P. Lorenz Moser zum 5. Sonntag im Jahreskreis 2024

04.02.2024

Liebe Brüder und Schwestern

Das Markusevangelium fasziniert mich immer wieder. Es eröffnet wohl den unmittelbarsten Blick auf Jesus und sein Auftreten in der damaligen Zeit.

So der Abschnitt im heutigen Evangelium: Besuch der Synagoge, wo er, wie wir aus anderen Stellen wissen, mit Vollmacht lehrte, Privatbesuch bei seinen Freunden, wo er die Schwiegermutter des Petrus heilte, grosser Zulauf von Kranken und Besessenen, von denen er viele (nicht alle!) heilte; dann Rückzug zum persönlichen Gebet; schliesslich lässt er sich nicht festhalten, denn er weiss sich berufen, überall zu predigen. Er geht weiter.

Zunächst offenbar ein Wanderprediger, wie es damals noch viele andere gab, aber einer, der nicht nur die Verheissungen des Alten Testamentes weitererzählte, sondern deren Erfüllung ankündigte. Sein Wirken endete zwar mit dem Tod am Kreuz, aber dieser Tod wurde schliesslich von seinen Anhängern als Übergang zu einem neuen Leben erfahren, sie begegneten ihm bei verschiedenen Gelegenheiten als dem Auferstandenen und begannen nun, auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen von Jesus zu erzählen und zu predigen. Damit war der Grund gelegt zum christlichen Glauben, und diesen Glauben haben die Apostel auf Grund ihrer konkreten Erfahrung mit Jesus verkündet.

Einen anderen Ausgangspunkt finden wir bei Paulus. Paulus ist zwar auch im Alten Testament verankert, er war sogar fanatischer Verfechter des jüdischen Glaubens. Er hat Jesus nicht gekannt, nur von ihm reden gehört, hat aber auf Grund seines Bekehrungserlebnisses den Kern von Jesu Botschaft, die Botschaft von der Auferstehung erfasst und zum Inhalt seiner Predigt gemacht. Es liegt, wie er in der heutigen Lesung sagt, ein Zwang auf ihm, diese frohe Botschaft zu verkünden; er hat diese Aufgabe nicht selber gewählt, sondern dieser Dienst ist ihm aufgetragen worden. Er erzählt nicht die Lebensgeschichte von Jesus, wohl aber die Folgen und das Ziel von Jesu Wirken: die Auferstehung, das neue Leben, die Zusage des ewigen Heiles.

So bieten Jesus und Paulus zwei ganz verschiedene Zugänge unseres Glaubens, auf die wir immer wieder zurückgreifen können und sollen. Es ist die neutestamentliche Grundlage unseres Glaubens.

Unterdessen sind rund zweitausend Jahre verflossen, in denen sich dieser Glaube, vor allem in den ersten Jahrhunderten, entfaltet hat, besser gesagt: in denen Theologen den Glaubensinhalt reflektiert und immer detaillierter formuliert und ausgedeutet haben. So sind u.a. die Glaubensbekenntnisse entstanden, die wir bis auf den heutigen Tag beten, und in denen wir Glaubenssätze bekennen, die wir so weder bei Jesus noch bei Paulus finden, von denen wir aber glauben, dass sie dort enthalten sind.

Auch später wurden bestimmte Inhalte unseres Glaubens als Dogmen formuliert und den bereits vorhandenen Glaubenssätzen hinzugefügt. Ich denke da etwa an die Definition der Realpräsenz im Konzil von Trient, an die Unfehlbarkeitsdefinition des 1. Vatikanischen Konzils und die neuesten Mariendogmen.

Warum überhaupt weise ich darauf hin?

Es scheint mir sehr wichtig zu sein, die verschiedenen Aspekte und Schichten unseres Glaubens richtig einzuordnen: der Kern des Glaubens, wie wir ihm bei Jesus und Paulus bzw. im Neuen Testament begegnen, und die verschiedenen Ausdeutungen und Erklärungen haben nicht das gleiche Gewicht und sind deshalb entsprechend einzuordnen. Es ist übrigens interessant, dass einige dogmatische Festlegungen zu Kirchenspaltungen geführt haben. Wenn wir diese Konfessionen und Gruppierungen mittlerweile trotzdem als christlich bezeichnen, heisst das doch, dass der Grund der Spaltung nicht zum Kern des christlichen Glaubens gehört! Eine sicher bedenkenswerte Überlegung im Hinblick auf die Bemühungen um die Ökumene.

Und noch ein anderes, konkretes, höchst aktuelle Beispiel: Wenn heute so viele Katholiken (oder auch Reformierte) aus der Kirche austreten, muss das nicht schon die Abkehr vom christlichen Glauben bedeuten (hoffentlich nicht!). Aber es könnte ein Symptom dafür sein, dass vielen der Kern unseres Glaubens nicht mehr bewusst ist.

Für die heutigen Verkünder des Evangeliums stellt sich jedenfalls die wichtige Frage, wie sich dieser Kern so verkünden lässt, dass er Menschen von heute zugänglich gemacht werden kann.

Und für uns persönlich stellt sich die Frage, ob und wie weit wir selber aus diesem Kern des christlichen Glaubens leben. Amen.