P. Theo Flury am 6. Sonntag im Jahreskreis 2024

11.02.2024

Der soeben vernommene Abschnitt aus dem Markusevangelium stellt uns mitten in einen beispielhaften Raum der Heilung und des Heils: Ein Aussätziger kommt zu Jesus, bittet ihn um Hilfe, fällt auf die Knie und bekennt seinen Glauben: «Wenn du willst, kannst du mich rein machen». Kommen, bitten, auf die Knie fallen und bekennen: Der Kranke bricht auf, bewegt sich, wird aktiv; er erkennt seine Versehrtheit und bekennt die mächtige Lebensfülle Jesu. Jesus hingegen hat Mitleid mit ihm, streckt seine Hand aus, berührt ihn und sagt: ich will es, werde rein.

Diese Heilungsgeschichte ist ein leicht verstehbares Markenzeichen für Gott, für seinen Plan, für seine Absichten. Die Episode sagt aber auch vieles aus über die rechte Beziehung von Gott und Mensch, über die absteigende göttliche Zuneigung, und den vertrauensvollen Aufblick seitens des Geschöpfs. Weiter ist bemerkenswert, dass Jesus nicht einfach Massenheilungen veranstaltet. Es geht ihm um den einzelnen konkreten Menschen, auf den er sich einlässt, mit dem er redet und an dem er handelt.

Um einen Textabschnitt recht zu verstehen, ist es wichtig, auch das ins Auge zu fassen, was ihm vorausgeht und das, was ihm nachfolgt. Nachdem in Vers 39 die Verkündigung und die Dämonenaustreibungen Jesu in ganz Galiläa festgehalten werden, bildet der Beginn des heutigen Evangeliums einen deutlichen Neueinsatz. Die Wundererzählung ist ein in sich geschlossenes Ganzes, inhaltlich jedoch mit dem Kontext eng verbunden: Der Anbruch der von Jesus verkündeten Gottesherrschaft greift in seinem vollmächtigen Wort und heilenden Handeln spürbar um sich.

Zum noch tieferen Verständnis ist auch ein umfassender Blick auf das Markusevangelium, dem der Abschnitt entnommen worden ist, hilfreich. Vermutlich ist es das älteste der vier Evangelien, wahrscheinlich ist es etwa um 70 nach Christi Geburt entstanden. Als Verfasser gilt Markus, der offensichtlich sowohl Petrus als auch Paulus persönlich gekannt haben wird. Er hat verschiedene vorgefundene Texte, die im Dienst der Unterweisung standen, auf seine eigene Weise geordnet und miteinander verbunden. Vielleicht ist das in Rom geschehen; der Tradition zufolge war Markus nämlich der Dolmetscher des Petrus. Mit seinem Evangelium bildet Markus eine Brücke zwischen dem jüdisch-christlichen und dem griechisch-römischen Kulturbereich. Sein Werk ist also das Ergebnis einer Übersetzungsarbeit des Jesusereignisses für Menschen, die sich in einem anderen Kulturbereich bewegen als dem der ersten Jünger.

Das Markusevangelium wirkt klar und beschränkt sich auf das Wesentliche wie ein Holzschnitt. Es spielt sich auf fünf Schauplätzen ab und spannt einen weiten Bogen von der Wüste bis zum Grab, beides sind Orte des Todes, aber auch des Aufbruchs zu neuem Leben. Dazwischen erzählt Markus vom Wirken Jesu in Galiläa, dann von seinem Weg nach Jerusalem, unterwegs von den Eigenschaften der Nachfolge und, schliesslich, von der Kreuzigung in Jerusalem. Besonders auffällig ist bei Markus, dass Jesus den von Krankheiten Geheilten und den von Dämonen Befreiten Stillschweigen verlangt; sie sollen das Geschehene nicht weitererzählen –  was sie dann aber meistens doch tun. Dieses Schweigegebot zieht sich wie ein roter Faden durch das Evangelium und weist den Weg bis hin zum Kreuz und Auferstehung. Das Schweigegebot hat wohl den Sinn, keine vorschnelle, vorläufige Deutung des Wirkens Jesu zuzulassen: erst Kreuz und Auferstehung setzen alles Vorgängige ins rechte Licht. Sie sind der ordnende und deutende Mittelpunkt des irdischen Lebens des Gottessohnes, die Lösung des Rätsels, die zuvor Unbekannte in der Gleichung der Heilsgeschichte. Der deutliche Hinweis auf Kreuz und Auferstehung als eigentliche Mitte des Christusgeschehens hilft uns zu vermeiden, dass wir die einzelnen innerweltlichen Wohltaten Gottes vor den Gott der Wohltaten selbst stellen. Diese Wohltaten sind nur verweisende Zeichen auf Gott, der das höchste Gut ist, höher als Gesundheit an Leib und Seele. Er will nicht nur vom Aussatz befreien, den Menschen nicht nur in die Gesellschaft wiedereingliedern, sondern diesen in seiner Wurzel, die durch die nagende Sünde angefressen ist, durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi wieder heilen, liebend an sich ziehen und sich ihm auf ewig verschenken.

Wenn wir uns die Mühe nehmen, die vier Evangelien aufmerksam zu lesen und ihre Entstehungsgeschichte kennenzulernen, stellen wir fest, dass jeder der Evangelisten das Jesusereignis auf seine persönliche Weise angeeignet und für seine jeweiligen Adressaten fassbar und verstehbar übersetzt hat. Aneignung und Übersetzung: Geht es nicht in jeder Zeit und an jedem Ort genau darum, besonders auch heute, mitten in den erheblichen lokalen und globalen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen?

Die Evangelisten haben die Mühe des Schreibens auf sich genommen. Schreiben bedeutet nicht nur der Einsatz von Zeit und Kraft, von Suchen, Versuchen, Verwerfen und neu Ansetzen. Schreiben bedeutet vor allem persönliche Aneignung; ich will etwas in Sprache fassen, es bearbeiten, so dass ich, zum einen, selbst besser und tiefer verstehen kann. Wenn ich schreibe, schreibe ich, zum andern, meist auch für jemanden, für ein Du. So setzt mich das Schreiben mit einem bestimmten Adressaten in Beziehung. Wären auch wir bereit, wie die Evangelisten ein solches Vorhaben auf uns zu nehmen? Wäre uns dieser Einsatz für Jesus Christus und unseren Glauben an ihn der Mühe wert? Wie würde mein, dein Evangelium von Jesus Christus aussehen, wenn wir selbst ein solches abfassen sollten, immer ausgehend von den biblischen Zeugnissen? Welcher Sprache bedienten wir uns? Wie würden wir den Stoff ordnen? Auf welchen Höhepunkt zielte unser Schweigegebot hin? Wie würden wir die Brücke vom Vorgefundenen zu unserer Umwelt hier und jetzt schlagen – glaubwürdig und verstehbar?

Das Sonntagsevangelium skizziert die Haltung, welche die Voraussetzung ist, damit ein solches Unternehmen, aber auch alles übrige Tun und Lassen als Getaufte, fruchten kann: wir dürfen Kommende, Bittende, Kniende und Bekennende sein, und Christus in die Mitte stellen. Seit unserer Taufe wohnt er zusammen mit dem Vater und dem Heiligen Geist in unserer Seele und will durch uns wirken und unser Versuchen mit seinem Segen zum Gelingen begleiten. Amen.