeit als Rektor und Lehrer an der Stiftsschule Einsiedeln hat er viel Zeit hinter dem Schreibtisch verbracht. Im Spital Lachen ist er wieder nah an den Menschen – und an der Mystik des Lebens. Die Lehre des berühmten Theologen Dietrich Bonhoeffer ist die Nadel, nach der er seinen Kompass als Spitalseelsorger ausrichtet. «Ich teile mit ihm die tiefe Überzeugung, dass uns Gott in jeder Notlage genauso viel Widerstandskraft gibt, wie wir benötigen.» Diese Gewissheit nährt ihn – und sie verlässt ihn auch dann nicht, wenn er schwerkranken Patientinnen und Patienten Mut zuspricht. Lösende Tränen in Krisen Vor jedem Schichtantritt geht er in die Spitalkapelle, stellt sich vor das Kruzifix, die Muttergottesstatue und den Tabernakel. Er wird einen Moment still. «Ich bete für die Patientinnen und Patienten, die mir gleich begegnen werden – aber auch für mich», sagt Pater Markus. «Dafür, dass ich ihnen mit einem offenen Geist entgegentreten kann.» Danach besucht er die Patientinnen und Patienten, vor allem die römisch-katholischen. Für gewöhnlich macht er das am zweiten Tag ihres Spitalaufenthalts. Es kommt auch vor, dass er einen Anruf des Pflegepersonals erhält: Jemand durchlebt eine Krise. Pater Markus ist zur Stelle, setzt sich neben das Bett. Jemand wünscht sich ein offenes Ohr, manchmal braucht es auch einfach nur eine Person, die da ist. «Man merkt schnell, was dem Menschen in dieser Situation wichtig ist.» Verebbt das Gespräch, betet er mit der Person oder segnet sie, wenn das gewünscht wird. «Oft kommen der gesegneten Person dann die Tränen.» Rituale für die Verankerung Verwundbar zu sein und diese Emotion auch zulassen zu können, ist Teil des Spitalalltags. «Wenn Menschen mit der Endlichkeit des Lebens oder ihrer Gesundheit konfrontiert sind, werden sie oft wütend, traurig oder fühlen sich ohnmächtig», so Pater Markus. Das sei erst mal schwierig auszuhalten. «Ich finde es aber wichtig, diesen Gefühlen Raum zu geben.» Auch an der Freude der Menschen nimmt er teil: Wenn die Therapie anschlägt, die Schmerzen nachlassen oder ein Patient oder eine Patientin nach einem langen Spitalaufenthalt wieder nach Hause darf – und natürlich die Hochgefühle nach einer Geburt. «Als Spitalseelsorger erlebe ich das ganze Spektrum des Menschseins.» Auch Sterbende begleitet er. Auf Wunsch spendet er die Krankensalbung. Dabei legt er ihnen seine Hände auf den Kopf und ruft für sie den Heiligen Geist an. Er zeichnet ihnen mit Öl ein Kreuz auf die Stirn und die Handflächen. «Die Krankensalbung ist berührend im doppelten Wortsinn», sagt Pater Markus. Oft habe er erlebt, dass die Krankensalbung auch beim Loslassen helfe. Sie könne aber auch stärkend wirken. Auch viele Angehörige würden die Salbung als sehr schön und erlösend erfahren. «Rituale wie diese verankern uns in einer tieferen Dimension – sie sind sehr vertraut und führen doch über den festen Grund hinaus.»

14 salve 3/2024 «Mit dem berühmten Theologen Dietrich Bonhoeffer teile ich die tiefe Überzeugung, dass uns Gott in jeder Notlage genauso viel Widerstandskraft gibt, wie wir benötigen.» Pater Markus Steiner, Spitalseelsorger Ohnehin ist Sterben für ihn vielfach tröstlich: Die Person öffnet sich für einen grossen neuen Schritt, der Kreis schliesst sich. Nach einem Nachmittag als Seelsorger im Spital hat auch seine Seele Pflege nötig. Neue Kraft findet er im Schlaf und in der Natur. Ein weiterer wichtiger Pfeiler ist der Rückhalt seiner Mitbrüder im Kloster. Seelsorge in der Kutte Neben Pater Markus Steiner sind in der Spitalseelsorge Lachen die katholische Seelsorgerin Marlies Frischknecht und Pfarrer Klaus Henning Müller sowie zwei weitere Personen von reformierter Seite tätig, aufgeteilt nach Bezirken. Als einziger ist Pater Markus Steiner durch seine Kleidung klar als Geistlicher erkennbar. Lange hat er überlegt, ob er die Kutte im Spital tragen soll – und hat sich bewusst dafür entschieden. «Die Kutte steht für Tradition. Im Bezirk March, soweit noch religiös geprägt, kommt mir das zugute.» Zudem erhofft er sich, durch die persönlichen Begegnungen Vorurteile abbauen zu können. Mutig ins Unbekannte Pater Markus spricht leise und überlegt. Mitunter zweifelt er an der Wirkung seiner Arbeit. «In solchen Momenten bin ich unsicher, ob ich wirklich an die Patientin oder den Patienten herangekommen bin.» Auch sein Start als Spitalseelsorger war von grossen Zweifeln begleitet. Seelsorge war ihm vertraut – schliesslich stand er schon manchen Mitbrüdern bei Krankheit bei, «doch auf fremde Menschen zuzugehen, macht mir eher Mühe.» Pater Markus sehnte sich danach, seelsorgerisch tätig zu sein, doch hatte er dabei eher an die Mitarbeit in einer Pfarrei gedacht. Als ihm der Abt das Spital vorschlug, musste er erst einmal leer schlucken. Er schickte sich hinein, wagte den Schritt ins Unbekannte. «Bereits am ersten Tag habe ich gespürt: Ich bin dem gewachsen.» Manchmal begegnet er Irritationen sogar mit einem lockeren Spruch. Dann zum Beispiel, wenn Patienten ihn fragend anschauen oder gar erschrecken, wenn er in der schwarzen Kutte ihr Zimmer betritt. «Kommt der Pater jetzt für meine letzte Ölung?» fragt ihr Blick. Pater Markus lächelt, sodass die buschig-weissen Augenbrauen fast senkrecht stehen. «Ich sage dann: ‹Ich komme nicht nur beim Sterben, sondern auch beim Leben.›» ◆

15 MOMENTUM Jedes Jahr erblüht ein zartrosa Traum vor der Marienpforte des Klosters Einsiedeln: Die prachtvolle Schönheit des Kirschbaums entfaltet sich mit jeder aufgehenden Blüte ein wenig mehr. Sie erinnert an die so zarte wie ungestüme Kraft der Natur. Gedeihen

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Die gefiederten Wächter FABULA Warum sind zwei Raben wichtig für Einsiedeln? Eine fiktive Führung nimmt die Besucherinnen und Besucher mit in eine Erzählstunde zur Gründungsgeschichte. «Bücherwürmer aufgepasst! Jetzt wird es aufregend», sagt Pater Pius. Er öffnet die schwere Eisentür zur Einsiedler Stiftsbibliothek, die im 18. Jahrhundert erbaut wurde. Wie immer auf Führungen lässt er die Gruppe zuerst eintreten. «Die Bibliothek gilt als Spiegel des geistigen Lebens und ist Zeugnis unserer ununterbrochenen …» «Wunderbar!», sagt eine junge Frau andächtig. Sie legt den Kopf in den Nacken und richtet den Blick beeindruckt zur Gewölbedecke. In einer spontanen Geste der Freude dreht sie sich einmal um die eigene Achse. Die anderen Teilnehmenden sehen sich staunend um, nicken verstehend. Die hohe Decke, die verschnörkelten Säulen, die Bücher doppelstöckig auf Gestellen an den Wänden… was für eine Bibliothek! Pater Pius lächelt, als Büchernarr kann er ihre Reaktion gut verstehen. «Der Bücherschatz be- steht aus rund 230 000 Bänden aus allen Wissensgebieten.» «Und was bedeuten die zwei Raben?» Die junge Frau kneift die Augen zusammen. Sie begutachtet das Klosterwappen, das wie eine Art Siegel an der Brüstung der Gallerie befestigt ist: zwei Raben auf gelbem Grund, ihre Schwingen weit ausgebreitet. Pater Pius kennt das Wappen bereits sein ganzes Leben lang, doch nun sieht er es mal wieder bewusst an: «Laut Legende waren die zwei Raben die Begleiter des heiligen Meinrad. Ohne ihn gäbe es weder unsere Klostergemeinschaft noch den heutigen Bezirk Einsiedeln. Meinrad ging im 9. Jahrhundert auf die damals berühmte Klosterschule auf der Insel Reichenau und war laut Überlieferung ein vorbildlicher Benediktinermönch. Von seinem Abt und Onkel wurde er als Lehrer in ein kleines Kloster am Zürichsee geschickt. Doch er sehnte sich nach Einsamkeit. Nach einem kurzen Aufenthalt auf dem Etzel am Ufer des Zürichsees, zog Meinrad sich noch weiter zurück: Im schwer zugänglichen und unwirtlichen ‹Finstern Wald›, wo heute das Kloster Einsiedeln steht, errichtete er seine Einsiedelei. 26 Jahre lebte Meinrad in Demut und Bescheidenheit, ernährte sich von Waldfrüchten, trank Quellwasser und pflegte das Fasten. Er war sehr gastfreundlich und teilte sein spärliches Hab und Gut mit den Armen, die ihn besuchten. Immer an seiner Seite: zwei Raben mit glänzendem Gefieder. Am 21. Januar 861 passierte dann das Unglück: Zwei Räuber kamen in Meinrads Einsiedelei. Er versagte ihnen die Gastfreundschaft nicht, gab ihnen aber zu verstehen, dass er wusste, mit wem er es zu tun hatte. Sie erschlugen ihn und flüchteten. Seine zwei Raben nahmen die Verfolgung auf und liessen die beiden Mörder nicht mehr aus den Augen, bis sie Zürich erreichten. In der Limmatstadt machten die Raben mit wildem Krächzen und Flügelschlagen auf die Räuber auf- merksam. Sie wurden erkannt, vor Gericht gestellt und zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Später ehrten die Einsiedlerinnen und Einsiedler die mutigen Raben, indem sie sie zu ihrem Wappentier machten: auf gelbem Grund für das Kloster, auf rotem Grund für das Dorf.» «Armer Meinrad», seufzt ein junger Mann. «Was für eine Geschichte!», staunt die Andächtige. «Wie klug von den Raben!», bemerkt jemand anderes. «Ist Rache eigentlich nicht eine Sünde?», fragt eine ältere Frau. Pater Pius legt den Zeigefinger an die Lippen. «Pssst! Bitte keinen Tumult in der Bibliothek. Die Geschichte ist noch nicht ganz zu Ende: Das Haupt des heiligen Meinrad ruht in einer silbernen Kapsel im Hochaltar der Klosterkirche.» Nicht ohne Stolz fügt er hinzu: «Es ist die wertvollste Reliquie des Klosters Einsiedeln.» FÜHRUNGEN UND BESICHTIGUNGEN Klosterkirche, Skriptorium – oder Marstall: Das Kloster Einsiedeln bietet diverse Führungen und Erlebnisse. →www.kloster-einsiedeln.ch 17 salve 3/2024

salve 03/2024 Priorin Irene Gassmann (l.) trägt seit 21 Jahren die geistliche und betriebliche Verantwortung für die benediktinische Gemeinschaft Fahr. Ihre Gesprächspartnerin Irene Gysel (r.) repräsentiert die Brücke in die Vergangenheit: Sie erforscht Frauenfiguren aus dem vorreformatorischen Zürich. Ihr neustes Werk hat sie Katharina von Zimmern gewidmet, der letzten Äbtissin von Zürich. Diese nahm als gewiefte Strategin politisch auf Staat und Kirche Einfluss.

19 salve 3/2024 Ist das damalige Klosterleben mit dem von heute vergleichbar? Priorin Irene: Dieser Frage bin ich einmal nachgegangen, weil sie mich auch sehr beschäftigt. Offenbar wohnten im Fahr Bürgerinnen, während die Fraumünsterabtei Adligen vorbehalten war. Irene Gysel: Das stimmt. Katharina von Zimmerns Stift bestand aus fünf Chorfrauen. So nannte man damals die Frauen in weltlichen Stiften. Das Fraumünster selbst war ein benediktinischer Orden. Alle Frauen kamen aus adligen Familien. Später hat Katharina versucht, das Stift zu reformieren, indem sie auch nicht adlige Frauen aufnahm. Die Chorfrauen im Fraumünster waren Benediktinerinnen, führten aber ein Leben wie Stiftsdamen und wehrten sich gegen jede Veränderung. Sie assen und schliefen nicht gemeinsam, sie lebten und kochten mit Dienstboten in ihren eigenen Wohnungen. Sie hatten auch ein eigenes Einkommen und konnten verreisen, wie sie wollten. Unter den Historikern und Historikerinnen gibt es einen grossen Streit darüber, ob das noch als benediktinisch gilt. Wie sah das religiöse Leben aus? Irene Gysel: Die Gesänge und der ordentliche Ablauf des Gottesdienstes bedeuteten Katharina von Zimmern sehr viel. Dabei legte sie eine gewisse Strenge an den Tag. Einem neu angestellten Sigrist drohte sie gar mit Entlassung, sollte er sich nicht daran halten. Priorin Irene: Schön zu hören, dass ihr das wichtig war. Die Hauptaufgabe von uns Benediktinerinnen ist die Pflege des Stundengebets. Sechs Mal im Tag kommen wir in der Kirche zusammen, um gemeinsam zu beten. Die Psalmen werden bei uns gesungen, das finde ich sehr schön – es bringt so eine Ruhe hinein. Wir leben also noch weitgehend so, wie vom heiligen Benedikt vorgeschrieben. Mit einer Ausnahme: Die Vigil um 5.20 Uhr beten wir inzwischen eigenverantwortlich – also jede für sich, wo und wann sie möchte. Das hat praktische Gründe. Einige der Schwestern brauchen Hilfe beim Aufstehen, daher ist es eine Entlastung für alle. Wie sahen Katharinas Aufgaben als Äbtissin aus? Irene Gysel: Sie verwaltete über hundert Höfe. Ich vergleiche ihre Rolle gern mit der einer Verwaltungsratspräsidentin. Sie traf viele Entscheide, oft ging es dabei um Personen. Die Leute auf den Höfen waren ja alle Leibeigene des Klosters. Priorin Irene, 500 Jahre später amten Sie in ähnlicher Funktion. Priorin Irene: Mit dem Unterschied, dass das Kloster Fahr kein Grundeigentum besitzt. Die Kirche, die Gebäude, Weinberg und Ackerland von 50 Hektaren gehören dem Kloster Einsiedeln und werden vom Fahr verwaltet. Deshalb bin ich auch Priorin und nicht Äbtissin. Ab 2005 trug ich die Gesamtverantwortung über das Kloster und die Schule, den Hof und die Gastronomie. So kamen wir auf dreissig Mitarbeitende. Seit einiger Zeit haben wir die Betriebe verpachtet und ich freue mich über die innovativen Menschen, die das Areal weiterentwickeln. Wir haben zwar Macht und Verantwortung abgegeben, aber sichergestellt, dass es in unserem Sinne weitergeführt wird. Wie sehen Sie als Priorin Ihre Rolle innerhalb der Gemeinschaft? Priorin Irene: Die Schwestern stehen für mich im Zentrum. Im Moment sind wir 18, als ich Priorin wurde, waren wir 31. Es ist mir ein Anliegen, dass die Schwestern geistlich wachsen Beherzte Entscheidungen HINTERGRUND Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr und Autorin Irene Gysel über die letzte Äbtissin des Fraumünsters – und den Mut, den Weitsicht zuweilen benötigt.

20 salve 3/2024 «Katharina von Zimmern hätte problemlos Menschen um sich scharen können. Als wache Zeitgenossin hat sie die Entwicklungen der Zeit aber erkannt.» Irene Gysel, Autorin können. Je länger, je mehr spüre ich: Ich bin wirklich wie ihre Mutter. Sie sind froh, wenn ich vor Ort bin – denn ich bin auch viel unterwegs. Ich engagiere mich in verschiedenen kirchlichen Gremien und pflege gerne mein Netzwerk. Katharina wählte einen radikalen Schritt und übergab die Abtei mit allen Ländereien der Stadt Zürich. Wie schwer fiel ihr der Entscheid? Irene Gysel: Wenn man in den Urkunden zwischen den Zeilen liest, spürt man: Sie hat sehr damit gerungen. Sie hätte problemlos Menschen um sich scharen können, die gegen die Reformation waren – es gab genug Zürcherinnen und Zürcher, die altgläubig bleiben wollten. Doch sie hat sich bewusst für einen anderen Weg entschieden. Als wache Zeitgenossin hat sie die Entwicklungen der Zeit erkannt. Wie stark spielte es dabei eine Rolle, dass sie eine Frau war? Irene Gysel: Das ist die grosse Frage! Ich finde es sehr spannend, dass jeder Frauenkonvent einen anderen Weg ging. Die Äbtissin von Genf hat den Weg der Konfrontation gewählt, es kam zum Bürgerkrieg. Manche Klosterfrauen wollten ihre Abteien unter allen Umständen vor der Aufhebung bewahren. Dadurch nahmen sie auch in Kauf, dass ihnen übel mitgespielt wurde. Wie ordnen Sie Katharinas Tat historisch ein? Irene Gysel: Kirchengeschichtlich ist sie einzigartig. Die Stimmung war so aufgeheizt, dass sie damit einen Bürgerkrieg verhinderte. Sie war 46 und seit 28 Jahren Äbtissin – eine irrsinnig lange Zeit. Es ist überliefert, dass sie der Stadt ermöglichen wollte, auf ihrem eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Sie war eine mutige, vorausschauende Frau mit klaren Visionen. Priorin Irene: Der Entscheid muss über Monate und Jahre in ihr gewachsen sein. Statt ihn vor sich herzuschieben, hat sie ihr Schicksal aktiv an die Hand genommen. Als Priorin müssen Sie auch folgenschwere Entscheide treffen. Priorin Irene: Am meisten gerungen habe ich damit, die Bäuerinnenschule zu schliessen. Wir hatten so viele Wartelisten, gleichzeitig waren die Schule und das Internat kosten- und personalintensiv. Es war mir wichtig, den Konvent miteinzubeziehen. Das ist mein Verständnis von guter Führung: Vorauszuschauen und gemeinsam zu entscheiden, wie es weitergeht. Als meine Mitschwestern die Idee positiv aufnahmen, spürte ich eine grosse Erleichterung. Fiel auch von Katharina von Zimmern eine emotionale Last? Irene Gysel: Es war sicher beides: Erleichterung und Trauer. Ich bin überzeugt, dass sie das benediktinische Leben mit seinem vorgegebenen Rhythmus sehr vermisst hat. Sie hat ja so lange in diesen Strukturen gelebt. Mit der Abteiübergabe begann für Sie ein komplett neuer Lebensabschnitt. Sie verliess das Kloster, heiratete und gründete eine Familie. Nachdem ihr Mann Eberhard von Reischach in den Kappelerkriegen gefallen war, kehrte sie in die Abtei zurück. Dort hatte sie sich ein Wohnrecht gesichert. Später trat sie dieses

21 salve 3/2024 ab und kaufte mit dem erhaltenen Geld ein Haus in einer vornehmen Gegend von Zürich. Sie war auch nicht bevogtet; was für eine Frau der damaligen Zeit sehr selten war. Wie ging es nach der Reformation mit dem Kloster Fahr weiter? Priorin Irene: Nach der Reformation wurde es aufgelöst. Man sagt, dass Huldrych Zwingli ins Fahr gekommen ist, um den Schwestern den Rat zu geben, mit dem Mettegesang aufzuhören und eine Familie zu gründen. Doch schon 1549 wurde die Kirche wieder geweiht. 1576 begannen zwei Klosterfrauen aus dem Kloster Engelberg wieder mit dem Aufbau des klösterlichen Lebens im Fahr. Mit Unterbruch der Aargauer Klosteraufhebung von 1841 bis 1843 leben wieder ununterbrochen Benediktinerinnen im Fahr. ◆ Priorin Irene Gassmann Irene Gassmann steht seit 21 Jahren dem Kloster Fahr vor. Im Jahr 2016 pilgerte sie nach Rom, um sich für die Anliegen der Frauen einzusetzen. Priorin Irene Gassmann vernetzt Frauen aus unterschiedlichen kirchlichen Kontexten. Sie sagt: «Aus der monastischen Tradition kann man ein neues Ämterverständnis entwickeln.» Irene Gysel Irene Gysel engagierte sich Ende der siebziger Jahre in der kirchlichen Frauenbewegung und vertiefte sich in die feministische Theologie. Zum diesjährigen 500-Jahr-Jubiläum der Abteiübergabe an die Stadt hat sie ein Buch über Katharina von Zimmern herausgegeben. Das Lieblingszitat von Irene Gysel lautet: «Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie sich nehmen.» KATHARINA VON ZIMMERN Flüchtlingskind, Äbtissin, Bürgerin von Zürich Vor 500 Jahren übergab die Äbtissin Katharina von Zimmern die Fraumünsterabtei der Stadt Zürich und verhinderte so einen Bürgerkrieg. Wer war diese Frau, die mit Weitblick agierte und sich aktiv in die Politik von Kirche und Staat einbrachte? Irene Gysel zeichnet in ihrem Buch das Porträt einer bemerkenswerten Frau nach. Als Mädchen wurde sie ins Kloster gegeben und als 18-jährige Chorfrau zur Äbtissin gewählt. Als Äbtissin war Katharina von Zimmern viele Jahre verantwortlich für die umfangreiche Wirtschaft der Abtei und für die Chorfrauen, die in eigenen Wohnungen lebten und ihre Bediensteten hatten. Nach der Übergabe des Klosters und dessen Ländereien heiratete sie mit 47 Jahren den Söldnerführer Eberhard von Reischach und führte fortan ein Leben als Ehefrau und Mutter. Irene Gysel «Katharina von Zimmern – Flüchtlingskind, Äbtissin, Bürgerin von Zürich» Theologischer Verlag Zürich 2024, CHF 24.80 ISBN 978-3-290-18635-7

Viele Tücken, ein gemeinsamer Takt REPORTAGE Auf einem Floss wohnen, essen und schlafen – und dabei jeden Tag rudern: Jugendliche der Stiftsschule Einsiedeln zeigen Mut und vereinte Kräfte. 5 Tage, 50 Quadratmeter, 16 Jugendliche: Mit dem selbstgebauten Holzfloss verlassen die Stiftsschülerinnen und Stiftsschüler mutig ihre Komfortzone.

23 salve 3/2024 Am hinteren Flossende flattert eine rot-schwarze Flagge im Wind, in der Mitte hat sie ein Loch. Dazu die zusammengezimmerten Planken, die buntbemalten Ruder: Das Floss der Stiftsschule Einsiedeln ist ein Kunstwerk der Improvisation. An den Ruderplätzen sitzen 14-Jährige der dortigen 2. Klassen, tauchen die Ruderblätter ins Wasser und wippen den Brustkorb im gleichen Takt vor und zurück. Fünf Kilometer pro Stunde zeigt das Handy an – Schritttempo. Gerudert wird in Gruppen, eine Schicht dauert zwanzig Minuten. Zwischendurch hört man nur noch das sanfte Platschen der eintauchenden Ruder. Fast ist es, als würden die Besatzung und das fünfzig Quadratmeter grosse Holzfloss zu einem einzigen Organismus. «Es ist magisch, gemeinsam über das Wasser zu gleiten», sagt die 13-jährige Julie Lienert. Fünf Tage und vier Nächte verbringen sie und ihre 15 Kolleginnen und Kollegen auf dem improvisierten Gefährt. Ziel der ungewöhnlichen Klassenreise hinaus aus der Komfortzone: den Zürichsee einmal ganz zu umrudern. Spannende Tage, kalte Nächte Am ersten Tag in Pfäffikon haben die Jugendlichen das Floss aus seinen Einzelteilen zusammengebaut. Die zusammengebundenen Holzplanken knirschen und knarzen beim Gehen, alles ist in Bewegung. «Bei der ersten Welle hatte ich schon ein etwas mulmiges Gefühl», sagt Leandra Birchmeier, 14 Jahre alt. «Doch das Floss ist erstaunlich stabil.» Alljährlich wagt sich Sport-, Werk- und Informatiklehrer Fredi Trütsch mit Einsiedler Schüler und Schülerinnen auf einen Schweizer See, manchmal fernab der Zivilisation – zum Beispiel auf dem Walensee, dem Bieler- oder dem Murtensee. Ihm ist bewusst: Gefahrenquellen gibt es viele. Für die Flossreise gelten deshalb klare Regeln: Beim Herumschubsen herrscht Nulltoleranz, und bei schwierigen Manövern verlangt Fredi Trütsch von seinen Schülerinnen und Schüler, dass alle einander helfen. Denn immer mal wieder taucht ein Kursschiff auf – und das Steuer auf der so genannten Kommandobrücke reagiert nur langsam. Dann braucht es volle Konzentration und vereinte Kräfte. «Die Erfahrung hat uns sehr zusammengeschweisst», so Julie Lienert. Latein- und Griechischlehrer Francesco De Vecchi bestätigt diesen Eindruck: «Am ersten Tag war das Rudern noch sehr unkoordiniert – nun haben wir in den gleichen Takt gefunden.» Improvisation auf dem Lehrplan Unwägbarkeiten gibt es viele: Bereits am ersten Tag ist ein Schüler ins kalte Wasser gefallen. Als nächstes mussten die Lehrer den Anker reparieren. Und dann wären da noch die Nächte: Sie sind kalt und unangenehm. Die Klasse übernachtet in drei Zeltpavillons auf dem Floss, die abends aufgestellt und mit Wänden ausgekleidet werden. Im ersten Zelt neben der Kombüse macht es sich die Lagerleitung bequem. Im zweiten Zelt sind dicht aneinandergedrängt die Knaben. Im dritten Zelt schlafen die Mädchen auf dem harten Untergrund, nur minim gepolstert mit einer dünnen Yogamatte. Spielen Windstärke und Strömung mit, kann die Klasse die Duschen und Toiletten von befreundeten Ruderklubs entlang des Sees nutzen – aber sicher ist das nicht. Warum setzt Fredi Trütsch sich und seine Schülerinnen sowie Schüler so vielen Unannehmlichkeiten aus? «Mir ist wichtig, dass die Jugendlichen mit wenig Komfort auskommen und lernen zu improvisieren.» Als langjähriges Mitglied des Ruderclubs Einsiedeln hatte Fredi Trütsch vor 25 Jahren den Wunsch, nicht nur in Kleingruppen, sondern mit der ganzen Klasse zum Rudern auf den See zu gehen. «Da habe «Du bist wirklich ein super Steuermann», lobt Fredi Trütsch einen Schüler und zaubert ihm damit ein Lächeln auf das Gesicht.

24 salve 3/2024 ich zu meinen damaligen Schülern gesagt: ‹Dann müssen wir halt etwas bauen!›» Seitdem leistet das Floss jedes Jahr seine treuen Dienste. Eine Erfahrung für das Leben Für die Jugendlichen ist die Flosswoche ein Naturerlebnis, das unter die Haut geht: Eine Woche unter freiem Himmel verbringen, den Wind im Haar spüren statt den Prüfungsdruck im Nacken. «Die grössten Bedenken hatte ich, was die Toilette betrifft», sagt Leandra Birchmeier. Ein selbstgebautes WC in Form einer Kiste ist für den Notfall auch an Bord. Für sie und Julie Lienert kam ein gewöhnliches Schullager nicht in Frage. «Wir haben von den oberen Klassen schon so viel über die Flosswoche gehört – das wollten wir unbedingt selbst erleben», so Julie Lienert. Ende Schuljahr geht Fredi Trütsch in Pension. Ob jemand der anderen Lehrerinnen oder Lehrer die Tradition der Flosswoche weiterführt, ist ungewiss. Für die Jugendlichen war der bevorstehende Abschied ihres Lehrers ein Anlass, am zweiten Abend ehemalige Flösslerinnen und Flössler aus den 5. Klassen zum Grillieren einzuladen. Die erste heisse Dusche Aber natürlich hat die Nähe auf engstem Raum auch ihre Tücken: «Ab und zu gehen wir uns auf die Nerven, etwa wenn manche Jungs beim Rudern kneifen», sagt Julie Lienert und macht noch rasch ein Insta-Reel. Für die Flosswoche haben die Jugendlichen eigens einen Instagram-Kanal eingerichtet. Diverse Medienschaffende waren schon auf dem Floss zu Gast. Unter anderem «20 Minuten» und «Tele Züri» interessierten sich für das Projekt. Von Gesetzes wegen darf sich die Klasse auf dem Floss nicht mehr als 150 Meter vom Ufer entfernen. Das hat seine Vorteile: Ein überdimensionaler Fredi Trütsch Fredi Trütsch unterrichtet an der Stiftsschule Einsiedeln Sport, Informatik sowie technisches Gestalten. Daneben präsidiert er den Ruder- klub Einsiedeln. Die Flosswoche findet seit 25 Jahren jährlich auf einem anderen Schweizer See statt. Das Floss mit einer Fläche von fünfzig Quadratmetern baut der Lehrer jeweils mit seinen Schülerinnen und Schülern zusammen. Ende Schuljahr geht Fredi Trütsch in Pension. QR-Code bauscht sich im Wind, damit sammeln die Schülerinnen und Schüler Spenden für ein neues Bootshaus des Ruderklubs Sihlsee. Fredi Trütsch setzt sich an den Holztisch auf der Flossmitte, pausiert einen Moment. Da kommt wieder eine Nachricht auf dem Handy rein: eine Spende von jemanden, der sie von Weitem gesehen hat und die Flosswoche eine gute Sache findet. Der Wind frischt auf, streicht durch die Zeltpavillons. «Der Vormittag war eher anstrengend – die Brise ist ein Geschenk», so Fredi Trütsch. Er lässt den Blick über die Wasseroberfläche schweifen. Ein bisschen nostalgisch ist ihm schon zumute. In unmittelbarer Nähe fliegen zwei Schwäne mit weit ausgestreckten Flügeln vorbei. ◆

MOMENTUM 25 Ein Ort des treuen Gebets und der Gottesverehrung: Im Oberen Chor beten die Mönche des Klosters Einsiedeln die Vigil und die Laudes. An seine Tür kehren sie seit Jahrhunderten zurück – so ist diese Pforte ein Ort des Ankommens und der Stille. Innehalten

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27 Die Zuger Landeswallfahrt ist ein kleines Volksfest – doch auch das Innehalten hat Platz. Auf Wallfahrten genau hinzuhören und anzunehmen, was kommt, braucht Mut. PERSPEKTIVE «Meistens nehme ich eine Frage mit» Die Wallfahrerinnen und Wallfahrer reiben sich noch den Schlaf aus den Augen, wenn der Startschuss fällt: Am frühen Auffahrtsmorgen treffen sich jedes Jahr Gläubige in den Zuger Pfarreien, um zu Fuss nach Einsiedeln zu pilgern. 1180 Höhenmeter, bis zu sieben Stunden Wegstrecke und so manche Rosenkranzdurchgänge liegen vor ihnen. Gesamthaft nehmen jeweils rund 1000 Personen teil. Warum halten die Zugerinnen und Zuger diese Tradition lebendig? Und: Was macht den Reiz der Zuger Landeswallfahrt aus? Zuger Landeswallfahrt Die Landeswallfahrt nach Einsiedeln am Auffahrtstag ist eine Dankeswallfahrt. Ihre Anfänge gehen auf das Jahr 1426 zurück, als die Stadt Zug von der Pest verschont wurde. Die Route führt über den Zugerberg, das Ägerital, den Raten und den Chatzenstrick nach Einsiedeln. Unterwegs beten die Wallfahrerinnen und Wallfahrer für das Wohlergehen des Kantons. Vor einigen Jahren wäre der Brauch beinahe zum Erliegen gekommen, im Moment ist er lebendiger denn je.

salve 3/2024 Cornelia Hegglin Primarlehrerin, 30 Jahre, mit Sohn Sebastian, 10 Monate, aus Zug Ich nehme mit meinem Mann Benedikt an der Wallfahrt teil. Zum ersten Mal ist auch unser zehn Monate alter Sohn Sebastian in der Trage dabei. Die Zuger Landeswallfahrt hat in unserer Beziehung einen besonderen Stellenwert: Sie war Kulisse für unser erstes Date! Sieben Stunden am Stück gemeinsam zu laufen, ist intensiv. Heute scherzt mein Mann, er habe nur herausfinden wollen, ob ich den Rosenkranz auch wirklich beten kann. Gehen und Beten befruchten sich gegenseitig, es ist ein Mitfliessen und Zur-Ruhe-Kommen. Uns diente die Wallfahrt auch als Sprungbrett, um über unseren Glauben zu sprechen. Mein Lieblingsabschnitt ist der letzte, vom Chatzenstrick nach Einsiedeln, wenn immer mehr Leute dazustossen. Das gemeinsame Erlebnis gibt Halt in der Gemeinschaft, gleichzeitig haben auch persönliche Anliegen ihren Platz. Nach der Ankunft begrüsse ich immer als Erstes die Muttergottes. Das macht mich glücklich, denn auf das Wiedersehen mit ihr habe ich mich seit dem Aufstehen gefreut.» Wofür sagen Sie Danke? Für die Geburt unseres Sohnes Sebastian und für den gemeinsamen Weg als Familie. Wofür brauchen Sie Mut? Wie kann ich Gott in meinem Leben noch mehr ehren? Ich wünsche mir den Mut, dieser Bestimmung noch mehr auf den Grund zu gehen. «Die Zuger Landeswallfahrt hat in unserer Beziehung einen besonderen Stellenwert: Sie war Kulisse für unser erstes Date!» 28

29 salve 3/2024 Jonas Iten Cellist, 51 Jahre, aus Zug Ich lege die ganze Strecke von der Kirche St. Michael in Zug bis zum Kloster Einsiedeln zu Fuss zurück. Auf einer Wallfahrt wird mir bewusst, was mich im Leben gerade beschäftigt. Meistens nehme ich auch eine Frage mit auf den Weg – oder ich möchte für etwas speziell Danke sagen. Es gefällt Gott, wenn wir uns für ihn Zeit nehmen. Manchmal frage ich ihn auch: «Was möchtest du?» Ich kehre den Spiess absichtlich um. Ich glaube daran, dass an Wallfahrtsorten eine besondere Gnade herrscht. Zweimal war ich schon allein bei der Basilika des heiligen Antonius in Padua – etwas ganz Besonderes. Die Zuger Landeswallfahrt ist eher wie ein kleines Volksfest. Es wird viel gelacht, der Gemeinschaftscharakter ist wichtig. Es gefällt mir, dass wir uns schon um Viertel nach fünf treffen, um gemeinsam loszulaufen. Die geteilte Vorfreude kann sich so über den Tag langsam steigern. Mit Zuger Bekannten zu plaudern, ist mir ein Bedürfnis. In die Stille und damit zu mir zu kommen, muss ich mir bewusst vornehmen. Wofür sagen Sie Danke? Für meine Gesundheit, mein tolles Umfeld und die Erfüllung in der Arbeit. Wofür brauchen Sie Mut? Auf der Wallfahrt möchte ich ehrlich annehmen können, was an die Oberfläche drängt – um anschliessend mein Leben offen und denkselbständig darauf auszurichten. «Meistens nehme ich auch eine Frage mit auf den Weg – oder ich möchte für etwas speziell Danke sagen.»

30 salve 3/2024 Familie Hofer Gregor Hofer, Sekundarschullehrer (37), und Flurina Hofer, Hausfrau (33), mit den Kindern Giosua (5), Felicia (3), Johanna (7) sowie Domenico im Kinderwagen (3 Monate), aus Zug; v. l. n. r. «Den generationen- übergreifenden Aspekt finden wir an der Zuger Landeswallfahrt besonders schön.» Wir sind mit der Bahn nach Altmatt gefahren und laufen nun den letzten Abschnitt bis nach Einsiedeln. Uns war wichtig, dass es eine Strecke ist, die wir gut mit dem Kinderwagen zurücklegen können. Unser Jüngster ist ja erst drei Monate alt. Natürlich kommt man mit vier Kindern nicht so schnell vorwärts, deshalb hat uns der Pilger- strom nach und nach überholt. Den generationenübergreifenden Aspekt finden wir an der Zuger Landeswallfahrt besonders schön. Wir sind beide nicht gebürtige Zuger, sondern stammen aus Luzern und der March. Doch seit wir in der Stadt Zug wohnen, nehmen wir an der Landeswallfahrt teil. Unser Fokus liegt darauf, gemeinsam unterwegs zu sein. Bevor wir aufbrachen, haben wir mit den Kindern thematisiert, was wir heute machen. Dass wir etwas mitnehmen, das wir im Herzen tragen und es der Muttergottes in Einsiedeln vortragen. Konkret gibt es zwei Familien in unserem Umfeld, denen es nicht gut geht. Für sie beten wir heute und wünschen ihnen Kraft. Wofür sagen Sie Danke? Das Geschenk der Familie, das wir jeden Tag erleben dürfen. Wofür brauchen Sie Mut? Dafür, die Komfortzone zu verlassen und zu erkennen, wo wir wachsen können.

REGULA 31 AUS DEM VORWORT DER BENEDIKTSREGEL «An dich richtet sich mein Wort, wer immer du bist.» So direkt spricht Benedikt zu Beginn der Regel seine Leserschaft an. Wendet sich irgendjemand mit solchen Worten an mich, dann erwarte ich von ihm einen guten Tipp. Bei Benedikt lautet er so: «Bewahre deine Zunge vor Bösem und tu das Gute. Suche Frieden und jage ihm nach.» (Psalm 34) Überraschenderweise keine klösterliche Regel, keine asketischen Forderungen. Aber die Grundvoraussetzung für ein gelingendes Zusammenleben in Familie, Arbeitsplatz, Kloster, Altersheim und wo immer. In einer Zeit des herrschenden Gegenwindes: «Lass Lügen raus, suche Konfrontation, sammle Schwachstellen und jage ihnen nach», braucht es echt Mut, Benedikts Anweisungen umzusetzen. Im Kloster – und ausserhalb. Pater Christoph Müller Pater Christoph Müller Pater Christoph Müller lebt im Grossen Walser- tal (Vorarlberg) und betreut dort nebst Thüringerberg die Pfarreien Blons und St. Gerold, die zu Einsiedeln gehören. Er schrieb zwei Bücher zur Benediktsregel: «Benedikt für Anfänger» (Tyrolia 2015) und «Die Weisungen des heiligen Benedikt – in einfacher und gerechter Sprache» (Herder 2022). Hier hat er den Regeltext, der auf das 6. Jahrhundert zurückgeht, in ein leicht verständliches, geschlechtergerechtes Deutsch übertragen.

32 salve 3/2024 ESSAY Die Dimensionen des Menschseins Das griechische Wort, als dessen Übersetzung sich «Tugend» durchgesetzt hat, ist «arete». Es bedeutet so etwas wie «gut sein». Am Beispiel verdeutlicht: Die «arete» eines Messers ist seine Fähigkeit bzw. Eigenschaft, gut zu schneiden. Denn dazu ist es eigentlich da. So besteht die «arete» des Menschen darin, möglichst gut zu verwirklichen, wozu er da ist, was er seinem Wesen nach ist. Als Ziel des Menschen nennt Aristoteles das Glücklichsein, die «eudaimonia»: also der Zustand, in welchem meine innere Stimmung (mein «daimonion») gut («eu») ist. Tugend ist das Verhalten beziehungsweise die Art des Tuns und Handelns, das dieser «eudaimonia» förderlich ist. Im Übrigen äussert sich Aristoteles nicht genauer über die «eudaimonia». Er geht davon aus, dass alle Menschen glücklich sein wollen und deshalb auch wissen, was damit gemeint ist. Auch wenn es nur schwer auszudrücken und zu formulieren ist – ganz abgesehen davon, dass die konkreten Vorstellungen von Glück von Mensch zu Mensch sehr verschieden sein dürften. Nach Aristoteles weist der Mensch zwei Dimensionen auf: eine physische (körperliche), die er mit Natur und Tier gemeinsam hat, und eine geistig-seelische, die ihn auf eine höhere Stufe hebt. Seine «arete», seine Tugend – man könnte auch sagen seine Tüchtigkeit – besteht also darin, dass er mit diesen beiden Bereichen möglichst gut zurechtkommt, sein Wesen optimal verwirklicht. Die Verstandestugenden sind Weisheit und Klugheit: die Fähigkeit, mit der Welt des Denkens sachgerecht umzugehen. Es geht um das Wissen, nicht Dinge anzustreben, die gar nicht möglich sind, und sich für jene Möglichkeit zu entscheiden, die für den Menschen das Beste ist. Diese Einsicht, dieses Wissen, ist die Grundlage und Voraussetzung dafür, dass der Mensch auch mit der anderen Dimension, jener des Physischen, optimal zurechtkommen kann. Im Umgang mit dem physischen Bereich spielen die Affekte eine wichtige Rolle. Also jene spontanen und zunächst unkontrollierten Reaktionen und Verhaltensweisen des Menschen, die ihn oft auf Abwege bringen und die gezielt ins Ganze des menschlichen Lebens eingeordnet werden müssen. Dies ist die Aufgabe der Charaktertugenden, darunter Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit, Freigebigkeit und Grosszügigkeit. Wobei man hier auf die griechischen Begriffe zurückgreifen müsste, um genauer zu verstehen, was damit jeweils gemeint ist. Aristoteles stellt zunächst die verschiedenen Möglichkeiten zusammen und ordnet diese systematisch. Dabei stellt er fest, dass in vielen Fällen das Gute in einem Mittelweg («mesotes») zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig besteht. Pater Lorenz Moser, Doktor der Philosophie, geht auf den Tugendbegriff bei Aristoteles ein und schlägt die Brücke zur Beziehung zu Gott. Aristoteles, römische Kopie nach einer Skulptur des Bildhauers Lysipp, Rom, Palazzo Altemps

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